Neu im Kino/Filmkritik:“The Grudge“ will wieder erschrecken

Januar 10, 2020

Angesichts der vielen „Ju-On“- und „The Grudge“-Filme, -Romane und -Comics ist es fast müßig, darüber nachzudenken, ob Nicolas Pesces „The Grudge“ jetzt ein Remake, ein Reboot oder eine Weitererzählung von Takashi Shimizus Horrorfilm „Ju-On: The Grudge“ ist. Letztendlich kann man es als Weitererzählung, die mit den bekannten Topoi spielt, bezeichnen.

2004 verlässt eine US-Amerikanerin in Tokio ein Haus, in dem anscheinend Schreckliches geschah. Sie kehrt zurück in die USA. Dort geht die Geschichte der mörderische Schrecken verbreitenden Hausgeister weiter.

2006 wird in einem Wald ein Auto mit einer mumifizierten Leiche entdeckt. Schnell wird ein Zusammenhang mit einem Haus in der 44 Reyburn Drive offensichtlich. Dort geschahen in den vergangenen Jahren so schreckliche Dinge, dass der damalige Ermittler Goodman (Demián Bichir) nicht darüber reden will. Also liest seine neue Kollegin Muldoon (Andrea Riseborough) die Akten. Sie ist neu in der Stadt, Single und Mutter eines ungefähr siebenjährigen Jungen, den sie über alles liebt.

In zwischen 2004 und 2006 spielenden Rückblenden erzählt Nicolas Pesce („The Eyes of my Mother“) dann, was damals in dem Haus geschah. Gleichzeitig kehren die Grudge-Geister zurück.

Dabei springt Pesce immer wieder nahtlos zwischen den verschiedenen Zeitebenen, Realität und Imagination hin und her. Nur langsam fügen sich die verschiedenen Teile der insgesamt vier parallel erzählten Geschichten zusammen. Entsprechend lange dauert es, bis deutlich ist, wie die Geschichten miteinander zusammenhängen.

Daraus entsteht allerdings keine Spannung. Die Story funktioniert vorne und hinten nicht.

Das liegt vor allem an der dummen Idee, den Film auf mehreren Zeitebenen spielen zu lassen. So werden Figuren eingeführt und dann lange nicht mehr beachtet. Das gilt vor allem für Muldoons Sohn. Er ist schon in seiner ersten Szene dafür prädestiniert, eine wichtige Rolle zu übernehmen. Aber die meiste Zeit ist er noch nicht einmal im Bild.

Es gibt Set-up-Szenen, die zu nichts führen. Sie wirken wie Überbleibsel aus einem früheren Drehbuch. Zum Beispiel wenn Muldoons Sohn auf Polizeistation ist und Muldoons Partner Goodman ihn zum Filme gucken in ein Nebenzimmer führt. Die überhaupt nicht kindgerechte Filmauswahl, – „French Connection“ oder „Nur 48 Stunden“ – sorgt für einen Lacher. Aber die in diesem Moment angedeutete Beziehung zwischen den beiden wird später nicht fortgeführt und auch nicht mehr erwähnt. Letztendlich erinnert uns diese Szene nur daran, dass Muldoon einen Sohn hat.

Immer wieder verhalten sich die Figuren vollkommen idiotisch. So flüchtet der Häusermakler Peter Spencer (John Cho) einmal vor einem Geist in einen Schrank, anstatt fluchtartig das Haus zu verlassen. Diese und ähnliche Szenen werden in Aufführungen sicher lautstark kommentiert.

Und es ist völlig rätselhaft, wer warum von dem Grudge besessen wird. So ist aus ungeklärten Gründen Goodman immun gegen die Geister, während sein früherer Kollege Wilson (William Sadler), der jetzt mit einem Gesicht, das Batman-Schurken vor Neid erblassen lässt, in der örtlichen Irrenanstalt (die ebenfalls aus einem Batman-Film stammen könnte) sitzt, und Goodmans jetzige Kollegin Muldoon von den Geistern verfolgt werden.

Und Lin Shaye darf seltsame Geräusche von sich geben, seltsam agieren und sich die Finger abschneiden.

Immerhin gibt es für den anspruchslosen und schreckhaften Horrorfilmfan, wenn die Geister sich manifestieren und plötzlich fürchterliche oder laute Geräusche ertönen, etliche Schreckmomente. Das ist vorhersehbar, aber trotzdem sorgt Pesce hier für genug Momente, in denen man zusammenzucken kann und er baut hier die Spannung auch gut auf. Wer von einem Horrorfilm nur eine bestimmte Menge Jumpscares erwartet, wird sie erhalten.

Als Cineast kann man sich auch an der schönen Fotografie erfreuen. Viele Bilder erinnern an kunstvoll arrangierte Fotografien.

Und hier werden alle wichtigen Rollen von Erwachsenen gespielt. Sie haben Kinder. Sie sind seit einem halben Jahrhundert in einer festen Beziehung. Sie sind keine Teenager, die durch einen 08/15-Horrorfilm gejagt und getötet werden. Besser macht es den Film nicht.

The Grudge (The Grudge, USA 2020)

Regie: Nicolas Pesce

Drehbuch: Nicolas Pesce (nach einer Geschichte von Nicolas Pesce und Jeff Buhler)

mit Andrea Riseborough, Demián Bichir, John Cho, Lin Shaye, Jackie Weaver, William Sadler, Tara Westwood, Zoe Fish, John J. Hansen, Betty Gilpin, Frankie Faison

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Grudge“

Metacritic über „The Grudge“

Rotten Tomatoes über „The Grudge“

Wikipedia über „The Grudge“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 28. September: Battle of the Sexes – Gegen jede Regel

September 27, 2019

Pro7, 20.15

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (Battle of the Sexes, USA 2017)

Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton

Drehbuch: Simon Beaufoy

1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein großmäuliger Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können.

TV-Premiere. Auf Tatsachen basierende, sehr kurzweilige Dramödie mit viel Zeitkolorit über diesen historischen Kampf und über Billy Jean King, die 2009 die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft erhielt. Bereits 1975 sang Elton John über sie in „Philadelphia Freedom“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Emma Stone, Steve Carell, Chris Evans, Sarah Silverman, Bill Pullman, Andrea Riseborough, Alan Cumming, Elisabeth Shue

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Battle of the Sexes“

Metacritic über „Battle of the Sexes“

Rotten Tomatoes über „Battle of the Sexes“

Wikipedia über „Battle of the Sexes“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Battle of the Sexes“

Meine Besprechung von Valerie Faris/Jonathan Daytons „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ (Ruby Sparks, USA 2012)

Meine Besprechung von Jonathan Dayton/Valerie Faris‘ „Battle of the Sexes – Gegen jede Regel“ (Battle of the Sexes, USA 2017)


TV-Tipp für den 5. Juli: Oblivion

Juli 5, 2018

Vox, 20.15

Oblivion (Oblivion, USA 2013)

Regie: Joseph Kosinski

Drehbuch: Karl Gajdusek, Michael deBruyn (basierend auf der Graphic-Novel-Originalstory von Joseph Kosinski)

Nach dem Krieg gegen die Aliens verließen die Menschen die Erde. Nur einige Männer, wie Jack, sind als Reparaturtrupp für Alien-jagende Drohnen zurückgeblieben. Da stürzt ein Raumschiff mit einer Frau an Bord ab – und Jacks Leben gerät aus dem Ruder.

Optisch überzeugender SF-Film, bei dem man sein Gehirn nicht komplett abschalten sollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Cruise, Morgan Freeman, Olga Kurylenko, Andrea Riseborough, Nikolaj Coster-Waldau, Melissa Leo

Wiederholung: Freitag, 6. Juli, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Oblivion“

Metacritic über „Oblivion“

Rotten Tomatoes über „Oblivion“

Wikipedia über „Oblivion“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Joseph Kosinski über „Oblivion“ (30. Dezember 2012)

Collider: Interview mit Joseph Kosinski über „Oblivion“ (2. April 2013)

Meine Besprechung von Joseph Kosinskis „Oblivion“ (Oblivion, USA 2013)

Meine Besprechung von Joseph Kosinskis „No Way Out – Gegen die Flammen“ (Only the Brave, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Death of Stalin“ und was danach im Politbüro geschah

März 31, 2018

In Russland ist „The Death of Stalin“ verboten.

Wenige Tage vor der in Moskau geplanten Premiere entzog das russische Kulturministerium die Vertriebslizenz für die Komödie, weil sie Informationen verbreite, die auf dem Territorium der Russischen Föderation illegal seien und sie eine Verunglimpfung der sowjetischen Geschichte sei.

Wahrscheinlich haben sie in Stalins Hofschranzen auch ihr Spiegelbild erblickt und befürchtet, dass die Zuschauer eine Verbindung zwischen den damaligen Politbüro-Mitglieder und den jetzigen Machthabern ziehen würden.

So ein Verbot steigert natürlich das Interesse des Publikums an dem Film.

Über die Qualität des Films sagt es nichts.

Und das gilt auch für „The Death of Stalin“. Der Film ist letztendlich eine ziemlich harmlose Komödie über einen Nationalheiligen und sein Umfeld, das Regisseur Armando Iannucci hemmungslos und respektlos karikiert. So in der Tradition von Monty Python. Nur dass Iannucci seinen Witz nicht in fünf, sondern in hundert Minuten erzählt und da erlahmt schnell das Interesse an den Ränkespielen der Politbüro-Mitglieder, die eine Ansammlung von inkompetenten Knallchargen und trotteligen Duckmäusern sind.

Am 2. März 1953 standen sie ziemlich betröppelt vor Josef Stalins Leiche und der Frage, wie sie mit seinem Tod umgehen sollten. Denn einer von ihnen würde sein Nachfolger werden.

Iannucci schildert in seiner Komödie die turbulenten Tage zwischen Stalins Tod und seiner Beerdigung.

Danach war die Machtfrage noch lange nicht geklärt.

Wer sich mit der Geschichte von Stalin und seinem Erbe auskennt, wird in diesem Tohuwabohu immer wieder erstaunt bemerken, wie viele historisch verbürgte Fakten Iannacci in seine Komödie einfließen ließ.

Wer allerdings nichts über diese Apparatschiks weiß, wird in ihnen nur ein halbes Dutzend alter, seniler, geistig beschränkter, moralbefreiter Männer erkennen, die vor allem perfekte Untertanen sind, die eigenständiges Denken wahrscheinlich noch nicht einmal fehlerfrei buchstabieren können. Das ist in den ersten Minuten witzig. Schnell, vor allem weil man zwar die Schauspieler, – Steve Buscemi als Nikita Chruschtschow, Simon Russell Beale als Lawrenti Beria, Jeffrey Tambor als Goergi Malenkow, Michael Palin als Wjatschweslaw Molotow, Paul Whitehouse als Anastas Mikojan, Jason Isaacs als Georgi Schukow und

Rupert Friend als Wassili Stalin – , aber nicht die Biographien der von ihnen gespielten Charaktere kennt, wird „The Death of Stalin“ zu einem Boulevardtheaterstück, in dem viel Lärm um Nichts gemacht wird, während die Türen knallen und die Männer von einem Fettnapf zum nächsten stampfen, während sie sich in bester stalinistischer Tradition töten oder ihre baldige Ermordung befürchten. In dieser Ballung von Inkompetenten kann keine Sympathie oder größeres Interesse an einem Charakter aufkommen. Er könnte in der nächsten Minute für oder wegen eines Witzes erschossen werden.

Auch die Inszenierung des weitgehend in Innenräumen spielenden Films unterstreicht das Theaterhafte.

Ohne das Verbot wäre „The Death of Stalin“ nur eine belanglose Komödie, die alle Porträtierten gleichermaßen dem hämischen Gelächter des Publikums ausliefert.

Zu Armando Iannuccis früheren Werken gehören die von ihm erschaffene HBO-Comedy-Serie „Veep – Die Vizepräsidentin“ und die Komödie „Kabinett außer Kontrolle“ (In the Loop).

The Death of Stalin (The Death of Stalin, Frankreich/Großbritannien/Belgien 2017

Regie: Armando Iannucci

Drehbuch: Armando Iannucci, David Schneider, Ian Martin, Peter Fellows (Zusatzmaterial) (nach einem Orginal-Drehbuch von Fabien Nury)

LV: Fabien Nury/Thierry Robin: La mort de Staline, 2010

mit Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Michael Palin, Paul Whitehouse, Jason Isaacs, Andrea Riseborough, Rupert Friend, Paddy Considine, Olga Kurylenko, Adrian McLoughlin, Dermot Crowley

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „The Death of Stalin“

Metacritic über „The Death of Stalin“

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Wikipedia über „The Death of Stalin“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Eine wahre Geschichte: Zwei Tennisspieler im „Battle of the Sexes“

November 24, 2017

1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können. King, die sich schon lange für gleiche Bezahlung aller Tennisspieler einsetzt und die aus Protest gegen die ungleiche Bezahlung eine eigene Frauenliga gründete, nimmt nach langem Zögern die Herausforderung an.

Battle of the Sexes“, von den „Little Miss Sunshine“-Regisseuren Valerie Faris und Jonathan Dayton inszeniert, lässt die frühen siebziger Jahre wieder stilecht auferstehen und gewinnt dem Duell der Geschlechter viele humoristische Facetten ab. Vor allem weil Riggs ein Showman ist, der immer ein riesiges Spektakel inszeniert.

Allerdings interessieren Faris und Dayton sich mehr für die Liebesgeschichte zwischen King und der jungen Friseurin Marilyn Barnett, die sie auf ihrer Frauentennistour durch die USA kennen lernt und mitnimmt. Schließlich, da sind sich die Frauen der Virginia-Slims-Tournee (zur Förderung des Damentennis) einig, geht nichts über einen guten Haarschnitt.

Billy Jean King gewann in Wimbledon zwanzig Titel. Sie steht auf dem siebten Platz der Rekord-Grand-Slam-Siegerinnen im Damen-Einzel. 2009 erhielt sie von US-Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft.

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (Battle of the Sexes, USA 2017)

Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton

Drehbuch: Simon Beaufoy

mit Emma Stone, Steve Carell, Chris Evans, Sarah Silverman, Bill Pullman, Andrea Riseborough, Alan Cumming, Elisabeth Shue

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Battle of the Sexes“

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Rotten Tomatoes über „Battle of the Sexes“

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History vs. Hollywood über „Battle of the Sexes“

Meine Besprechung von Valerie Faris/Jonathan Daytons „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ (Ruby Sparks, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ oder die unverschämte Freude an einem guten Film

Januar 29, 2015

Ich glaube, bei „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ kann ich es kurz machen.
Obwohl – als ich das das letzte Mal sagte, hatte ich danach eine Seite geschrieben und hatte noch lange nicht alles gesagt.
Aber wer die vergangenen Monate nicht nur mit dem Ansehen von Marvel-Trailern verbrachte, hat von „Birdman“ gehört. Seit einigen Wochen sammelt die Komödie verdient einen Preis nach dem nächsten ein. Denn Alejandro González Iñárritu gelingt ein wunderschön schwereloser Film, der ernst und witzig und philosophisch ist und einen Einblick in das Film- und Theatergeschäft liefert, der gerade durch die hochkarätige Besetzung an Würze gewinnt.
Dabei ist der Hauptplot denkbar einfach: Riggan Thomson, ein alternder Hollywood-Star, will mit einem ambitionertem Broadway-Theaterstück, das auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about, when we talk about love“ basiert, seine darbende Karriere wieder auf die richtige Spur setzen. Iñárritus zweistündige Tour de Force ist eine Chronik der letzten Tage und Stunden vor der Aufführung, wenn die Emotionen hochkochen und die Zweifel groß sind.
Riggan war in Hollywood ein Star, als er vor Jahrzehnten Birdman spielte. Birdman ist ein erfundener Superheld. Noch heute wird Riggan für diese kindische Rolle von seinen Fans verehrt. Und Birdman ist Riggans Alter Ego, das ihm immer wieder, ungefragt, die Leviten liest und die Regieambitionen von Riggan am St. James Theater für ausgemachten Blödsinn hält.
Batman ist dagegen im filmischen Kosmos ein höchst realer Superheld und Riggan-Darsteller Michael Keaton war 1989 und 1992 in den beiden „Batman“-Filmen von Tim Burton als Batman-Darsteller ganz oben in Hollywood. Seitdem konnte er an diese Erfolge nicht mehr anknüpfen. Zuletzt trat er in prägnanten Nebenrollen auf, die den Film bereichterten, aber in der Werbung nicht groß angekündigt wurden und wegen Keaton ging niemand in „RoboCop“ oder „Need for Speed“. Da kann man schon darüber nachdenken, wieviel die Filmrolle mit dem echten Michael Keaton zu tun hat.
Als Hauptdarsteller hat Riggan den als extrem schwierig geltenden Mike Shiner engagiert, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hat, als Diva das gesamte Universum um sich herum kreisen zu lassen und dem Regisseur und den Geldgebern mindestens einen Nervenzusammenbruch zu bescheren. Nicht pro Produktion, sondern an jedem Tag. Aber beim Publikum ist er beliebt. Er kann eine Produktion zum Erfolg machen. Beim Publikum und bei der Kritik.
Gespielt wird Mike von Edward Norton, der unbestritten einer der besten Schauspieler seiner Generation ist und der in Hollywood als extrem schwierig gilt. Einige seiner Streitereien mit Produzenten und Regisseuren sind allgemein bekannt. Ich sage nur „American History X“ und „Der unglaubliche Hulk“.
Die anderen Schauspieler, obgleich prominent, sind nicht so sehr auf ein bestimmtes Image und Rolle festgelegt.
Und dann, wenn man es nicht weiß, fällt es einem erst ziemlich spät auf: Alejandro Iñárritu erzählt den Film ohne einen sichtbaren Schnitt. Wenn eine längere Zeitspanne vergeht, gibt es Zeitrafferaufnahmen vom Himmel, aber ansonsten bewegt sich die Kamera scheinbar schwerelos durch den Raum, ohne dass jemals ein Found-Footage-Gefühl entsteht oder die Wackelkamera nervt. Emmanuel Lubezki, unter anderem die Alfonso-Cuarón-Filme „Gravity“ und „Children of Men“ (wo er schon extrem lange, ungeschnittene Action-Szenen drehte) und die Terrence-Malick-Filme „To the Wonder“, „Tree of Life“ und „The new World“, gebührt hier die Ehre, etwas scheinbar unmögliches möglich gemacht zu haben.
Nachdem ich jetzt schon das Drehbuch, die Schauspieler, die Kamera und die Regie abgefeiert habe, muss ich auch etwas zur Musik sagen, die zu den besten Filmmusiken der vergangenen zwölf Monate gehört. Normalerweise soll die Filmmusik ja nur die Handlung unterstützen und sie nicht stören. Die Musik ist von Antonio Sanchez, einem Mitglied verschiedener Gruppen von Jazzgitarrist Pat Metheny. Er spielte am Schlagzeug eine Filmmusik ein, die banal gesagt wie eine Mischung aus der Übungsstunde eines Jazz-Drummers und freien Improvisationen klingt. Sie drängt sich immer wieder in der Vordergrund; vor allem wenn im Kopf von Riggan mal wieder alles drunter und drüber geht. In diesen Momenten verdeutlich das entfesselte, atonale Free-Jazz-Drumming akustisch, was Riggan fühlt: Chaos mit einer darunterliegenden Ordnung. Und, weil Sanchez seine Improvisationen bereits vor dem Dreh einspielte, verwandte Iñárritu sie beim Dreh, um den Schauspielern den Rhythmus der Szene zu verdeutlichen.
Sanchez‘ Soundtrack ist inzwischen für zehn Filmpreise nominiert (unter anderem den Golden Globe) und zehn Preise hat er schon erhalten.
„Birdman“ ist für neun Oscars nominiert (bester Film, bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, beste Nebendarstellerin, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, bester Ton und bester Tonschnitt). Für 149 weitere Preise ist er momentan nominiert und bis jetzt erhielt die wundervoll kurzweilige, vor kindlicher Entdeckerfreue und Experimentierfreude sprudelnde Komödie schon 129 Preise.

Birdman - Plakat

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman, USA 2014)
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo
mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts, Lindsay Duncan, Merritt Wever, Jeremy Shamos, Bill Camp, Damian Young
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Birdman“
Moviepilot über „Birdman“
Metacritic über „Birdman“
Rotten Tomatoes über „Birdman“
Wikipedia über „Birdman“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritu „Biutuful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)
Homepage von Antonio Sanchez

Das Publikumsgespräch beim NYFF

DP/30 unterhält sich mit Alejandro Iñárritu


Blu-ray-Kritik: Andrea Riseborough, Clive Owen und der „Shadow Dancer“

Mai 28, 2014

 

Im Kino ging „Shadow Dancer“ fast sang- und klanglos unter. Der zeitgleich gestartete Action-Kracher „White House Down“ war dann doch eher für die Massen, während James Marsh stiller, aber intensiver Polit-Thriller über den Nordirland-Konflikt eher das überschaubare Arthaus-Publikum ansprach.

Colette McVeigh (Andrea Riseborough) wird 1993 in London verhaftet. Für die IRA sollte sie in einer vollbesetzten U-Bahn eine Bombe zünden. Dass sie noch nicht einmal den Zünder aktiviert hatte, interessiert MI5-Mann Mac (Clive Owen) nicht. Er will sie als Spitzel haben und er macht ihr ein Angebot, das sie als liebende Mutter nicht ablehnen kann: entweder arbeitet sie für ihn oder sie landet für Jahre in einem englischen Gefängnis weitab von ihrer Heimat Belfast.

Sie geht notgedrungen auf das Angebot ein.

Aber der überhaupt nicht zimperliche IRA-Mann Kevin vermutet einen Spitzel in den eigenen Reihen. Ganz oben auf seiner Liste steht, nach dem missglückten Attentat, Colette.

Aus dieser überschaubaren Ausgangslage macht James Marsh einen ruhig erzählten Polit-Thriller mit einem Minimum an Dialog. Die starken Bilder und die Schauspieler erzählen, vor dem Hintergrund des heute bei uns fast vergessenen Nordirland-Konflikts, eine komplexe Geschichte von Lüge, Betrug, Verrat und der alle Beziehungen zerstörenden Kraft des Misstrauens. Ein Spiel, in dem keiner gewinnen kann.

Shadow Dancer“ ist ein in jeder Beziehung überzeugender Polit-Thriller mit einem überraschendem und explosivem Ende.

 

Shadow Dancer - Blu-ray-Cover

 

Shadow Dancer (Shadow Dancer, Großbritannien/Irland/Frankreich 2012)

Regie: James Marsh

Drehbuch: Tom Bradby

LV: Tom Bradby: Shadow Dancer, 1998 (Schattentänzer)

mit Andrea Riseborough, Clive Owen, Gillian Anderson, Aidan Gillen, Domhnall Gleeson

Blu-ray

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur James Marsh und Autor Tom Bradby, Making of (9 Minuten), Deutscher Trailer, Originaltrailer

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Film-Zeit über „Shadow Dancer“

Moviepilot über „Shadow Dancer“

Metacritic über „Shadow Dancer“

Rotten Tomatoes über „Shadow Dancer“

Wikipedia über „Shadow Dancer“

ITV über Tom Bradby

Twitter-Account von Tom Bradby

Krimi-Couch über Tom Bradby

The Telegraph: Tom Bradby: How I brought „Shadow Dancer“ to the Screen (24. August 2012)

Meine Besprechung von James Marshs David-Peace-Verfilmung „1980“ (Red Riding: In the Year of Our Lord 1980, Großbritannien 2009)

Ein Gespräch mit Regisseur James Marsh

 


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