Neu im Kino/Filmkritik: „MindGamers“ – Murks, getarnt als Science-Fiction

April 7, 2017

Wow, wer hätte das gedacht? Nach „MindGamers“ erscheint der gerade angelaufene SF-Film „Ghost in the Shell“ als tiefphilosophisches Meisterwerk über die Frage, was den Menschen ausmacht.

In „MindGamers“ geht es dann um eine andere Frage, die ebenfalls zum Nachdenken anregen kann: Was wäre, wenn wir die motorischen Fähigkeiten und das Wissen eines Menschen verlustfrei und in Sekunden auf einen anderen Menschen übertragen könnten? Was wäre, wenn wir so auch einen anderen Menschen dazu bewegen könnten, sich zu töten? Und welches Potential hätten wir, wenn wir einzelne Gehirne miteinander verknüpfen könnten? So wie wir Dateien und Befehle von einem Computer zum nächsten schicken und sie gegebenenfalls zu einem riesigen Netzwerk miteinander verknüpfen. Bei Laborratten hat diese Form der Wissensübertragung anscheinend schon funktioniert.

Das sind interessante Frage mit vielen Implikationen, für die sich der Science-Fiction-Film, abseits der reinen Gimmick-Ebene, nicht weiter interessiert. Er hat sie noch nicht einmal im Ansatz angedacht.

Im Film haben wir den katholischen Geistlichen Kreutz (Sam Neill), der mit Wissenschaft die Menschheit wieder zum Glauben bekehren will. Deshalb bringt er Geistliche, die ihm im Weg stehen, um und forscht in diesem Feld.

Er hat auch entsprechende Forschungen an einer irgendwie kirchlich geführten oder infiltrierten Universität initiiert. Diese Forschungen werden, im Geheimen in riesigen Kellergewölben, von einer Gruppe junger Forscher, alle noch im Studierendenalter, unter der Leitung von Jaxon (Tom Payne, der zweite Promi im Cast) durchgeführt und sie wirken nie wie Naturwissenschaftler, sondern immer wie die stilbewusste Poser-Punkband von nebenan. Sie arbeiten mit Quantencomputern an einem kabellosen neuralen Netzwerk, das motorische Fähigkeiten von einer Person zu einer anderen Übertragen kann. Besonders gerne übertragen sie Parkour-Fähigkeiten; – – – weil Parkour über Häuserdächer einfach toll aussieht.

Außerdem wurde der Film von der Red-Bull-Firma Terra Mater Film Studios produziert.

Und dann läuft noch eine Rothaarige, die irgendwie wichtig ist, immer wieder durchs Bild. Die Macher erklären sie zu einem weiteren Puzzle, das die Zuschauer enträtseln können.

So kann man die vollkommene Unfähigkeit, eine auch nur halbwegs stringente Geschichte zu erzählen, auch verklären. Regisseur Andrew Goth knüpft dabei an seinen surrealistischem Vampir-Western „Gallowwalkers“ (mit Wesley Snipes) an. Schon da nervten die sinnlosen Zeitsprünge, ohne der Geschichte ein größeres Gewicht zu verleihen. Allerdings hatte „Gallowwalkers“ eine so chaotische Produktionsgeschichte, dass es an ein Wunder grenzte, dass überhaupt ein auch nur halbwegs ansehbarer Film entstand.

Bei „MindGamers“ ist dieses Chaos zwischen Gegenwart und Vergangenheit und möglichen Parallelwelten Absicht. Eine nachvollziehbare Geschichte und ebenso klar herausgearbeitete Konflikte fehlen in diesem Kuddelmuddel. Eine Dramaturgie ebenso.

Der Science-Fiction-Film ist ein schön anzusehendes Totaldesasters mit einigen netten Anspielungen und viel verschenktem Potential. Erst am Ende kann man sich, eher weniger als mehr, eine Geschichte zusammenreimen. Bis dahin springt Andrew Goth wild in der Chronologie herum und er macht erschreckend wenig aus seiner Prämisse. Außer, als Höhepunkt, einer großen Tanzszene, in der alle dank Gedankensteuerung spontan synchron tanzen und morden.

MindGamers (MindGamers, USA 2015)

Regie: Andrew Goth

Drehbuch: Andrew Goth, Joanne Reay

mit Tom Payne, Sam Neill, Melia Kreiling, Antonia Campbell-Hughes, Turlough Convery, Oliver Stark, Dominique Tipper, Ryan Doyle, Simon Paisley-Day, Pedja Bjelac, Ursula Strauss

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

alternativer, früherer Titel „DXM“

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „MindGamers“

Rotten Tomatoes über „MindGamers“

Wikipedia über „MindGamers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andrew Goths „Gallowwalkers“ (Gallowwalkers, USA/UK 2012)


DVD-Kritik: „Gallowwalkers“ und Wesley Snipes im Wilden Westen

Oktober 3, 2013

Ein Western mit Untoten. Warum nicht? Immerhin spielen viele Geschichten mit Vampiren im Europa des neunzehnten Jahrhunderts. Da können sich einige Vampire auch in die USA verirrt haben. Trotzdem ist die Idee, abgesehen von einigen obskuren Filmen, eher neu. Joe R. Lansdale schrieb mehrere Weird-Western-Geschichten mit Reverend Jebediah Mercer, der in Dirty-Harry-Manier gegen verschiedene mehr oder weniger übersinnliche Wesen kämpft. Scott Snyder erfand mit „American Vampire“ eine grandiose Comicsaga über europäische Vampire, die im Wilden Westen den amerikanischen Vampir ersaugten. Im Film herrscht da bislang eine gewisse Dürre. Auch weil der Western derzeit, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eher ein Untoten-Dasein führt. „True Grit“ war erfolgreich. „Appaloosa“ kam überhaupt nicht in die deutschen Kinos. TV-Western und Westernserien, wie „Deadwood“ und „Hell on Wheels“, laufen in den USA ziemlich gut, erscheinen hier nur, falls überhaupt, auf DVD. Crossover-Western, wie „Cowboys & Aliens“ (gefiel mir), „Jonah Hex“ (einfach nur katastrophal) und „Lone Range“ (kein Kommentar), waren definitiv keine Kassenhits.

Gallowwalkers“ wird daran nichts ändern. In dem bereits im Oktober 2005 in Namibia gedrehtem Film spielt Wesley Snipes, der die letzten Jahre, wenn er nicht wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis saß, in obskuren Filmen mitspielte, Aman. Er ist auf einem Rachefeldzug gegen die Männer, die seine verstorbene Frau vergewaltigten und schwängerten. Weil sie durch seine verfluchten Kugel nicht sterben, sondern zu einer Mischung aus Zombie und Vampir werden (also: nicht tot, aber beweglich und unempfindlich gegenüber dem Tageslicht), muss er ihnen auch noch den Kopf abschlagen. Auf seiner Farm kommt es zu einer Konfrontation zwischen Aman und Kansa, dem Anführer der Vampire, und seiner Frau Kisscut.

Regisseur Andrew Goth benutzt den Racheplot zu einer in der Wüste spielenden pseudo-existentialistischen Fabel irgendwo zwischen Italo-Western, europäischem Kunstfilm, surrealistischer „El Topo“Fantasie und Drogentrip, die mit erhöhtem Drogenkonsum immerhin davon ablenkt, nach Sinn und Logik der Geschichte zu fragen. Denn hier wurden einfach, ohne großen Zusammenhang, mehr oder weniger gut aussehende Bilder zu einem einzigen kruden Kladderatdatsch aneinandergereiht.

Der gescheiterte Versuch eines surrealistischen Vampir-Westerns taugt noch nicht einmal als Trash-Vergnügen.

Gallowwalkers - DVD-Cover

Gallowwalkers (Gallowwalkers, USA/UK 2012)

Regie: Andrew Goth

Drehbuc: Andrew Goth, Joanne Reay

mit Wesley Snipes, Kevin Howarth, Riley Smith, Tanit Phoenix, Simona Brhlíková, Steven Elder, Patrick Bergin

DVD

Ascot Elite

Bild: 1,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, B-Roll, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Gallowwalkers“

Wikipedia über „Gallowwalkers“ (deutsch, englisch)


%d Bloggern gefällt das: