Neu im Kino/Filmkritik: „Glam Girls – Hinreißend verdorben“ diese Mädels

Mai 9, 2019

Die eine sieht gut aus. Die andere nicht. Die eine ist schlau. Die andere nicht. Die eine ist ein Profi. Die andere nicht. Aber Josephine Chesterfield (Anne Hathaway) entdeckt sofort das Potential, das Penny Rust (Rebel Wilson) als Trickbetrügerin hat.

An der französischen Riviera nimmt sie die laute, großmäulige Penny unter ihre Fuchtel. Zuerst bringt sie ihr Manieren bei. Später streiten sie sich und sie schließen eine Wette ab: wer als erste von ihrem nächstem Opfer eine halbe Million erschwindelt, darf in der Stadt bleiben. Die andere verlässt die Stadt.

Ihr spontan ausgewähltes Opfer ist ein junger Internet-Millionär (Alex Sharp), der noch grün hinter den Ohren ist.

Der deutsche Titel deutet es schon an: „Glam Girls – Hinreißend verdorben“ ist „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ (Dirty rotten Scoundrels, 1988) mit vertauschten Geschlechtern. Damals spielten Michael Caine und Steve Martin die Gauner. Der Film ist ein Remake von „Zwei erfolgreiche Verführer“ (Bedtime Story, 1964) mit David Niven und Marlon Brando. Die anspruchslose Komödie gehört zu den vergessenen Filmen von Brando.

In „Glam Girls“ dürfen jetzt also Frauen Männer ausnehmen. Eine besonders neue Idee ist das nicht. In den vergangenen Jahren hat man Frauen als erfolgreiche Trickbetrügerinnen schon öfter gesehen. Letztes Jahr lief, ebenfalls mit Anne Hathaway, „Ocean’s 8“ im Kino. In den TV-Serien „Hustle – Unehrlich währt am längsten“ (2004 – 2012) und „Leverage“ (2008 – 2012), in denen Gauner noch größere Gauner ausnehmen, gehören Trickbetrügerinnen zum Team und ihr Können war essentiell wichtig für das Gelingen der Betrügereien. Diese klugen Frauen waren auch deutlich emanzipierter als die „Glam Girls“.

Denn alles in Chris Addisons in jeder Beziehung vorhersehbarer Komödie scheint direkt aus den muffigen fünfziger Jahren zu kommen. Nur dass jetzt nicht die Frauen intelligenzbefreite Wesen sind, denen Männer Schmuck umhängen, sondern dass alle Männer Trottel sind, die beim Anblick einer Frau noch dümmer werden. Spitzer Humor, treffsichere Pointen und irgendeine Spur von Ambitionen fehlen durchgehend.

Das ist Dienst nach Vorschrift, der mit dem geringstmöglichen Einsatz von Mitteln eine schwarze Null schreiben will. Bei einem Budget von 18 Millionen Dollar dürfte das auch locker gelingen.

Während des Films fragte ich mich die ganze Zeit, was eine glänzend aufgelegte Melissa McCarthy wohl aus Penny gemacht hätte? Rebel Wilson ist dagegen nur ein zahmer Abklatsch. Anne Hathaway kann auch in der deutschen Fassung bezaubernd gickeln. Eine wirkliche Chemie ist zwischen beiden nicht spürbar. Das liegt allerdings weniger an ihnen, sondern an dem schwachen Drehbuch. Die Männer sind austauschbare Staffage. Die einzige nennenswerte dritte Frauenrolle ebenso.

Glam Girls“ ist bestenfalls anspruchslose Unterhaltung mit Postkartenbildern von schönen Menschen in einer schönen Umgebung, die niemand wehtut, nicht zum Nachdenken anregt und keinerlei aktuelle Relevanz hat. Es ist einer dieser Filme, die man sich an einem verregneten Nachmittag im Halbschlaf ansieht, weil man zu faul ist, den Kanal zu wechseln.

Glam Girls – Hinreisend verdorben (The Hustle, USA 2019)

Regie: Chris Addison

Drehbuch: Jac Schaeffer, Stanley Shapiro, Paul Henning, Dale Launer

mit Rebel Wilson, Anne Hathaway, Alex Sharp, Casper Christensen, Ingrid Oliver, Nicholas Woodeson, Dean Norris, Timothy Simons, Hannah Waddingham

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Metacritic über „Glam Girls“

Rotten Tomatoes über „Glam Girls“

Wikipedia über „Glam Girls“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Im Netz der Versuchung“ ist nichts

Mai 2, 2019

Das Problem von „Im Netz der Versuchung“ ist nicht die ach so clevere Pointe.

Das Problem ist die Inszenierung und dass der Film bei weitem nicht so clever ist, wie er glaubt.

Außerdem erwartet man bei dieser Besetzung einfach einen besseren Film. Steven Knight, der hier eines seiner Bücher inszenierte, schrieb auch die Bücher für „Kleine schmutzige Tricks“ (dafür gab es eine Oscar-Nominierung), „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „No turning back“ und die von ihm erfundene TV-Serie „Peaky Blinders“. „Beach Bum“ Matthew McConaughey übernahm die Hauptrolle. Seine Rollenwahl war in den letzten Jahren immer interessant und erfreulich kompromisslos. Anne Hathaway, Jason Clarke und Diane Lane haben auch eine eher glückliche Hand bei ihrer Rollenwahl.

Hier lungern sie in einem Neo-Noir-Erotik-Thriller herum, der äußerst absehbar auf einen überraschenden Twist hinausläuft. Ein überraschender Twist kann, siehe „Die üblichen Verdächtigen“, „The sixth Sense“ oder, um auch einen etwas unbekannteren Film zu nennen, „Identity“, fantastisch funktionieren. Im Fall von „Im Netz der Versuchung“ geht das gründlich schief. Der Twist überrascht nicht und er lädt auch nicht zu einer Neubetrachtung der Geschichte ein. Dafür ist er viel zu offensichtlich. Nur Steven Knight glaubt immer noch, dass niemand etwas davon mitbekommen hat.

Der restliche Film kommt nie über das Niveua eines hoffnungslos vermurksten Erotik-Thrillers hinaus. Dieses Subgenre diente im Nachgang von „Basic Instinct“ nur als Entschuldigung, um Schauspieler nackt vor der Kamera zu zeigen. Spätestens 2006 wurde es mit „Basic Instinct 2“ endgültig begraben. Nackte Haut kann halt nicht ewig eine gute Story ersetzen.

Schon die ersten Minuten von „Im Netz der Versuchung“, wenn Bootsbesitzer Baker Dill (Matthew McConaughey) bei einer Angeltour seine zahlenden Gästen links liegen lässt und unbedingt einen Fisch – seinen Moby Dick – fangen will, funktionieren nicht. Schließlich soll Dill der Protagonist sein. Wir sollen mit ihm mitfühlen und auf seiner Seite stehen. In diesen Minuten ist er allerdings nur ein cholerischer Unsympath, den man am liebsten sofort einsperren würde. Seine Kunden, nervige Touristen, die für die von ihnen bezahlte Angeltour auch einen großen Fisch erwarten, erscheinen hier als höchst sympathische Menschen, die in der Hand eines Psychopathen sind.

Diese Szene und Dills anschließende tägliche Routine aus Trinken und Sex sind so unglaubwürdig, künstlich überhöht inszeniert, dass man nicht das Noir-Gefühl von ’nichts ist so, wie es scheint‘ hat, sondern glaubt, dass eine Gruppe überambitionierter Filmstudenten einen obercoolen Erotic-Thriller inszenieren will. Zur Vorbereitung gab es einen Abend mit Noir-Klassikern aus den Vierzigern, Humphrey Bogart und etwas Ernest Hemingway.

Als Story nahmen sie dann die älteste Noir-Story, die es gibt: ein Mann, der von einer Frau zu einem Mord angestiftet wird. Dafür taucht Dills frühere Geliebte Karen (Anne Hathaway) auf der Insel auf. Die Femme Fatale möchte, dass Dill ihren Mann Frank Zariakas (Jason Clarke) ermordet. Er ist, so erzählt uns die holde Schöne, ein gewalttätiger Primitivling, der auch Kinder schlägt.

Für Noir-Fans folgt jetzt ein Malen nach Zahlen, bei dem er einen bekannten Film nach dem nächsten nennen kann und Standard-Noir-Situation auf Standard-Noir-Situation folgt. Alle Figuren verhalten sich seltsam. Sie agieren nicht wie normale Menschen, die in einem Netz der Versuchung, Leidenschaft, Begierde und widerstreitender Gefühle gefangen sind, sondern wie Figuren auf einem Schachbrett, die tun, was ein Spielleiter will. Entsprechend distanziert beobachtet man ihr abstruses Verhalten zwischen Kapitalverbrechen, Fischjagd und Geschlechtsverkehr.

Im Netz der Versuchung“ ist ein von einem Zwölfjährigen geschriebener Erotik-Thriller, der unter der Bettdecke gerade seinen ersten Pulp-Roman gelesen hat und Oberflächenreize mit Inhalt verwechselt. Das ist noch das Beste, was über dieses hoffnungslos missglückte Gedankenexperiment gesagt werden kann.

Im Netz der Versuchung (Serenity, USA 2019)

Regie: Steven Knight

Drehbuch: Steven Knight

mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jason Clarke, Diane Lane, Djimon Hounsou, Jeremy Strong

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ gibt es viele alte Bekannte

Mai 27, 2016

Vor sechs Jahren war Tim Burtons Version von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ an der Kinokasse so unglaublich erfolgreich, dass eine Fortsetzung nur eine Frage der Zeit war. Außerdem hatte Carroll mit „Through the Looking-Glass“ quasi eine Fortsetzung geschrieben, von der man den Titel verwenden konnte. Denn, so Produzentin Suzanne Todd: „’Alice hinter den Spiegeln‘ ist im Grunde eine Ansammlung beliebiger und bizarrer Episoden aus Carrolls Leben, die eigentlich in keinem Zusammenhang zueinander stehen. Linda Woolverton hatte eine völlig neue Geschichte geschrieben, die von dem Buch inspiriert war und all den Figuren folgt, die wir im ersten Film liebgewonnen haben. Wir erleben, was mit ihnen seit dem ersten Film passiert ist. Und wir folgen ihnen in ihre Vergangenheit und erfahren noch mehr über sie. Alle waren begeistert.“

Trotzdem dauerte es sechs Jahre, bis mit „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ die Fortsetzung fertig war. Linda Woolverton schrieb wieder das Drehbuch, in dem sie die Geschichte von Alice weitererzählt. Die Regie übernahm James Bobin („Muppets most wanted“). Etliche Schauspieler, die bei „Alice im Wunderland“ mitspielten, sind wieder dabei und der poppig-künstliche Zuckerschock-Stil wurde beibehalten.

Am Ende von „Alice im Wunderland“ brach Alice Kingsleigh (Mia Wasikowska) als Seefahrerin in Richtung China auf.

Am Anfang von „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ kann sie, drei Jahre später, mit einem waghalsigen Manöver in sturmumtoster See einigen Piraten entkommen. Zurück in England erfährt Alice, dass ihre Mutter kurz davor steht, die Reederei zu verkaufen. An den Schnösel Hamish Ascot, der sie schon vor Jahren nicht heiraten wollte, und eine Gruppe alter Männer, die sich Frauen nur als Hausfrauen vorstellen können.

Alice tritt durch einen Spiegel ins Unterland, das sie in den vergangenen Jahren nicht besuchte. Erschrocken sieht sie, was sich aller veränderte. Vor allem der Verrückte Hutmacher Tarrant Hightopp (Johnny Depp) ist nicht mehr er selbst. Er ist, nachdem er eine Spur von seinen verstorbenen Eltern entdeckte, todunglücklich. Er bittet Alice um Hilfe. Aber wie sollen Tode wieder ins Leben zurückkehren?

Trotzdem versucht Alice ihren Freund zu retten und während ihrer Rettungsmission erfahren wir auch viel über das Wunderland und seine Bewohner in früheren Jahren. Insofern ist „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ ein Sequel und ein Prequel, wobei gerade dieser Teil der alleruninteressanteste ist. Denn wollen wir wirklich wissen, wie und warum Mirana, die Weiße Königin (Anne Hathaway), und Iracebeth, die Rote Königin (Helena Bonham Carter) sich zerstritten und Iracebeth so böse wurde? Hat sie uns nicht gerade wegen ihrer nicht erklärten Bösartigkeit im ersten Film so gut gefallen? Und wollen wir wirklich alles über die Eltern und Kindheit vom Verrückten Hutmacher erfahren? Nicht wirklich.

Auch Alices Rettungsmission im Unterland, die natürlich von Ereignissen in der realen Welt inspiriert ist und auch zwischen Gegenwart und Vergangenheit etwas hin und her springt, und es um den Besitz der Chronosphäre, die von der Zeit (Sacha Baron Cohen) beherrscht und gepflegt wird, wird eher lustlos präsentiert. Mit einer gehören Portion Unglaubwürdigkeit. Denn die taffe Seefahrerin soll jetzt, immerhin spiegeln ihre Abenteuer im Unterland ihre aktuellen Probleme in der realen Welt, an sich zweifeln und sich ernsthaft überlegen, ob sie nicht doch zum Heimchen am Herd wird.

Da helfen dann auch nicht mehr die Auftritte der alten Bekannten aus dem ersten Film und die bunten, hauptsächlich aus dem Computer generierten Bilder. Wobei jetzt das Zusammenspiel von Schauspielern und CGI-Figuren besser funktioniert als im ersten Teil.

Eine riesige Enttäuschung ist dagegen die erschreckend beliebig vor sich hin plätschernde Musik von Danny Elfman; – wobei: zur Lektüre von Carrolls Alice-Geschichten könnte sie eine gute Geräuschkulisse sein.

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Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln (Alice through the looking glass, USA 2016

Regie: James Bobin

Drehbuch: Linda Woolverton

LV: Lewis Carroll: Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter den Spiegeln)

mit Johnny Depp, Mia Wasikowska, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Sacha Baron Cohen, Rhys Ifans, Matt Lucas, Lindsay Duncan, Leo Bill, Geraldine James, Andrew Scott, Richard Armitage, Ed Speleers, Alan Rickman (Stimme), Timothy Spall (Stimme), Paul Whitehouse (Stimme), Stephen Fry (Stimme), Barbara Windsor (Stimme), Michael Sheen (Stimme)

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: „Man lernt nie aus“, aber wird man auch klüger?

September 24, 2015

Um Liebe geht es in Nancy Meyers‘ neuem Film nicht. Jedenfalls nicht um die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren. Und trotztdem ist „Man lernt nie aus“ das, was man heute RomCom nennt. Der Film ist romantisch, witzig, geschmackvoll und hoffnungslos altmodisch in der Tradition klassischer Hollywood-Filme, die damals Prestigeprodukte waren und heute kaum noch gemacht werden. Robert De Niro spielt, zugegeben auf Autopilot und mit Deadpan-Anwandlungen, den siebzigjährigen, gut situierten Witwer Ben Whitaker, der aus reiner Langeweile ein Praktikum annimmt. Die Modefirma „About the Fit“ (ATF), die ihre Waren aus einem trendigen Büroloft in Brooklyn ausschließlich über das Internet vertreibt, hat aus Imagegründen Praktika für Senioren ausgeschrieben und unter all den Bewerbern ist der steife Anzugträger die beste Wahl. Er wird zum persönlichen Praktikanten der leicht schusseligen Firmengründerin Jules Ostin (Anne Hathaway), glücklich verheiratete Mutter, die von Sonnenaufgang bis Morgengrauen arbeitet, während ihr Mann ihre Tochter behütet.
Während Ostin ihn zuerst weitgehend ignoriert, macht Whitaker sich auf seine zurückhaltenden Art nützlich. Die Jungs fragen ihn schnell um Rat in Sachen Kleidung und Benehmen. Die Haus-Masseurin Fiona (Rene Russo), die nur deshalb in der Firma ist, damit Whitaker sich in sie verlieben kann, findet unter all den Unter-25-jährigen den älteren Mann äußerst attraktiv.
Und dann beginnt Whitaker auch Ostin zu helfen. Zuerst beruflich, später auch privat, oft hinter den Kulissen und mit der Weisheit des Alters.
Nach „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013), wo Owen Wilson und Vince Vaughn als glücklose Verkäufer ein Praktikum bei Google ergatterten und mit ihrem Verkäuferwissen und ihrer Party-Erfahrung die Jugendlichen überzeugten, und „Morning Glory“ (Morning Glory, USA 2010), wo Rachel McAdams als junge TV-Produzentin Harrison Ford zu einer Rückkehr in den Moderatorenstuhl bewegte, erzählt Nancy Meyers eine ähnlich Geschichte, die gerade am Anfang auch all die inzwischen arg abgestandenen Witze über Zwanzigjährige herunterleiert, die sich schon mit 25 für uralt halten und Über-Fünfzigjährige wie Außerirdische betrachten, als hätten die Jungen noch nie eine ältere Person gesehen und mit ihr gesprochen. Diese Witze sind nicht mehr neu, nicht witzig (auch wenn der Gag beim ersten Mal gut war) und nicht abendfüllend. Dass Meyers diese Witze selbst ad absurdum führt, wenn die Haus-Masseurin auftaucht, die die Großmutter einiger Angestellter sein könnte und wir Ostins Fahrer, der auch die Dreißig deutlich überschritten hat, kennenlernen, spricht immerhin für eine gewisse Einsicht in die fehlende Grundlage dieser Witze.
Sehr für Meyers spricht, dass sie auf den bei US-Komödien inzwischen schon üblichen, verklemmten Vulgärhumor verzichtet und ihre Charaktere, soweit das innerhalb des zuckersüßen RomCom-Kontextes möglich ist, ernst nimmt. Deshalb geht es um die Einsamkeit im Alter und wie man damit umgeht und es geht um den Konflikt zwischen Beruf und Privatleben und auch darum, wie ein Mann, der seine Karriere für seine Frau opferte, damit umgeht. Meyers („Was das Herz begehrt“, „Liebe braucht keine Ferien“, „Wenn Liebe so einfach wäre“) behandelt diese Themen mit leichter Hand, auch etwas oberflächlich, und den erwartbaren RomCom-Lösungen. Und die Schauspieler helfen ihr dabei.
So ist „Man lernt nie aus“ ein durchgehend angenehm anzusehender Film, der ziemlich genau das hält, was er verspricht. Es ist aber auch ein Film, der furchtbar belanglos und rundum nett ist, wenn er gleichzeitig alle anspricht, die, nun, über zwanzig Jahre sind.
Ihr merkt: das ist einer dieser „Kann man ansehen“-Filme, die man beim Ansehen durchaus genießt. Aber es gibt letztendlich keinen wirklichen Grund, ihn sich anzusehen. Auch wenn er einer der gelungensten Robert-De-Niro-Filme der letzten Jahre ist.

Man lernt nie aus - Plakat

Man lernt nie aus (The Intern, USA 2015)
Regie: Nancy Meyers
Drehbuch: Nancy Meyers
mit Robert De Niro, Anne Hathaway, Rene Russo, Anders Holm, Andrew Rannells, Adam Devine, Celia Weston, Nat Wolff, Linda Lavin, Zack Pearlman, Jason Orley, Christina Scherer
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Man lernt nie aus“
Moviepilot über „Man lernt nie aus“
Metacritic über „Man lernt nie aus“
Rotten Tomatoes über „Man lernt nie aus“
Wikipedia über „Man lernt nie aus“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Interstellar“ – oder Planetenhopping mit Christopher Nolan

November 6, 2014

Mit seiner „Batman“-Trilogie und „Inception“ zeigte Christopher Nolan, dass Blockbuster nicht hirnentleerter Lärm sein müssen. Etwas Nachdenken ist durchaus erlaubt. Auch sein neuester Film „Interstellar“, ein gut dreistündiger Science-Fiction-Film, der eine wichtige Botschaft hat (wir zerstören unsere Umwelt), eine Utopie formuliert (die Rettung liegt in den Sternen, ähm, auf einem anderen Planeten in einer anderen Galaxie) und ein Ende hat, das in vielen Kritiken sicher unzählige Vergleiche mit Stanley Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“, dem Science-Fiction-Klassiker schlechthin, provoziert und die Fallhöhe anzeigt.
Nolans Film beginnt im US-amerikanischem Getreidegürtel, wo die Farmer gegen die Widrigkeiten der Umwelt kämpfen und, wie wir erst etwas später erfahren, die Menschheit sich inzwischen vollkommen von der Raumfahrt verabschiedete. Diesen Luxus kann man sich nicht leisten, wenn gerade jede Gehirnzelle für den konventionellen Anbau von Nahrungsmitteln gebraucht wird. Die Farmer produzieren so viele Lebensmittel wie möglich, um das Überleben der Menschheit zu garantieren. Allerdings werden durch Umweltkatastrophen auch viele Ernten zerstört. Und eine andere Methode, um die Menschheit zu Ernähren (zum Beispiel Astronautennahrung), gibt es nicht.
Es ist irgendwie eine apokalyptische Welt, in der die wenigen Menschen, die wir kennen lernen, im Korngürtel einfach noch so leben, als habe sich die letzten fünfzig Jahre nichts verändert. Es gibt auch keine TV-Nachrichten von anderen Gebieten, sondern nur willkürlich eingeblendete Erzählungen von alten Menschen, die von dieser Umweltkatastrophe, die sie vor Jahrzehnten erlebten, erzählen. In diesen Momenten findet Nolan eindrücklich-apokalyptische Bilder von Stürmen, Staub und Dreck, der sich innerhalb weniger Sekunden überall in der Wohnung ablagert. Wir erfahren auch nicht, wie der Staat organisiert ist. Sowieso verschwenden die Nolan-Brüder, abgesehen von lauschigen Sonnenuntergängen über Kornfeldern, keinen Gedanken an eine differenzierte Utopie und daran, wie eine Welt aussieht, in der es zu einer Klimakatastrophe kommt und die Welt zunehmend unbewohnbarer wird.
Im Mittelpunkt des Films steht Cooper (Matthew McConaughey), der früher Raumfahrer war und jetzt mit seinem Vater (John Lithgow) und seinen beiden Kindern Farmer ist. Aber in seinem Herzen ist er immer noch ein Bastler und Forscher. Er ist die vernünftige Ausgabe von Mark Wahlberg in „Transformers: Ära des Untergangs“.
Coopers Tochter Murph (Mackenzie Foy) glaubt, dass ein Geist ihr in ihrem Zimmer Zeichen gibt. Als sich die Zeichen in einer bestimmten Form anordnen, können Cooper und Murph sie entschlüsseln. Die Spur führt sie zu einer geheimen, unterirdischen Station der NASA, wo er seinen alten Freund Professor Brand (Michael Caine) trifft, der ihm ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann (auch weil dann der Film bereits nach ungefähr 45 Minuten zu Ende gewesen wäre). Cooper soll der Pilot einer Raumfahrtmission durch ein Wurmloch, das zufälligerweise am Rand unseres Sonnensystems aufgetaucht ist, sein. Brand hat schon einmal einige Raumfahrer durch das Loch geschickt und ihre rudimentären Signale lassen darauf schließen, dass es auf der anderen Seite des Wurmlochs für Menschen bewohnbare Planeten gibt. Brand glaubt auch, dass dieses Wurmloch nicht zufällig aufgetaucht ist, sondern dass es ein Signal von einer anderen, uns freundlich gesonnenen Spezies ist, die uns helfen wollen. Warum die Aliens dann nur ein Wurmloch im Weltall platzieren, das leicht übersehen oder falsch interpretiert werden kann und warum die Aliens uns nicht gleich helfen, beantworten die Nolans nicht. Aber sie sagen uns, dass die Zeit auf der anderen Seite des Wurmlochs langsamer vergeht, sie daher ihre Familie wahrscheinlich nie wieder sehen werden und, falls doch, ihre Kinder viel älter sind.
Jedenfalls könnte das, wenn sie schnell genug einen bewohnbaren Planeten finden, die Rettung der Menschheit sein. Cooper fliegt mit Amelia (Anne Hathaway), Romily (David Gyasi), Doyle (Wes Bentley) und einem sprechendem Roboter (kein Kommentar) los – und mehr will ich jetzt nicht verraten. Außer dass bis dahin ungefähr eine Stunde nicht sonderlich spannende Filmzeit vorbei ist (Nolan muss einfach nicht mehr ökonomisch erzählen), und er später zwischen den Erlebnissen von Cooper auf verschiedenen Planeten auf der einen Seite des Wurmlochs und seinen Hinterbliebenen auf der Erde hin und herspringt. Dabei sind die Erlebnisse von Jessica Chastain (als seine erwachsene Tochter Murph) und Casey Affleck (als sein erwachsener Sohn Tom) eher banal und die Auflösung, irgendwo zwischen irrationalen Zeitsprüngen, Wurmlöchern und Reisen durch Dimensionen nicht besonders überzeugend.
Denn während Stanley Kubrik und Arthur C. Clarke sich in „2001“ überhaupt nicht bemühten, das Ende zu erklären (obwohl Clarke später mehrmals in die „2001“-Welt zurückkehrte und die Geschichte weiter erzählte), wirkt das Ende von „Interstellar“ als ob Jonathan und Christopher Nolan zuerst alles detailliert und schlüssig auflösen wollten, aber ziemlich schnell, wie kleine Kinder, die ihr Zimmer aufräumen sollen, die Lust verloren. So endet „Interstellar“ halbherzig zwischen rationaler Aufklärung und fantastischem Ende, das so wenig überzeugt, wie der gesamte Film, der zu lang, zu zerfasert und zu konfus ist, um als Science-Fiction-Film zu überzeugen. Als Familiendrama zwischen Cooper und seinen beiden Kindern überzeugt er auch nicht.
Die Charaktere bleiben blass – und so auch die Schauspieler. Sie sind gefangen in einer Geschichte, in der Beziehungen, falls es sie überhaupt gibt, nur behauptet sind. Nur Coopers Beziehung zu seiner Tochter ist glaubwürdig. Jedenfalls am Anfang, wenn er als Vater seiner Tochter die Welt zeigt und sie lehrt, rational an Phänomene heranzugehen. Aber schon in diesen Momenten ist er der unbändige Forscher, der unbedingt neue Welten erforschen will; wenn er nicht gerade Computer für seine Traktoren und eine Drohne programmiert. Wenn er später, im Raumschiff, nur noch Videobotschaften von ihr, die inzwischen erwachsen ist, empfängt, wird sie zunehmend ein hölzerner Hinweis darauf, dass die Raumfahrer eine wichtige Mission haben und sich beeilen müssen, um die Welt zu retten.
Die Tricks sind, für eine Produktion, die 165 Millionen Dollar gekostet haben soll, erschreckend schlecht und die Musik von Hans Zimmer ist so laut, dass ich mich beim Ansehen fragte, ob IMAX-Filme einfach immer infernalisch laut sein müssen. Es gibt nämlich auch von „Interstellar“ eine IMAX-Fassung (größeres, fast quadratisches Bild), die in Deutschland in zwei Kinos läuft.

Interstellar - Hauptplakat

Interstellar (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Casey Affleck, David Gyasi, John Lithgow, Bill Irwin, Ellen Burstyn, Michael Caine, Matt Damon, Wes Bentley, Mackenzie Foy, Topher Grace, David Oyelowo, William Devane
Länge: 169 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Interstellar“
Moviepilot über „Interstellar“
Metacritic über „Interstellar“
Rotten Tomatoes über „Interstellar“
Wikipedia über „Interstellar“ (deutsch, englisch)


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