Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Paranza – Der Clan der Kinder“ will in Neapal an die Macht

August 25, 2019

Neapel, Italien. Mafialand. Roberto Saviano zeichnete 2006 in seinem dokumentarischen Roman „Gomorrha“ ein sehr unglamouröses Bild vom organisierten Verbrechens in seiner Heimatstadt. Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller. Es wurde als Spielfilm und TV-Serie verfilmt. Weitere Sachbücher, Reportagen und Romane folgten. 2016 erschien in Italien „Der Clan der Kinder“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Nicolas und seinen Freunden, einer Bande Fünfzehnjähriger, die Geld und Ansehen (was vor allem der richtige Tisch im richtigen Nachtclub ist) wollen, dafür zu Verbrechern werden und innerhalb der örtlichen Camorra aufsteigen wollen. Diese besteht aus Banden, die unter sich die Straßen und Viertel Neapels aufgeteilt haben. Finanzieren tun sich sich mit Drogenhandel auf der Straße und Schutzgelderpressung bei den kleinen, örtlichen Einzelhändlern. Das sind nicht die aus Gangsterfilmen bekannten großen Geschäfte, sondern die gelebte Kleinvieh-macht-auch-Mist-Methode.

Der Roman ist schwer zu lesen. Das liegt an Savianos journalistischem, auf objektivierende und zusammenfassende Betrachtungen abzielendem Schreibstil, der kaum erkennbaren Haupthandlung, den vielen austauschbaren Figuren, den ständigen Zeitsprüngen und Pespektivenwechsel. Saviono hat auch kein erkennbares Interesse an einer typischen Gangstergeschichte à la „Little Caesar“ oder „Scarface“. Ihm geht es mehr um ein Porträt der heutigen Camorra in Neapel. Zwischen all den Namen und Episoden, die sich zeitlich oft nicht einordnen lassen, entsteht nie so etwas wie ein richtiger Lesefluss, der einen begeistert die nächsten Seiten umblättern lässt.

Claudio Giovannesi verfilmte jetzt den Roman nach einem Drehbuch, bei dem auch Saviano mitschrieb und das dieses Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch erhielt.

Giovannesi inszenierte die Geschichte, die eine Ansammlung von Vignetten des Gangster- und Jugendfilms ist. Er drehte chronologisch. Die Schauspieler, allesamt Laiendarsteller, wussten dabei nicht, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Stilistisch knüpft er dabei an den Neorealismus an.

Am Ende bleibt nicht die Geschichte im Gedächtnis, sondern wie die Jugendlichen mit ihren Vespas durch die Stadt fahren, wie sie durch die Straßen streunen, wie sie Freizeit totschlagen und wie wenig sich diese Bilder von Bildern aus italienischen Filmen der fünfziger und sechziger Jahre unterscheiden.

Paranza – Der Cland der Kinder (La paranza dei bambini, Italien 2019)

Regie: Claudio Giovannesi

Drehbuch: Roberto Saviano, Claudio Giovannesi, Maurizio Braucci

LV: Roberto Saviano: La paranza dei bamini, 2016 (Der Clan der Kinder)

mit Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, Ar Tem, Alfredo Turitto, Valentina Vannino, Pasquale Marotta, Luca Nacarlo, Carmine Pizzo

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder

(übersetzt von Annette Kopetzki)

dtv, 2019

416 Seiten

12,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Carl Hanser Verlag, 2018

Originalausgabe

La paraza dei bambini

Feltrinelli Editore, 2016

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Metacritic über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Rotten Tomatoes über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Wikipedia über „Paranza – Der Clan der Kinder“ (deutsch, englisch, italienisch)

Berlinale über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Perlentaucher über Roberto Savianos „Der Clan der Kinder“


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