Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Girl“ will er sein

Oktober 22, 2018

Victor will nur tanzen. Als Frau. Und das ist nicht ein, sondern zwei Probleme. Denn Victor, gerade fünfzehn Jahre, muss sich einer von ihm gewünschten Geschlechtsumwandlung unterziehen, die physisch und psychisch anstrengend ist. Zum Glück hat er mit seinem alleinerziehendem Vater, seinem jüngeren Bruder Milo und den ihn begleitenden Ärzten und Therapeuten ein stabiles, ihn bedingungslos unterstützendes Umfeld. Sie alle haben auch kein Problem damit, Victor Lara zu nennen.

Das zweite Problem ist, das er eigentlich zu wenig Balletterfahrung hat, um an der staatlichen Ballettschule in Brüssel aufgenommen zu werden. Trotzdem wird sie als Novizin für acht Wochen zur Probe aufgenommen. Und auch hier unterstützt ihn das Umfeld. Jedenfalls meistens.

Damit ist klar, wo Laras größtes Problem bei der Geschlechtsumwandlung liegt: in ihr.

In Cannes wurde das Spielfilmdebüt von Lukas Dhont zu Recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Unter anderem für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller (Victor Polster).

Der 2002 in Brüssel geborene Polster nahm bereits in jungen Jahren Schauspielunterricht, absolvierte eine klassische Tanzausbildung an der Royal Ballet School in Anvers, erhielt nach einem Auftritt in einem Musikvideo ein Angebot vom Königlichen Ballett von Flandern und nahm erfolgreich an verschiedenen Tanzwettbewerben teil. „Girl“ ist sein Spielfilmdebüt.

Feinfühlig präsentiert Dhont seine Geschichte, die sich für meinen Geschmack dann doch etwas zu sehr auf Laras innere Probleme und Ballettbilder konzentriert. Innere Konflikte sind nun einmal nicht besonders filmisch. Und Aufnahmen von Balletttänzerinnen vor, während und nach dem Tanz sind zwar filmisch, bringen aber Laras Geschichte nicht unbedingt voran. Denn eigentlich hätte man gerne mehr darüber erfahren, wie es ist, wenn man als Jugendlicher eine Geschlechtsumwandlung beginnen will und wie dann Schulfreunde und Eltern darauf reagieren. „Girl“ beginnt erst danach. Alle haben ihre Entscheidung darüber bereits getroffen: Lara ist kurz vor dem Beginn der entscheidenden Hormonbehandlung. Ihr Vater und ihr Bruder unterstützen sie uneingeschränkt. Die alten Schulkameraden spielen im Film keine Rollen. Denn der chronologisch erzählte Film beginnt nach dem Umzug nach Brüssel. Und auch an der Ballettschule geht es erstaunlich harmonisch zu.

Wegen seiner weitgehend konfliktfreien Geschichte passiert wenig im Film. Denn Konflikte treiben eine Geschichte voran. Und in Konflikten zeigt sich ein Charakter und damit auch die verschiedenen Facetten eines Themas. Das gelingt dem stillen Drama, das auch zum Nachdenken anregen soll, nur bedingt.

Girl (Girl, Belgien/Niederlande 2018)

Regie: Lukas Dhont

Drehbuch: Lukas Dhont, Angelo Tijssens

mit Victor Polster, Arieh Worthalter, Oliver Bodart, Tijmen Govaerts, Katelijne Damen, Valentijn Dhaenens

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Girl“

Metacritic über „Girl“

Rotten Tomateos über „Girl“

Wikipedia über „Girl“ (deutsch, englisch, niederländisch)

Werbeanzeigen

Neu im Kino/Filmkritik: „Bastille Day“ – Terroristenhatz in Paris

Juni 23, 2016

Auf den ersten Blick – ein Amerikaner sorgt in Paris mit viel Action für Recht und Ordnung – sieht „Bastille Day“ wie der nächste Film aus der Luc-Besson-Fabrik aus. Dass Idris Elba der Held ist, ändert daran nichts. Immerhin tritt er in die Fußstapfen von Liam Neeson, John Travolta und Kevin Costner und, auch wenn die Kinokasse mal mehr, mal weniger laut klingelte, war die künstlerische Qualität ihrer Paris-Besuche überschaubar.

Auf den zweiten Blick wird es dann schon interessanter. Einmal weil Luc Bessons EuropaCorp, die auch gute Filme produziert, nichts damit zu tun hat. Einmal weil mehrere Drehbücher von Andrew Baldwin auf der Black Liste, der jährlichen Liste der besten nicht produzierten Drehbücher, landeten. Auch „Bastille Day“ wurde dort erwähnt. Aber das sind Informationen, die für die meisten Menschen denkbar uninteressant sind.

Interessanter ist da schon der Name des Regisseurs: James Watkins. Er inszenierte vorher die gelungenen und sehr unterschiedlichen Horrorfilme „Eden Lake“ und „Die Frau in Schwarz“. Jetzt drehte er einen in Paris spielenden Action-Thriller über einen drohenden Anschlag am titelgebendem „Bastille Day“, dem französischen Nationalfeiertag am 14. Juli.

Kurz vor dem Feiertag explodiert auf einem Platz eine Bombe und der US-Amerikaner Michael Mason (Richard Madden), ein Taschendieb, gerät in Verdacht. CIA-Agent Sean Briar (Idris Elba) soll ihn finden, aber nicht auf eigene Faust ermitteln. Weil seine Methoden etwas unorthodox sind und er Befehle notorisch ignoriert, begibt er sich mit Mason, den er zur Zusammenarbeit zwingt, auf die Jagd nach den Bombenlegern, die keine Islamisten oder links-revolutionäre Weltverbesserer, sondern Polizisten einer Spezialeinheit sind. Sie wollen die Terroranschläge, Proteste und Straßenschlachten am Nationalfeiertag orchestrieren, um so von ihrem großen Coup abzulenken. Im Film (und im Trailer) wird deren Identität schon früh verraten und ein bewährter Topos des französischen Kriminalfilms bedient. Damit entgeht „Bastille Day“ auch elegant der Falle, stereotype Vorurteile und reaktionäre Ressentiments einfach zu bedienen. Das macht ihn intelligenter und sympathischer als, zum Beispiel, „London has fallen“.

Watkins hat dagegen einen angenehm altmodischer Action-Thriller mit Polit-Touch gedreht, wie es ihn in den Siebzigern öfter gab und die, auch wenn sie politisch nicht besonders tiefschürend waren, durchaus zum Nachdenken anregen konnten. Die Action in „Bastille Day“ ist handgemacht, was einem besonders bei der Verfolgungsjagd über die Dächer von Paris gefällt und Erinnerungen an die Kletterei von Jean-Paul Belmondo in „Angst über der Stadt“ wachruft. Die Geschichte ist insgesamt durchdacht und, im gesetzten Actionfilm-Rahmen, komplex geraten. Die Schauspieler sind engagiert dabei und es gibt etliche Einzeiler, die sich aus der Handlung ergeben.

In der Originalfassung gibt es sogar noch einen Bonuspunkt: während des gesamten Films wird, je nach Situation, Englisch oder Französisch gesprochen. So reden die Franzosen untereinander durchgängig französisch. Die Amerikaner englisch. In gemeinsamen Szenen wird dann je nach Situation entschieden. Allein dadurch wird die Filmgeschichte glaubwürdiger.

Mit seinem dritten Spielfilm hat James Watkins einen kurzweiligen Retro-Action-Thriller abgeliefert, der niemals wirklich neues Terrain betritt. Dafür ist alles einfach zu vertraut. Aber im Vergleich zu den eingangs erwähnten Besson-Filmen ist „Bastille Day“ ein überraschend gelungenes und sehr unterhaltsames Werk.

Bastille Day - Plakat

Bastille Day (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Andrew Baldwin

mit Idris Elba, Richard Madden, Charlotte Le Bon, Kelly Reilly, José Garcia, Thierry Godard, Vincent Londez, Arieh Worthalter

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Bastille Day“

Metacritic über „Bastille Day“

Rotten Tomatoes über „Bastille Day“

Wikipedia über „Bastille Day“ 


%d Bloggern gefällt das: