Neu im Kino/Filmkritik: „Die Berufung“ der Ruth Bader Ginsburg

März 7, 2019

Sie war 1956 nicht die einzige Frau, die in der Austin Hall der Universität Harvard von Dekan Erwin Griswold als neue Studierende begrüßt wurden. Neben ihr waren noch acht weitere Frauen im Saal. Und fünfhundert Männer.

Das hinderte Ruth Bader Ginsburg nicht daran, ihr Studium als Jahrgangsbeste abzuschließen. Wäre sie ein Mann gewesen, hätten nach diesem Abschluss alle renommierten Kanzleien sich um sie gerissen. Stattdessen sammelt Bader Ginsburg Absagen und muss unterrichten.

Erst 1970 erhält sie ihre große Chance. Ihr Mann Martin Ginsburg ist Steueranwalt. Während seiner Arbeit stieß er auf den Fall von Charles Moritz. Der alleinstehende Moritz kümmert sich um seine kranke Mutter. Allerdings erhält er keine steuerliche Vergünstigungen, weil die Pflege von Angehörigen eine Aufgabe für Frauen ist. Es geht um eine Steuerrückzahlung von 296 Dollar.

Auf den ersten Blick ist das nur eine kleine Ungerechtigkeit im Steuersystem. Eine vernachlässigbare Absurdität, wie es viele weitere in den Steuergesetzen gibt und über die Steueranwälte stundenlang reden können.

Bader Ginsburg sieht allerdings das große Bild. Denn die verweigerte Steuerrückzahlung an Moritz ist eine Diskriminierung ‚on the basis of sex‘ (so der Originaltitel des Films). Bader Ginsburg, die bislang erfolglos versuchte, gegen gesetzliche Diskriminierungen wegen des Geschlechts vorzugehen, sieht ihre Chance. Es ist ein glasklarer Fall von Diskriminierungen. Nur ist dieses Mal keine Frau, sondern ein Mann diskriminiert. Bader Ginsburg will einen Präzedenzfall schaffen.

Mimi Leder kehrt mit dem Biopic „Die Berufung“ über Ruth Bader Ginsburg wieder zurück ins Kino. Sie inszenierte einige Kinofilme wie „Projekt: Peacemaker“ und „Deep Impact“ und unzählige Filme für das Fernsehen und Episoden für TV-Serien, wie „Emergency Room“, „Shameless“ und „The Leftovers“. Diese Erfahrung im schnörkellosen Inszenieren einer Geschichte bemerkt man auch in „Die Berufung“.

Die Filmgeschichte basiert auf einem Drehbuch von Daniel Stiepleman. Er ist ein Neffe von Ruth Bader Ginsburg und er konnte sich beim Schreiben des Buches intensiv mit ihr austauschen. Bader Ginsburg war dabei wichtig, dass die juristischen Feinheiten genau dargestellt wurden.

Leder inszenierte die Geschichte von Bader Ginsburgs Ausbildung und ihrem ersten großen Fall als klassisches Hollywood-Erzählkino. In ihrem Biopic zeigt sie Bader Ginsburg, gespielt von Felicity Jones, bei der Arbeit und mit ihrer Familie. Ihren Mann Martin Ginsburg, gespielt von Zwei-Meter-All-American-Boy Armie Hammer, heiratete sie bereits 1954. 1955 kam ihre Tochter Jane zur Welt. Während ihres Studiums wurde Ginsburg wegen Hodenkrebs behandelt und sie besuchte auch seine Universitätskurse. 1965 bekamen sie ihr zweites Kind. Der 2010 verstorbene Ginsberg unterstützte seine Frau während ihrer gesamten Ehe bedingungslos.

1993 ernannte Präsident Bill Clinton Bader Ginsburg zur Richterin am Obersten Gerichtshof. Heute ist die Vorkämpferin für die Gleichberechtigung immer noch Richterin am Obersten Gerichtshof und eine Ikone der Liberalen.

Der Film setzt ihr zu Lebzeiten ein gelungenes Denkmal. Gelungen wechselt Leder in ihrem Bader-Ginsburg-Biopic zwischen Privatleben und klassischem Gerichtsdrama. Das ist lehrreich, gut gespielt und inszeniert in der Tradition des klassischen Hollywood-Erzählkinos.

Wer nach dem Film mehr über Ruth Bader Ginsburg erfahren will, sollte die aktuelle, Oscar-nominierte Doku „RBG“ ansehen. Im Kino läuft sie seit dem 13. Dezember 2018. Die DVD-Ausgabe ist für den 25. April 2019 angekündigt.

Die Berufung (On the Basis of Sex, USA 2018)

Regie: Mimi Leder

Drehbuch: Daniel Stiepleman

mit Felicity Jones, Armie Hammer, Justin Theroux, Kathy Bates, Sam Waterston, Stephen Root, Jack Reynor, Cailee Spaeny, Chris Mulkey, Ruth Bader Ginsburg (Cameo)

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Berufung“

Metacritic über „Die Berufung“

Rotten Tomatoes über „Die Berufung“

Wikipedia über „Die Berufung“ (deutsch, englisch)

 

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Call me by your Name“ wenn du mich liebst

März 3, 2018

Ein Sommer in Italien. Ein Teenager. Ein etwas älterer Sommergast. Die erste Liebe.

So geschrieben klingt das wie ein Lore-Roman. Etwas für das ZDF-“Herzkino“.

Aber „Call me by your Name“ ist, wie schon die Namen der Beteiligten verraten, anders. Die Regie führte Luca Guadagnino, der Regisseur von „I am Love“ und „A bigger Splash“. Er sieht „Call me by your Name“ als Abschluss einer Trilogie des Begehrens. Das Drehbuch ist von James Ivory, dem hochgelobten, inzwischen etwas vergessenen Regisseur von Literaturverfilmungen wie „Zimmer mit Aussicht“, „Maurice“, „Wiedersehen in Howards End“ und „Was vom Tage übrig blieb“.

Und die ausgezeichnete Vorlage ist das Romandebüt von André Aciman. Der Literaturwissenschaftler und Romancier gehört zu den führenden Marcel-Proust-Experten. Prousts bekanntestes Werk ist „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und das wäre auch ein guter Titel für „Call me by your Name“, in dem der Erzähler sich zwanzig Jahre später an diesen Sommer, in dem er der Liebe seines Lebens begegnet, erinnert.

Dabei verändert das Geschlecht des Erzählers die Geschichte. Denn Elio Perlman , der Ich-Erzähler des Romans, ist ein Mann. In dem entscheidenden Sommer war er siebzehn Jahre alt. Wie in den vorherigen Jahren verbringt er den Sommer mit seiner Familie in ihrem Landhaus und wie in den vorherigen Sommern muss er sein Zimmer für den Sommergast räumen. Denn jedes Jahr lädt sein Vater, ein Universitätslehrer, einen US-amerikanischen Studenten für sechs Wochen ein. Der Gast muss ihm als Bezahung für die Einladung nach Italien ein wenig bei seiner Arbeit helfen. Die restliche Zeit kann der Sommergast die Gegend genießen und, wozu er vor allem von den Perlmans eingeladen wurde, in aller Ruhe seine studentische Arbeit für eine Veröffentlichung vorbereiten. Dieses Jahr ist ihr Sommergast der 24-jährige Oliver, ein bis zur Arroganz selbstsicherer Jude aus New York.

Elio, der schon mit mehreren Mädchen geschlafen hat, verliebt sich in Oliver, der seine Liebe erwiedert.

Bis dahin dauert es einige Zeit. Weil der Film 1983 (der Roman nennt kein Jahr, spielt aber ebenfalls in den Achtzigern) spielt. Weil man sich damals nicht so leicht zu seiner Homosexualität bekannte. Weil die Geschichte in Italien spielt, das zwischen Macho-Kultur und Katholizismus kein gutes Klima für offensiv ausgelebte Homosexualität ist. Vor allem nicht in der Provinz. Der Film spielt in der Lombardei, der Roman an der italienischen Riviera. Dass Elio ein Jude ist, dass er aus einer Intellektuellenfamilie stammt und dass ihr Gast ein Ausländer ist, ändern daran nichts.

Diese Phase der Annäherung, des gegenseitigen Umwerbens, des Deutens und Missdeutens von Signalen nimmt einen großen Teil der luftig leicht erzählten Geschichte ein, die sich nicht für das schnelle Abhandeln der Plot Points interessiert. Dabei zeigt Guadagnino all die Italien-Klischees, die wir aus Filmen kennen, und verleiht ihn eine große Wahrhaftigkeit. Dass in seinem Film und dem mit dem Lambda-Award ausgezeichneten Roman eine homosexuelle Liebesgeschichte im Mittelpunkt der Sommeraffäre steht, ist dabei letztendlich egal. Es geht um zwei junge Menschen, ihre Gefühle und die Ereignisse in einem ereignislosen Sommer, garniert und abgeschlossen durch einen verständnisvollen Kommentar von Elios Vater, gespielt von Michael Stuhlbarg als lebensweisen Professor. Für Elio-Darsteller Timothée Chalamet, der auch in „Lady Bird“ (deutscher Kinostart 19. April) mitspielt, könnte diese Rolle der große Durchbruch sein. Er ist, unter anderem, für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert.

Call me by your Name“, der auch für den Oscar als bester Film nominiert ist, ist eine wundervolle Liebeserklärung, die für mich nur einen, dafür aber gravierenden Minuspunkt hat: ich konnte Armie Hammer, der Oliver spielt, niemals als das Objekt der Begierde sehen. Für mich war er im Film immer der arrogante Schnösel, mit dem ich nichts zu tun haben will und der wie ein egozentrischer Pfau durch die Szenerie stolziert und von allen bewundert werden will. Für mich drehte der Film sich deshalb um ein leeres Zentrum und meine Begeisterung für den Film ist mehr rational als emotional.

Call me by your Name (Call me by your Name, USA 2017)

Regie: Luca Guadagnino

Drehbuch: James Ivory

LV: André Aciman: Call me by your Name, 2007 (Call me by your Name – Ruf mich bei deinem Namen)

mit Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

André Aciman: Call me by your Name – Ruf mich bei deinem Namen

(übersetzt von Renate Orth-Guttmann)

dtv, 2018

288 Seiten

10,90 Euro

Originalausgabe

Call me by your Name

Farrar, Straus and Giroux, New York, 2007

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Call me by your Name“

Metacritic über „Call me by your Name“

Rotten Tomatoes über „Call me by your Name“

Wikipedia über „Call me by your Name“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Luca Guadagninos „A bigger Splash“ (A bigger Splash, Italien/Frankreich 2015) und der DVD

Beim TIFF wurde der Regisseur und die beiden Hauptdarsteller auf die Bühne gebeten

Bei NYFF wurden sie, unterstützt von Michael Stuhlbarg, ebenfalls auf die Bühne gebeten

DP/30 unterhält sich mit Luca Guadagnino

und mit Timothée Chalamet über den Film und den Rest

 

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „The Birth of a Nation“, die afroamerikanische Version

April 17, 2017

In den USA wird seit seiner Premiere auf dem Sundance Filmfestival am 25. Januar 2016 über Nate Parkers Regiedebüt „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit“ diskutiert. Das Drama wurde schon damals, lange vor dem US-Kinostart und über ein Jahr vor der nächsten Oscar-Verleihung als heißer Oscar-Kandidat gehandelt. Für eine Oscar-Nominierung ist ein Kinostart notwendig. Nate Parker, der neben der Regie auch das Drehbuch schrieb, produzierte und die Hauptrolle spielt, wurde als aufstrebender Star gehandelt. Bis er Probleme wegen eines alten, lange bekannten Vergewaltigungsvorwurfes bekam (er wurde freigesprochen), die uns hier nicht interessieren sollen.

Parker spielt Nat Turner (2. Oktober 1800 – 11. November 1831), einen Sklaven in Virginia, der auf der Farm von Samuel Turner (Armie Hammer) gegenüber den anderen, ihm andächtig lauschenden Sklaven das Wort Gottes verkündet. Er kann, damals selten, lesen. Die Bibel ist das einzige Buch, das er besitzt. Sie ist seine Bibel. Seine Dienste werden auch von anderen Sklavenhaltern angefordert. Er soll mit seinen Predigten für ein friedliches Verhalten der Sklaven sorgen.

Samuel Turner lässt sich die Dienstleistungen von Nat Turner gut bezahlen. So kann er den drohenden Bankrott abwenden. Er ist auch ein eher liberaler Sklavenhalter. Im Gegensatz zu den anderen Sklavenhaltern, die ihre Sklaven schlechter als ihr Vieh behandeln, lässt er ihnen gewisse Freiheiten und er hört auch auf die Ratschläge und Wünsche von Nat Turner.

Langsam erwacht bei Nat Turner ein Bewusstsein für die Unterdrückung und das Gefühl, etwas dagegen tun zu müssen. Es mündet in dem historisch verbürgten und in der Werbung für den Film breit angekündigtem „Aufstand zur Freiheit“.

Der war im August 1831 und endete in einem Blutbad. Sechzig Weiße und Hunderte von Sklaven sterben. Die meisten Sklaven wurden dabei von Weißen bei Vergeltungsmaßnahmen getötet. Die genaue Zahl der ermordeten Afroamerikaner ist unbekannt.

Schon im Titel postuliert Nate Parker einen hohen Anspruch. Auch wenn heute fast niemand D. W. Griffiths rassistisches Stummfilmepos „The Birth of a Nation“ (Die Geburt einer Nation, USA 1915) kennt, ist der Titel bekannt und dass Griffith die Geburt der USA aus der Perspektive des weißen Mannes, mit dem Ku-Klux-Klan als Macht des Guten, erzählte. Da kann, soll und ist ein Film mit dem gleichen Titel, aber einer hundertprozentig konträren Geschichte und Weltsicht, nur als Gegenentwurf und als Überschreibung des älteren Films verstanden werden. Es ist eine Kampfansage, die schon im Titel formuliert wird.

Denn Parker erzählt in seinem Film die Geschichte vom Geburt der Nation aus der afroamerikanischen Perspektive. Und, betrachtet aus der distanzierten europäischen Perspektive, ist Parkers Film nicht so gelungen, wie man es nach dem selbstgesteckten Anspruch und dem US-Kritikerlob erhofft.

Schließlich gab es in den vergangenen Jahren mehrere Filme, die dieses und ähnliche Themen besser behandelten. Zu nennen sind hier fast alle Filme von Spike Lee, Mario Van Peebles Western „Posse“ (USA 1993), Steve McQueens „12 Years a Slave“ (USA 2013) (allerdings ist McQueen Engländer), Ava DuVernays „Selma“ (USA 2014) oder Theodore Melfis „Hidden Figures“ (USA 2016). Um nur einige Beispiele zu nennen.

Dagegen ist Parkers „The Birth of a Nation“ nur ein konventionelles Agitprop-Biopic, das bis zu dem blutigen Aufstand, vor sich hin plätschert. Er reiht Episoden aus dem Leben von Nat Turner aneinander, die im Rückblick ein Entwicklungsroman sind, der in der von Nat Turner angeführten Revolte mündet. Beim Ansehen ist das allerdings nicht erkennbar. Nat Turner sieht und erlebt schlimme Dinge. Aber sie scheinen keine unmittelbare Wirkung auf ihn zu haben. Deshalb erscheint Turners Aufstand dann auch weniger als Konsequenz aus dem vorher erlebten, sondern mehr als Konsequenz aus der Laufzeit des Films.

Wenn man „The Birth of a Nation“ nur als weiteren Teil aktueller afroamerikanischer Geschichtsschreibung betrachtet, der die Lücken der traditionellen Geschichtsschreibung in der Wissenschaft, der Literatur und in Hollywood bewusst macht, und die historisch sehr einseitige Geschichtsschreibung des Weißen Mannes (vulgo der Trump-Wähler) angreift, dann hat Nate Parkers „The Birth of a Nation“ seine unbestreitbaren Verdienste. Er stieß in den USA auch Diskussionen an.

Für uns Europäer dürfte vor allem das von Parker vielschichtig gezeichnete Bild der Sklavenhaltergesellschaft in den Südstaaten interessant sein. Er zeigt die Unterdrückung und die Mechanismen der Unterdrückung. Aber auch, dass die Verhältnisse zwischen Sklaven und Sklavenhaltern teilweise komplizierter waren, als es den äußeren Anschein hatte. Er wirft auch ein Bild auf die damit zusammenhängenden ökonomischen Strukturen.

Auf dem Sundance Filmfestival erhielt der Film den Audience Award und den Grand Jury Price. Letzteren mit folgender, die Botschaft des Films ansprechenden Begründung: „In the words of the recently and dearly departed Alan Rickman, ‚The more we’re governed by idiots and have no control over our destinies, the more we need to tell stories to each other about who we are, why we are, where we come from, and what might be possible.‘ This year the winner embodies this notion singularly and accomplishes it with grand cinematic vision. Most of all, it challenges each of us to carry a riotous disposition for injustice and the system that preserve it everywhere and in doing so, it is both timeless and right on time.“

The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit (The Birth of a Nation, USA 2016)

Regie: Nate Parker

Drehbuch: Nate Parker (nach einer Geschichte Nate Parker und Jean McGianni Celestin)

mit Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone jr., Colman Domingo, Aunjanue Ellis, Dwight Henry, Aja Naomi King, Esther Scott, Roger Guenveur Smith, Gabrielle Union, Penelope Ann Miller, Jackie Earle Haley

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Birth of a Nation“

Metacritic über „The Birth of a Nation“

Rotten Tomatoes über „The Birth of a Nation“

Wikipedia über „The Birth of a Nation“ (deutsch, englisch)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Free Fire“ oder eine wenig intelligente Art der Konfliktlösung

April 7, 2017

Eine Nacht in Boston in den siebziger Jahren: in einer Lagerhalle im Hafen wollen einige Iren von einigen Amerikanern Schusswaffen kaufen. Natürlich illegal, weil die Waffen in Irland gegen die verhassten Briten eingesetzt werden sollen. Doch bevor der Handel abgeschlossen wird, gibt es ein kleines Missverständnis, etwas gekränkte Eitelkeit und die Waffen werden exzessiv in der verlassenen, abgelegenen Lagerhalle ausprobiert.

Nach der SF-Sozialsatire „High-Rise“ ist Ben Wheatleys neuer Film „Free Fire“ eine mit Einzeilern garnierte Ballerorgie ohne Sinn und Verstand, in der die Schauspieler – immerhin bekannte Namen und gestandene Schauspieler wie Brie Larson (die einzige Frau unter Jungs), Armie Hammer, Cillian Murphy, Sam Riley, Jack Reynor, Michael Smiley und Patrick Bergin – die meiste Zeit auf dem Boden liegen und durch den Dreck kriechen –, etwas eingeschränkt von diversen Schussverletzungen, die sie nicht daran hindern, munter weiter in Richtung Feind zu ballern. Und alle beweisen eine erstaunliche Überlebensfähigkeit.

Das ist durchaus vergnüglich, aber auch etwas blutleer geraten. Denn abgesehen von dem reichlich vorhandenen zeit- und popkulturellen Anspielungen (Die Kleider. Die Frisuren. Die herzliche Abneigung zwischen den verschiedenen Gruppen.) ist „Free Fire“ vor allem eine selbstgenügsame Übung im Schusswaffengebrauch. Auch wenn später noch andere, ähem, Waffen zum Einsatz kommen, ändert sich nichts an dem gnadenlos bis zur letzten Minute durchgezogenen Prinzip des gegenseitigen Tötens.

Die nicht besonders intelligenten Schießbudenfiguren stehen sich während des gesamten Films in zwei klar abgegrenzten Gruppen unversöhnlich gegenüber. Wechselnde Koalitionen oder Loyalitäten, vulgo Überraschungen, gibt es nicht. Nur kurz, als plötzlich eine dritte Partei sie erschießen will, arbeiten sie zusammen. Um die Störung zu beseitigen.

Da waren, weil „Free Fire“ sicher öfter mit Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ verglichen wird, die Charaktere in „Reservoir Dogs“ deutlich vielschichtiger. Tarantinos mehr redselige als bleihaltige Geschichte ebenso. Die Charaktere hatten keine Einzeiler, sondern Monologe und durch die zahlreichen Rückblenden wurde auch die Einheit von Handlungsort und -zeit aufgebrochen. In „Free Fire“ spielt die gesamte Geschichte in der Lagerhalle, es gibt keine Rückblende, es gibt keinen Versuch, den Charakteren eine größere Tiefe zu verteilen und Einzeiler haben eine begrenzte Halbwertzeit. Vor allem wenn die Loyalitäten betonhart feststehen.

Free Fire“ ist eine hirnlose Retro-Ballerorgie, die nur aus einer Idee besteht. Das ist okay, aber bei Ben Wheatley, dem Regisseur von „Sightseers“, „A Field in England“ und „High-Rise“, hätte ich noch eine zweite Ebene, einen Subtext, erwartet. Der geht hier im Kugelhagel unter.

Free Fire (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Ben Wheatley, Amy Jump

mit Armie Hammer, Brie Larson, Cillian Murphy, Sam Riley, Sharlto Copley, Jack Reynor, Babou Ceesay, Enzo Cilenti, Michael Smiley, Noah Taylor, Patrick Bergin, Mark Monero

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Free Fire“

Metacritic über „Free Fire“

Rotten Tomatoes über „Free Fire“

Wikipedia über „Free Fire“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: Über Tom Fords „Nocturnal Animals“

Dezember 22, 2016

Susan Morrow (Amy Addams) erhält von ihrem Ex-Mann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal), von dem sie seit Jahren nichts gehört hatte, ein Exemplar seines noch nicht veröffentlichten Debütromans „Nocturnal Animals“. Während die Kunsthändlerin den Kriminalroman liest, erinnert sie sich an ihre Beziehung zu Edward.

Der zweite Spielfilm des bekannten Modedesigners und „A single Man“-Regisseurs Tom Ford „Nocturnal Animals“ ist ein durchgehend elegantes Werk, das sich formschön und funktionell zwischen den verschiedenen Ebenen bewegt ohne jemals zu verunsichern. Alles, jeder Erzählstrang, jede Szene, jedes Bild, ist sauber voneinander getrennt, eindeutig in jeder Beziehung und es überfordert niemanden. Auch wenn Jake Gyllenhaal eine Doppelrolle spielt. Er ist Susans Ex-Mann und der Protagonist des Romans, was verdeutlicht, dass der Roman aus Susans Sicht (aber auch aus Edwards und der Sicht des Zuschauers) eine literarische Verarbeitung ihrer Beziehung ist.

Edward erzählt in seinem Roman letztendlich eine simple Rachegeschichte, für die Stephen King an einem schlechten Tag zwanzig Seiten benötigt hätte. Während einer nächtlichen Autofahrt durch West-Texas werden Tony Hastings und seine Familie von Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) und seinen Kumpels bedrängt und zu einem Unfall provoziert. Anschließend entführt Marcus Tonys Familie. Als er sie wieder sieht, sind sie tot und Tony möchte sich rächen.

Dass in der Gegenwart Susans Ehemann fremdgeht und damit ihre Vergangenheit und die Fiktion gespiegelt werden, überrascht dann nicht mehr, bringt aber auch keine neuen Erkenntnisse.

Nocturnal Animals“ ist ein Manufactum-Film, bei dem der Stil, die richtige Geste, die richtige Ausleuchtung und der äußere Schein wichtiger als der Inhalt ist. Alles ist höchst elegant, gut besetzt und in jeder Beziehung gut inszeniert (was ihn unbedingt sehenswert macht), aber auch immer eine Spur zu offensichtlich und zu eindeutig, um wirklich zu verunsichern oder emotional zu bewegen. Im Gegensatz zu den Horrorfilmen von David Cronenberg, zum Beispiel „Crash“ oder sein Hollywood-Film „Maps to the Stars“, und zahlreichen anderen Horrorfilmen, in denen die Protagonisten sich mit ihren Ängsten herumschlagen müssen (Hat Susan überhaupt vor etwas Angst? Will sie überhaupt ihr Leben ändern? Verändert die Lektüre des Romans sie irgendwie?). Man fragt sich auch nie, wie bei Olivier Assayas „Die Wolken von Sils Maria“, wo die Grenzen zwischen den verschiedenen Ebenen verlaufen. In „Nocturnal Animals“ sind Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion sauber voneinander getrennte Schubladen.

Dabei ruft Tom Ford in den ersten Filmminuten mit betont ästhetischen Bildern von in Zeitlupe tanzenden, übergewichtigen nackten Frauen beim Zuschauer genau die Verunsicherung hervor, die er später erfolgreich vermeidet.

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Nocturnal Animals (Nocturnal Animals, USA 2016)

Regie: Tom Ford

Drehbuch: Tom Ford

LV: Austin Wright: Tony & Susan, 1993 (Tony & Susan) (manchmal auch „Tony and Susan“ bzw. „Tony und Susan“, US-Neuausgabe unter „Nocturnal Animals“)

mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Karl Glusman, Armie Hammer, Laura Linney, Andreas Riseborough, Michael Sheen

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Nocturnal Animals“

Metacritic über „Nocturnal Animals“

Rotten Tomatoes über „Nocturnal Animals“

Wikipedia über „Nocturnal Animals“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Tom Ford

Im AOL Building wird Tom Ford von Amy Addams, Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson unterstützt


TV-Tipp für den 11. August: The Social Network

August 11, 2016

Pro 7, 20.15

The Social Network (USA 2010, Regie: David Fincher)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Ben Mezrich: The Accidental Billionaires, 2009 (Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook – Eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug)

Fincher und Sorkin (The West Wing, The Newsroom), der für sein Drehbuch einen Oscar erhielt, erzählen die Geschichte von Facebook und Mark Zuckerberg.

Rasantes dialoglastiges Drama, bei dem jeder Satz trifft und einige junge Schauspieler ihr Können zeigen können.

Mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, John Getz, Armie Hammer

Hinweise

Das Drehbuch von Aaron Sorkin

Rotten Tomatoes über „The Social Network“

Wikipedia über „The Social Network“ (deutsch, englisch)

Chasing the Frog vergleicht die Fiktion mit den Fakten

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Mezrichs „21“ (Bringing down the House, 2002)


TV-Tipp für den 26. Juli: The Social Network

Juli 26, 2014

Pro 7, 20.15

The Social Network (USA 2010, Regie: David Fincher)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Ben Mezrich: The Accidental Billionaires, 2009 (Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook – Eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug)

Fincher und Sorkin (The West Wing, The Newsroom), der für sein Drehbuch einen Oscar erhielt, erzählen die Geschichte von Facebook und Mark Zuckerberg.

Rasantes dialoglastiges Drama, bei dem jeder Satz trifft und einige junge Schauspieler ihr Können zeigen können.

Mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, John Getz, Armie Hammer

Hinweise

Das Drehbuch von Aaron Sorkin

Rotten Tomatoes über „The Social Network“

Wikipedia über „The Social Network“ (deutsch, englisch)

Chasing the Frog vergleicht die Fiktion mit den Fakten

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

David Fincher in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Mezrichs „21“ (Bringing down the House, 2002)


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