Neu im Kino/Filmkritik: „The Farewell“ – Abschiednehmen auf die chinesische Art

Dezember 20, 2019

Billi (Awkwafina, zuletzt „Jumanji: The next level“) ist eine gar nicht so untypische junge New Yorkerin. Sie hat sich gerade – erfolglos – für ein Stipendium beworben. Einen Freund hat sie nicht. Und auch kein offenkundiges Lebensziel.

Als sie erfährt, dass ihre immer noch in China lebende, über alles geliebte Großmutter todkrank ist, möchte sie sie noch einmal sehen. Ihre Eltern sind dagegen. Denn die Nai Nai (Mandarin für die Großmutter väterlicherseits) weiß nichts von ihrer Krebserkrankung. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Wochen. Chinesischen Traditionen folgend soll Nai Nai es auch nicht erfahren.

Weil Billis Eltern überzeugt sind, dass Billi vor ihrer Nai Nai das Geheimnis sofort ausplaudern wird, soll Billi nicht mit nach Changchun, einer Industriestadt in der nordöstlichen chinesischen Provinz Jilin, fahren.

Billi soll in New York bleiben, während die restliche in den USA und Japan lebenden Familienmitglieder sich auf den Weg nach Changchun machen. Der Vorwand für das seit Jahren in dieser Größe nicht mehr erfolgte Familientreffen ist die Hochzeit von Billis Cousin mit einer Japanerin.

Trotzdem fliegt Billi nach Changchun, wo sie als Überraschungsgast auftaucht und leicht ungläubig das rege Treiben betrachtet. Nai Nai (Zhao Shuzhen) bereitet resolut die Hochzeitsfeier vor. Ihre Kinder und Kindeskinder versuchen die Fassade der Fröhlichkeit aufrecht zu halten, während sie sich von Nai Nai verabschieden und in Erinnerungen schwelgen. Schließlich wissen sie, dass sie Nai Nai nach diesen Tagen nicht wieder lebendig sehen werden.

In ihrem zweiten Spielfilm erzählt Lulu Wang eine autobiographische Geschichte. Ihr alter ego Billi muss, wie Lulu Wang 2013, eine Antwort auf ihre widerstreitenden Gefühle und den Ansprüchen ihrer Familie finden. Die anderen Familienmitglieder stehen vor dem gleichen Problem. Außerdem müssen sie sich mit veränderten Traditionen arrangieren. Als Auswanderer hielten sie an Traditionen fest, die sich in China veränderten. Gleichzeitig veränderte ihr Leben im Ausland ihren Blick auf heimische Traditionen.

Das zeigt Wang sehr präzise, feinfühlig und humorvoll. Die kleinen Differenzen und auch die inneren Konflikte jeder Person werden so nachvollziehbar. Jeder schweigt und lügt über etwas anderes. Und ziemlich oft haben die anderen eine sehr gute Vorstellung, worüber geschwiegen wird und worüber sie, mit guten Absichten, belogen werden.

Diese sehr differenziert ausfallende und genau beobachtende Familienporträt bewegt sich allerdings zu nah an den Fakten der wahren Lüge entlang. Die verschiedenen Positionen zum Belügen von Nai Nai werden dargestellt, aber es wird keine Antwort gegeben. Daher gibt es am Ende auch keine Lösung für das Dilemma, vor dem Billi steht. Die letzten Filmminuten, der Abspann, die Existenz dieses Films (und die Frage, wie Nai Nai darauf reagiert) zeigen diese Unentschlossenheit noch einmal auf.

So ist „The Farewell“ nur die gelungene Beschreibung einer Situation.

Zum Ansehen empfehle ich die schlüssig zwischen Englisch und Mandarin wechselnde Originalfassung.

The Farewell (The Farewell, USA 2019)

Regie: Lulu Wang

Drehbuch: Lulu Wang

mit Shuzhen Zhao, Awkwafina, X Mayo, Lu Hong, Lin Hong, Tzi Ma, Diana Lin, Yang Xuejian, Becca Khahil

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Farewell“

Metacritic über „The Farewell“

Rotten Tomatoes über „The Farewell“

Wikipedia über „The Farewell“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Wieder in „Jumanji: The next level“ stellt neue Herausforderungen

Dezember 12, 2019

Als vor zwei Jahren „Jumanji: Welcome to the Jungle“ im Kino lief, war der Film zuerst für die Kritik und dann für den Verleih eine erfreuliche Überraschung. Denn das Reboot des Originalfilms von 1995 (mit Robin Williams) ist ein rundum unterhaltsamer Abenteuerfilm mit einer glänzend aufgelegten Besetzung. An der Kasse schlug sich der Film, dem man gegen „Star Wars: Die letzten Jedi“ nur geringe Chancen einräumte, ausgezeichnet. Am Ende spielte er eine gute Milliarde US-Dollar ein und war der fünfterfolgreichste Film des Jahres 2017.

Das sich nahtlos an den ersten Film anschließende „The next level“ zeigt die Jugendlichen aus dem ersten „Jumanji“-Film getrennt. Spencer (Alex Wolff) studiert in New York. Er kommt über die Weihnachtstage zurück in seine alte Heimat Brantford, New Hampshire. Noch bevor er seine Freunde treffen kann, muss er akzeptieren, dass sein gesundheitlich angeschlagener Großvater Eddie (Danny DeVito, großartig grummelig) in seinem Kinderzimmer schläft.

Weil Spencer nicht einschlafen kann, startet er das von ihm im Keller versteckte Jumanji-Videospiel. Eigentlich hatten er und seine Freunde nach den Erlebnissen in „Jumanji: Welcome to the Jungle“ beschlossen, das lebensgefährliche Videospiel zu zerstören. Es saugt seine Spieler in das Spiel und sie können es nur verlassen, wenn sie das Spiel erfolgreich zu Ende spielen. Wenn sie Pech haben, stecken sie für immer im Spiel fest oder sterben im Spiel.

Als Spencer am nächsten Morgen spurlos verschwunden ist, machen sich seine Freunde

Martha (Morgan Turner), Bethany (Madison Iseman) und Fridge (Ser’Darius Blain) auf den Weg zu ihm. Sie entdecken das Spiel und beschließen, ihn zu retten.

Martha, Fridge, Großvater Eddie und sein zufällig anwesender alter Geschäftspartner Milo (Danny Glover) werden in das Spiel hineingezogen.

Bethany wird nicht in das Spiel hineingezogen. Die einzige Person, die ihr helfen kann, in das Spiel zu gelangen und die ihren Freunden im Spiel helfen kann, ist Alex (Colin Hanks), der zwanzig Jahre in dem Spiel gefangen war als Flugzeugpilot Seaplane (Nick Jonas).

In dem Spiel sind die alten Avatare Dr. Smolder Bravestone (Dwayne Johnson), Dr. Shelly Oberon (Jack Black), Mouse Finbar (Kevin Hart) und Ruby Roundhouse (Karen Gillan) noch vorhanden. Weil es dieses Mal mehr Spieler als im ersten Film gibt, gibt es auch neue Avatare, wie Spencers Avatar Ming (Awkwafina), und nicht jeder Spieler hat seinen alten Avatar. Dr. Bravestone ist jetzt der Avatar von Eddie, Dr. Oberon von Fridge, Finbar von Milo und Roundhouse wieder von Martha. Die besonderen Fähigkeiten und Schwächen haben sich teilweise geändert. Aber, keine Panik, Dr. Bravestone hat immer noch seinen unwiderstehlichen Blick und Ruby Roundhouse ist immer noch eine außergewöhnlich gute Kämpferin mit atemberaubender Beinarbeit.

Die Erfahrungen aus dem letzten Spiel können sie im aktuellen Spiel nur sehr begrenzt verwenden. Denn in „The next level“ startet ein neues Spiel mit neuen Aufgaben, Gefahren und Welten. Auch die Aufgabe, die sie lösen müssen, ist neu.

Jurgen the Brutal (Rory McCann) hat das riesige lebensspendende Falkenjuwel geklaut und bringt es in seine in den Bergen liegende Burg. Dr. Bravestone, Dr. Oberon, Finbar und Roundhouse sollen das Falkenjuwel zurückstehlen. Wenn es ihnen nicht gelingt, wird Jumanji untergehen.

Auf ihrer Jagd nach Jurgen the Brutal und dem Juwel geht es von Level zu Level schwuppdiwupp vom Dschungel in die Wüste in verschneite Berge. Gezeigt wird eine Steampunk-Fantasiewelt, die mühelos Mittelalter- und Orient-Fantasievorstellungen mit Fahrzeugen aus dem nächsten „Mad Max“-Film verbindet. Aber den Machern gelingt es, auch durch die Struktur des doch ziemlich einfachen „Jumanji“-Spiels, dass mich das nicht sonderlich störte.

Störender sind dagegen die in vielen Actionszenen überhand nehmenden Computereffekte. Sie sind der schwächste Teil des Films. Dafür ist das Spiel der gut aufgelegten Schauspieler – so muss Dwayne Johnson Danny DeVito channeln – immer vergnüglich.

Jumanji: The next level“ ist ein kurzweiliger Abenteuerfilm mit viel Situationskomik, Sprüchen und Action, der beim Weitererzählen der Geschichte von „Welcome to the Jungle“ die richtige Balance zwischen Bewahrung und Innovation findet.

Außerdem kommt Jake Kasdans Abenteuerkomödie nicht mit dem ganzen mythischen Ballast und den hohen Erwartungen des neuen „Star Wars“-Films, in dem das Ende einer vor Jahrzehnten begonnenen Geschichte erzählt werden soll. „Jumanji: The next level“ ist dagegen nur das neue Level in einem Computerspiel. Am dritten Level, so heißt es, wird bereits gearbeitet.

Jumanji: The next level (Jumanji: The next level, USA 2019)

Regie: Jake Kasdan

Drehbuch: Jake Kasdan, Jeff Pinkner, Scott Rosenberg (basierend auf Chris Van Allsburgs „Jumanji“)

mit Dwayne Johnson, Jack Black, Karen Gillan, Kevin Hart, Nick Jonas, Awkwafina, Alex Wolff, Morgan Turner, Madison Iseman, Ser’Darius Blain, Danny DeVito, Danny Glover, Marin Hinkle, Colin Hanks, Rory McCann

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Jumanji: The next level“

Metacritic über „Jumanji: The next level“

Rotten Tomatoes über „Jumanji: The next level“

Wikipedia über „Jumanji: The next level“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jake Kasdans „Sex Tape“ (Sex Tape, USA 2014)

Meine Besprechung von Jake Kasdans „Jumanji: Willkommen im Dschungel“ (Jumanji: Welcome to the Jungle, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist das böse Geheimnis von „Paradise Hills“?

August 30, 2019

Paradise Hills ist eine im Mittelmeer liegende Wohlfühloase, in die reiche Eltern ihre renitenten Töchter schicken. Dort soll ihnen innerhalb von zwei Monaten bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit hin zur perfekten Frau geholfen werden. Der Erfolg sei garantiert. Das erzählt jedenfalls die Herzogin, wie sich die Leiterin der Anstalt nennt, ihrem jüngsten Gast Uma.

Uma wurde, wie die anderen Gäste, betäubt und ohne ihr Wissen auf die Insel gebracht. Bei Uma wurde der Aufenthalt von ihren Eltern und ihrem künftigen Mann, den sie nicht heiraten will, veranlasst. Er ist ein reicher Schnösel mit konservativen Familienvorstellungen.

Genreaficionado werden jetzt „The Stepford Wives“ brüllen und sich fragen, wie hier die Anpassung von Frauen an das konservative Idealbild von Frau und Familie erzählt wird.

Zunächst gestaltet sich der Aufenthalt von Uma, bis auf kleine Irritationen, harmlos. Sie und ihre neuen Freundinnen, die ebenfalls ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen auf die Insel gebracht wurden, genießen die Ruhe und die wenigen festen Termine. In den wunderschönen mediterranen Gemächern dürfen sie lustwandeln. Sie dürfen nur die Insel nicht verlassen. Sie müssen weiße Kleider tragen, die sich gut für das nächste Cosplay eignen. Ihnen werden Kurse angeboten und sie müssen der Herzogin Dinge über ihr Leben erzählen, während sie in ein Gerät blicken. Das ist mehr ein Aufenthalt in einem Nobelhotel als ein Umerziehungslager, in dem nach einem festen Stundenplan das Leben der Frauen auf den Kopf gestellt wird.

Optisch erinnert das in seiner Ereignislosigkeit an einen Softporno aus den siebziger Jahren, in denen schöne Frauen endlos durch historische Gänge wandelten. Nur dass in „Paradise Hills“ alles besser aussieht und die Sexszenen fehlen.

Dass hinter dieser harmlosen Kulisse nichts harmlos ist, ist klar. Auch wenn lange unklar ist, wie die Kurse, Gespräche und eine eigentümliche Psychofolter auf einem Holzpferd das Wesen der Frauen verändern können.

Alice Waddington erzählt in ihrem Debütspielfilm „Paradise Hills“ Umas Geschichte mit spürbarer Lust am Erkunden der Architektur des Ortes – gedreht wurde in Katalonien und auf den Kanarischen Inseln -, und der kunstvoll eklektisch aus verschiedenen Jahrhunderten zusammengestellten Kostüme. Sie beobachtet die jungen Frauen beim entspannten Lustwandeln auf der Insel, zwischen den Blumen und in dem Anwesen, ohne dass die Geschichte in der ersten Stunde erkennbar auf ein Ende zusteuert.

Erst im letzten Drittel, wenn Uma im Keller des Anwesens das Geheimnis von Paradise Hills entdeckt, wird es spannend und auch sehr frustrierend. Letztendlich werden mehrere Erklärungen präsentiert, die sich widersprechen. In diesen Minuten wird auch deutlich, dass Waddingtons Talent nicht im Inszenieren von Actionszenen liegt.

So ist „Paradise Hills“ ein optisch überzeugender, eklektischer, sehr sanfter Horrorfilm mit einem enttäuschendem Finale.

Paradise Hills (Paradise Hills, USA/Spanien 2019)

Regie: Alice Waddington

Drehbuch: Brian DeLeeuw, Nacho Vigalondo (nach einer Geschichte von Alice Waddington)

mit Eiza González, Awkwafina, Milla Jovovich, Emma Roberts, Jeremy Irvine, Danielle Macdonald, Liliana Cabal, Arnaud Valois, Hunter Tremayne

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paradise Hills“

Metacritic über „Paradise Hills“

Rotten Tomatoes über „Paradise Hills“

Wikipedia über „Paradise Hills“

Ein Q&A auf dem Sundance Festival, nach der Weltpremiere


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