Neu im Kino/Filmkritik: „Die Farbe des Horizonts“ – der neue Survival-Film von Baltasar Kormákur

Juli 13, 2018

Baltasar Kormákurs neuer Film „Die Farbe des Horizonts“ beginnt mit einer minutenlangen Einstellung, in der die aus einer langen Ohnmacht erwachte und verletzte Tami Oldham (Shailene Woodley) sich langsam auf dem 13 Meter langen Segelschiff „Hazana“ orientiert. Nachdem das Boot in einen Hurrikan geriet, ist es letztendlich ein Wrack und ihr Begleiter Richard Sharp (Sam Claflin) ist über Bord gegangen. Später entdeckt sie ihn, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, im Pazifik und sie zerrt ihn auf die „Hazana“. Aber eine große Hilfe ist er nicht. Der Schwerverletzte kann ihr nur etwas geistigen Beistand liefern. Und den hat Tami bitter nötig. Denn im Gegensatz zu Richard, der ein erfahrener Segler ist, hat sie erst mit dem Segeln begonnen, nachdem sie ihn vor fünf Monaten getroffen hat.

Die Kalifornierin Tami reiste in den frühen Achtzigern als Rucksacktouristin ziellos durch die Welt. Auf Tahiti trifft sie 1983 den charismatischen Engländer Richard Sharp. Er erzählt ihr von seiner niemals endenden Fahrt über die Weltmeere. Sie verlieben sich ineinander, er bringt ihr das Segeln bei und sie verloben sich. Denn Richard ist, davon ist Tami überzeugt, ihre große Liebe.

Als sie auf der Insel ein wohlhabendes, mit Richard befreundetes Ehepaar treffen, bieten sie ihnen an, die „Hazana“ nach San Diego zu überführen. Für den Gefallen würden sie ihnen 10.000 Dollar und zwei Rückflugtickets geben.

Tami und Richard sind einverstanden. Gemeinsam machen sie sich auf ihren ersten gemeinsamen langen Törn, der mitten im Pazifik, zweitausend Seemeilen vom nächsten Festland entfernt, zu einem Kampf ums Überleben wird.

Nach „The Deep“ (ein Mann schwimmt zum nächsten Ufer) und „Everest“ (eine Männergruppe besteigt einen Berg) inszenierte Baltasar Kormákur wieder ein auf Tatsachen basierendes, packendes Survival-Drama, das dieses Mal auch eine Liebesgeschichte ist. Er erzählt sie indem er zwischen der Gegenwart, dem eigentlich hoffnungslosen Kampf der Schiffbrüchigen ums Überleben auf hoher See, und Tamis Erinnerungen an ihre glücklichen Tage mit Richard hin und her pendelt. Am Ende führt Kormákur diese beiden Zeitebenen (und Filmstile) so zusammen, dass die von ihm gewählte nicht chronologische Erzählweise als erzählerische Notwendigkeit erscheint. Es ist kein Gimmick, um die doch sehr vorhersehbare Geschichte interessanter und weniger schmalzig zu gestalten. Stattdessen gibt es ein von der ersten Minute das Interesse wachhaltendes Wechselspiel zwischen verklärenden Erinnerungen, die auch in einer Südsee-Schmonzette nicht negativ auffallen würden, und der rauen Gegenwart, in der Tami über vierzig Tage um ihr Überleben kämpft in einem seeuntüchtig dahintreibendem, sich nur mühsam in Richtung rettendes Ufer bewegendem Schiffswrack. Richard selbst bezeichnet sich einmal als „totes Gewicht“, das nur die wenigen noch vorhandenen Lebensmittel, die Tami viel nötiger braucht, auf isst.

Und Tami tut, wie der namenlose, von Robert Redford gespielte Segler in dem sehenswerten Ein-Personen-Stück „All is Lost“ (das auch fast ein Stummfilm ist), alles, um das Boot seetüchtig zu halten und ein rettendes Ufer zu erreichen. Denn Hilfe ist, ohne funktionierendes Funkgerät und abseits der befahrenen Schiffsrouten, nicht zu erwarten.

Immerhin hat Tami jemand, mit dem sie reden kann, und ihre Erinnerungen, die angesichts der ersten Filmminuten schon schal wirken.

Die Farbe des Horizonts (Adrift, USA 2018)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Aaron Kandell, Jordan Kandell, Davd Branson Smith

LV: Tami Oldham Ashcraft, Susea McGearhart: Red Sky In Mourning: A True Story Of Love, Loss And Survival At Sea, 2002 (Self-publishing 1998)

mit Shailene Woodley, Sam Claflin, Grace Palmer, Jeffrey Thomas, Elizabeth Hawthorne

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Farbe des Horizonts“

Metacritic über „Die Farbe des Horizonts“

Rotten Tomatoes über „Die Farbe des Horizonts“

Wikipedia über „Die Farbe des Horizonts“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood: Wer gewinnt „Die Farbe des Horizonts“? (Achtung: auf der Suche nach der Wahrheit werden wichtige Plotelemente verraten)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “Contraband” (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “2 Guns” (2 Guns, USA 2013)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Everest“ (Everest,USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Der Eid“ (Eidurinn, Island 2016)

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TV-Tipp für den 10. August: Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung

August 10, 2017

3sat, 22.25

Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung (Island 2008, Regie: Óskar Jónasson)

Drehbuch: Arnaldur Indridason, Óskar Jónasson

Der Schmuggler und Familienvater Kristófer, auf Bewährung draußen, will, obwohl er finanziell kaum über die Runden kommt, ehrlich bleiben. Aber für seine Familie lässt er sich auf eine letzte Schmuggeltour ein.

„Isländischer Kriminalfilm, der trockenen Humor mit rasanten Actionszenen verbindet.“ (Lexikon des internationalen Films)

Für das gelungene US-Remake „Contraband“ übernahm Hauptdarsteller Baltasar Kormákur die Regie und Mark Wahlberg die Hauptrolle. Einige der unglaublichsten Szenen des Remakes sind schon im deutlich vom US-Gangsterthriller beeinflussten Original, das einen kräftigen Schluck aus der Kaurismäki-Pulle genommen hat.

Insgesamt wirkt „Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ wie die Skizze für „Contraband“.

mit Baltasar Kormákur, Ingvar Eggert Sigurdsson, Kilja Nótt Thórarinsdóttir

Hinweise

Schwedenkrimi über Arnaldur Indridason

Meine Besprechung des Remakes „Contraband“


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Eid“ – Eiskalter Noir aus Island

Februar 9, 2017

Nach mehreren US-Filmen ist „Everest“-Regisseur Baltasar Kormákur jetzt wieder nach Island zurückgekehrt mit dem eiskalten Noir „Der Eid“ und der TV-Serie „Trapped – Gefangen in Island“, die bei uns ab Sonntag, den 19. Februar, um 22.00 Uhr im ZDF läuft.

Der Eid“ läuft im Kino mit Baltasar Kormákur in der Hauptrolle. Er spielt Finnur, einen glücklich verheirateten Vater und bei seinen Kollegen respektierten Herzchirurgen. Allerdings bereitet ihm seine volljährige Tochter Anna schlaflose Nächte. Anstatt brav zu studieren, feiert sie lieber und konsumiert Drogen bis der Notarzt kommt. Ihr neuer Freund Ottar ist auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein Verbrecher, der mit Drogenhandel einen gehobenen Lebensstil pflegt. Selbstverständlich möchte Finnur, dass Anna die Beziehung zu Ottar beendet. Aber sie denkt nicht dran. Ottar sei ihre große Liebe und auch Ottar will sie nicht verlassen.

Als Finnur in Ottars Wohnung Drogen findet, informiert er die Polizei. Die nimmt, weil der Besitzer der Drogen unklar ist, Ottar allerdings nicht fest. Sie beschlagnahmt die Drogen. Ottar, der durch eine Nachbarin erfährt, dass Finnur bei ihm eingedrungen ist, beginnt Finnur zu erpressen.

Und Finnur beginnt zu überlegen, wie er den Freund seiner Tochter endgültig aus dem Weg schaffen kann. Dabei spielt der titelgebende Hippokratische Eid eine Rolle.

Der Eid“ ist ein ruhiger, nordisch unterkühlt erzählter Noir, der sich im winterlichen Reykjavik und dem menschenleeren Umland mahlstromartig zu seinem erwartbaren Ende entwickelt. Kormákur folgt schnörkellos den bekannten Erzählkonventionen. Die kleinen Variationen und Überraschungen liegen dabei mehr in Finnurs als in Ottars Handlungen. Ottar ist nämlich der typische Kriminelle, der es gewohnt ist, mit Erpressung und Gewalt seinen Willen durchzusetzen. Auch der zunehmend handgreiflich ausgetragene Kampf zwischen Finnur und Ottar, bei dem nur einer gewinnen kann, folgt dem bekannten Eskalationsprinzip.

Dabei sollte Finnur doch eigentlich intelligent genug sein, um Ottar ohne Gewalt zu besiegen. Das wäre natürlich ein anderer Film, aber auch ein Film, den wir viel zu selten sehen und der aus „Der Eid“ mehr als ein Selbstjustizdrama vor ungewohnter Kulisse gemacht hätte.

der-eid-plakat

Der Eid (Eidurinn, Island 2016)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Ólafur Egill Egilsson, Baltasar Kormákur

mit Baltasar Kormákur, Hera Hilmer, Gisli Örn Gardarsson, Ingvar Eggert Sigurdsson

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Eid“

Rotten Tomatoes über „Der Eid“

Wikipedia über „Der Eid“

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “Contraband” (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “2 Guns” (2 Guns, USA 2013)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Everest“ (Everest,USA/Großbritannien 2015)


TV-Tipp für den 21. März: Contraband

März 21, 2016

ZDF, 22.15

Contraband (Contraband, USA 2012)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Aaron Guzikowski (nach dem Drehbuch zu „Reykjavik – Rotterdam“ von Arnaldur Indridason und Óskar Jónasson)

New Orleans: Weil sein Schwager Mist gebaut hat, muss Ex-Schmuggler Chris Farraday (Mark Wahlberg) wieder ein großes Ding durchziehen. Dieses Mal geht es um den Schmuggel von Falschgeld aus Panama in die USA.

Das gelungene Remake von „Reykjavik – Rotterdam“ ist ein ökonomisch erzählter Gangsterthriller. Für Baltasar Kormákur war es sein gelungener Einstand in Hollywood. Zuletzt drehte er „Everest“.

Hier geht’s zu meiner ausführlichen Besprechung.

mit Mark Wahlberg, Kate Beckinsale, Ben Foster, Giovanni Ribisi, Lukas Haas, Caleb Landry Jones, Diego Luna, J.K. Simmons, Robert Wahlberg, William Lucking

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Contraband“

Rotten Tomatoes über „Contraband“

Wikipedia über „Contraband“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Baltasa Kormákur über „Contraband“

Schwedenkrimi über Arnaldur Indridason

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “Contraband” (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “2 Guns” (2 Guns, USA 2013)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Everest“ (Everest,USA/Großbritannien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Everest“, wir Touris kommen!

September 17, 2015

Lange Jahre war der Mount Everest, der erst am 29. Mai 1953 von Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay erstmals bestiegen wurde, ein Berg für wenige, ausgezeichnete Bergsteiger. Bis dann, ab Ende der achtziger Jahre, kommerzielle Besteigungen organisiert wurden. Bei ihnen gelangten auch unerfahrene Bergsteiger auf den Gipfel. 1996 kam es zu einer Katastrophe, bei der innerhalb weniger Stunden acht Bergsteiger starben – und wenn ihr schon jetzt wissen wollt, was damals genau geschah und wer überlebte, kann es hier nachlesen. Einige werden auch Jon Krakauers Sachbuch-Bestseller „In eisige Höhen – Das Drama am Mount Everest“ (Into thin Air: A Personal Account of the Mt. Everest Disaster, 1997) gelesen haben. Krakauer war bei der Besteigung als Journalist dabei. Im Film wird er von Michael Kelly gespielt. Auch andere Überlebende schrieben Bücher darüber, die allerdings nicht so bekannt sind.
Aber auch wenn man die Geschichte kennt, wird man wohl gefesselt von Baltasar Kormákurs Bergsteiger-Drama „Everest“ (das man sich auch in 3D im IMAX ansehen kann) sein. Mit einer großen Besetzung – Jason Clarke, Josh Brolin, Jake Gyllenhaal, John Hawkes (eher ein Indie-Liebling) in den Hauptrollen, Sam Worthington und Emily Watson in wichtigen Nebenrollen, Keira Knightley und Robin Wright als zu Hause sitzende Bergsteigerfrauen – und einem Blick auf die fotogene Bergwelt (es wurde in Nepal und in den italienischen Alpen, im Val Senales und auf dem Senales-Gletscher, gedreht) erzählt Kormákur seinen Katastrophenfilm klassisch und chronologisch die Geschichte. Beginnend von der Ankunft der Bergsteiger in Kathmandu, über die Einführung des erfahrenen und sicherheitsbedachten „Adventure Consultans“-Bergsteigers Rob Hall (Jason Clarke) über die Gefahren des Berges, den ersten Erfahrungen der zahlenden Kunden (die alle ein kleines Vermögen für das Abenteuer ausgeben) am Berg und schließlich, zusammen mit der von Scott Fischer (Jake Gyllenhaal) geführten Gruppe seines Unternehmens „Mountain Madness“, am 10. Mai 1996 dem Aufstieg zum Gipfel. Insgesamt wollten an diesem Tag innerhalb weniger Stunden 34 Bergsteiger den Gipfel erreichen. Schon die letzte Etappe war, wegen des Wetters, problematisch. Der Abstieg, der in der zweiten Hälfte des Films geschildert wird, endet dann in der bekannten Katastrophe.
Baltasar Kormákur („The Deep“, „Contraband“, „2 Guns“) erfindet zwar den Bergsteigerfilm nicht neu, aber das wollte er auch nie. Er will nur, ohne Schuldzuweisungen und ohne eine eindeutige Position zu beziehen, die Geschichte einer angekündigten Katastrophe, die aus einer fatalen Mischung aus Gutwilligkeit, Überschätzung, Egoismus und Dummheit geschah, schildern. Denn nur weil ein Berg da ist, sollte nicht jeder auf ihn draufsteigen dürfen.
Das in „Everest“ geschilderte Unglück führte allerdings nicht zu einem Ende des Mount-Everest-Tourismus. Die Bergsteiger, die die Touren anboten, verbesserten ihre Gefahreneinschätzungen. So sagt Guy Cotter, Key Alpine Advisor des Films, der damals ebenfalls für „Adventure Consultans“ dabei war, seitdem Chef der Firma ist und von Sam Worthington gespielt wird: „Für uns als Große-Höhen-Bergführer-Bruderschaft waren die Ereignisse von 1996 sehr lehrreich. Wir haben uns anschließend viele Fragen gestellt, wie wir verhindern können, dass so etwas noch einmal passiert. Ich glaube, dass wir als Industrie, wenn man so will, davon erwachsen geworden sind. Rob [Hall] war definitiv auf seinem Höhepunkt, aber es war noch sehr früh in der Entwicklung des Bergführens in großen Höhen und manchmal überleben die Pioniere die Entdeckung der Parameter ihrer Umgebung nicht.“
Die Ausrüstung wurde besser und jetzt hinterlassen noch mehr Menschen ihren Müll auf dem Weg zum und auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt.
Zum Glück können wir das im gut klimatisierten Kinosaal tun. Denn, seien wir ehrlich, viel näher werden wir dem Mount Everest niemals kommen.

Everest - Plakat

Everest (3D) (Everest, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: William Nicholson, Simon Beaufoy
mit Jason Clarke, Josh Brolin, John Hawkes, Emily Watson, Jake Gyllenhaal, Martin Henderson, Michael Kelly, Keira Knightley, Sam Worthington, Ingvar E. Sigurdsson, Elizabeth Debicki, Thomas M. Wright, Naoko Mori, Robin Wright
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Everest“
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Rotten Tomatoes über „Everest“
Wikipedia über „Everest“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Everest“

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “Contraband” (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „2 Guns“ (2 Guns, USA 2013)


TV-Tipp für den 2. September: Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung

September 2, 2015

EinsPlus, 22.15

Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung (Island 2008, Regie: Óskar Jónasson)

Drehbuch: Arnaldur Indridason, Óskar Jónasson

Der Schmuggler und Familienvater Kristófer, auf Bewährung draußen, will, obwohl er finanziell kaum über die Runden kommt, ehrlich bleiben. Aber für seine Familie lässt er sich auf eine letzte Schmuggeltour ein.

„Isländischer Kriminalfilm, der trockenen Humor mit rasanten Actionszenen verbindet.“ (Lexikon des internationalen Films)

Für das gelungene US-Remake „Contraband“ übernahm Hauptdarsteller Baltasar Kormákur die Regie und Mark Wahlberg die Hauptrolle.

Heute hat mein eine der seltenen Gelegenheiten, sich das Original anzusehen – und man kann überrascht feststellen, dass einige der unglaublichsten Szenen schon im deutlich vom US-Gangsterthriller beeinflussten Original, das einen kräftigen Schluck aus der Kaurismäki-Pulle genommen hat, drin waren.

„Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ wirkt wie die Skizze für „Contraband“.

mit Baltasar Kormákur, Ingvar Eggert Sigurdsson, Kilja Nótt Thórarinsdóttir

Wiederholung: Donnerstag, 3. September, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Schwedenkrimi über Arnaldur Indridason

Meine Besprechung des Remakes „Contraband“


Neu im Kino/Filmkritik: „2 Guns“ ballern sich durch das mexikanisch-amerikanische Grenzgebiet

September 27, 2013

 

Als sich Bobby Trench (Denzel Washington) und Michael ‚Stig‘ Stigman (Mark Wahlberg) kennen lernen, halten sie sich für Gangster. Aber sie sind beide Undercover-Agenten. Trench für die DEA (Drug Enforcement Agency), Stigman für das Office of Naval Intelligence, also den Marinenachrichtendienst – und als sie das erfahren, sitzen sie bereits gewaltig in der Scheiße. Denn ihre Vorgesetzten, die CIA und ein mexikanisches Drogensyndikat wollen die 43 Millionen US-Dollar, die sie aus einer kleinen Provinzbank klauten. Gerechnet hatten sie mit drei Millionen, die dem Drogenbaron gehören, den sie überführen sollen. Notgedrungen arbeiten die beiden gegensätzlichen Männer zusammen.

Viel mehr muss man über die Geschichte von „2 Guns“, dem neuen Action-Vehikel von Denzel Washington und Mark Wahlberg nicht wissen. Denn die beiden stürzen sich lustvoll in die leicht chaotische Story von Verrat, Gegenverrat und Gegengegenverrat, die sie nie so richtig überblicken. Aber alle wollen die Millionen haben. Mit allen Mitteln.

Baltasar Kormákur, der mit Mark Wahlberg bereits den gelungenen Gangsterkrimi „Contraband“ inszenierte, erzählt diese Geschichte mit reichlich Action und Humor. „2 Guns“ ist halt ein kurzweiliges Action-Buddymovie irgendwo zwischen Western und „Lethal Weapon“, das an viele andere Filme erinnert. John Flynns düsterer „Der Mann mit der Stahlkralle“ (Rolling Thunder) und Christopher McQuarries „The Way of the Gun“, die ebenfalls mit einer blutigen Schießerei in Mexiko enden, oder John Herzfelds unterschätzte Don-Winslow-Verfilmung „Kill Bobby Z“, in dem Polizisten und Drogenschmuggler sich gegenseitig aufs Kreuz legen, fallen einem spontan ein. Der wichtigste Einfluss sind unübersehbar die Filme von Sam Peckinpah und Walter Hill, vor allem „The Wild Bunch“ und „Ausgelöscht“ (Extreme Prejudice), dessen Shoutout am Ende eine Hommage an das Ende von „The Wild Bunch“ ist.

2 Guns“ könnte fast, auch wegen der vielen Ähnlichkeiten in der Geschichte, eine Hommage an „Ausgelöscht“, gekreuzt mit „Der große Coup“ (Charley Varrick), sein. Aber dafür ist das bleihaltige und explosive Ende in Mexiko dann doch zu hastig zusammengeschnitten und Kormákur verzichtet auf den bitter-melancholischen Subtext und auf die ruhigen Momente, die die Filme von Sam Peckinpah und Walter Hill zu etwas Besonderem machen. So ging Peckinpahs „The Wild Bunch“ zwar wegen seiner Gewalttätigkeit in die Filmgeschichte ein, aber zum Kultfilm wurde er wegen seiner ruhigen Momente, in denen wir die Charaktere kennen lernen, die wissen, dass ihr Ethos aus dem vorherigen Jahrhundert ist. Deshalb fühlen wir mit ihnen, wenn diese Dinosaurier am Ende in ihr letzte Gefecht ziehen.

2 Guns“ hat, im Gegensatz zu „Contraband“, genau diese ruhigen Momente nicht. Es ist nur noch actionhaltige Große-Jungs-Unterhaltung mit einer ordentlichen Portion One-Liner. Das macht Spaß, ist auch kurzweilig, aber letztendlich auch langweilig. Denn Trench und Stig vermitteln nie den Eindruck, dass für sie wirklich etwas auf dem Spiel steht und dass sie Angst haben, etwas zu verlieren.

Außerdem erzählt Kormákur die gesamte Geschichte in dem immergleichen lauten Ton, der seinen Charakteren und der Geschichte nie die Luft zum Atmen lässt. Denn anstatt die vielen Fragen und Themen, wie Loyalität, Freundschaft, Verrat, Korruption und Regierungskriminalität, die in „2 Guns“ angesprochen werden, auch nur halbwegs zu vertiefen, gibt es einfach den nächsten dummen Spruch von Plappermaul Stig und den nächsten Schusswechsel. Wie in „Lethal Weapon“. Allerdings dieses Mal im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet.

Aber während die „Lethal Weapon“-Filme niemals mehr als laute Actionkomödien sein wollten, hätte „2 Guns“ mehr als ein vergnüglicher Mix aus den Actionfilmen der letzten Jahrzehnte sein können.

2 Guns - Plakat

2 Guns (2 Guns, USA 2013)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Blake Masters

LV: Steven Grant/Mateus Santolouco: 2 Guns, 2008 (Comic)

mit Denzel Washington, Mark Wahlberg, Paula Patton, Bill Paxton, James Marsden, Fred Ward, Edward James Olmos, Robert John Burke, Patrick Fischler

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „2 Guns“

Moviepilot über „2 Guns“

Metacritic über „2 Guns“

Rotten Tomatoes über „2 Guns“

Wikipedia über „2 Guns“

Homepage von Steven Grant

Huffington Post: Interview mit Baltasar Kormakur über „2 Guns“ (31. Juli 2013)

Man Cave Daily: Steven Grant über die Filme, die seinen Comic „2 Guns“ beeinflussten (29. Juli 2013 – bis auf „Der große Coup“ [Charley Varrick] eine eher erstaunliche Liste)

Meine Besprechung von Baltasár Kormakurs „Contraband“ (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Grants „CSI: Geheimidentität“ (Secret Identity, 2005 – Comic)

 

 

 


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