TV-Tipp für den 27. März (und DVD-Kritik): Der gleiche Himmel – Teil 1

März 26, 2017

ZDF, 20.15 (Nachtwiederholung um 02.30 Uhr)

Der gleiche Himmel – Teil 1 (Deutschland 2017)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Paula Milne

Berlin, 1974: Lars Weber (Tom Schilling) wird von der Stasi als Romeo-Agent nach West-Berlin geschickt. Er soll die vierzigjährige Alleinerziehende Lauren Faber (Sofia Helin, „Die Brücke“) verführen und wichtige Informationen über ihre Arbeit entlocken. Sie arbeitet als Analystin in der britisch-amerikanischen Abhörstation auf dem Teufelsberg.

Als sie in der Mitte der zweiten von drei Episoden einen tödlichen Schlaganfall hat, wird Webers Zielobjekt geändert. Jetzt soll er die ebenfalls auf dem Teufelsberg arbeitende US-Amerikanerin Sabine Cutter (Friederike Becht) verführen. Aber er und seine Auftraggeber ahnen nicht, wer Sabine Cutter ist.

Wir als Zuschauer haben dagegen schon ziemlich früh eine ziemlich genau Vorstellung davon und den entstehenden Konflikten, wenn Weber, Cutter und alle anderen das entdecken.

Der gleiche Himmel“ ist eine Mischung aus Event-Produktion und Miniserie, je nach Rechnung als Dreiteiler (3 x 90 Minuten, im TV und auf DVD) oder als Sechsteiler (6 x 45 Minuten auf dem internationalen Markt und bei Netflix), deren Geschichte nach viereinhalb Stunden mitten in der Geschichte abbricht. Als habe man bei einem Agatha-Christie-Krimi nach dem Auffinden der Leiche oder eine Seite vor der Versammlung der Verdächtigen in einem Zimmer aufgehört; – oder, nein, weil „Der gleiche Himmel“ seine Geschichte sehr offen erzählt, wie ein James-Bond-Film, der nach der ersten Begegnung von James Bond mit dem Bösewicht einfach aufhört mit dem Kommentar: „Ach, eigentlich könnt ihr euch den Rest denken.“

Dieses offene Ende ist eine bodenlose Frechheit.

Der Weg bis zum Ende ist dabei gar nicht so schlecht. Oliver Hirschbiegel erzählt betulich eine Agentengeschichte mit viel Zeitkolorit und, immerhin muss die Geschichte auf 270 Minuten gestreckt werden und es werden nur die Fundamente für kommende Konflikte gelegt, vielen, vielen Nebengeschichten, die mit dem Auftrag von Lars Weber nichts zu tun haben und dessen Geschichte immer wieder in den Hintergrund verdrängen. Dafür ist Webers ganze Ostfamilie in verschiedene Geschichten verwickelt, die ein Best-of-DDR sind: es geht um Homosexualität, um den Bau eines Fluchttunnels (am Ende gibt es die Idee für eine andere Möglichkeit der Republikflucht), um eine potentielle Teilnehmerin an der Schwimmolympiade und damit verbundenes Doping, um Spitzelgeschichten, Verhöre im Stasi-Knast Hohenschönhausen und regimekonformen Schulunterricht. Alles das ist nicht uninteressant, aber für den Hauptplot überflüssig. Auch weil bis zum Ende der ersten Staffel (das ist die nicht offen ausgesprochene Idee der Macher) kein sich konflikthaft befruchtendes Verhältnis zwischen den Geschichten vorhanden ist.

Die Schauspieler holen oft Facetten aus den Rollen heraus, die die reinen Dialoge so nicht hergeben. Das gilt, zum Beispiel, für Ben Becker als Führungsoffizier von Lars Weber, der leicht zu einem kettenrauchendem Hardboiled-Proll-Klischeedetektiv hätte werden können. Er bringt auch etwas Humor in den gleichen Himmel. Oder für Jörg Schüttauf, der sein Leben lang für den Sozialismus kämpfte und dafür sein Umfeld ausspäht und ausspähen lässt. Oder für Anja Kling als vom Ehrgeiz zerfressene Mutter einer potentiellen Olympia-Teilnehmerin, die alles tun würde, damit ihre Tochter ihren Traum erfüllt – und sie die größere Wohnung bekommt.

Das wird durchgehend grundsolide präsentiert, aber mit einem Ende, das als Ende einer Miniserie in keinster Weise akzeptabel ist. Dass in der ZDF-Fassung am Ende in Schrifteinblendungen, die in der DVD-Fassung fehlen, die Geschichte weitererzählt wird, macht es nur noch schlimmer.

Das ZDF zeigt den zweiten Teil am Mittwoch, den 29. März, um 20.15 Uhr (Nachtwiederholung um 01.30 Uhr) und den dritten Teil am Donnerstag, den 30. März, ebenfalls um 20.15 Uhr (Nachtwiederholung am Samstag, den 1. April, um 02.15 Uhr [Taggenau!]) .

Polyband veröffentlicht die DVD am Freitag, den 31. März. Als Bonusmaterial gibt es ein „Making of“ (9:11 Minuten), das Featurette „Die Musik zu ‚Der gleiche Himmel’“ (4:47 Minuten), „Interviews mit den Darstellern Tom Schilling, Friederike Becht und Sofia Helin“ (7:26 Minuten) und ein „Interview mit Autorin Paula Milne“ (9:52 Minuten). Sie sind fast auch online, z. B. auf der ZDF-Homepage, verfügbar und eher oberflächlich in dem erwartbaren Promo-Rahmen. Wobei das Interview mit Paula Milne etwas aus dem Rahmen fällt, weil Drehbuchautorinnen normalerweise nicht befragt werden. Mit Oliver Hirschbiegel wurde dagegen, obwohl er im „Making of“ und dem Musik-Featurette dabei ist, anscheinend kein längeres Interview geführt.

mit Tom Schilling, Friederike Becht, Sofia Helin, Ben Becker, Claudia Michelsen, Anja Kling, Stephanie Amarell, Muriel Wimmer, Jörg Schüttauf, Godehard Giese, Jascha Rust, Hannes Wegener, Steffi Kühnert, Daniel Zillmann

DVD (erhältich ab dem 31. März)

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Making of, Die Musik zu „Der gleiche Himmel“, Interviews mit den Darstellern Tom Schilling, Friederike Becht und Sofia Helin, Interview mit Autorin Paula Milne

Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

ZDF über „Der gleiche Himmel“

Moviepilot über „Der gleiche Himmel“

Wikipedia über „Der gleiche Himmel“ (deutsch, englisch)

Variety unterhält sich mit Oliver Hirschbiegel über die Serie

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

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TV-Tipp für den 28. April: Cinema Perverso

April 28, 2016

RBB, 22.45
Cinema Perverso (Deutschland 2015, Regie: Oliver Schwehm)
Drehbuch: Oliver Schwehm
Kurzweilige, wenn auch nicht sonderlich tiefgründige einstündige Doku über die Bahnhofskinos, die heute nur noch (falls überhaupt) als Abspielstätte für schlechte Filme irgendwo zwischen Horror, Gewalt und Sex bekannt sind. Einige Filme haben immerhin einen gewissen Kultstatus und, ja, „Cinema Perverso“ macht Lust darauf, sich einige dieser Trash-Perlen wieder (?) anzusehen.
Dabei war das mit den Bahnhofskinos (bzw. den Bahnhofslichtspielen oder, abgekürzt, Bali) als erweiterter Warteraum für Reisende mal anders gedacht und in diesen Momenten wird die Doku zu einer kleinen Geschichte der BRD.
Mit Jörg Buttgereit, Uwe Boll, Ben Becker, Mechthild Großmann, Wolfgang Niedecken, Christian Anders, René Weller
Hinweise
Arte über „Cinema Perverso“
Lunabeach TV über „Cinema Perverso“ (dort gibt es Infos zur DVD, den Trailer und Bilder)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Jungle Book“ – neue Version aus dem Haus Disney

April 14, 2016

Natürlich kennen wir „Das Dschungelbuch“. Wenn wir nicht die Geschichtensammlung von Rudyard Kipling (eigentlich sind es zwei Geschichtensammlungen) gelesen haben, dann haben wir die Disney-Verfilmung von 1967 gesehen. Der Zeichentrickfilm mit vielen Gassenhauern war damals ein langlebiger Kinohit und gehörte (gehört?) für jedes Kind zum festen, von den Eltern festgelegten Filmkanon. Die anderen Verfilmungen sind dagegen fast unbekannt.

Jetzt hat „Iron Man“-Regisseur Jon Favreau sich für Disney an eine Neuverfilmung von Kiplings Buch gewagt und es gelingt ihm eine vollständig eigenständige Version des Dschungelbuches. Er stolpert in keine der verschiedenen Fallen, die wir aus den missglückten Neuinterpretationen bekannter Stoffe kennen, in denen vermeintliche Verbesserungen letztendlich Verschlimmbesserungen waren. Trotzdem verweist er immer wieder in einzelnen Szenen und Momenten auf das 1967er-Original, das, ich gestehe, ich mir jetzt nicht extra noch einmal angesehen habe. Letztendlich sind „Das Dschungelbuch“ (1967) und „The Jungle Book“ (2015) zwei vollkommen verschiedene Filme, die halt beide, der eine weniger, der andere mehr, auf dem gleichen Buch basieren.

Im Mittelpunkt des Films steht das Menschenkind Mogli (Neel Sethi), das von Wölfen groß gezogen wurde. Als Mogli älter wird, verlangt der furchterregende Tiger Shir Khan, dass das Gesetz des Dschungels beachtet werden muss. Mogli muss sterben.

Moglis Freunde schicken ihn daher auf die Reise zu den Menschen, von denen er bisher nur die Geschichten der Tiere kennt, die sie ihm erzählten. Und eigentlich will er bei seiner aus Wölfen bestehenden Familie bleiben.

Favreau erzählt kurzweilig die Reise von Mogli zu den Menschen und wir begegnen dem gemütlichen Bären Balu, der verführerischen Schlange Kaa und dem hinterlistigen Affen King Louie und seiner Horde, Elefanten, Wölfen und natürlich dem Panther Baghira, der vor Jahren das Baby Mogli vor dem Tod rettete, aber keinen Menschen.

Auch wenn „The Jungle Book“ jetzt als Realfilm oder Live-Action-Adaption beworben wird, ist er eigentlich ein Animationsfilm. Denn außer dem Mogli-Darsteller Neel Sethi spielen keine Menschen mit. Sets wurden kaum errichtet. Dafür wurden alle möglichen Computertechniken angewandt, die dazu führten, dass der Trickfilm in jeder Sekunde mit seinen fotorealistischen Aufnahmen beeindruckt. Obwohl alles künstlich ist, wirkt hier nichts künstlich. Es ist eine beeindruckende Technikschau, die immer im Dienst der Geschichte steht. Und das ist gut so.

The Jungle Book“ ist ein sehr schöner, spannender, farbenprächtiger Abenteuerfilm für Kinder jedes Alters. Aber wer hätte bei Disney auch ernsthaft etwas anderes erwartet?

Inzwischen, also zwischen Kritikerlob und Kinostart, hat Disney schon eine Fortsetzung angekündigt. Vielleicht wieder mit Jon Favreau als Regisseur.

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The Jungle Book (The Jungel Book USA 2016)

Regie: Jon Favreau

Drehbuch: Justin Marks

LV: Rudyard Kipling: The Jungle Book, 1894 (Das Dschungelbuch)

mit Neel Sethi

(im Original den Stimmen von) Bill Murray, Ben Kingsley, Idris Elba, Lupita Nyong’o, Scarlett Johansson, Giancarlo Esposito, Christopher Walken

(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Armin Rohde, Joachim Król, Ben Becker, Heike Makatsch, Jessica Schwarz, Justus von Dohnányi, Christian Berkel

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Jungle Book“

Metacritic über „The Jungle Book“

Rotten Tomatoes über „The Jungle Book“

Wikipedia über „The Jungle Book“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon Favreaus „Cowboys & Aliens“ (Cowboys & Aliens, USA 2011)

Meine Besprechung von Jon Favreaus “Kiss the Cook – So schmeckt das Leben” (Chef, USA 2014)


TV-Tipp für den 14. Dezember: Cinema Perverso

Dezember 14, 2015

NDR, 23.45
Cinema Perverso (Deutschland 2015, Regie: Oliver Schwehm)
Drehbuch: Oliver Schwehm
Kurzweilige, wenn auch nicht sonderlich tiefgründige einstündige Doku über die Bahnhofskinos, die heute nur noch (falls überhaupt) als Abspielstätte für schlechte Filme irgendwo zwischen Horror, Gewalt und Sex bekannt sind. Einige Filme haben immerhin einen gewissen Kultstatus und, ja, „Cinema Perverso“ macht Lust darauf, sich einige dieser Trash-Perlen wieder (?) anzusehen.
Dabei war das mit den Bahnhofskinos (bzw. den Bahnhofslichtspielen oder, abgekürzt, Bali) als erweiterter Warteraum für Reisende mal anders gedacht und in diesen Momenten wird die Doku zu einer kleinen Geschichte der BRD.
Anschließend laufen die Italo-Western „Eine Bahre für den Sheriff“ (um 00.45 Uhr), „Fünf Klumpen Gold“ (um 02.05 Uhr) und „Töte Amigo“ (um 03.25 Uhr).
Mit Jörg Buttgereit, Uwe Boll, Ben Becker, Mechthild Großmann, Wolfgang Niedecken, Christian Anders, René Weller
Hinweise
Arte über „Cinema Perverso“ (dort bis 29. Januar 2016 in der Mediathek)
Lunabeach TV über „Cinema Perverso“ (dort gibt es Infos zur DVD, den Trailer und Bilder)


TV-Tipp für den 15. April: Tatort: Bienzle und der Champion

April 15, 2015

SWR, 20.15

TATORT: Bienzle und der Champion (Deutschland 1998, Regie: Dieter Schlotterbeck)

Drehbuch: Felix Huby

LV: Felix Huby: Bienzle und der Champion, 1999

Hat der Boxer Piet Mangold den Wirt Jaco Riewers umgebracht? Eine harte Nuss für Bienzle, denn Piet kann sich an nichts erinnern.

Ein guter Bienzle im Boxmilieu.

„Ich glaube, hier ist ein guter Plot stimmig erzählt, wie in anderen Fällen auch. Herausragend wird der Film wirklich durch die Darsteller und die Regie von Dieter Schlotterbeck.“ (Felix Huby in „Felix Huby: Fast wie von selbst“)

Mit Dietz Werner Steck, Rüdiger Wandel, Ben Becker, Claude-Oliver Rudolph, Martin Semmelrogge, Dariusz ‚Tiger’ Michalczewski

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Lexikon deutscher Kriminalautoren über Felix Huby (Stand: Januar 2007)

Planet Interview: Gespräch mit Felix Huby (21. Dezember 2008)

Tatort-Fundus über Bienzle

Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Null Chance” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Bienzle und das ewige Kind” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys „Adieu, Bienzle“ (2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Bücherdiebin“ ist ein nettes Mädchen in einer schlimmen Zeit

März 16, 2014

Bestsellerverfilmungen.

Nächste Runde.

Dieses Mal mit „Die Bücherdiebin“.

Markus Zusak schrieb den seitenstarken Roman, der ewig auf den Bestsellerlisten blieb und daher natürlich verfilmt werden musste. Ebenso natürlich, dass die Änderungen – immerhin kennen Millionen das Jugendbuch – sich in einem überschaubaren Rahmen bewegen. Drehbuchautor Michael Petroni sagt dazu: „Das Buch folgt keiner linearen Chronologie. Häufig macht der Erzähler den Leser mit kleinen Informationshappen neugierig, die später dann in der Geschichte eine Rolle spielen werden. Deshalb musste ich zunächst einmmal diese Struktur aufbrechen, die Geschichte chronologisch ordnen und dann bestimmte Szenen modifizieren, damit sie im Film emotional auch die größte Wirkung erzielen konnten. Dafür musste ich allerdings manchmal die Chronologie der Geschichte, wie man sie aus dem Buch kennt, verändern. Ich wage zu bezweifeln, dass das überhaupt jemandem auffallen wird – trotzdem bereiten gerade diese Änderungen immer große Probleme.“ Trotzdem wirkt der Film von der ersten bis zur letzten Minute wie eine sklavische Illustration des Buches, die deshalb als Film nie funktioniert.

In dem Film geht es um die elfjährige Liesel Meminger (Sophie Nélisse), die in den dreißiger Jahren, zu Pflegeeltern aufs Dorf kommt. Ihre Mutter konnte nicht alle Kinder durchfüttern. Hans Hubermann (Geoffrey Rush) ist ein liebevoller, geduldige Pflegevater, während seine Frau Rosa (Emily Watson) sich zunächst als fluchender Hausdrache profiliert. Bei Hans lernt Liesel, die bis dahin eine Analphabetin war, das Lesen. Die Leselust des aufgeweckten Mädchens wird weiter befördert von der Frau des Bürgermeisters. Sie haben eine große Bibliothek und Liesel darf sich dort durch die abendländische Kultur lesen.

Gleichzeitig freundet Liesel sich mit ihrem Schulkameraden Rudi (Nico Liersch), der gerne ein großer Sprinter wäre, an.

Und dann – immerhin spielt der Film während des Tausendjährigen Reichs – muss Liesel auch mit den bücher- und judenfeindlichen Nazis zurechtkommen. Es gibt sogar eine Bücherverbrennung mit allem Drum und Dran.

Außerdem verstecken die herzensguten Hubermanns in dieser schwierigen Zeit im Keller den jungen Juden Max (Ben Schnetzer). Hans trägt so eine Ehrenschuld aus dem ersten Weltkrieg dessen Familie ab.

Regisseur Brian Percival und Drehbuchautor Michael Petroni pendeln unentschlossen zwischen diesen drei Hauptplots hin und her, wobei gerade der quasi-titelgebende Plot mit Liesels Leselust der schwächste ist. Denn zwischen Lesestunden im Keller mit Max und Nachmittagen in der freien Natur mit Rudi bleibt keine Zeit, um die Faszination des Lesens visuell erfahrbar zu machen.

Dazu kommt noch – wie im Roman – als allwissender Erzähler, der sich in teilnehmender Beobachtung übende Tod. Diese Erzählerstimme, die im Roman vielleicht funktioniert, bricht dem Film das Genick. Prätentiös schwafelt der Tod von der ersten Minute an über sein Leben, seine Taten und seine Gefühle. Später gleitet die Kamera über das ansprechend ausgeleuchtete Kriegselend, der Tod salbadert, dass er damals reiche Ernte hielt und der Zuschauer windet sich angesichts solcher Platitüden. Redundanter hätte auch ein Michael Bay keine Botschaft formulieren können.

So zeigt „Die Bücherdiebin“ das gesamtes Elend gediegener Literaturverfilmungen. Die Schauspieler sind gut. Auch gut ernährt. Die Ausstattung gefällt. Sie sieht vielleicht etwas zu sauber, zu unbenutzt und zu gut für einen unter armen Leuten spielenden Film aus. Auch dieser Film wurde in Babelsberg gedreht und die Ausstattung wirkt so vertraut, dass ich inzwischen glaube, dass es gibt bei der Ausstattung und Ausleuchtung einen wiedererkennbaren Babelsberg-Touch gibt. Gegen die Musik – sie ist von John Williams – kann auch nichts gesagt werden.

Nur ist nichts davon emotional berührend. Der gesamte Film erinnert von der ersten bis zur letzten Minute an die Besichtigung einer Musterwohnung: sauber, ordentlich, aufgeräumt, leblos, und der Makler preist die Vorzüge der Wonung an.

Die Bücherdiebin - Plakat

Die Bücherdiebin (The Book Thief, USA/Deutschland 2013)

Regie: Brian Percival

Drehbuch: Michael Petroni

LV: Markus Zusak: The Book Thief, 2005 (Die Bücherdiebin)

mit Sophie Nélisse, Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer, Nico Liersch, Barbara Auer, Rainer Bock, Oliver Stokowski, Matthias Matschke, Ben Becker (nur Stimme)

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Bücherdiebin“

Moviepilot über „Die Bücherdiebin“

Metacritic über „Die Bücherdiebin“

Rotten Tomatoes über „Die Bücherdiebin“

Wikipedia über „Die Bücherdiebin“ (deutsch, englisch)

Homepage von Markus Zusak

Perlentaucher über Markus Zusaks Roman „Die Bücherdiebin“


Neu im Kino/Filmkritik: „Tarzan 3D“, aber ohne Tiefe

Februar 20, 2014

Sicher ist nicht jeder „Tarzan“-Film ein Werk von überragender filmischer Bedeutung, aber „Tarzan 3D“ dürfte mühelos einen der Top-Plätze der misslungenen „Tarzan“-Filme erreichen, wegen der vollkommen abstrusen, in der Gegenwart spielenden Geschichte, die das schlechteste aus der Ursprungsgeschichte und einem Einzelabenteuer vereint, und der durchgängig höchst irritierenden Animation mit einem 3D zum Weglaufen.

Denn nach einem Hubschrauberabsturz, bei dem seine Eltern starben, muss der fünfjährige John Greystoke Jr. allein im Dschungel überleben. Eine Äffin zieht ihn groß. Er befreundet sich mit den Affen und erlernt ihre Sprache. Währenddessen vergisst er flugs die Sprache der Menschen.

Einige Jahre später trifft er auf Greystokes Forschungskollegen Jim Porter, der inzwischen als Reiseleiter eine kleine Gruppe Touristen durch die Gegend führt und immer noch einen legendären Meteoriten, der die Energieprobleme der Welt lösen könnte, sucht. Dieses Mal wird er von seiner Tochter Jane begleitet. Tarzan, wie John Greystoke Jr. sich jetzt nennt, verliebt sich in sie.

Und wieder einige Jahre später, – Tarzan ist inzwischen neunzehn Jahre alt -, wird zufällig das Notsignal des Hubschraubers ausgelöst. William Clayton, der Manager von Greystoke Energies (dem Unternehmen von Tarzans Vater), rüstet eine Expedition aus. Denn er will wissen, ob das Signal ihn zu dem Meteoriten führt. Greystoke suchte ihn damals erfolglos. Tja, mit einem Hubschrauber kann man wirklich ein im Dschungel liegendes Schwarzes Ding von der Größe des Saarlandes entdecken. Vor allem, wenn man direkt davor steht. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie die Entdeckung eines Einhorns in einem Zoo.

Jedenfalls will Clayton den Meteoriten plündern. Jim und Jane Porter, die nichts von seinen wahren Absichten ahnen, begleiten ihn.

Als Tarzan, der sich bislang mit seinen Affenfreunden vergnügte, davon erfährt, muss er seine Welt gegen den bösen Kapitalisten verteidigen.

Zu der logikbefreiten Geschichte kommt noch die Animation. Denn „Tarzan 3D“ ist ein „Real-3D CGI-Animationsfilm“ für den Schauspieler im Motion-Capture-Verfahren die Rohdaten lieferten, die dann zu mehr oder weniger gezeichneten Menschen und Affen wurden. Allerdings stimmen die Proportionen nie. Meistens sind Arme und Beine zu lang. Die Menschen sind zu dünn, die Affengesichter sehen wie Überbleibsel aus „Planet der Affen: Prevolution“ aus. Einzelne Haare sind detailgenau abgebildet. Die Gesichter hätte auch ein Fünfjähriger malen können. Die Hintergründe, vor allem die reichhaltige Vegetation des Dschungels und das schwarze Innere des Meteoriten sind dann wieder fotorealistisch geraten.

Diese Mischung macht keinen Spaß.

Kinder – für die ist der Film ja in erster Linie gedacht – sollten davor geschützt werden. Unter allen Umständen.

Tarzan - Plakat

Tarzan 3D (Deutschland 2013)

Regie: Reinhard Klooss

Drehbuch: Reinhard Klooss

mit (Motion Capture Performance) Kellan Lutz, Spencer Locke, Anton Zetterholm, Les Bubb, Trevor St. John, Jaime Ray Newman, Mark Deklin, Brian Huskey

(Sprecher) Alexander Fehling, Lena Meyer-Landrut, Wigald Boning, Kai Wiesinger, Ben Becker

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Lesetipp

Die Johnny-Weismuller-“Tarzan“-Filme laufen ja immer wieder und für mich sind sie die klassischen und definitiven „Tarzan“-Filme. Immerhin sah ich sie als Kind.

Aber man kann die jetzige Verfilmung auch als Gelegenheit nehmen, einen Blick in die Vorlage, die „Tarzan“-Romane von Edgar Rice Burroughs zu werfen. Denn der Heyne-Verlag bietet gerade, mit einem kundigen Nachwort von Georg Seeßlen, einen Sammelband mit drei „Tarzan“-Romanen an. Enthalten sind die Ursprungsgeschichte „Tarzan bei den Affen“ (Tarzan of the Apes, 1912) und die beiden deutlich kürzeren „Tarzan“-Romane „Tarzan und die Schiffbrüchigen“ (Tarzan and the Castaways, 1940/1941/1964) und „Tarzan und der Verrückte“ (Tarzan and the Madman, 1964) und die ersten Seiten lesen sich verdammt gut.

Burroughs - Tarzan - 4

Edgar Rice Burroughs: Tarzan – Drei Romane in einem Band

Heyne, 2013

688 Seiten

11,99 Euro

Taschenbuch-Ausgabe entspricht der Ausgabe von Walde & Graf, Zürich 2012.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Tarzan“

Moviepilot über „Tarzan“

Rotten Tomatoes über „Tarzan“

Wikipedia über den Charakter Tarzan (deutsch, englisch) und Edgar Rice Burroughs (deutsch, englisch)

Meine Besprechung der Edgar-Rice-Burroughs-Verfilmung „John Carter zwischen zwei Welten“ (John Carter, USA 2012)


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