Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Red Joan und das „Geheimnis eines Lebens“

Juli 5, 2019

Geheimnis eines Lebens“ ist lose inspiriert von dem Fall Melita Norwood. Sie wurde 1999 als Spionin enttarnt. Zu dem Zeitpunkt war die Spion-Oma bereits 87 Jahre alt. Sie studierte kurz und ohne Abschluss Latein und Logik am University College of Southampton. Sie war Mitglied der britischen Kommunistischen Partei. Für verschiedene sowjetische Geheimdienste war sie von 1937 bis 1972, ihrer Pensionierung bei der British Non-Ferrous Metals Research Association, als Spionin tätig. Sie verriet Geheimnisse über die britische Atomforschung. Der KGB hielt sie für wertvoller als den bekannten Cambridge-Five-Spionagering. Aufgrund ihres Alters wurde die 1912 geborene Spionin nicht verurteilt.

Dieser Fall inspirierte Jennie Rooney zu ihrem 2013 erschienenen Roman „Geheimnis eines Lebens“ (Red Joan), der mit den wahren Ereignissen so gut wie nichts zu tun hat. Das ist eigentlich kein Problem. Schließlich handelt es sich um einen Roman und kein Sachbuch. Ein Romanautor kann, ausgehend von einer x-beliebigen Zeitungsmeldung, seiner Fantasie freien Lauf lassen. Man sollte in diesem Fall von dem Roman und dem Film, trotz der Hinweise auf den wahren Fall, keine Aufklärung über die wahren Ereignisse erwarten. Man hätte bei der Werbung vielleicht auch auf die prominenten, etikettenschwindlerischen Hinweise auf den wahren Fall verzichten können.

In dem Roman und der dem Roman weitgehend folgenden Verfilmung von Trevor Nunn wird Joan Stanley 2000 (im Roman 2005) verhaftet. Der Geheimdienst MI5 beschuldigt die Frau, vor langer Zeit Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Joan Stanley, die einen großen Teil ihres Lebens in Australien lebte und nach dem Tod ihres Ehemannes nach England zurückkehrte, soll eine Spionin sein.

Während sie verhört wird, erinnert sie sich an ihre Vergangenheit, als sie 1938 in Cambridge Physik studiert, den Vamp Sonya kennenlernt und sich in Leo Galisch, Sonyas Cousin, verliebt. Er ist ein überzeugter Kommunist. Sie besuchen Parteiveranstaltungen. Joan schließt ihr Studium erfolgreich ab und erhält während des II. Weltkriegs eine Stelle in einem geheimen Forschungsprojekt. Sie verliebt sich in Max Davis, den unglücklich verheirateten Leiter des Atombombenprojekts. Er erwidert ihre Liebe.

Jetzt arbeitet Joan an einem Ort, von dem aus sie die Sowjetunion mit wichtigen Informationen versorgen könnte. Leo bittet sie auch darum.

Ob und, wenn ja, welche Informationen sie an die Sowjetunion weitergibt und warum sie das tut (oder auch nicht), wird erst am Ende von „Geheimnis eines Lebens“ verraten. Damit konzentrieren sich der Roman und die Verfilmung offensichtlich auf die Frage, ob Joan Landesverrat begangen hat. Und was sie tut, um ihre Unschuld zu beweisen oder einer Enttarnung zu entgehen; – sofern sie überhaupt daran ein Interesse hat und nicht einfach den Vorwurf, eine Spionin zu sein, als Gelegenheit benutzt, um reinen Tisch zu machen.

Für diesen Thrillerplot interessieren die Macher sich nicht. Denn Joans Erinnerungen werden in Rückblenden strikt chronologisch erzählt, es handelt sich dabei immer um die Wahrheit und es ist unklar, ob sie den MI5-Beamten und ihrem Sohn, der später bei den Verhören dabei ist, das oder etwas anderes erzählt.

Daneben gelingt es ihnen auch, alle weiteren Tiefen und interessanten Aspekte der Geschichte von Joan Stanley zugunsten einer im Akademikermilieu spielenden Liebesgeschichte zu umgehen. Vor allem das erste Drittel des Romans, wenn die Liebesbeziehung zwischen Joan und Leo an der Universität im Mittelpunkt steht, liest sich wie ein Loreroman, in dem das schüchterne Landei sich in den feschen, charismatischen Russen verliebt. Danach, wenn sie die Stelle in dem streng geheimen Forschungsprojekt erhält, wird es nicht besser.

Aus einem drögen Roman wurde eine biedere Literaturverfilmung, die den Roman mit all seinen Schwächen illustriert ohne eigene Akzente zu setzen.

Geheimnis eines Lebens (Red Joan, USA 2018)

Regie: Trevor Nunn

Drehbuch: Lindsay Shapero

LV: Jennie Rooney: Red Joan, 2013 (Geheimnis eines Lebens)

mit Judi Dench, Sophie Cookson, Stephen Campbell Moore, Tom Hughes, Tereza Srbova, Ben Miles, Freddie Gaminara

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Jennie Rooney: Geheimnis eines Lebens

(übersetzt von Stefanie Retterbush)

Goldmann, 2019

560 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Red Joan

Chatto & Windus, London, 2013

Hinweise

Moviepilot über „Geheimnis eines Lebens“

Metacritic über „Geheimnis eines Lebens“

Rotten Tomatoes über „Geheimnis eines Lebens“

Wikipedia über „Geheimnis eines Lebens“ (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 28. September: 5 Jahre Leben

September 28, 2017

3sat, 22.20
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy
Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über “5 Jahre Leben”

Film-Zeit über „5 Jahre Leben“

Wikipedia über Murat Kurnaz

Meine Besprechung von Stefan Schallers „5 Jahre Leben“ (Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 6. April: 5 Jahre Leben

April 6, 2016

HR, 23.15
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy
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TV-Tipp für den 28. August: 5 Jahre Leben

August 28, 2015

Weil es ein guter Film ist und er heute etwas früher kommt und ich Lars Beckers „Zum Sterben zu früh“ (Arte, 20.15 Uhr) noch nicht gesehen habe:

Eins Festival, 22.00
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy
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TV-Tipp für den 20. August: 5 Jahre Leben

August 20, 2015

ARD, 22.45
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
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TV-Tipp für den 6. Februar: 5 Jahre Leben

Februar 6, 2015

Arte, 20.15
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz‘ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
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TV-Tipp für den 1. Juli: Aurelio Zen: Vendetta

Juli 1, 2014

ZDFneo, 21.40
Aurelio Zen: Vendetta (Großbritannien 2010, Regie: John Alexander)
Drehbuch: Simon Burke
LV: Michael Dibdin: Vendetta, 1991 (Vendetta)
Aurelio Zen soll sich noch einmal die Beweise in einem abgeschlossenen Mordfall ansehen. Der Bauunternehmer Faso wurde in seiner Villa ermordet und es gibt auch einen Täter, der die Tat allerdings hartnäckig leugnet. Als Zen sich auf Sardinien den Tatort ansieht, entdeckt er eine neue Spur. Gleichzeitig will Tito Spadola sich an den Menschen rächen, die ihn aus seiner Sicht unschuldig in den Knast brachten. Einer von ihnen ist Aurelio Zen.
Erster von nur drei „Aurelio Zen“-Krimis, die alle als elegante südländische Kriminalfilme mit tiefen Verbeugungen in Richtung Noir und Neorealismus überzeugen.
Mit Rufus Sewell, Caterina Murino, Stanley Townsend, Ben Miles, Vincent Riotta, Catherine Spaak

Hinweise

BBC über „Aurelio Zen“

BBC Germany über “Aurelio Zen”

Wikipedia über „Aurelio Zen“

Krimi-Couch über Michael Dibdin

Kriminalakte über Michael Dibdin

Meine Besprechung von „Aurelio Zen“ (Aurelio Zen, Großbritannien 2010)


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