Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über die Håkan-Nesser-Verfilmung „Intrigo – Tod eines Autors“

Oktober 25, 2018

Das wird eine schwierige Besprechung. Denn Daniel Alfredson erzählt in seiner Verfilmung von Håkan Nessers Geschichte „Rein (Tod eines Autors)“ die Geschichte so umständlich und sinnlos verschachtelt, dass man sie eigentlich nur mit vielen Spoilern besprechen kann. Ich werde trotzdem versuchen, sie weitgehend zu vermeiden.

Im Film besucht David Moerk (Benno Fürmann) den älteren, auf einer Insel in einem einsam gelegenem Strandhaus lebenden Autor Henderson (Ben Kingsley). Der Übersetzer Moerk möchte von ihm seine Meinung zu einer von ihm geschriebenen Geschichte haben. Erfahrene Krimifans wissen in dem Moment natürlich, dass Moerk Henderson nicht zufällig besucht und dass er noch mindestens einen Hintergedanken hat. Sonst wäre es kein Krimi.

In Rückblenden, die Moerks autobiographischem Manuskript folgen, erfahren wir jetzt, wie Moerk während eines Bergurlaubs erfährt, dass seine Frau ihn verlassen will und was er dagegen unternimmt, und wie er Jahre später den neuen Roman von Germund Rein übersetzen soll. Während er Reins Manuskript übersetzt, hat er den immer stärkeren Verdacht, dass Rein von seiner Frau und ihrem Liebhaber ermordet wurde.

Diese beiden Geschichten mit vorhersehbaren Pointen werden im Film weitgehend chronologisch hintereinander präsentiert. Sie sind dabei so stark voneinander getrennt, dass ich während des Films vermutete, dass Daniel Alfredson und seine Co-Drehbuchautorin Ditta Bongenhielm zwei oder, wenn man den Besuch des Übersetzers bei dem Autor als eigene Geschichte betrachtet, sogar drei Kurzgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben, denkbar ungeschickt in einem Copy&Paste-Verfahren zu einer Filmgeschichte verbunden haben.

Umso größer war meine Überraschung beim Lesen der 1996 erschienenen Vorlage „Rein (Tod eines Autors)“. Denn der Film basiert nur auf einer Geschichte und diese enthält fast alles, was man im Film sieht. Nur anders angeordnet. Im Roman (bei zweihundert Seiten kann man die Erzählung Roman nennen) erhält Moerk den Auftrag, das Manuskript von Rein zu übersetzen. Die Übersetzung will er in der Stadt anfertigen, in der Rein lebte. Während er an der Übersetzung arbeitet, erinnert Moerk sich an die letzten Tage mit seiner spurlos verschwundenen Frau. Nachdem er ihr Hüsteln auf der Aufnahme eines Klassikkonzerts hörte, glaubt er, dass sie dort lebt.

Nesser erzählt die Geschichte, im Gegensatz zum Film, ohne Metaebenen, chronologisch und mit einer klaren Trennung zwischen Haupt- (Reins „Mord“) und Nebenplot (Moerks „Mord“). Das macht die Geschichte nicht wirklich sinnvoller, aber logischer. Und wir werden von den idiotischen Gesprächen zwischen Moerk und Henderson über die Konstruktion einer Geschichte verschont.

Im Film sind die Handlungen der verschiedenen Charaktere durchgehend abstrus und psychologisch fast nie nachvollziehbar. Das gilt vor allem für das Ende. Dazu kommen Dialoge, Schauspielerleistungen und eine Inszenierung, die als Ziel nicht die große Leinwand, sondern das TV-Vorabendprogramm haben.

Dabei hat Daniel Alfredson mit seinen beiden Stieg-Larsson-Verfilmungen „Verdammnis“ (2009) und „Vergebung“ (2009) durchaus bewiesen, dass er mit Schmackes für die große Leinwand inszenieren kann. In dem für den internationalen Markt auf Englisch inszenierten Krimi „Intrigo – Tod eines Autors“ ist davon nichts zu spüren. In ihr agieren alle extrem lustlos. Gerade in der Originalfassung werden die Dialoge so gesprochen, als begriffen alle Schauspieler nie den Inhalt ihrer Sätze. In diesem Fall könnte die deutsche Synchronisation ein Gewinn sein.

Intrigo – Tod eines Autor“ ist der Auftakt einer bereits abgedrehten Anthologie-Trilogie von Nesser-Verfilmungen. Alfredson inszenierte alle Filme. Die Drehbücher sind von ihm und Ditta Bongenhielm. „Intrigo: Samaria“ und „Intrigo: Dear Agnes“, die vollkommen unabhängig von „Tod eines Autors“ sind, sollen nächstes Jahr in unsere Kinos kommen.

Intrigo – Tod eines Autors (Intrigo: Death of an Author, USA/Schweden/Deutschland 2018)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Ditta Bongenhielm (eigentlich Birgitta Bongenhielm), Daniel Alfredson

mit Ben Kingsley, Benno Fürmann, Tuva Novotny, Veronica Ferres, Daniela Lavender, Michael Byrne

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Zum Filmstart veröffentlichte btb den Sammelband „Intrigo“, der die vier für die Kinoserie verfilmten Geschichten, die auf Deutsch bereits in anderen Sammelbänden erschienen, und die brandneue, nicht verfilmte und aus keinem nachvollziehbaren Grund 1995 spielende Geschichte „Tom“ enthält.

In „Tom“ wird die Endfünfzigerin Judith Bendler von einem Mann angerufen, der behauptet ihr vor über zweiundzwanzig Jahren verschwundener Adoptivsohn zu sein.

Mit zweihundert Seiten ist „Rein (Tod eines Autors)“ die längste Geschichte des Sammelbands. In ihr geht es um einen Übersetzer, der glaubt, in einem Romanmanuskript sorgsam platzierte Beweise für den Mord an dem Autor zu entdecken.

In „In Liebe, Agnes“ treffen sich auf einer Beerdigung zwei Schulfreundinnen, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Henny, die ihren Mann loswerden will, schlägt ihrer Freundin Agnes vor, dass sie einen Mord im Stil von „Zwei Fremde im Zug“ begehen sollen.

In „Die Wildorchidee aus Samaria“ kehrt ein Sprachlehrer nach dreißig Jahren an den Ort zurück, an dem er sein Abitur machte. Kaum dort angekommen erhielt er einen Brief von Vera Kall, einer spurlos verschwundenen, von ihm begehrten Schulkameradin.

In „Sämtliche Informationen in der Sache“, mit vierzehn Seiten die kürzeste Geschichte des Sammelbands, geht es nur um eine Situation: nach dem Unfalltod einer Schülerin soll ein Lehrer trotzdem für sie das Abschlusszeugnis ausstellen. Aber nach welchen Maßstäben soll er sie beurteilen? Diese Geschichte dürfte zusammen mit „Die Wildorchidee aus Samaria“ verfilmt werden. Sie fällt auch aus dem Raster der anderen Geschichten, in denen die Vergangenheit der Protagonisten einen großen Teil der Geschichte einnimmt und das mehr oder weniger mörderische Geheimnis aus der Vergangenheit für passionierte Krimi-Leser gar nicht so überraschend ist. Kriminalgeschichten sind sie nur peripher. Mit den zahlreichen Erinnerungen der Protagonisten und den teils erst spät enthüllten Geheimnissen, beschreiben sie letztendlich vor allem Situationen. Es gibt wenig sich direkt für eine konventionelle Filmgeschichte empfehlende Handlung.

So schreibt Håkan Nesser im Vorwort: „Ein Buch ist ein Buch, ein Film ist ein Film. Geschichten müssen häufig umgestülpt werden, neue Ausdrucksformen finden, wenn sie aus dem einen Medium in ein anderes übertragen werden. Sie können sogar eine völlig neue Auflösung erhalten. (…) Doch die Ähnlichkeit, der eigentliche Kern jeder Erzählung, das, worum es genauer betrachtet wirklich geht, ist natürlich erhalten geblieben.“

Mal sehen, ob Daniel Alfredson die Umarbeitung der anderen Nesser-Geschichten besser gelang. Denn auf den ersten Blick ist keine der Geschichten ohne größere Umarbeitungen für einen Spielfilm geeignet.

Störend bei allen Geschichten ist, dass die verschiedenen Charaktere sich immer wieder unlogisch verhalten müssen. So, um nur ein Beispiel zu nennen, schreiben Henny und Agnes sich Briefe und, als ob das nicht schon dämlich genug wäre, bietet Henny Agnes eine stattliche Geldsumme für den Mord an ihrem Mann an. Das Geld überweist sie. Und das soll der Polizei nicht auffallen???

Gestandene Krimileser werden immer schnell das Ende der Geschichte erahnen und dann, leicht gelangweilt, bis zur Lösung weiterlesen.

Håkan Nesser: Intrigo

(übersetzt von Paul Berf, Christel Hildebrandt und Gabriele Haefs)

btb, 2018

608 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Intrigo

Albert Bonniers, Stockholm, 2018

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Intrigo – Tod eines Autors“

Moviepilot über „Intrigo – Tod eines Autors“

Rotten Tomatoes über „Intrigo – Tod eines Autors“

Homepage von Håkan Nesser

Deutsche Homepage von Håkan Nesser

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Stieg-Larsson-Verfilmung „Verdammnis“(Flickan som lekte med elden, Schweden 2009) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Stieg-Larsson-Verfilmung „Vergebung“ (Luftslottet som sprängdes, Schweden/Dänemark/Deutschland 2009) (Buch und Film)


TV-Tipp für den 30. September: Berlin Babylon – Folge 1 – 3

September 30, 2018

ARD, 20.15

Berlin Babylon – Staffel 1, Folge 1 – 3 (Deutschland 2017)

Regie: Tom Tykwer, Achim von Borries, Hendrik Handloegten

Drehbuch: Tom Tykwer, Achim von Borries, Hendrik Handloegten

LV: Volker Kutscher: Der nasse Fisch, 2008

Berlin, 1929: Der Kölner Polizist Gereon Rath soll in der Hauptstadt in einem Erpressungsfall ermitteln.

Opulenter, hochgelobter Krimi, der vor allem ein Sittenbild ist

Am Donnerstag geht es weiter.

mit Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Peter Kurth, Matthias Brandt, Anton von Lucke, Benno Fürmann, Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Mišel Matičević

Hinweise

ARD über „Berlin Babylon“

Homepage zu „Berlin Babylon“

Filmportal über „Berlin Babylon“

Wikipedia über „Berlin Babylon“ (deutsch, englisch)

Homepage von Volker Kutscher


Neu im Kino/Filmkritik: „Volt“ – ein Polizist in gewissen Nöten

Februar 5, 2017

In naher Zukunft, mehr oder weniger irgendwo in Deutschland: Flüchtlinge vegetieren in einer abgezäunten Transitzone vor sich hin. In leerstehenden Häusern und ohne staatliche Gewalt. Die führt in unregelmäßigen Abständen Razzien durch. Bei einer solchen gewalttätigen Durchsuchung verfolgt der Polizist Volt (natürlich ist der Name Programm) einen Flüchtling und tötet ihn in einem Kampf. Volt vertuscht den Mord. Seine Kollegen von der Eingreifgruppe helfen ihm unwissentlich dabei und damit könnte die Sache vergessen sein, wenn der Tote nicht die Initialzündung für Proteste wäre und wenn nicht Volt, der Einzelgänger ohne Gewissensbisse, plötzlich Gewissensbisse hätte.

Er schleicht sich in die Transitzone und lernt eine Frau kennen, in die er sich auch verliebt. LaBlanche ist außerdem die Schwester des Toten.

Volt“ ist ein zwiespältiger Film. Nicht weil er eine Dystopie zeigt, die wir schon öfter gesehen haben, sondern weil es dem Drehbuch nicht gelingt, eine spannende Geschichte zu erzählen. Der Grundplot ist ja vertraut und, wie bei einem Western (oder einem Liebesfilm), geht es darum, wie der Protagonist an sein Ziel gelangt und warum das Ziel für ihn wichtig ist. Natürlich mit dreidimensionalen Charakteren und guten Dialogen. „Volt“ liefert da allerdings nur die Chiffren aus dem Handbuch des Harten Mannes, abgeschmeckt mit einem rüpelhaftem Einsatzkommando, das sich in pubertären Testosteron-Spielchen gefällt, und etwas politischem Überbau der beliebigen Sorte. Obwohl einzelne Punkte an die Realität anknüpfen – die Flüchtlingskrise und ihr Umgang mit ihr (siehe das Flüchtlingslager in Calais), der Korpsgeist in Sondereinheiten, der Umgang mit internen Ermittlungen, die politischen Ränkespiele (die hier aber nur ein Newsflash sind) – wirkt die in „Volt“ gezeichnete Zukunft wie ein Recycling eines minderwertigen, irgendwo in der Provinz gedrehten Post-“Blade Runner“-Films, in dem nie eine kohärente und in sich glaubwürdige Zukunftsvision entwickelt wird.

Da wirken die achtzig Minuten dann arg lang.

Die Bilder der Dystopie sind einer der Pluspunkte des Films. Tarek Ehlail drehte an Nicht-Orten, die er mit minimalen Mitteln, Nachtaufnahmen, Farbfiltern, Gegenlicht und allem, was im Handbuch für eine Dystopie oder ein stylisches Rock-Video (Ehlail drehte Musikvideos für Slime, Bushido, NYZE und D-Bo) steht, zu einer ungemütlichen, betont rohen Vision Deutschlands machte. Die Musik von Alec Empire hilft dabei.

Ebenso die Besetzung. Neben bekannten Gesichtern wie Benno Fürmann, der Volt spielt (ihm aber wegen des klischeehaften Drehbuchs keine Tiefe verleihen kann), gibt es etliche Neuentdeckungen, wie die Songwriterin Ayo, die LaBlanche spielt.

Am Ende von „Volt“ bleibt die Erkenntnis, dass Tarek Ehlail mit einem guten Drehbuch einen wirklich überzeugenden Film drehen könnte. „Volt“ ist, so gesehen, eine Talentprobe, eine Visitenkarte.

volt-plakat

Volt (Deutschland/Frankreich 2016)

Regie: Tarek Ehlail

Drehbuch: Tarek Ehlail

mit Benno Fürmann, Sascha Alexander Gersak, Ayo, Denis Moschitto, Anna Bederke, Kida Khodr Ramadan, Stipe Erceg, Tony Harrisson Mpoudja, Surho Sugaipov, André M. Hennicke

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Volt“

Moviepilot über „Volt“

Wikipedia über Tarek Ehlail

Die Welt: Interview mit Tarek Ehlail


TV-Tipp für den 4. Oktober: Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat

Oktober 4, 2016

3sat, 20.15
Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat (Deutschland 2013, Regie: Daniel Harrich)
Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich
Oktoberfest 1980: Bei einem Anschlag sterben 13 Menschen. 211 werden verletzt. Als Einzeltäter wird Gundolf Köhler, der bei dem Attentat starb, identifiziert. Dass der Student auch Mitglied der Wiking-Jugend und der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann war, ist egal. Aber Radioreporter Ulrich Chaussy stellt Fragen.
Das passiert selten: dem durchwachsenen Politthriller gelang es, das Oktoberfestattentat wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen und auch neue Ermittlungen zu initiieren. Denn die Einzeltäterthese war schon immer umstritten.

Im Anschluß, um 21.45 Uhr, läuft die einstündige Doku „Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“. In ihr wird erzählt, was nach der Premiere des Films geschah und welche neuen Fakten seitdem bekannt wurden. Denn der Film stieß neue Ermittlungen über das Oktoberfestattentat durch den Generalbundesanwalt an.

Außerdem gibt es eine aktuelle Homepage der Filmemacher zum Thema.

Mit Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, August Zirner, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec

Wiederholung: Mittwoch, 5. Oktober, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Filmportal über „Der blinde Fleck“
Film-Zeit über „Der blinde Fleck“
Moviepilot über „Der blinde Fleck“
Wikipedia über „Der blinde Fleck“


Neu im Kino – nach Kinotour/Filmkritik: „Heil“ die deutsche Komödie

Juli 13, 2015

„Heil“, der neue Film von Dietrich Brüggemann („Kreuzweg“, „3 Zimmer/Küche/Bad“) hätte der Film der Stunde werden können. Eine Satire über das heutige Deutschland. Eine Bestandsaufnahme über die Lage der Nation. Aber es wurde nur ein sich politisch gebender Klamauk, der nicht tiefer geht als ein Kneipenabend, bei dem man kräftig über alles ablästert und, nach dem dritten Bier, alles witzig findet. Vor allem die eigenen Witze. Auch und gerade wenn sie zum x-ten Mal erzählt werden.
Dabei setzt eine Satire, eine Komödie, eine „schrille Farce“ (Presseheft), eine Klarheit des Denkens und eine Analyse des Gegenstandes voraus, die „Heil“ nie leisten möchte. Es ist nur ein blinder Rundumschlag, bei dem wenigstens in jeder Sekunde die persönliche Betroffenheit von Dietrich Brüggemann spürbar ist. Es ist eine gigantische Entleerung, die ihm sicher guttut. Aber im Kino möchte man mehr sehen als diese halbgare Parade von Nazis, Autonomen, Verfassungsschützern, Polizisten, Richtern, Kulturschickeria, Politikern, Journalisten, Ausländern und einer Schwangeren, die alle mehr oder weniger einfältig dumm sind.
Die Schwangere ist Nina, die Freundin von Sebastian Klein, einem afrodeutschem Sachbuchautor und Liebling der liberalen Öffentlichkeit, der in Prittwitz, gelegen im Dreiländereck Thüringen, Brandenburg und Sachsen, lesen soll. Noch bevor das Empfangskomitee des Bürgermeisters ihn begrüßen kann, wird Sebastian von den örtlichen, strunzdummen Nazis zusammengeschlagen. Sebastian hat eine Totalamnesie, die dazu führt, dass er, wie ein Papagei, alles nachspricht. Für Sven Stanislawski, den geistig nicht besonders hellen Anführer der örtlichen Nazis, ist das die Gelegenheit. Mit einem Afrodeutschen als seiner Bauchrednerpuppe lässt er Sebastian, vor einem begeisterten Publikum landauf, landab in allen Talkshows ausländerfeindliche Sprüche aufsagen und alle freuen sich, dass endlich einmal jemand die Wahrheit sagt.
Nur Nina will die Verwandlung ihres Freundes nicht akzeptieren.
Und während sie versucht, ihren Freund wieder zurückzugewinnen, fährt Brüggemann eine Parade von Charakteren auf, die wohl alle, nah an der Wirklichkeit, diese demaskieren sollen. Aber es funktioniert nicht. Jedenfalls nicht, wenn man mehr als eine harmlose Sketch-Show erwartet. So sind die Nazis ohne irgendeine Grandezza einfach zu doof, um wirklich gefährlich zu sein. Dafür wird der Gag mit ihrer Rechtschreibschwäche so lange wiederholt, bis er nicht mehr witzig ist. Die Autonomen sind anscheinend in den Achtzigern stecken geblieben. Die Politiker, Verfassungsschützer und Polizisten nehmen Probleme überhaupt nicht wahr. Ein freier TV-Journalist verschärft wegen der Quote gesellschaftliche Probleme und Vorurteile. In Talkshows (es gibt mehrere Talkshow-Szenen, deren Erkenntnisgewinn schnell gegen Null geht) wird nur geredet. Sowieso wird jeder Gag mehrmals wiederholt, bis man sich, wie Sebastian Klein, einen Schlag auf den Kopf wünscht. Dann würde man „Heil“ vergessen. Beim nächsten Schlag sich, wie Sebastian, wieder an den Film erinnern. Beim nächsten Schlag wieder alles vergessen. Beim nächsten Schlag wieder daran erinnern; – nun, ich glaube, Sie haben das Prinzip verstanden. Sebastian erhält aber noch einige weitere Schläge.
Subtil geht anders.
Satire auch, wie, um nur zwei deutsche Beispiele, zu nennen, Rainer Werner Fassbinder in „Die Dritte Genration“ und Helmut Dietl in „Schtonk“ zeigten.
„Heil“ bestätigt dagegen nur das Urteil, dass die Deutschen keine Komödien machen können. Jedenfalls seitdem etliche deutsche Regisseure und Autoren nach Hollywood emigrieren mussten.

Heil - Plakat
Heil (Deutschland 2015)
Regie: Dietrich Brüggemann
Drehbuch: Dietrich Brüggemann
mit Benno Fürmann, Liv Lisa Fries, Jerry Hoffmann, Jacob Matschenz, Daniel Zilmann, Oliver Bröcker, Anna Brüggemann, Thelma Buabeng, Richard Kropf, Jörg Bundschuh, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Heinz-Rudolf Kunze, Dietrich Kulbrodt, Thees Uhlmann, Bernd Begemann, Alfred Holighaus, Andreas Dresen, Heike-Melba Fendel, Robert Gwisdek, Leslie Malton, Marie-Lou Sellem, Lavinia Wilson (viel Spaß beim Entdecken dieser und weiterer Cameos)
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

„Heil“ on Tour
Montag, 13. Juli, 20.00 Uhr
Berlin / Premiere – Kino International
In Anwesenheit der Produzenten, des Regisseurs und der Darsteller sowie weiterer Beteiligter.

Dienstag, 14. Juli, 19.00 Uhr
Potsdam – Thalia
mit Dietrich Brüggemann, Liv Lisa Fries, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Mittwoch, 15. Juli, 20.00 Uhr
Hamburg – Abaton
mit Dietrich Brüggemann, Liv Lisa Fries, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Donnerstag, 16. Juli, 20.15 Uhr
Münster – Cinema
mit Dietrich Brüggemann und Jacob Matschenz

Freitag, 17. Juli, 21.00 Uhr
Bremen – Cinema Ostertor
mit Dietrich Brüggemann, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Samstag, 18. Juli, 20.00 Uhr
Karlsruhe – Schauburg
mit Dietrich Brüggemann, Benno Fürmann, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Sonntag, 19. Juli, 21.30 Uhr
Freiburg – Open Air im Mensagarten
mit Dietrich Brüggemann, Benno Fürmann, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Hinweise
Homepage zum Film
Facebook-Seite zum Film
Filmportal über „Heil“
Film-Zeit über „Heil“
Moviepilot über „Heil“
Rotten Tomatoes über „Heil“


TV-Tipp für den 7. Juli: Jerichow

Juli 7, 2015

3sat, 22.25

Jerichow (Deutschland 2008, Regie: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Der unehrenhaft entlassene Soldat Thomas hilft nach einem Unfall Ali Özkan, dem Besitzer einer Imbisskette. Ali stellt ihn als Fahrer ein und bald macht er sich an Alis Frau Laura ran.

Petzolds Variante von James M. Cains „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (The Postman always rings twice, 1934).

Davor, um 20.15 Uhr (und 00.50 Uhr) läuft Petzolds DDR-Drama „Barbara“. Auch sehenswert.

mit Benno Fürmann, Hilmi Sözer, Nina Hoss, André Hennicke, Claudia Geisler

Wiederholung: Mittwoch, 8. Juli, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Arte über „Jerichow“

Film-Zeit über „Jerichow“

Wikipedia über „Jerichow“

Meine Besprechung von Christian Petzolds “Phoenix” (Deutschland 2014)

Christian Petzold in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 4. Februar: Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat

Februar 4, 2015

ARD, 20.15
Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat (Deutschland 2013, Regie: Daniel Harrich)
Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich
Oktoberfest 1980: Bei einem Anschlag sterben 13 Menschen. 211 werden verletzt. Als Einzeltäter wird Gundolf Köhler, der bei dem Attentat starb, identifiziert. Dass der Student auch Mitglied der Wiking-Jugend und der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann war, ist egal. Aber Radioreporter Ulrich Chaussy stellt Fragen.
Das passiert selten: dem durchwachsenen Politthriller gelang es, das Oktoberfestattentat wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen und auch neue Ermittlungen zu initiieren. Denn die Einzeltäterthese war schon immer umstritten.

Im Anschluß, um 21.45 Uhr, läuft die spielfilmlange Doku „Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“ von Daniel Harrich. In ihr erzählt er, was nach der Premiere des Films geschah und welche neuen Fakten seitdem bekannt wurden. Denn der Film stieß neue Ermittlungen über das Oktoberfestattentat durch den Generalbundesanwalt an.

Außerdem gibt es eine aktuelle Homepage der Filmemacher zum Thema.

Mit Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, August Zirner, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec

Wiederholung: Donnerstag, 5. Februar, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Filmportal über „Der blinde Fleck“
Film-Zeit über „Der blinde Fleck“
Moviepilot über „Der blinde Fleck“
Wikipedia über „Der blinde Fleck“


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