Neu im Kino/Filmkritik: „Familie zu vermieten“, etwas Chaos und Liebe inclusive

April 1, 2016

Paul-André Delalande ist schon etwas älter, lebt allein, ist depressiv, wird höflich umsorgt von seinem Diener und er dämmert zwischen ausgewachsener Midlife-Krise und grundmelancholisch-pessimistischer Lebenseinstellung in seinem großen Anwesen vor sich hin. Der Frührentner hat noch nicht einmal die Kraft, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Durch eine Fernsehsendung lernt er Violette Mandini kennen. Sie ist das absolute Gegenteil: arm, gesegnet mit zwei Kindern von verschiedenen Vätern, ebenfalls Single, und, weil sie beim Ladendiebstahl erwischt wurde, mal wieder vor Gericht. Auf der Gerichtstreppe hält sie vor laufender Kamera eine pathetische Rede über die Wichtigkeit von Familie. Paul-André ist fasziniert. Er will eine Familie haben. Aber bevor er eine Familie gründet, will er erst einmal herausfinden, ob ihm das Familienleben überhaupt gefällt. Also schlägt er Violette ein Arrangement vor: Er mietet sich ein halbes Jahr in ihre Familie ein. Violette ist zunächst skeptisch, aber sie braucht das Geld und wirklich gefährlich wirkt der schüchterne Paul-André nicht.

Nachdem Jean-Pierre Améris („Die Anonymen Romantiker“) seine Prämisse etabliert hat, geht es, mit vielen verschenkten Möglichkeiten, im Fahrwasser einer märchenhaften romantischen Komödie zum vorhersehbaren Ende. Denn die Prämisse ist arg ausgedacht, böte aber die Gelegenheit, sich an Klassengegensätzen und damit auch an der französischen Realität abzuarbeiten. Aber die Realität – vor allem Violettes Haus ist ein reines Märchenhaus – und alle Konflikte, die im Zusammenprall von chaotischer Familie und pedantischem Single liegen, werden oft eher unelegant umschifft oder gleich gänzlich ignoriert. Entsprechend unplausibel und auch widersprüchlich handeln Paul-André und Violette. So erzählt Violette ihren Kindern, dass Paul-André ihr neuer Freund sei. Aber anstatt dann den Abend mit ihm zu verbringen, geht sie auf Männerjagd. Und niemand wundert sich. Auch die Liebesgeschichte zwischen ihnen entwickelt sich weniger aus den Charakteren heraus, sondern vor allem weil es im Drehbuch so steht. Bis hin zu einer Begegnung mit Paul-Andrés Mutter und einer Schulfreundin.

Das ist zwar in den Hauptrollen nett gespielt. Vor allem Benoit Poelvoorde und Francois Morel, der seinen Diener spielt, sehen als Paar immer angemessen zerknautscht aus. Der Humor, dafür ist man nach mehreren Fäkalkomödien dankbar, entgleitet nicht in Geschmacklosigkeiten. Sowieso dominiert ein eher stiller, nicht unsympathischer Humor. Aber der gesamte Film ist auch entsetzlich banal.

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Familie zu vermieten (Une Famille à louer, Frankreich/Belgien 2015)

Regie: Jean-Pierre Améris

Drehbuch: Murielle Magellan, Jean-Pierre Améris

mit Benoit Poelvoorde, Virginie Efira, Francois Morel, Philippe Rebbot, Pauline Serieys, Calixte Broisin-Doutaz, Nancy Tate, Edith Scob

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

 

Moviepilot über „Familie zu vermieten“

AlloCiné über „Familie zu vermieten“

Wikipedia über „Familie zu vermieten“ (englisch, französisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Der Tag wird kommen“. Irgendwann. Vielleicht.

Mai 2, 2013

 

Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein: Das Plakatmotiv taucht im Film „Der Tag wird kommen“, dem neuesten Werk von Benoit Delépine und Gustave Kervern, die bereits „Louise hires a Contract Killer“ und „Mammuth“ drehten, nicht auf. Es gibt also keine Cowboys im Einkaufszentrum. Aber Punks schon. Einer ist „Not“, eigentlich Benoit, aber als ältester Punk der Stadt mit Hund, will diese zeitgemäße Version von Diogenes nur mit seinem gewähltem Namen angesprochen werden. Sein Bruder Jean-Pierre ist das genaue Gegenteil: spießbürgerlich bis in die Schuhspitzen und als Verkäufer in einem schlecht gehendem Matratzenhaus in einem anonymen Einkaufszentrum vor der Stadt zwar bemüht, aber auch erfolglos. Als er von seinem Chef ein Ultimatum gestellt bekommt, dabei versagt und – alkoholbedingt – ausrastet, ist er seinen Job los. Not, der sonst kaum mit seinem angepassten Bruder redet, versucht ihm zu helfen. Mit vorhersehbar desaströsen Ergebnissen. Also beschließt er Jean-Pierre zu einem lockeren Leben fernab der bürgerlichen Konventionen zu erziehen. Eine seiner ersten Taten: er tätowiert Jean-Pierre dessen neue Namen „Dead“ auf die Stirn. Jetzt machen die beiden Brüder „Not“ und „Dead“ das Einkaufszentrum unsicher und ihre Eltern, die dort das Kartoffelrestaurant „La Pataterie“ haben, sind ihnen keine große Hilfe: ihr Vater ist stoisch bis zur Stummheit, ihre Mutter scheint auf einem ganz anderem Planeten zu leben.

Die Geschichte der beiden Brüder, die sich anfangs nichts zu sagen haben, wird von Delépine und Kervern in langen, teils ungeschnittenen, meist spartanisch geschnittenen Szenen, in denen die Schauspieler viel improvisierten, voll absurdem Humor, extrem lakonisch, aber auch sehr episodenhaft erzählt. So sind die Geburtstagsfeier der Mutter im Kartoffelrestaurant, in dem der eine Bruder von seinem Punkleben, während gleichzeitig der andere, ebenfalls ohne Punkt und Komma, von einem neuen Fernseher erzählt, während ihr Vater stoisch Kartoffeln schält oder die Faxen von Not vor den Überwachungskameras und einem Pizzarestaurant oder seine „Einkaufstouren“ durch das Kaufhaus oder Jean-Pierres Versuche, zuerst Matratzen zu verkaufen, später seinen Job zu behalten und, nachdem das nicht geht, sich erfolglos zu verbrennen oder Gérard Depardieus Auftritt als Wahrsager, der sich mit seinen kryptischen Vorhersagen noch nie irrte, oder der Plan der beiden Brüder einfach stur geradeaus zu gehen, den sie auch gleich umsetzen oder ihre erfolglosen Versuche, die Kunden des Einkaufszentrums zu einer Revolution anzustacheln oder der Ausflug der beiden Brüder aufs Land, inclusive dem erfolglosen Versuch von Dead einen Selbstmörder vom Suizid abzuhalten, köstlich.

Und als YouTube-Clips würde mir jede dieser Episoden gefallen. Wahrscheinlich wäre ich ein Fan der beiden Brüder Not und Dead, würde gierig auf jedes neue mehr oder weniger subversive Abenteuer von ihnen warten, aber als Spielfilm plätschert „Der Tag wird kommen“ arg ziellos vor sich hin bis zum Filmende, das überhaupt nicht wie der Abschluss einer Geschichte wirkt.

Der Tag wird kommen - Plakat

Der Tag wird kommen (Le grand soir, Frankreich/Belgien 2012)

Regie: Benoit Delépine, Gustave Kervern

Drehbuch: Benoit Delépine, Gustave Kervern

mit Benoit Poelvoorde, Albert Dupontel, Brigitte Fontaine, Areski Belkacem, Bouli, Lanners, Serge Larivière, Stéphanie Pillonca, Gérard Depardieu

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

AlloCine über „Der Tag wird kommen“

Film-Zeit über „Der Tag wird kommen“

Rotten Tomatoes über „Der Tag wird kommen“

Wikipedia über „Der Tag wird kommen“ (englisch, französisch)

 

 


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