Neu im Kino/Filmkritik: „Der Junge Siyar“ soll seine Schwester ermorden

September 12, 2014

Beginnen wir mit der für Krimifans wichtigen Information: Das Drehbuch ist von Kjell Ola Dahl und Regisseur Hisham Zaman.
Genau, der Krimiautor Kjell Ola Dahl hat mitgeschrieben und das sieht man. Denn „Der Junge Siyar“ erzählt seine Ehrenmord-Geschichte als Noir-Thriller, dem der Spagat zwischen Spannung und Drama gelingt und der ein breites Publikum ansprechen will mit seiner Geschichte über den sechzehnjährigen Siyar, der im kurdischen Norden des Iraks lebt. Es ist eine ländliche Gegend, in der die Zivilisation noch nicht angekommen ist. Als ältestes Familienmitglied ist er, nach dem Tod seines Vaters, das Familienoberhaupt, das alle wichtigen Entscheidungen treffen muss. Eine betrifft die Heirat seiner älteren Schwester Nermin mit dem Sohn eines mächtigen und wohlhabenden Stammesfürsten aus dem Nachbardorf. Siyar stimmt, notgedrungen, der Hochzeit zu. Seine Schwester, die einen anderen liebt, flüchtet mit ihrem Freund nach Istanbul.
Siyar muss die Familienehre wieder herstellen; indem er seine Schwester tötet. Er, der bislang noch nie sein Dorf verlassen hat und der noch ein Kind ist, macht sich auf den Weg in eine für ihn fremde Welt.
In Istanbul lernt er das chaotische und von der Natur entfremdete Großstadtleben mit seinen Verlockungen und Gefahren kennen. Er befreundet sich mit dem Straßenmädchen Evin, das sich mit Taschendiebstählen durchschlägt. Gemeinsam machen sie sich, nachdem Siyar seine Schwester entdeckte und sie flüchten konnte, auf den Weg in die Festung Europa.
Griechenland, Berlin, Oslo und die Einöde Norwegens sind die Stationen von Siyars Verfolgungsjagd nach seiner Schwester. Geholfen wird ihm auf seiner Rachemission von Landsleuten, die ihn mit Informationen versorgen, Waffen besorgen und auch über Grenzen schmuggeln. Er wird wie ein Gegenstand, der nur für eine Aufgabe gedacht ist, weitergereicht zu seinem Ziel.
Gleichzeitig ist es eine Reise, die Siyars Werte auf die Probe stellt. Erstmals ist er auf sich alleine gestellt, er verliebt sich in Evin und er muss sich fragen, ob der Mord an seiner Schwester richtig ist.
Hisham Zaman, der selbst als Jugendlicher mit seiner Familie aus dem Irak floh, erzählt in seinem Spielfilmdebüt nach mehreren Kurzfilmen, eine einfache Geschichte mit einem zwiespältigem Protagonisten. Denn Siyar ist eigentlich ein Killer, der einen Mordauftrag ausüben soll. Dass er dann daran zu zweifeln beginnt, dass er sich mit seinem Wertesystem auseinandersetzen muss (ohne wirklich ein anderes zu haben oder, abgesehen von seiner Liebe zu Evin, angeboten zu bekommen), gibt der Geschichte einen zweiten Plot. Wobei diese Coming-of-Age-Geschichte nie Siyars ursprüngliche Mission überlagert und sie, ohne den Zuschauern große Hoffnungen auf ein positives Ende zu machen, konsequent auf ein blutiges Ende zusteuert. Insofern ist „Der Junge Siyar“ ziemlich noir und auch ziemlich realistisch. Er zeigt seine Charaktere als Opfer der Umstände und Traditionen, aus denen ein Ausbruch kaum möglich ist. Jedenfalls nicht für Siyar. Und auch nicht für seine Schwester, die vor ihm aus ihrer Heimat in den Norden Europas flüchtet.
Hisham Zaman arbeitete mit Kjell Ola Dahl bereits 2007 bei seinem Kurzfilm „Winterland“, der die Liebesgeschichte von zwei in Norwegen lebenden Kurden erzählt, zusammen. Nach „Der Junge Siyar“ war Dahl Script Consultant für Zamans neuen Film „Brev til Kongen“, der sich mit dem Leben von fünf Flüchtlingen in Oslo beschäftigt.

Der Junge Siyar - Plakat

Der Junge Siyar (Før snøen faller, Norwegen/Deutschland/Irak 2013)
Regie: Hisham Zaman
Drehbuch: Hisham Zaman, Kjell Ola Dahl
mit Taher Abdulla Taher, Suzan Ilir, Bahar Özen, Nazmi Kirik, Ahmet Zirek, Muafaq Rushdie, Birol Ünel
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der Junge Siyar“
Moviepilot über „Der Junge Siyar“
Rotten Tomatoes über „Der Junge Siyar“
Wikipedia über Hisham Zaman und Kjell Ola Dahl
Homepage von Kjell Ola Dahl

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TV-Tipp für den 8. März: Gegen die Wand

März 8, 2013

3sat, 22.35

Gegen die Wand (D 2004, R.: Fatih Akin)

Drehbuch: Fatih Akin

Sibel will endlich leben. Als einziger Ausweg aus ihrer strenggläubigen türkischen Familie bleibt ihr die Scheinehe mit Cahit. Er ist wahrlich kein Traummann, aber Türke. Die Scheinehe funktioniert prächtig, bis Cahit sich in Sibel verliebt und das labile Gleichgewicht zwischen ihnen außer Kontrolle gerät.

Das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Drama wurde auch vom Kinopublikum angenommen. „Gegen die Wand“ landete mit über 760.000 Zuschauern, deutlich vor „Unterwegs nach Cold Mountain“, „Hidalgo“ und „Paycheck“, auf dem 48. Platz der Kinojahrescharts 2004. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: „In ‚Gegen die Wand’ steckt eine ungeheure Kraft, die sich zugleich aus der Liebe und der selbstzerstörerischen Energie der Liebenden speist. (…) So klaffen der Rhythmus der Montage und der Herzschlag der Geschichte mitunter ein wenig auseinander. Doch was zählt das schon, wenn man die melodramatische Wucht mit der eher lauwarmen Betriebstemperatur der meisten Wettbewerbsbeiträge vergleicht?“ (Peter Körte, FAZ, 12. Februar 2004 zur Berlinale-Premiere und vor dem Erhalt des Goldenen Bärens)

Mit Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gegen die Wand“

Wikipedia über „Gegen die Wand“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (D 2012)


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