Neu im Kino/Filmkritik: „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“

Februar 6, 2020

Der Originaltitel des neuen Films aus dem DC Extended Universe ist mit „Birds of Prey (And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn)“ etwas länger als der ähnlich umständliche deutsche Titel „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“. An der Kinokasse wird wahrscheinlich immer nach dem „Harley Quinn“-Film gefragt werden und so wurde er in erster Linie beworben.

Die „Birds of Prey“ sind im DC-Comicuniversum eine seit 1996 aus wechselnden Frauen bestehende Superheldentruppe. Sie kämpfen gegen das Böse. Das tun sie auch in diesem Film; – wobei sie im Film erst am Ende als Gruppe zusammen kommen. Nur so können sie lebendig aus einer brenzligen Situation herauskommen. Diese aus der Not geborene Ad-hoc-Kampfgemeinschaft nennt sich noch nicht Birds of Prey. Im Film haben die „Birds of Prey“-Mitglieder ‚Huntress‘ Helena Bertinelli (Mary Elizabeth Winstead), die Tochter eines Mafiapaten, die ihre Familie rächen will, ‚Black Canary‘ Dina Lance (Jurnee Smollett-Bell), eine Sängerin mit Superkräften, die sie nicht anwenden will, ‚Cass‘ Cassandra Cain (Ella Jay Basco), eine Taschendiebin, und Renee Montoya (Rosie Perez), ein gesetzestreuer Hardboiled-Detective des Gotham City Police Department, nur Nebenrollen.

Im Mittelpunkt steht Harley Quinn. Sie ist die ziemliche durchgeknallte Freundin des ebenso durchgeknallten Superverbrechers Der Joker und damit eindeutig ein Bösewicht. Außerdem ist Harley Quinn die Erzählerin des Films. Sie wird, wie schon in „Suicide Squad“, von Margot Robbie gespielt. Damals kam sie beim Publikum gut an. Und weil Warner Bros. Pictures mit seinen Superheldenfilmen inzwischen den Weg des erfolgreichen Marvel Cinematic Universe (MCU) einschlägt, gibt es seit „Wonder Woman“ Einzelfilme, in denen einzelne Superhelden im Mittelpunkt stehen. Bei „Aquaman“ und „Shazam!“ funktionierte das gut. Die meisten Kritiken waren positiv, die Fans begeistert und die Buchhalter zählten erfreut die Einnahmen. Auch bei Todd Phillips‘ „Joker“, der nicht zum DC Extended Universe gehört, stimmte das Einspielergebnis. Inzwischen könnte das düstere Drama den Oscar als bester Film des Jahres erhalten. Warum also nicht sein Glück mit einem durchgeknallten, sexy Bösewicht versuchen?

Die Regie wurde Cathy Yan anvertraut. Nach ihren auf Sundance gelaufenen, in Deutschland nur auf einem Festival gezeigten Spielfilmdebüt „Dead Pigs“ ist „Birds of Prey“ ihr zweiter Spielfilm. Das Drehbuch ist von Christina Hodson. Sie schrieb zuletzt das Buch für den rundum erfreulichen und sehr kindgerechten ‚Transformers‘-Film „Bumblebee“. Rundum erfreulich und kindgerecht ist „Birds of Prey“ nicht. Die Story springt ziemlich konfus zwischen den verschiedenen Figuren, ihren von Quinn erzählten Hintergrundgeschichten, Gegenwart und Vergangenheit hin und her.

Harley Quinn wurde von ihrem Freund, dem Joker, verlassen. Jetzt muss sie in Gotham, das wie das vermüllte New York der siebziger und achtziger Jahre aussieht, allein über die Runden kommen. Gegenüber dem egomanischen Gangsterboss Roman Sionis (Ewan McGregor im Gary-Oldman-Neunziger-Jahre-“Leon, der Profi“-Modus) erklärt sie sich bereit, eine junge Taschendiebin, die ihm zufällig einen wertvollen Edelstein mit besonderen Eigenschaften geklaut hat, zu finden und zu ihm zu bringen. Nachdem Harley Quinn Cass geschnappt hat, bekommt sie allerdings leichte Gewissensbisse. Sie findet Cass beim Abhängen in ihrer Bude ganz sympathisch und wer will nicht eine Freundin haben? Deshalb will sie Cass vor Sionis und seinen Schergen beschützen.

Cathy Yan erzählt diese Geschichte als ein monotones Dauerfeuerwerk, in dem Gewalt und Sexismus (jede Frau, die ihren Bauchnabel zeigt, eignet sich für die nächste Playboy-Fotostrecke), soundtechnisch unterlegt mit einer Mischung aus einfallslosen HipHop-Rhythmen, den größten Hits der vergangenen Jahrzehnte (in seligem Gedenken an Quentin Tarantino und die Guardians of the Galaxy) und knackenden Knochen, in Zeitlupe zelebriert werden. Am liebsten zerbricht Quinn mit einem Baseball-Schläger Knochen. Die anderen Bösewichter stehen ihr nicht nach. Sie zerbrechen ebenfalls munter Knochen, schießen herum und ziehen Menschen mit einem Messer die Haut vom Gesicht. Der Endkampf ist eine riesige Schlägerei, die wie die artistische, todernste, zynisch Gewalt zelebrierende Variante einer Klopperei aus einem Bud-Spencer-Film wirkt. Damit das alles goutierbar bleibt, fließt kein Blut, etwaige Schmerzensschreie gehen im Soundtrack unter und die Folgen von Schlägen mit einem Baseballschläger auf einen Kopf werden nie gezeigt. Gewalt ohne Folgen eben. Erzählt von einer keine zwei Sekunden vorausplanenden Psychopathin, die Menschen verstümmeln für witzig hält.

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn (Birds of Prey (And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn, USA 2020)

Regie: Cathy Yan

Drehbuch: Christina Hodson

mit Margot Robbie, Mary Elizabeth Winstead, Ewan McGregor, Jurnee Smollett-Bell, Rosie Perez, Ella Jay Basco, Bojana Novakovic, Chris Messina, Greice Santo

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“

Metacritic über „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“

Rotten Tomatoes über „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“

Wikipedia über „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „I, Tonya“ Harding, Eiskunstläuferin – und das ist meine Geschichte

März 23, 2018

Tonya Harding, geboren am 12. November 1970 in Portland, Oregon, Eiskunstläuferin.

Seit 1986 nimmt sie mehrmals erfolgreich an nationalen Eiskunstlauf-Meisterschaften teil. 1991 wird sie US-Meisterin.

Am 16. Februar 1991 springt sie als erste Frau in einem Wettbewerb den dreifachen Axel. Der schwierige Sprung gelingt ihr auf der United States National Figure Skating Championships in Minneapolis. Einen Monat später wiederholt sie den Sprung in München auf der World Figure Skating Championship. Bei diesem internationalen Wettbewerb wird sie Vizeweltmeisterin. Später nimmt sie an weiteren internationalen Wettbewerben teil.

1994 nimmt sie vom 12. bis 27. Februar an den Olympischen Spielen in Lillehammer teil.

Aber viel bekannter ist sie, – jedenfalls, wenn man sie kennt -, für eine andere Geschichte, die „Lars und die Frauen“-Regisseur Craig Gillespie jetzt in seinem neuesten Film „I, Tonya“ erzählt.

Tonya Harding wird schon als Kind erbarmungslos von ihrer White-Trash-Mutter LaVona Harding (Allison Janney, die für ihre Rolle einen Oscar erhielt) auf das Eis getrieben. Härte ist für sie die Methode, um ihre Tochter zu Höchstleistungen anzuspornen.

Später kann Tonya in Wettbewerben reüssieren. Aber von der Eiskunstlauf-Gemeinschaft wird sie nicht für voll genommen. Ihre Leistungen sind sehr gut, aber ihr Benehmen ist viel zu proletarisch und vulgär für diesen Sport. Ihrem Stil fehlt das von den Juroren geforderte elegante. Sie ist nicht in der Lage, sich auch nur minimal anzupassen. Und sie hört die falsche Musik.

Ihre ärgste Konkurrentin bei Wettbewerben ist Nancy Kerrigan (Caitlin Carver), die Eisprinzessin, die alles das verkörpert, was die Eiskunstlauf-Gemeinschaft liebt. Als sie Tonyas US-Meistertitel und ihre Fahrt zu den Olympischen Spielen gefährdet, beschließen Tonyas Ex-Mann Jeff Gillooly (Sebastain Stan) und sein Freund Shawn Eckardt (Paul Walter Hauser), ihr zu helfen. Am 6. Januar 1994 zertrümmern sie in einem von einer Videokamera überwachten Flur der Cobo Arena in Detroit, Michigan, Nancy Kerrigan die Kniekehlen. Sie führen ihr Attentat so schlampig aus, dass Kerrigan letztendlich fast nichts passiert. Einen Monat später nimmt sie erfolgreich an den Olympischen Spielen teil. Die Polizei kann die Täter schnell verhaften und bei dem Gerichtsverfahren ist dann unklar, was Tonya Harding von dem Attentat wusste, das von den größten Idioten des Landes durchgeführt wurde.

Für diese Geschichte eines missglückten Attentats ist sie, jedenfalls in den USA, noch heute viel bekannter als für ihre sportlichen Leistungen.

Craig Gillespie inszenierte Tonya Hardings Geschichte als schwarze Satire im Stil eines Dokumentarfilms, der, schnell geschnitten und pointiert, zwischen aktuellen Statements der damals Beteiligten und Aufnahmen von den damaligen Ereignissen erzählt. So ergibt sich aus den unterschiedlichen Erinnerungen der mehr oder weniger unzuverlässigen Erzähler und satirischen Pointierungen ein für Interpretationen offenes Bild der damaligen Ereignisse, das denn Hauptverantwortlichen ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Sie sind als White Trash in ihrer allumfassenden Blödheit und Sturheit gerade intelligent genug, um für den unglücklichen Verlauf der Ereignisse und ihr eigenes Scheitern verantwortlich zu sein. Denn sie wählen bei Problemen zielsicher genau die Lösungen, die am Ende für sie die Situation noch schlimmer machen. Weil „I, Tonya“ eine Komödie ist, ist das natürlich sehr komisch, aber auch tragisch.

Diese Tragik, auch das Wissen um die eigenen Grenzen, blitzt immer wieder durch. LaVona ist dann hinter ihrer abweisenden Fassade doch als Mutter, die das Beste für ihr Kind will und es eigentlich lieben möchte, erkennbar. Sie kann es nur nicht gegenüber ihrer Tochter ausdrücken.

Gillespie erzählt eine Aufstiegsgeschichte, die in einem tiefen Fall mündet. So wurde Tonya Harding nach den Olympischen Spielen lebenslang von allen Eiskunstlaufmeisterschaften gesperrt. Neben ihrer Sportkarriere nehmen ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihrer ersten und großen Liebe Jeff Gillooly einen großen Teil des Films ein. Hier zeichnet Gillespie das Bild einer dysfunktionalen Familie und gewalttätiger Beziehungen. So wird Tonya von ihrer Mutter und später ihrem Mann geschlagen. Aber sie bleibt dann doch bei ihm. Denn Schläge kennt sie.

Dieses Porträt ist, auch wenn man letztendlich wenig über das Eiskunstlaufen erfährt, herrlich unterhaltsam und erfrischend respektlos.

I, Tonya (I, Tonya, USA 2017)

Regie: Craig Gillespie

Drehbuch: Steven Rogers

mit Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novakovic, Caitlin Carver, Maizie Smith, Mckenna Grace

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „I, Tonya“

Metacritic über „I, Tonya“

Rotten Tomatoes über „I, Tonya“

Wikipedia über „I, Tonya“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „I, Tonya“

Meine Besprechung von Craig Gillespies „Fright Night“ (Fright Night, USA 2011)

SAG-AFTRA bittet die Hauptverantwortlichen auf die Bühne

Times Talk unterhält sich mit Craig Gillespie, Margot Robbie und Sebastian Stan (ab Minute 6:52)

DP/30 unterhält sich mit ‚Harley Quinn‘ Margot Robbie über den Film

 

 


TV-Tipp für den 1. August: Auftrag Rache

Juli 31, 2014

Als Vorbereitung für „The Expendables 3“, der am 21. August startet und in dem Mel Gibson einen maulfaulen Bösewicht spielt

ZDFneo, 22.00

Auftrag Rache (USA/Großbritannien 2010, Regie: Martin Campbell)

Buch: William Monahan, Andrew Bovell (nach dem Drehbuch von Troy Kennedy Martin)

Vor der Haustür des Polizisten Thomas Craven erschießen Unbekannte seine Tochter. Craven glaubt, dass der Anschlag ihm gegolten hat. Er beginnt ihren Mörder zu jagen.

Nachdem Mel Gibson in den vergangenen Jahren vor allem als Regisseur und wegen anderer Dinge von sich reden machte (Hey, wir haben doch alle kopfschüttelnd die Meldungen auf den Bunten Seiten gelesen.), übernahm nach einer siebenjährigen Schauspielpause für diesen leicht noirischen Politthriller endlich wieder einmal die Hauptrolle und es wurde eine veritable Soloshow.

„Auftrag Rache“ ist das Remake der hochgelobten, sechsstündigen BBC-Serie „Am Rande der Finsternis“ (Edge of Darkness) von 1985, die ebenfalls von Martin Campbell inszeniert wurde und ein mit mehreren BAFTAs (unter anderem „Beste TV-Serie“) ausgezeichneter „Meilenstein der Fernsehgeschichte“ (Martin Compart: Crime TV) ist. Dagegen ist das Remake nur austauschbare 08/15-Kost.

„Simpler Thriller, der das Spannungspotential seiner Actionszenen inszenatorisch nicht sonderlich ausschöpft und dessen politische Hintergründe eher konfus gezeichnet sind.“ (Lexikon des internationalen Films)

William Monahan schrieb auch die Drehbücher für die ungleich gelungeneren Thriler „Departed – Unter Feinden“,Der Mann, der niemals lebte“ und „London Boulevard“ (auch Regie).

Martin Campbell inszenierte auch die James-Bond-Filme „GoldenEye“ und „Casino Royale“ (zweimal gut) und „Green Lantern“ (Gähn!).

mit Mel Gibson, Ray Winstone, Danny Huston, Bojana Novakovic, Shawn Roberts, Frank Grillo

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Auftrag Rache“

Metacritic über „Auftrag Rache“

Rotten Tomatoes über „Auftrag Rache“

Wikipedia über „Auftrag Rache“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Campbells TV-Serie “Am Rande der Finsternis” (Edge of Darkness, GB 1985 – DIE Vorlage für “Auftrag Mord”)

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung „London Boulevard“ (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von Martin Campbells „Green Lantern” (Green Lantern, USA 2011)

Meine Besprechung von Adrian Grunbergs „Get the Gringo“ (Get the Gringo, USA 2012 – mit Mel Gibson als Verbrecher)


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