Neu im Kino/Filmkritik: Der „Joker“ will nur…

Oktober 11, 2019

Auf den Filmfestspielen von Venedig erhielt er den Goldenen Löwen. Seitdem werden ihm mehr oder weniger gute Chancen für einen oder mehrere Oscars eingeräumt. Allerdings dauert es bis zur Oscarverleihung noch einige Monate. Außerdem ist der „Joker“ ein Superheldenfilm und die hatten bisher, wie Science-Fiction- und Fantasy-Filme, wenig Glück bei den Oscars.

Bis zu den Nominierungen und Preisverleihungen kann der Verleih sich an den überwiegend positiven Kritiken, den begeisterten Publikumsreaktionen und dem überaus erfreulichem Einspiel – in den USA spielte der Film am Startwochenende über 96 Millionen US-Dollar ein – erfreuen. Außerdem wird über über den Protagonisten, die Gewalt und die Botschaft des Films diskutiert. Denn nichts davon ist wirklich eindeutig und nichts davon wird in dem heute gewöhnlichen Comicfilm-Actionstil präsentiert, in dem alles so unmöglich ist, dass, auch wenn ganze Städte und Galaxien zerstört werden, immer der Entertainment-Aspekt im Vordergrund steht. Wirklich verletzt wird niemand und am Ende gewinnen die Guten.

Spaß hat in „Joker“ niemand.

Das liegt auch daran, dass Todd Phillips in seinem Film nicht von einer weiteren Konfrontation zwischen Batman und dem Superschurken Joker erzählt. Sein Film gehört daher, wenigstens für den Moment, nicht zum DC Extended Universe. So wird das von Warner Bros. Pictures und DC Comics gemeinsam produzierte filmische Universum genannt. Nach einem sehr holprigen Start mit düsteren und ernsten Superheldenfilmen wurde es zuletzt mit „Wonder Woman“, „Aquaman“ und „Shazam!“ besser, unterhaltsamer und vergnüglicher.

Joker“ knüpft nicht an diese Filme und das DCEU an, sondern er ist als Einzelfilm, der in keiner Verbindung zum DCEU steht, konzipiert. Außerdem erzählt er die Entstehungsgeschichte des Jokers. Im Gegensatz zu anderen Superhelden und Superschurken gibt es nicht die allgemein akzeptierte, kanonisierte Ursprungsgeschichte des Jokers. Eigentlich kennt man den Joker in den Comics und Filmen nur als Superschurken mit einem, ähem, problematischen Sozialverhalten, Lust am Chaos und einem verzerrten Clownsgesicht.

Das eröffnet Todd Phillips (die „Hangover“-Filme, „War Dogs“) die Möglichkeit, seine Version von dem Joker und wie der Joker der Joker wurde zu erzählen, ohne sich um all das Drumherum zu kümmern.

Sein Joker heißt Arthur Fleck. Als wir ihn zum ersten Mal in Gotham City in den frühen 1980er Jahren sehen, wedelt er als Clown auf der Straße mit einem Werbeschild herum, das ihm prompt von einer Bande Jugendlicher geklaut wird. Nach einer Verfolgungsjagd stellen sie ihn in einer Nebengasse, schlagen ihn zusammen und zerstören das Schild. Das Schild wird später von Flecks Gehalt abgezogen.

Gotham City ist hier, wie auch in den Comics, ein Synonym für New York City. Es ist die Stadt, in der Martin Scorseses „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ spielen. Beide Filme wurden schon vor der Premiere als Inspirationen für „Joker“ genannt. Vor allem „The King of Comedy“ ist die immer wieder erkennbare Inspiration für „Joker“. Beide Male geht es um einen erfolglosen Künstler, der von seinem Idol wahrgenommen werden will. Bei Scorsese war Jerry Lewis das Idol und Robert De Niro der fanatische Möchtegern-Komiker. Bei Phillips ist Joaquin Phoenix der bis auf die Knochen abgemagerte Möchtegern-Komiker Arthur Fleck und Robert De Niro, in einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle, der bekannte Late-Night-Gastgeber Murray Franklin.

Bis es zur ersten echten Begegnung zwischen Fleck und Franklin kommt, führt Phillips uns in Flecks Psyche. Er ist ein nicht witziger Komiker, ein Clown zum Fürchten, ein von unerklärlichen Lachkrämpfen geplagter Psychopath, der immer noch bei seiner kränkelnden Mutter lebt und der ewige Verlierer, der höchstens in seiner Fantasie das Mädchen bekommt. Es gibt nichts, was ihn irgendwie auf seine spätere Karriere als Superverbrecher Joker vorbereiten könnte. Auch seine ersten verbrecherischen Taten, wie die Ermordung einiger nerviger Yuppies in der U-Bahn, folgen keinem Plan, sondern sind reine Affekthandlungen. Entsprechend ratlos reagiert er am Ende, wenn aus dem Clown Fleck der Joker wird und ganz Gotham City zum Schauplatz einer Straßenschlacht wird, während in einer Gasse neben einem Kino ein künftiger Superheld geboren wird.

Aber wirklich packend ist diese mit Anspielungen und Zitaten reichhaltig gesegnete Origin Story nie. Dafür ist der Film zu sehr überzeugt von seiner eigenen Bedeutung. Die Geschichte, die vor allem eine zwischen Wahn und Wirklichkeit pendelnde Charakterstudie ist, entwickelt sich zu schleppend und zu unentschlossen. So als habe man gleichzeitig provozieren und niemand provozieren wollen.

Und ich habe Arthur Fleck niemals als künftiges Verbrechergenie gesehen. Er ist von der ersten bis zur letzten Minute, auch wenn dann viele Menschen mit einem Clownsgesicht durch die Stadt marodieren, ein Niemand, der in dem Moment zu einer Projektionsfläche wird. Nur ist unklar für was.

Joker (Joker, USA 2019)

Regie: Todd Phillips

Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver

LV: Charakter von Bob Kane, Bill Finger und Jerry Robinson

mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy, Brett Cullen, Shea Whigham, Bill Camp, Glenn Fleshler, Leigh Gill, Josh Pais, Brian Tyree Henry

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBrosDC-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Joker“

Metacritic über „Joker“

Rotten Tomatoes über „Joker“

Wikipedia über „Joker“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Todd Phillips‘ „War Dogs“ (War Dogs, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Shallows – Gefahr aus der Tiefe“ für Blake Lively

August 26, 2016

Nancy (Blake Lively) will in der einsam gelegenen, traumhaften Bucht nur etwas surfen. Aber dann wird sie von einem Hai angegriffen, kann auf ein Felsstück, das bei Ebbe aus dem Wasser ragt, flüchten und sie fragt sich, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien kann. Denn Hilfe ist nicht in Sicht und ihr Handy liegt am Strand, der nur wenige hundert Meter entfernt ist. Meter, in denen ein extrem schlecht gelaunter Weißer Hai schwimmt, der sie und alle weiteren Eindringlinge in sein Revier als Mahlzeit betrachtet.

Gut, die Prämisse wirkt auf den ersten Blick etwas weit hergeholt, aber da bei Überschwemmungen schon Menschen in ihrem Keller ertrinken, ist Nancys Malaise durchaus glaubwürdig und Regisseur Jaume Collet-Serra erzählt die Geschichte nach einem ruhigen Anfang, der wie ein Werbevideo für Traumurlaube an unberührten Stränden und Surfen wirkt, in knackigen achtzig Minuten (ohne den Abspann). Es ist ein Thriller mit einem klaren Konflikt, ohne Subplots und Umwege. Es geht nur um eine junge Frau, die um ihr Überleben kämpft.

Das erinnert in seiner konsequenten Reduktion an J. C. Chandors Seglerdrama „All is lost“, in dem Robert Redford mitten im Indischen Ozean gegen sein sinkendes Schiff kämpfte. Oder, auch wenn es dort kein Wasser gibt, an Alfonso Cuaróns „Gravity“, in dem Sandra Bullock im Weltraum um ihr Überleben kämpfte. Da folgte die Geschichte etwas zu starr dem Drehbuchratgeber, aber dafür beeindruckten im Kino auf der großen Leinwand die Bilder vom dunklen Weltraum und 3D wurde endlich einmal sinnvoll eingesetzt.

Und genau wie bei diesen Filmen waren die Dreharbeiten für „The Shallows“ schwierig. Gedreht wurde, auch wenn die Filmgeschichte aus was für Gründen auch immer in Mexiko spielt, auf der zu Australien gehörenden Lord-Howe-Insel, die Teil des Unesco-Weltkulturerbes ist. Der Drehort war abgelegen. Die gesamte für den Dreh nötige Technik musste dorthin gebracht werden. Der im Film unberührte Strand musste, nachdem die Filmcrew durchmarschiert war, immer wieder in den unberührten Zustand versetzt werden. Die Möwe, mit der Nancy sich unterhält, musste trainiert werden. Immerhin musste der Hai nicht trainiert werde, weil er, beängstigend echt, aus dem Computer kommt. Allerdings mussten während dem Dreh die Bewegungen des Hai und das von ihm verdrängte Wasser erzeugt werden. Das sind dann Herausforderungen, die erklären, warum bestimmte Geschichten so selten verfilmt werden.

Für Jaume Collet-Serra war „The Shallows“ auch eine Auszeit von seinen Filmen mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Er inszenierte mit Neeson die durchweg sehenswerten Thriller „Unknown Identity“, „Non-Stop“ und „Run all night“. Derzeit dreht er mit ihm „The Commuter“. Der Thriller soll im November 2017 bei uns anlaufen.

Und Blake Lively, die wir aus der TV-Serie „Gossip Girl“, der Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ und der Romanze „Für immer Adaline“ kennen, zeigt, dass sie ganz allein einen Film tragen kann. Auch wenn sie bis zum Ende viel zu gut aussieht für die Strapazen, die sie erleiden muss.

Am Ende von „The Shallows“ erscheint ein rappelvoller Strand mit nervigen, oft viel zu knapp bekleideten Badegästen als eine gar nicht mehr so schlechte Option; wenn es da nicht die Sache mit „Der weiße Hai“ gäbe.

The Shallows - Plakat

The Shallows – Gefahr aus der Tiefe (The Shallows, USA 2016)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: Anthony Jaswinski

mit Blake Lively – außerdem, nicht unwichtig, aber im Cameo-Bereich Óscar Jaenada, Angelo Jose, Lozano Corzo, Jose Manual, Trujillo Salas, Brett Cullen, Sedona Legge, Pablo Calva, Diego Espejel, Janelle Bailey, Ava Dean, Chelsea Moody, Sully ‚Steven‘ Seagall (Debüt!)

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Shallows“

Metacritic über „The Shallows“

Rotten Tomatoes über „The Shallows“

Wikipedia über „The Shallows“

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras “Non-Stop” (Non-Stop, USA 2013)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „Run all Night“ (Run all Night, USA 2015)


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