Neu im Kino/Filmkritik: Die wahre Geschichte vom „Aufbruch zum Mond“

November 13, 2018

Als die Amerikaner und die Sowjets mit dem Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum beginnen, liegen in Europa immer noch die Trümmer des Zweiten Weltkrieg herum, Der erste Satellit im All, das erste Tier im All, der erste Astronaut im All – immer hat die Sowjetunion die Nase vorne. Das muss sich ändern.

Am 25. Mai 1961 erklärt US-Präsident John F. Kennedy daher, dass die USA bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann zum Mond schicken werde. Die NASA ist mit dem Gemini-Programm und dem darauf folgendem Apollo-Programm für das Gelingen dieser Vision verantwortlich. Die Fortschritte in den Programmen werden von einem großen Presserummel begleitet. Die Vision einer Eroberung des Weltraums löst eine gigantische Weltraum-Euphorie aus und es gibt einen neuen Traumberuf.

1962 werden die ersten Astronauten der Öffentlichkeit vorgestellt. Neil Armstrong, ein introvertierter Grübler, gehört zu ihnen. Sieben Jahre später, am 21. Juli 1969 (in den USA war es noch der 20. Juli) betritt er als erster Mensch den Mond.

In seinem Biopic „Aufbruch zum Mond“ verfolgt Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“, „La La Land“) den Weg von Neil Armstrong von 1961 als Testpilot bis zu seinen legendären Schritten auf dem Mond. Diese Schritte auf dem Mond wurden im großen IMAX-Format gefilmt und sie fallen in dem nostalgischen Biopic durch den abrupten Formatwechsel auf. Jedenfalls im IMAX-Kino.

Der restliche Film ist ein im Dokumentarfilm-Stil inszeniertes, sich in engen Wohn- und Büroräumen abspielendes Drama, das ohne große Erklärungen wichtige Szenen in Armstrongs Leben aneinanderreiht. Damit ähnelt das Biopic am ehesten einem beobachtenden Dokumentarfilm, der konsequent auf einen Sprecherkommentar und Dramatisierungen verzichtet. D. h. alles das, was wir nicht aus den Szenen erfahren, erfahren wir nicht.

Das gilt auch für die Namen von Armstrongs Mit-Astronauten. Sie werden nicht oder erst spät im Film genannt. Und ohne den Namen hat man auch keine Ahnung, ob diese Person wichtig oder unwichtig ist. Dazu kommt der dokumentarisch-beobachtende Blick, der es unmöglich macht, zu ahnen, wer von den Männern des Gemini-Projekts – Neil Armstrong (Ryan Gosling), Ed White (Jason Clarke), Jim Lovell (Pablo Schreiber), Gus Grissom (Shea Whigham), Pete Conrad (Ethan Embry), Elliot See (Patrick Fugit), David Scott (Christopher Abbott), Buzz Aldrin (Corey Stoll) und Richard F. Gordon (Skyler Bible) – später zum Apollo-Projekt gehören wird und wer dann mit Neil Armstrong in der Apollo 11 erfolgreich zum Mond und zurück fliegen wird. Buzz Aldrin und Michael Collins (Lukas Haas) waren es. Entsprechend distanziert beobachtet man Armstrongs Mitastronauten, die alle vor allem ruhige Tüftler sind, bei ihrem Training und der Suche nach lebensbedrohlichen Fehlern.

Fast genauso wichtig wie Armstrongs Beruf ist in dem Film seine Beziehung zu seiner Frau Janet Armstrong (Claire Foy) und seine Trauer über den Tod seiner zweijährigen Tochter am Filmanfang. Diese findet erst am Filmende eine dramaturgisch nicht vorbereitete und eher misslungene Auflösung, die auch erklären soll, warum Armstrong unbedingt zum Mond fliegen wollte.

Chazelle konzentriert sich in „Aufbruch zum Mond“ so sehr auf Armstrong, dass schon seine Arbeitskollegen zu austauschbaren Nebenfiguren werden. Die restliche Welt mit all ihren revolutionären Umbrüchen und Studentenunruhen kommt bei ihnen nicht vor.

Aufbruch zum Mond (First Man, USA 2018)

Regie: Damien Chazelle

Regie: Josh Singer

L. V. James R. Hansen: First Man: The Life of Neil A. Armstrong, 2005 (Aufbruch zum Mond: Neil Armstrong – Die autorisierte Biographie; Aufbruch zum Mond)

mit Ryan Gosling, Claire Foy, Jason Clarke, Christopher Abbott, Kyle Chandler, Corey Stoll, Connor Blodgett, Brian D’Arcy James, Pablo Schreiber, Luke Winters, Ciarán Hinds, Patrick Fugit, Olivia Hamilton, Lukas Haas, Shea Whigham, Willie Repoley, Ethan Embry, Ben Owen

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aufbruch zum Mond“

Metacritic über „Aufbruch zum Mond“

Rotten Tomatoes über „Aufbruch zum Mond“

Wikipedia über „Aufbruch zum Mond“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood überprüft den Faktengehalt

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Whiplash“ (Whiplash, USA 2014)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „La La Land“ (La La Land, USA 2016)

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TV-Tipp für den 29. Juli: Spotlight

Juli 28, 2018

Pro7, 20.15

Spotlight (Spotlight, USA 2015)

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Hochspannender Thriller über die Recherchen des „Boston Globe“ über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese.

2003 erhielt das „Spotlight“-Team den Pulitzer-Preis für seine Arbeit.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Spotlight“
Metacritic über „Spotlight“
Rotten Tomatoes über „Spotlight“
Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche
History vs. Hollywood über „Spotlight“
Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Win Win“ (Win Win, USA 2011)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Spotlight“ (Spotlight, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ setzen und Ärger bekommen

März 10, 2018

Sie organisierte Pokerspiele.

Sie wurde dafür vom FBI verhaftet.

Sie sah einer absurd hohen Haftstrafe entgegen, weil sie illegale Glücksspiele organisiert hatte. In mehreren Bundesstaaten. Mit Verbindungen zu russischen Mafiosi.

Ihr Fall ging auch durch die deutsche Presse und ihre Biographie „Molly’s Game“ wurde auch ins Deutsche übersetzt. Nicht, weil wir Deutschen uns so wahnsinnig für illegales Glücksspiel interessieren, sondern weil Molly Bloom ihren persönlichen Glamour-Faktor als junge, gutaussehende Frau und, bis zu einem unglücklichen Unfall während eines Qualifizierungswettbewerbs für die 2002er Winter-Olympiade, US-Olympiahoffnung im Skispringen, mühelos mit den Teilnehmern der von ihr organisierten Pokerrunden toppen konnte. Hollywood-Stars, wie Tobey Maguire (das nicht ausdrücklich bestätigte Vorbild für Spieler X im Film), Leonardo DiCaprio und Ben Affleck, und die üblichen Verdächtigen, wohlhabende Geschäftsleute, Sportler, und Mafiosi, gehörten zu den Teilnehmern der von hr organisierten Pokerspiele. Die Spieleinsätze gingen in die Millionen. Der höchste Verlust, den Bloom sah, waren einhundert Millionen Dollar, die der Spieler am nächsten Tag bezahlte.

2014 erschien die Biographie der am 21. April 1978 in Colorado geborenen Molly Bloom, in dem sie erzählt, wie es dazu kam, dass eine gescheiterte Sportlerin im großen Stil illegale Glücksspiele organiserte. Das Buch endet mit ihrer Verhaftung durch das FBI.

Schon vor dem Erscheinen des Buches wurde sie zu einer deutlich geringeren Haftstrafe verurteilt.

Aaron Sorkin verfilmte jetzt diese Geschichte. Sein Regiedebüt basiert, wenig verwunderlich, auf einem von ihm geschriebenem Drehbuch, das sich einige Freiheiten nimmt. Vor allem bei den Pokerspielern, bei Blooms Anwalt und im Film ist ihr Buch aus dramaturgischen Gründen vor der Urteilsverkündung erschienen.

Sorkin erzählt in seinem Film Blooms Geschichte auf zwei Ebenen: in der Gegenwart versucht sie (Jessica Chastain) ihren Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) zu überzeugen, sie zu verteidigen und, nachdem sie ihn überzeugt hat, erzählt sie ihm, wie aus einer streng erzogenen Hochleistungssportlerin, die 2003 nach Los Angeles zog, um nach einer kurzen Pause Jura zu studieren, die sehr erfolgreiche Organisatorin von illegalen Pokerspielen wurde. Dies wird in Rückblenden gezeigt. Jaffey möchte auch wissen, warum sie keinen Deal mit dem FBI abschließen möchte. Dafür müsste sie nur kooperieren und die Namen der Pokerspieler verraten.

Sorkin ist einer der bekanntesten Hollywood-Autoren. Die TV-Serie „The West Wing“ und Filme wie „Der Krieg des Charlie Wilson“, „The Social Network“ und „Steve Jobs“ gehen auf sein Konto. Er ist ein Meister des Dialogs und der unglaublichen Verdichtungen. Auch sein Regiedebüt „Molly’s Game“ erzählt in hundertvierzig Minuten mehr, als andere Regisseure in einer zehnstündigen Miniserie. Schon die ersten Minuten, in denen Molly Bloom ihr bisheriges Leben bis zu dem tragischen Skiunfall zusammenfasst und den Unfall erklärt, während die Bilder das Erzählte illustrieren, erklären und vertiefen, sind furios. Sie sind so furios, dass die Frage, wie Sorkin dieses Erzähltempo bis zum Filmende durchhalten will, berechtigt ist. Es gelingt ihm mühelos. Es gelingt ihm sogar, dass man die Spielstrategien beim Pokern nachvollziehen kann, ohne irgendeine Ahnung vom Spiel zu haben.

Und gerade weil „Molly’s Game“ durchgehend auf einem so hohen Niveau erzählt ist, fallen zwei wichtige Szenen, die in jedem anderen Film nicht negativ auffallen würden, hier negativ auf. Beide Szenen sind am Ende des Films. Einmal ist es ein eruptiver Ausbruch von Mollys Anwalt Jaffey, der in einem Plädoyer mündet. Einmal ist es ein Gespräch zwischen Molly und ihrem Vater (Kevin Costner) auf einer Parkbank in New York, in dem der klinische Psychologe eine Fünf-Minuten-Schnelltherapie durchführt.

Natürlich ist „Molly’s Game“ ein textlastiger Film, der vor allem in anonymen Hinter- und Hotelzimmern, in denen die Spiele stattfanden, spielt. Aber Sorkins Monologe und Dialoge sind fantastisch. Die Schauspieler ebenso. Visuell und optisch wird auch so viel herausgeholt, dass es niemals langweilig wird. Die 140 Minuten vergehen wie im Flug, den man anschließend gerne wieder bucht, um dann all die Details mitzubekommen, die man beim ersten Mal kaum erfassen konnte.

Molly’s Game – Alles auf eine Karte (Molly’s Game, USA 2017)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Molly Bloom: Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World, 2014 (Molly’s Game)

mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian d’Arcy James, Graham Greene

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Molly’s Game“

Metacritic über „Molly’s Game“

Rotten Tomatoes über „Molly’s Game“

Wikipedia über „Molly’s Game“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Molly’s Game“

DP/30 redet mit Aaron Sorkin über den Film

DP/30 redet mit Jessica Chastain über den Film

DP/30 redet mit Idris Elba über den Film

Bei der TIFF-Pressekonferenz  beantworteten Aaron Sorkin und Jessica Chastain Fragen

Bei der UK-Pressekonferenz war Idris Elba dabei

 


Neu im Kino/Filmkritik: „The Secret Man“ Mark Felt ist Deep Throat

November 2, 2017

Über Jahrzehnte war er nur als Deep Throat bekannt. So hatte die Tageszeitung „Washington Post“ ihn genannt. Für die „Washington Post“-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward war er ihre Quelle im Regierungsapparat, die sie mit brisanten Informationen versorgte, die den Watergate-Skandal befeuerten und letztendlich zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führten.

Alan J. Pakula verewigte ihre Arbeit in „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976). Mit Robert Redford als Bob Woodward und Dustin Hoffman als Carl Bernstein. Der Film ist ein Klassiker.

Das kann über Peter Landesmans „The Secret Man“ nicht behauptet werden. Er erzählt die Geschichte von FBI-Vizechef Mark Felt. 2005 sagte Felt, über seinen Anwalt in einem „Vanity Fair“-Artikel von John D. O’Connor, dass er Deep Throat sei. Woodward bestätigte die Enthüllung des damals schon länger an Demenz leidenden alten Mannes.

Landesman, selbst ein ehemaliger Enthüllungsjournalist und Kriegsreporter, der auch das Drehbuch für „Kill the Messenger“ schrieb und „Erschütternde Wahrheit“ nach seinem Drehbuch inszenierte, war von dieser Enthüllung fasziniert. Immerhin wurde schon seit Ewigkeiten über die wahre Identität von Deep Throat, dem bekanntesten unbekannten Whistleblower, spekuliert. Schon damals erhielt er den Auftrag, ein Drehbuch über Felt zu schreiben. Bei seinen Recherchen traf er Felt (17. August 1913 – 18. Dezember 2008) mehrmals und jetzt, nach einigen Umwegen, konnte er Felts Geschichte, die in Deutschland den nichtssagenden Titel „The Secret Man“ hat (der knackige Originaltitel ist „Mark Felt – The Man who brought down the White House“), inszenieren. Wie Pakula bleibt Landesman nah an den Fakten. Aber während Pakula uns mit den beiden Protagonisten, die bei ihren Recherchen erst langsam das gesamte Ausmaß der Verschwörung begreifen – immerhin begann es relativ unspektakulär am 17. Juni 1972 mit einem banalen Einbruch in ein Zimmer des Watergate-Hotels, bei dem die Einbrecher Abhörausrüstung bei sich trugen und das Hotel auch das Hauptquartier der Demokratischen Partei war – , geht Landesman die Sache anders an.

Er erzählt aus der Perspektive von Felt, einem Mann, der sich seit Ewigkeiten in Washington bewegt, der alle Winkelzüge der Macht kennt, der die richtigen Leute kennt und der jetzt beginnt gegen seinen Arbeitgeber, seinen Vorgesetzten, den Präsident der USA, zu intrigieren. Dabei ist, in der Realität wie im Film, unklar, warum Mark Felt zum Whistleblower wurde. Bis dahin war er ein loyaler Beamter und FBI-Agent der alten Schule war. Er begann 1942 beim FBI, stieg unter J. Edgar Hoover auf und war von Mai 1972 bis zu seiner Pensionierung im Juni 1973 Associate Director und damit stellvertretender Direktor in Washington, D. C.. Er war das Sinnbild des ehrenwerten FBI-Agenten. Er war allerdings auch in seiner Eitelkeit gekränkt. Nach dem Tod von J. Edgar Hoover am 2. Mai 1972 sah er sich als künftigen FBI-Direktor. Nixon ernannte allerdings L. Patrick Gray zum Diensthabenden FBI-Direktor. Gray hatte keinen FBI-Stallgeruch. Dafür war der U-Boot-Kommandant ein Vertrauter Nixons, der auch brav dessen Anweisungen ausführte. In diesem Moment, und das ist Felts zweites mögliche Motiv, sorgte er sich um die Integrität des FBI als unabhängige Organisation. Das FBI war niemandem Rechenschaft schuldig und sie befolgte auch keine Anordnungen von Politikern. Oder Felt sorgte sich wirklich um die US-amerikanische Demokratie, die von Nixon und seinen Gefolgsleuten missachtet wurde.

Am Ende trat Nixon zurück und Felt leugnete über Jahrzehnte glaubhaft, dass er nicht Deep Throat sei.

1980 wurde Felt für seine Gesetzesübertretungen bei der Verfolgung der linken Terrororganisation „Weather Underground“ in den frühen Siebzigern zu einer geringen Geldstrafe verurteilt und von US-Präsident Ronald Reagan begnadigt. Er betrachtete sie als ausländische Agenten. Daher gelte für sie nicht der vierte Verfassungszusatz, der vor willkürlicher Durchsuchung, Festnahme und Beschlagnahme von Eigentum schütze, und deshalb autorisierte er entsprechende Maßnahmen gegen sie und ihre Familien.

Dass Landesman die Frage nach Felts Motiv nicht eindeutig beantwortet, ist nicht unbedingt ein Problem. Sie könnte sogar das Interesse an Felt und seinem moralischen Dilemma steigern.

Dummerweise konterkariert seine Inszenierung diese Absicht. Sein Drehbuch ist nicht analytisch genug und er findet deshalb niemals einen eigenen Zugang zu seinem Material. Er präsentiert es nur in der denkbar ungeschicktesten Form. Anstatt ein packendes Drama über Loyalitäten zu inszenieren, sehen wir nur mittelalte und noch ältere Anzugträger, die alle beim gleichen Schneider waren, und die in dunklen Büros miteinander reden. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Wir kennen keinen einzigen von ihnen, wir wissen nicht, was für sie auf dem Spiel steht, welche Loyalitäten und Werte sie haben und wie sie reagieren. Wir wissen auch nicht, wer sie sind und weshalb sie für die Geschichte wichtig sind. Und wenn man sich das alles mühsam aus Halbsätzen zusammengereimt hat, ist es zu spät.

Auch wenn man die Geschichte des Watergate-Skandals kennt, sind diese Szenen nur eine Abfolge von Auf- und Abtritten von stoisch blickenden Anzugträger, die sich gegenseitig irgendetwas erzählen und sich dabei, erfolgreich, bemühen, möglichst keine Emotionen zu zeigen.

Liam Neeson, der eigentlich im richtigen Alter ist, um Mark Felt zu spielen, wirkt mit seiner grauen Betonfrisur und seinem maskenhaften Gesicht, wie ein jüngerer Schauspieler, der einen deutlich älteren Mann spielen muss und dafür schlecht auf alt geschminkt wurde.

Auch die restliche Besetzung ist hochkarätig, aber keiner der bekannten Schauspieler beeindruckt nachhaltig. Wir sehen Bruce Greenwood, aber nicht den vom ihm gespielten „Time Magazine“-Reprter Sandy Smith und wir wissen nicht, wer Smith war. Wir sehen Tom Sizemore als FBI-Agent Bill Sullivan, aber wir wissen nichts über die Beziehung zwischen ihm und Felt. Landesman verweigert die zum Verständnis nötigen Hintergrundinformationen.

Das alles inszenierte Landesman in einem gerontologischen Erzähltempo konsequent in gedeckten Brauntönen, die jede Farbe und Helligkeit vermissen lassen. Die bewusst unterbelichten Bilder sind auch Dank der Innenausstattung und der Anzüge eine Ode aus Braun, Dunkelbraun und Schwarz, die eine Bedeutung vorgaukelt, die der Film nie hat.

Dabei ist das Thema von „The Secret Man“ in der Trump-Ära von brennender Aktualität. Die Vergleiche zwischen damals und heute drängen sich förmlich auf. Über die Unterschiede werden lange Artikel geschrieben. Und wahrscheinlich murmelt ganz Washington „Wo ist unser Mark Felt?“.

P. S.: Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Oliver Stone zeigte in seinem Film „Snowden“ über den Whistleblower Edward Snowden, dass man einen spannenden Film über eine allseits bekannte Geschichte drehen kann. Wobei Stone auch eine klare Botschaft und Absicht hatte.

The Secret Man (Mark Felt – The Man who brought down the White House, USA 2017)

Regie: Peter Landesman

Drehbuch: Peter Landesman

LV: Mark Felt/Ralph de Toledano: The FBI Pyramid: From the Inside, 1979; Mark Felt/John O’Connor: A G-Man’s Life: The FBI, Being Deep Throat, and the Strggle for Honor in Washington, 2006 (beides Monographien, wobei „A G-Man’s Life“ Teile von „The FBI Pyramid“ enthält)

mit Liam Neeson, Diane Ladd, Marton Csokas, Tony Goldwyn, Ike Barinholtz, Josh Lucas, Wendi McLendon-Covey, Brian d’Arcy James, Maika Monroe, Michael C. Hall, Tom Sizemore, Bruce Greenwood, Julian Morris, Noah Wyle, Eddie Marsan

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (als hätten Kinder keine Angst vor Grauen Herren in Anzügen)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Secret Man“

Metacritic über „The Secret Man“

Rotten Tomatoes über „The Secret Man“

Wikipedia über „The Secret Man“

Meine Besprechung von Peter Landesmans „Erschütternde Wahrheit“ (Concussion, USA 2015)

Peter Landesman über seinen Film (im Gebäude der „Washington Post“)

Peter Landesman und Brian d’Arcy James im Gespräch über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: „Spotlight“ deckt auf

Februar 25, 2016

Als die Journalisten des „Spotlight“-Teams der traditionsreichen Tageszeitung „The Boston Globe“ mit ihren Recherchen für ihr neues Thema begannen, wussten sie, wer ihr Gegner sein wird, aber sie wussten nicht, wie groß der Skandal war, den sie aufdecken würden und welche Auswirkungen ihre Reportagen auch über die Stadtgrenze hinaus haben würden. Denn es hat immer wieder Fälle von pädophilen Priestern gegeben. In Boston und auch in anderen Orten. Aber das waren, so sagte die katholische Kirche, Einzelfälle und sie habe sich um diese Geistlichen gekümmert. Künftig würden sie sich nicht mehr an Minderjährigen vergreifen. Das war die offizielle Version, die auch die Mitglieder der Erzdiözese von Boston glaubten.
Aber Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) und seine ihm untergebenen Kollegen Mike Rezendes (Mark Rufallo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams [meine Besprechung von „True Detective – Staffel 2“ gibt es demnächst]), Matt Carroll (Brian D’Arcy James) und Ben Bradlee Jr. (John Slattery) beginnen 2001 tiefer zu graben. Sie sind das „Spotlight“-Team und damit das Team für investigative Recherchen, die manchmal im Sand verlaufen und oft handfeste Skandale aufdecken. Über den Kindesmissbrauch und den Umgang der in Boston enorm mächtigen katholischen Kirche, die dort ihre größte Erzdiözese in den USA hat, werden sie von dem neuen Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) angesetzt. Er kommt aus Florida vom Miami Herald. Ihm eilt ein Ruf als eiskalter Kosteneinsparer voraus. Außerdem kommt er nicht aus Boston, hat daher keinen Stallgeruch und wird entsprechend skeptisch von den alteingesessenen Journalisten erwartet. Baron meint, dass diese Missbrauchsgeschichte ein Thema für das „Spotlight“-Team und für die „Boston Globe“-Leser sei. Denn über die Hälfte der Leser sind Katholiken.
Wie die Geschichte der Recherche, die mit einer kleinen Notiz auf der Lokalseite begann, endete und welche Auswirkungen sie hatte, haben wir auch hier in Deutschland mitbekommen.
Der „Boston Globe“ veröffentlichte, nachdem wegen 9/11 die Veröffentlichung zunächst verschoben hatte, im Januar 2002 die ersten Rechercheergebnisse. Und damit endet das grandiose Drama „Spotlight“. Noch im gleichen Jahr erschienen im „Boston Globe“ fast 600 Artikel über sexuellen Missbrauch an Tausenden von Kindern durch Hunderte von Priestern in Boston und auf der ganzen Welt. Im Dezember 2002 trat Kardinal Law von seinem Amt in der Erzdiözese Boston zurück. Fast 250 Priester dieser Erzdiözese wurden öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. In den USA wurden über 6400 Priester wegen sexueller Übergriffe angeklagt – und angesichts dieser Zahlen frage ich mich, warum in Deutschland bis jetzt so wenige Priester wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden.
2003 erhielt das Spotlight-Team den renommierten Pulitzer-Preis für seine investigative Berichterstattung.
Das ist natürlich auch eine Geschichte für einen Film. Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy („Station Agent“, „Win Win“) und Co-Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Inside Wikileaks“) gelingt es in „Spotlight“ diese Geschichte spannend, pointiert und ohne überflüssige Dramatisierungen zu erzählen. Sie konzentrieren sich nämlich einfach auf die reale Geschichte in all ihren unterschiedlichen Facetten und das ist schon, wie wir mit den recherchierenden Journalisten erfahren, skandalös genug. Im Mittelpunkt stehen nämlich die Journalisten, ihre Arbeit, was diese Recherchen bei ihnen auslösen, in welchem Geflecht unterschiedlicher Interessen sie sich bewegen und mit welchem mächtigen Gegner sie sich anlegen. Denn sie recherchierten nicht über einzelne pädophile Priester, sondern über die konsequente und planmäßige Vertuschung dieser Fälle durch die Vorgesetzten, also die Leitung der Erzdiözese (und vielleicht noch höher in der Hierarchie der katholischen Kirche), über Jahre und, wie man im Lauf des Films mit den Journalisten erfährt, Jahrzehnte.
McCarthy erzählt seine Geschichte in der Tradition großer Journalistenfilme, wie „Die Unbestechlichen“ (über die Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein und den Watergate-Skandal, der zum Rücktritt von Präsident Nixon führte), und des aufklärerischen Kino eines Sidney Lumet, das auf ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler und eine unauffällige Kamera setzt. Dass die Sets exakt nachgebildet waren und die Schauspieler sich für die Recherche vorher mit den von ihnen porträtierten Journalisten trafen half. Diesen gefiel, wie sie und ihre Geschichte dargestellt werden.
„Spotlight“ wurde für sechs Oscars nominiert, erhielt bislang fast einhundert Preise und wurde für über einhundert weitere Preise nominiert; was allein schon etwas über die Qualität dieses grandiosen Ensemblestückes aussagt, das auch ein Hohelied auf die alltägliche journalistische Arbeit und auf den investigativen Journalismus ist, der schon immer gelobt, aber wenig geliebt wurde und seitdem in den USA und auch in anderen Ländern (in Deutschland wegen der Kultur des Zeitungsabonnements weniger) viele Tageszeitungen wegen des Internets um ihr Überleben kämpfen und teilweise ihr Erscheinen schon eingestellt haben. „Spotlight“ zeigt, was guter Journalismus leisten kann. Dass es auch ein in jeder Beziehung guter Film ist, hilft natürlich.

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Spotlight (Spotlight, USA 2015)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer
mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Spotlight“
Metacritic über „Spotlight“
Rotten Tomatoes über „Spotlight“
Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche
History vs. Hollywood über „Spotlight“
Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)


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