Neu im Kino/Filmkritik: Die „Power Rangers“ retten die Welt vor Rita Repulsa

März 23, 2017

Jason, Kimberly, Billy, Trini und Zack sind fünf Jugendliche in der verschlafenen All-American-Kleinstadt Angel Grove. Teils waren sie schon immer die Außenseiter. Teils haben sie es sich dank unüberlegter Aktionen so in der Schule verscherzt, dass sie jetzt zu den Außenseitern gehören und gemeinsam Nachsitzen müssen.

In einem stillgelegten Bergwerk entdecken sie fünf leuchtende Münzen, die ihnen übermenschliche Kräfte verleihen. Kräfte die sie, wie ihnen Zordon (Bryan Cranston als körperloses Bewusstsein in der Matrix des Raumschiffes) und der Cyborg Alpha 5 (der Sidekick des Films) erklären, zum Wohl der Menschheit einsetzen müssen.

Als erstes müssen sie gegen Rita Repulsa (Elizabeth Banks) kämpfen, die die Erde vernichten will.

Bevor die Power Rangers sich mit ihr kloppen und dabei Angel Grove einer Grundsanierung unterziehen, müssen sie unter der Führung des weißen Jason zu einer schlagkräftigen Truppe werden.

Powers Rangers“ ist der neue Kinofilm mit den bekannten Seriencharakteren, die 1993 bei Fox Kids ihren ersten Auftritt hatten und seitdem, bei verschiedenen Sendern, im Kino, als Game und als Spielzeug, eine wahre Geldquelle für ihren Erfinder Haim Saban sind. Die Kinderserie läuft immer noch im TV. In Deutschland lief die Serie zuerst bei RTL und Super RTL und inzwischen bei Nickelodeon.

Der Kinofilm, der ebenfalls ein jüngeres, eher vorpubertäres Publikum anvisiert, soll jetzt der Auftakt zu einer von der TV-Serie unabhängigen Serie von Kinofilmen sein.

Regisseur Dean Israelite („Project Almanac“) erzählt in seinem zweiten Spielfilm die Origin-Geschichte der Power Rangers recht flott, ohne spürbaren Längen und Überraschungen, aber mit einem humoristischen Unterton, der einem verrät, dass niemand den SF-Trashfilm hundertprozentig ernst nimmt. Besonders Elizabeth Banks hatte erkennbar ihren Spaß als Rita Repulsa. Sie ist eine egomanische Over-the-Top-Bösewichtin, die aus irgendeiner fernen Sagenwelt (oder dem letzten „Flash Gordon“-Film) stammt und die vor allem kleine Kinder als spärlich bekleidete böse Hexe etwas erschrecken will.

Die Power Rangers selbst sind eine bunte Truppe, die keine gesellschaftliche Gruppe vernachlässigt und die sogar – das muss gesagt werden, weil die Macher die Szene in Interviews schon betonen, Malaysia sich (wie schon bei „Die Schöne und das Biest“ [läuft jetzt ungekürzt]) überlegt, wie sie mit dieser Szene umgehen können und man sie leicht überhören kann – eine lesbische Superheldin haben. Das ist für einen Major-Superheldenfilm eine Sensation, die sich darin äußert, dass bei einem Lagerfeuergespräch Yellow Ranger Trini gefragt wird, ob sie nicht „boyfriend problems“ sondern „girlfriend problems“ habe.

So lobenswert es ist, Jugendlichen zu erklären, dass sie sich nicht für ihre Gefühle während der Pubertät schämen müssen, so klein ist dann der Halbsatz, dem man schnell überhören und nicht in seiner ganzen Bedeutung erfassen kann. Die anderen Power Ranger fragen akzeptieren ihre Antwort ohne Nachfragen oder Irritationen. Für den restlichen Film ist Trinis Antwort ebenfalls unwichtig.

Abgesehen von dieser Bemerkung bleibt im Superheldenkosmos dann doch alles beim alten. Immer noch wird die Gruppe von einem weißen Jungen, dem Star des Football Teams, angeführt. Seine Befehle werden von den anderen ohne Diskussion befolgt. Es gibt den Nerd, die Schulschönheit, den Draufgänger und die Beobachterin. Das unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung und Gruppendynamik dann kaum von der ebenso bunt zusammengesetzte Besatzung der Original-“Raumschiff Enterprise“-Serie aus den sechziger Jahren.

Fünfzig Jahre später könnte sich auch im Superheldengenre endlich einmal eine Superheldengruppe unter der Führung eines Nicht-Weißen, vielleicht sogar einer Frau, vielleicht sogar einer Lesbe, zusammenfinden. Das wäre dann einmal etwas wirklich Neues.

Das große Finale, bei dem Angel Grove zerstört wird, Blech auf Blech prallt, das wolkenkratzergroße Goldmonster Goldar und seine Herrin Rita Repulsa dazwischen stehen und die Power Rangers und ihre Zords (Mischwesen aus prähistorischen Tieren und Maschine) sie angreifen, sieht dann wie ein herzhaftes Verwenden der Reste und Storyboards aus dem letzten „Transformers“-Film aus.

Produzent Haim Saban hat mit „Power Rangers“ ähnlich langlebige Pläne. Im „Variety“ hat er schon fünf Fortsetzungen angekündigt, die dann bis ungefähr 2030 im Kino gezeigt werden. Es gäbe nämlich einen sechs Filme umspannenden Handlungsbogen.

Ob es dazu kommt, wird sich demnächst an der Kinokasse entscheiden.

Power Rangers (Power Rangers; Saban’s Power Rangers, USA 2017)

Regie: Dean Israelite

Drehbuch: John Gatins (nach einer Geschichte von Matt Sazama, Burk Sharpless, Michele Mulroney und Kieran Mulroney)

mit Dacre Montgomery, Naomi Scott, RJ Cyler, Becky G, Ludi Lin, Bill Hader, Bryan Cranston, Elizabeth Banks

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Power Rangers“

Metacritic über „Power Rangers“

Rotten Tomatoes über „Power Rangers“

Wikipedia über „Power Rangers“ (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 12. Februar: Der Mandant

Februar 12, 2017

RTL II, 20.15
Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)
Regie: Brad Furman
Drehbuch: John Romano
LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)
Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.
Heute ist die TV-Premiere der rundum geglückten Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere auf spannende Bahnen lenkte.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.
mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Wiederholung: Montag, 13. Februar, o1.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mandant“

Rotten Tomatoes über „Der Mandant“

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Michael Connelly in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Brad Furmans „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Meine Besprechung von Brad Furmans „Runner Runner“ (Runner Runner, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Furmans „The Infiltrator“ (The Infiltrator, Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Daddys Frage beim Anblick des Zukünftigen seiner Tochter: „Why him?“

Januar 13, 2017

Why him?“ gehört eigentlich, wie das Will-Smith-Vehikel „Verborgene Schönheit“, das am 19. Januar anläuft, zu den Weihnachtsfilmen, die im November/Dezember starten und ihre Geschichte, mehr oder weniger geschickt, an Weihnachten spielen lassen, ohne dass es einen signifikanten Einfluss auf die Qualität des Films hat.

Ned Fleming (Bryan Cranston) ist ein liebevoller Vater von zwei Kindern, Ehemann und Besitzer einer vor der Pleite stehende Druckerei. Er verbringt seine Weihnachten immer mit der Familie im heimatlichen Grand Rapids, Michigan.

Dieses Jahr überrascht ihn seine in Stanford studierende Tochter Stephanie (Zoey Deutch) mit ihrem neuen Freund, den sie während der Feier zu seinem 55. Geburtsgag via Skype sehr unvorteilhaft kennen lernen. Entsprechend groß sind die Vorbehalte von Ned gegenüber dem Hallodri, der wahrscheinlich gerade versucht vom Klein- zum etwas größeren Gangster aufzusteigen.

Trotzdem erklärt der biedere Familienvater sich bereit, mit seiner Frau und ihrem 15-jährigem Sohn ins immer sommerliche Kalifornien zu fliegen und die Weihnachtstage mit dem Schwiegersohn in spe (okay, das erfährt Ned erst etwas später) in Palo Alto zu verbringen.

Seine erste Überraschung ist, dass Laird Mayhew (James Franco) ein stinkreicher Silicon-Valley-Technik-Mogul ist. Und wir fragen uns, warum Ned etwas gegen einen Mann hat, der aus dem Nichts ein Vermögen aufbaute.

Es könnte natürlich an Lairds mangelnder Impulskontrolle, seiner Offenherzigkeit, seiner Ehrlichkeit und seiner erfrischenden Unbedarftheit im Umgang mit gesellschaftlichen Konventionen liegen.

Spätestens ab der ersten Begegnung zwischen Ned und Laird folgt „Why him?“ den vorhersehbaren Pfaden einer US-Vulgärkomödie, bei der die Schauspieler vielleicht ihren Spaß hatten (James Franco hatte ihn garantiert), aber der Film eine Qual für die Zuschauer ist. Anstatt sich auf ein Gagfeuerwerk zu konzentrieren, wird jeder der wenigen, meist von der ersten bis zur letzten Sekunde vorhersehbaren Witze bis zum Gehtnichtmehr gestreckt. Zum Beispiel dieser immerhin jugendfreie und nicht peinliche „Pink Panther“/“Der rosarote Panther“-Witz:

Der einminütige Clip zeigt nur die erste Hälfte des Witzes. Als ob man die Anspielung nicht schon beim ersten Mal verstanden hätte. Sowieso wäre dieser Witz, der später im Film noch einmal variiert wird (man könnte ihn ja vergessen haben), in einer besseren Komödie ein lässig eingeworfener Nebenbei-Gag gewesen. In einer Komödie wie „Das Leben des Brian“ (die ich vor einigen Tagen wieder gesehen habe) wäre der Gag wohl noch nicht einmal in die erste Drehbuchfassung gekommen.

Der die Geschichte bestimmende Konflikt zwischen Ned und Laird ist sowieso künstlich aufgebläht. Das liegt einerseits an der abgöttischen Bewunderung der US-Amerikaner für Reichtum. Außerdem hat der grundgütige Laird sich seinen Reichtum selbst erarbeitet. Eigentlich müsste Ned sich über einen solchen Schwiegersohn freuen. Auch wenn sein Benehmen etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Schließlich ist Ned bekennender „Kiss“-Fan und, vor allem, der liebende Daddy, der alles für seine Kinder tut.

Kurz: der Konflikt zwischen Schwiegervater und potentiellem Schwiegersohn ist von der ersten Sekunde an nur behauptet.

Potentielle Konflikte, die die Handlung vorantreiben könnten – wenn Ned vielleicht versuchen würde, Laird mit allen Mitteln zu entblößen (was natürlich schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt ist, weil Laird keine Hintergedanken, keine Impulskontrolle und kein Schamgefühl hat) oder er versuchen würde, Laird zu einem Investment in seiner vor dem Konkurs stehenden Firma zu überzeugen (was ebenfalls zum Scheitern verurteilt ist, weil Laird in die Firma investieren will, aber Ned das ablehnt) – werden ignoriert zugunsten von langen Sitzungen auf modernen Toiletten.

Why him?“ ist mit gut zwei Stunden Laufzeit eine mindestens dreißig Minuten zu lang geratene, überflüssige US-Komödie, die nicht witzig ist und, angesichts der geringen Witzdichte des Films, auch nicht als humoristisch gefärbtes Drama funktioniert. Da fragt man sich nur „Why?“.

Die Antwort ist wahrscheinlich „Geld“.

why-him-plakat

Why him? (Why him?, USA 2016)

Regie: John Hamburg

Drehbuch: John Hamburg, Ian Helfer

mit Bryan Cranston, James Franco, Zoey Deutch, Megan Mullally, Griffin Gluck, Cedric the Entertainer, Keegan-Michael Key, Adam Devine, Andrew Rannells, Casey Wilson

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Why him?“

Metacritic über „Why him?“

Rotten Tomatoes über „Why him?“

Wikipedia über „Why him?“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 1. Oktober: Contagion

Oktober 1, 2016

Vox, 20.15

Contagion (Contagion, USA 2011)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Scott Z. Burns

Toller quasi-dokumentarischer Thriller über eine weltweite Pandemie. Ein Ensemblestück, bei dem auch Starpower nicht vor einem vorzeitigen Ableben schützt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, Sanaa Lathan, John Hawkes, Armin Rohde, Elliott Gould, Enrico Colantoni, Chin Han

Wiederholung: Sonntag, 2. Oktober, 03.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Contagion“

Moviepilot über „Contagion“

Metacritic über „Contagion“

Rotten Tomatoes über „Contagion“

Wikipedia über „Contagion“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „The Infiltrator“ – eine wahre Geschichte aus dem Kampf gegen Drogenhändler und Geldwäscher

September 30, 2016

Florida, achtziger Jahre: Drogen aus Südamerika überfluten das Land. Brian De Palma in „Scarface“ und Michael Mann in der TV-Serie „Miami Vice“ zeichneten, neben etlichen Krimiautoren, in Echtzeit ein Sittengemälde dieses Krieges.

Robert ‚Bob‘ Mazur war als U.S. Customs Special Agent an vorderster Front dabei. 2009 veröffentlichte er unter dem Titel „The Infiltrator“ seine Erinnerungen.

Jetzt verfilmte Brad Furman („The Lincoln Lawyer“) Mazurs Biographie, die unbestritten das Potential für einen spannenden Kinoabend hat, in dem alles drin ist, was man von einem sich für sonniger Kulisse entfaltendem Drogenthriller erwartet. Vor allem wenn es um einen langjährigen Undercover-Einsatz geht, in dem Robert Mazur als Geldwäscher Robert Musella die Spur des Drogengeldes verfolgt. Dabei geraten neben den Kartellbuchhaltern auch mehrere Repräsentanten der global tätige Bank of Credit and Commerce International (BCCI) in den Fokus der Ermittlungen des Zollfahnders.

Und trotzdem enttäuscht „The Infiltrator“.

Das liegt nicht daran, dass Furman sich einige dramaturgische Freiheiten nimmt. Das ist immer so und fällt nur denen auf, die Mazurs Buch kennen oder sich vor dem Kinobesuch ausführlich mit den wahren Ereignissen beschäftigen.

Ein großes Problem ist allerdings, auch ohne die Fakten zu kennen, das Alter der beiden Hauptdarsteller Bryan Cranston und Diane Kruger. Sie sind zu alt für ihre Rollen. So spielt der sechzigjährige Cranston den damals 36- bis 38-jährigen Mazur. Die vierzigjährige Kruger spielt eine unerfahrene Polizistin, die während ihres ersten Undercover-Einsatzes Mazurs Verlobte spielen soll.

Aber auch darüber – immerhin überzeugen sie schauspielerisch – könnte man hinwegsehen, wenn Furman wenigstens konsequent die offensichtlichen Themen eines Gangsterthrillers behandeln würde.

Denn selbstverständlich geht es um Vertrauen,Misstrauen und auch die Faszination der Gefahr und des großen Geldes für den kleinen Polizisten. Lässt Mazur sich korrumpieren? Verrät er seine Gangsterfreunde? Was empfindet er dabei? Wie geht er mit Vertrauens- und Loyalitätskonflikten um? Und, im Fall von Mazur, der glücklich verheirateter Vater zweier Kinder ist, geht es natürlich auch um die Frage, wie seine Arbeit sein Familienleben beeinflusst.

Das alles wird in „The Infiltrator“ angesprochen. Auch weil man eine solche Geschichte nicht erzählen kann, ohne diese Themen anzusprechen. Aber Furman gelingt es nie, auch nur einen Funken Spannung oder Interesse an den Charakteren zu wecken. Mazur (der den Film mitproduzierte) wird als glücklicher und zufriedener Familienmensch porträtiert, der als ehrlicher, vertrauenswürdiger und zuverlässiger Beamter seine Arbeit erledigt. Und ob er als Beamter jetzt ohne irgendeinen Gewissenskonflikt Akten sortiert oder etwas anderes tut, ist egal. Auch weil er sich auf die finanzielle Seite des Drogengeschäfts konzentriert. Er fliegt nicht nach Südamerika, um Drogen einzukaufen, sondern er erschleicht die Freundschaft von Bankern und Buchhaltern. Bei den zahlreichen Transaktionen geht es um Geld und Bankkonten. Das gekaufte und verkaufte Produkt ist nebensächlich. Die Gefahr einer Enttarnung von Mazur und seiner Kollegin Kathy Ertz eher behauptet, als wirklich spürbar.

Gleichzeitig wird in dem Film vieles in Nebensätzen angesprochen, aber nicht weiter verfolgt. Dabei würde man, weil es angesprochen wird, gerne mehr über die Geschäfte des Geheimdienstes in Südamerika (siehe die Iran-Contra-Affäre) und das Medellin-Kartell erfahren. Aber Pablo Escobar, der in den ersten Minuten auf einer Schautafel als Kopf der Drogenmafia gezeigt wird (was für den kundigen Zuschauer heißt: der Mann wird die nächsten neunzig Minuten gejagt und am Ende zur Strecke gebracht), wird während des Films immer wieder erwähnt, aber persönlich taucht er nur einmal für den Bruchteil einer Sekunde am Bildrand auf. Escobar ist in „The Infiltrator“ nur der anonym bleibende Kopf einer Firma, während die Ermittlungen sich auf einen seiner mehr oder weniger wichtigen Angestellten konzentrieren.

Denn in dem Film und der in ihm gezeigten Operation C-Chase (wird der Name überhaupt vor dem Abspann erwähnt?) geht es, ausgehend von dem Kampf gegen die Drogenimporteure und das Medellin-Kartel, um die Geldwäscher der Drogenkartelle und um die darin involvierte Bank of Credit and Commerce International (BCCI), die neben Drogenhändlern auch andere nicht weniger unseriöse Kunden hatte.

Letztendlich erfährt man in „The Infiltrator“ nichts, was man nicht schon in der Noir-Serie „Miami Vice“ gesehen hat. Oder zuletzt, wesentlich vergnüglicher, in der Siebziger-Jahre-Gaunerkomödie „American Hustle“.

the-infiltrator-plakat

The Infiltrator (The Infiltrator, Großbritannien 2016)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: Ellen Brown Furman

LV: Robert Mazur: The Infiltrator, 2009

mit Bryan Cranston, Diane Kruger, John Leguizamo, Benjamin Bratt, Yul Vazquez, Juliet Aubrey, Elena Anaya, Amy Ryan, Olympia Dukakis, Rubén Ochandiano, Simón Andreu, Joseph Gilgun, Daniel Mays

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Infiltrator“

Metacritic über „The Infiltrator“

Rotten Tomatoes über „The Infiltrator“

Wikipedia über „The Infiltrator“

History vs. Hollywood über „The Infiltrator“

Meine Besprechung von Brad Furmans „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Meine Besprechung von Brad Furmans „Runner Runner“ (Runner Runner, USA 2013)

Buchtipp

Narconomics von Tom Wainwright

Einerseits hat das gerade erschienene Buch nichts mit „The Infiltrator“ zu tun.

Andererseits erscheint es mir eine sehr gute Ergänzung zu dem Film zu sein. In „Narconomics – Ein Drogenkartell erfolgreich führen“ zeichnet „Economist“-Korrespondent Tom Wainwright die gesamte Wertschöpfungskette des illegalen Kokainhandels vom Anbau in den Anden bis zum Verkauf in westlichen Großstädten nach. Dabei betrachtet er den Drogenhandel als einen Markt – der dann auch mit entsprechenden Mitteln bekämpft werden kann.

Tom Wainwright: Narconomics – Ein Drogenkartell erfolgreich führen

(übersetzt von Henning Dedekind)

Blessing, 2016

352 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

How to run a Drug Cartel

PublicAffairs, Perseus Book Group, New York, 2016


TV-Tipp für den 22. Juli: Drive

Juli 21, 2016

3sat, 23.05
Drive (Drive, USA 2011)
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini
LV: James Sallis: Drive, 2005 (Driver, später wegen des Films „Drive“)
Der namenlose Fluchtwagenfahrer führt ein ruhiges, zurückgezogenes Leben, bis er sich in eine Frau verliebt und ihrem Freund bei einem Überfall helfen will. Der Überfall geht schief…
Allseit abgefeierter Neo-Noir, der schon jetzt als Kultfilms gelabelt wird. Mehr gibt es in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman, Kaden Leos
Hinweise

Amerikanische Homepage für “Drive”

Deutsche Homepage für “Drive”

Film-Zeit über “Drive”

Rotten Tomatoes über “Drive”

Wikipedia über “Drive” (deutsch, englisch)

Cannes: Presseheft für “Drive”

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Dunkles Verhängnis” (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Der Killer stirbt” (The Killer is dying, 2011)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Driver 2″ (Driven, 2012)

James Sallis in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Fear X“ (Fear X, USA 2003)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Drive“ (Drive, USA 2011)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Only God Forgives“ (Only God Forgives, Frankreich/Dänemark 2013)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“ (The Neon Demon, USA/Frankreich/Dänemark 2016)

Nicolas Winding Refn in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Trumbo“, ein grandioses Biopic über einen Hollywood-Autor mit Berufsverbot

März 14, 2016

Er schrieb die Drehbücher für einige heute immer noch gern gesehene Filmklassiker, wie „Ein Herz und eine Krone“, „Spartacus“ und „Papillon“. Er schrieb auch die Drehbücher für „Gefährliche Leidenschaft“ (Gun Crazy), „Exodus“, „El Perdido“. „Einsam sind die Tapferen“, „Ein Mann wie Hiob“ und, seine einzige Regiearbeit, „Johnny zieht in den Krieg“, die seltener im Fernsehen gezeigt werden.
Für „Ein Herz und eine Krone“ und „Roter Staub“ (The brave one) erhielt er den Drehbuchoscar, aber weil er damals auf der Schwarzen Liste stand und deshalb weder unter seinem Namen noch unter Pseudonym arbeiten durfte, schrieb er die Bücher für deutlich weniger Geld als er es gewohnt war, nannte einen Strohmann als Autor und war bei der Preisverleihung nicht dabei. Denn Dalton Trumbo (9. Dezember 1905 – 10. September 1976) war eines der prominentesten Opfer von Senator McCarthy, der damals alle jagte, die er für Kommunisten hielt. Kommunismus war nach dem Zweiten Weltkrieg unamerikanisch und, um eine Unterwanderung der amerikanischen Gesellschaft zu verhindern, mussten alle, die auch nur verdächtig waren, Kommunisten zu sein, verfolgt werden. McCarthy war mit seiner Paranoia für eine in den USA ziemlich einmalige Hexenjagd verantwortlich, die auch in dem ebenfalls sehenswertem SW-Film „Good Night, and Good Luck“ (USA 2005) thematisiert wird (oder lest den Wikipedia-Artikel).
Dalton Trumbo war, im Gegensatz zu anderen McCarthy-Opfern, sogar seit 1943 Mitglied der Kommunistischen Partei, was damals vor allem bedeutete, dass er sich für Arbeiter- und Bürgerrechte engagiert und den intellektuellen Schlagabtausch genoss. Seine Tochter Niki Trumbo sagt im Presseheft: „Trumbo ist immer noch als Kommunist bekannt, aber den Menschen ist wohl nicht so richtig klar, dass er vor allem ein Patriot war. In den späten Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren war er ein Kommunist, als das noch bedeutete, dass man für die Arbeiter eintrat und sich gegen die Jim-Crow-Mentalität stellte, dass man sich für die Bürgerrechte der afroamerikanischen Bevölkerung einsetzte. Es hatte nichts mit Russland zu tun, dafür aber mit der Überzeugung, wie man ein bereits großartiges Land noch besser machen könnte.“
In seinem Film „Trumbo“ setzt Jay Roach diesem Mann ein filmisches Denkmal, das man so nicht erwartet hätte. Immerhin ist Jay Roach bei uns vor allem für die „Austin Powers“-Filme und die Komödien „Meine Braut, ihr Vater und ich“ und die Fortsetzung „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich“ bekannt. Er inszenierte aber auch den mit drei Golden Globes ausgezeichneten, hochkarätig besetzten HBO-Film „Game Change – Der Sarah-Palin-Effekt“. „Trumbo“-Drehbuchautor John McNamara schrieb bislang nur fürs Fernsehen; für Serien wie „Superman – Die Abenteuer von Lois & Clark“, „In Plain Sight“ und, aktuell, „The Magicians“ und „Aquarius“. Auch „Trumbo“ hat einen leichten, nicht unangenehmen TV-Touch mit seinen vielen Innenaufnahmen, seinen wenigen Schauplätzen, der Betonung des Dialogs und der straffen Erzählweise, die nah am klassischen Hollywood-Kino ist, als die Geschichte im Vordergrund stand und die Kamera meist unauffällig im Hintergrund blieb. Diese Erzählweise ergänzt angenehm die zwischen 1947 und 1970 spielende Filmgeschichte. Wobei sich der Film auf die Tage und Wochen vor Trumbos Berufsverbot nach seiner Anhörung vor dem HUAC (Komitee für unamerikanische Umtriebe), seinen Versuchen, die Familie in den Fünfzigern zu ernähren und er dabei mit dem B-Movie-Produzenten Frank King als Auftraggeber ein kleines, subversives Imperium von Autoren errichtete, die unter Pseudonymen, trotz des Verbots Drehbücher im Akkord schrieben, und seiner Rehabilitierung mit den Drehbüchern zu Stanley Kubricks „Spartacus“ (wobei Hauptdarsteller Kirk Douglas die treibende Kraft war) und Otto Premingers „Exodus“, die beide zeitgleich entstanden und 1960 in den Kinos anliefen. Mit „Spartacus“ endete die Ära der Schwarzen Liste.
„Trumbo“ überzeugt als historisch gesättigtes, hochkarätig besetztes Schauspielerkino, garniert mit einigen zeitgenössischen Aufnahmen und mit einer klaren, auch heute noch gültigen Botschaft. Es ist auch das ernste Gegenstück zur quietschbunten Hollywood-Nummernrevue „Hail, Caesar!“ der Coen-Brüder, die ebenfalls in den fünfziger Jahren in Hollywood spielt.
Jay Roach meint zu seinem Film: „Dalton Trumbo war ein amerikanischer Patriot, aber seine Verteidigung der Redefreiheit machte ihn in den Augen mancher Leute zum Verräter. Mein Film stellt eine entscheidende Frage: Wie sind wir als Land an einen Punkt gekommen, an dem es richtig erschien, jemanden wie Trumbo ins Gefängnis zu stecken und daran zu hindern, seinen Beruf als Autor auszuüben? Diese Frage ist wichtig in einer Zeit, in der unser Land stärker gespalten ist, als ich es in meinem Leben jemals erlebt habe. Es geht um fundamentale Dinge und wir stellen die Frage, wie wir als Land weitermachen wollen. Redefreiheit ist leicht verteidigt, wenn wir Dinge aussprechen, die nicht anecken. Aber die Bill of Rights wurde entworfen, um Menschen zu beschützen, die Dinge sagen, die unbequem sind. Trumbo hat es immer und immer wieder gesagt. Es ist die Essenz des demokratischen Experiments.“

Trumbo - Plakat
Trumbo (Trumbo, USA 2015)
Regie: Jay Roach
Drehbuch: John McNamara
LV: Bruce Cook: Trumbo, 1977
mit Bryan Cranston, Diane Lane, Helen Mirren, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Louis C. K., David James Elliott, Elle Fanning, John Goodman, Michael Stuhlbarg, Alan Tudyk, Dan Bakkedahl, Roger Bart, Christian Berkel
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Trumbo“
Metacritic über „Trumbo“
Rotten Tomatoes über „Trumbo“
Wikipedia über „Trumbo“ (deutsch, englisch) und über Dalton Trumbo (deutsch, englisch)


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