Neu im Kino/Filmkritik: „Skin“ – die wahre Geschichte eines Ausstiegs

Oktober 5, 2019

Ziemlich am Anfang des Films deutet Daryle Lamont Jenkins, Gründer des One People’s Project, auf ein Bild von Bryon ‚Babs‘ Widner und sagt, dieser hundertfünfzigprozentig überzeugte Neonazi werde aus der Szene aussteigen und sie würden ihm dabei helfen. In dem Moment halten alle anderen die Prognose für ausgemachten Quatsch, der noch nicht einmal Wunschdenken genannt werden kann. Auch Widner denkt überhaupt nicht daran auszusteigen.

In dem Moment ist Widner eine treibende Kraft in der US-Skinhead-Szene, ein überzeugter Neonazi und ständig gewaltbereit. Außerdem ist sein gesamter Körper und sein Gesicht mit Tätowierungen übersät. Er ist erkennbarer als der sprichwörtliche ‚bunte Hund‘. Er ist Mitbegründer des Vinlanders Social Club, einer rassistischen Vereinigung, die 2010 vom Phoenix Police Department und der Anti-Defamation League (ADF) zerschlagen wurde. Eine besonders enge Beziehung hat Widner zu seinen Zieheltern ‚Ma‘ Sharen und ‚Pa‘ Fred Krager, die ihn als ihren Thronfolger sehen. Sie sind keine richtigen Eltern, sondern letztendlich die Führer eines Kults. Sie indoktrinieren, betreiben Gehirnwäsche und verlangen bedingungslosen Gehorsam. Widner hat damit keine Probleme.

Als er 2009 während des Nordic Fest der Neonazis die dreifache Mutter Julie Price kennenlernt und sich in sie verliebt, beginnt er über sein Leben nachzudenken.

Als der Israeli Guy Nattiv, Enkel von vier Holocaust-Überlebenden, nach seinem ersten US-Filmprojekt suchte, stieß er auf eine Reportage über Widners Ausstieg aus der Neonaziszene und der sich über 630 Tage und 612 Sitzungen hinziehenden Tattoo-Entfernung. Diese Tattoo-Entfernung, die in Ausschnitten während des gesamten Films gezeigt wird, zieht sich als Leitmotiv durch den Film.

Nach Gesprächen mit Widner, Jenkins und anderen Beteiligten schrieb und inszenierte Nattiv den Film, der nah an der Wirklichkeit bleibt und definitiv nicht zum Werbevideo für die Neonaziszene und die White Supremacy-Anhänger taugt.

Jamie Bell spielt Widner, Danielle Macdonald seine Freundin Julie, Vera Farmiga ‚Ma‘, Bill Camp ‚Pa‘ und Mike Colter den Bürgerrechtsaktivisten Jenkins. Gerade von Farmiga als Mutter, die für ihre Ziele über Leichen geht, und Colter, der Widner bei dem Ausstieg hilft, hätte man gerne mehr gesehen. Bei Farmiga wegen ihres Spiels. Bei Colter wegen seiner Rolle. So geht das ganze Ausstiegsprozedere im Film letztendlich in einem Gespräch in einem Diner über die Bühne.

Auch über das Gedankengebäude der Suprematisten, die an die Vorherrschaft der weißen Rasse glauben, und wie sie ihre Botschaft verbreiten, erfährt man im Film wenig. Darüber, wie sie junge, elternlose Menschen beeinflussen und von sich abhängig machen, erfährt man mehr.

Nattiv konzentriert sich, mit einigen künstlerischen Freiheiten, auf Widner und seine Beziehung zu seinen Zieheltern und zu seiner neuen Freundin.

Allerdings geschieht Widners Ausstieg im Film etwas zu mühelos. Da verliebt Widner sich in eine aus einem ähnlichen Umfeld kommende Frau. Sie ziehen zusammen. Er verlässt seine alte Familie, Freunde und Lebensstil.

In der Realität spielte Widners Glaube, zu dem er durch Julie und ihre Eltern fand, eine große Rolle und die Erkenntnis, dass die Weißen doch nicht die Herrenrasse sind: „I just knew so many white people that were just such scumbags that I couldn’t say, ‚Okay, every white person is somewhat superior than every black person,‘ when, you know, I’m seeing complete opposite. Kind of realized the only thing I had achieved in my life was a bunch of scars, a legal record, and halfway cirrhosis of the liver. That’s it. I’ve achieved nothing else in life. Nothing positive. I was actually literally trying to drink myself to death. I was just looking for a way out. I was done. I had given up on life. I had given up on everything. I was just done.“

Skin“ ist ein sehenswertes Drama. Auch wenn gerade die, die sich den Film unbedingt ansehen sollten, sich diesen Film nicht ansehen wollen. Durch seinen gelungenen Ausstieg zeigt Widner, dass ihre fundamentalen Prinzipien, vor allem der Glaube an die Unveränderbarkeit des einzelnen Menschen und die Überlegenheit der eigenen Rasse, falsch sind.

Skin (Skin, USA 2018)

Regie: Guy Nattiv

Drehbuch: Guy Nattiv

mit Jamie Bell, Danielle Macdonald, Bill Camp, Vera Farmiga, Mike Colter, Daniel Henshall, Louisa Krause, Mary Stuart Masterson

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Skin“

Metacritic über „Skin“

Rotten Tomatoes über „Skin“

Wikipedia über „Skin“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Skin“

History vs. Hollywood über „Skin“


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