Neu im Kino/Filmkritik: „Elser“ – ein deutscher Held

April 9, 2015

Der Film beginnt in Konstanz an einem Grenzposten zur Schweiz. Georg Elser hat in München im Bürgerbräukeller eine Bombe platziert, die Adolf Hitler töten soll. Allerdings beendet Hitler seine Rede vorzeitig und der Anschlag geht schief. Aber die Grenzbeamten halten Elser für verdächtig und eine erste Durchsuchung bestätigt ihren Verdacht, dass Elser etwas vor ihnen verbirgt. Kurz darauf beginnen Arthur Nebe, Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt, und Gestapochef Heinrich Müller ihn zu verhören. Sie glauben, einen oder den Verantwortlichen für den Anschlag vom 8. November 1939 auf Hitler vor sich zu haben.
Fred Breinersdorfer, der bereits das Drehbuch für „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ schrieb und „Elser“ mit seiner Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer schrieb, entwarf „Elser“ als Gegenmodell und Variation von „Sophie Scholl“. Gerade weil beide Filme gleich aufgebaut sind (Verhaftung – Verhör mit Rückblenden – Ermordung) rückt die Frage des Widerstands gegen ein verbrecherisches Regime in den Mittelpunkt. Sophie Scholl verkörpert dabei das gesellschaftlich allgemein akzeptierte Bild des Widerstandes: jung (1921 geboren), gut aussehend (erinnert euch an die fast ikonographischen Bilder von ihr), christlich (was heute eher ignoriert wird), gewaltfrei und Teil einer ähnlich gesinnten Gruppe, deren Mitglieder weniger bekannt sind.
Georg Elser ist das Gegenmodell: schon etwas älter (1903 geboren), politisch engagiert (er war Mitglied in der KPD-Kampforganisation „Roter Frontkämpferbund“), ein Lebemann, der als übergenauer Tüftler (er war Schreiner und Uhrmacher) sich irgendwann entschloss, etwas zu tun und dann, ohne mit irgendjemand darüber zu reden, einen kaltblütigen Mord, einen Tyrannenmord, plante.
Die Frage, ob ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, steht dann auch im Zentrum von „Elser“, den Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, aber auch „Das Experiment“, „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und „Five Minutes of Heaven“ [mit Liam Neeson]) souverän als Polit-Thriller zum Nachdenken inszenierte.
Dabei umschiffen die Breinersdorfers und Hirschbiegel Vergleiche mit Klaus-Maria Brandauers „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ (1989) indem sie die konkreten Vorbereitungen, die in Brandauers Thriller im Mittelpunkt stehen, links liegen lassen. „Elser“ erzählt, nah an den historisch verbürgten Fakten, wie Elser sich ausgehend von seinen Beobachtungen entschloss, das Attentat gegen den Diktator zu planen und was nach seiner Verhaftung ihm geschah.
Der Film zeigt auch ein anderes Bild von Georg Elser, dessen Tat für verschiedene Legenden benutz wurde, in denen er meistens mehr oder selten weniger diffamiert wurde. Im Nachkriegsdeutschland wurde er lange totgeschwiegen. Seine Familie und Verwandten distanzierten sich lange von ihm. Aber das ist ein Kapitel, das in „Elser“ nicht angesprochen wird.
Elser lebte und arbeitete in den Zwanzigern am Bodensee, vor allem in Konstanz, in verschiedenen Uhrenfabriken. Seine Vorgesetzten mussten ihn immer wieder entlassen, weil die Geschäfte schlecht liefen. 1932 kehrte er zurück nach Königsbronn auf der Schwäbischen Alb. Er war ein Stenz, ein beliebter Hallodri, ein Musiker mit vielen Frauenbeziehungen, auch mit verheirateten Frauen, und der Vater von mehreren unehelichen Kindern. Er war auch ein genauer Beobachter und er zog, als einfacher Mann aus dem Volk und Hilfsarbeiter in einer Heidenheimer Armaturenfabrik, aus seinen Beobachtungen über die veränderte Stimmung im Dorf, den Nachrichten und den Kriegsvorbereitungen in der Fabrik – im Gegensatz zu fast allen Deutschen – die richtigen Schlüsse und er tat das, was er für richtig hielt. Er agierte früher und konsequenter als die anderen heute allgemein bekannten deutschen Widerstandskämpfer. Sophie Scholl, die Weiße Rose und die Soldaten um General von Stauffenberg, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, entschlossen sich erst in den letzten Kriegsjahren zum Widerstand. Elser plante seine Tat schon ein gutes Jahr vor dem Kriegsbeginn.
Am Ende des beeindruckenden Films, der auch zeigt, wie die Nazi-Ideologie sich ohne nennenswerten Widerstand in dem Dorf verbreitete, steht die Frage, ob man selbst wie Elser agiert hätte und wann ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist.
Seine Premiere erlebte „Elser“ auf der diesjährigen Berlinale und dort sicherte sich Sony Pictures Classical, unter dem Titel „13 Minutes“, sofort die Verleihrechte für Amerika.

Elser - Plakat

Elser (Deutschland 2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Elser“
Film-Zeit über „Elser“
Moviepilot über „Elser“
Rotten Tomatoes über „Elser“
Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)
Homepage von Fred Breinersdorfer

Zwei kurze Interviews mit Oliver Hirschbiegel


TV-Tipp für den 20. Februar: Das letzte Schweigen

Februar 20, 2015

ZDFkultur, 23.10

Das letzte Schweigen (Deutschland 2010, Regie: Baran bo Odar)

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

Wurde die 13-jährige Sinikka ermordet? Denn am gleichen Ort wurde vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Kommissar Jahn ermittelt.

Werkgetreue, gut besetzte, gut fotografierte, aber letztendlich langweilige Verfilmung von Wagners Roman.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung (mit Bildern, Links und dem Trailer)

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Wiederholung: Samstag, 21. Februar, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Das letzte Schweigen“

Homepage von Baran bo Odar

Homepage von Jan Costin Wagner

Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“

Meine Besprechung von Baran bo Odars „Who am I – Kein System ist sicher“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Männer „Zwischen Welten“

März 28, 2014

Wie gerne würde ich „Zwischen Welten“, den neuen Film von Feo Aladag loben. Ihr vorheriger Film „Die Fremde“ hatte zwar Storyprobleme, vor allem das plötzliche Ende und das unentschlossene Agieren der Protagonistin gefielen mir nicht, aber er bot einen guten Einblick in das Leben einer jungen Türkin, die versuchte zwischen der deutschen und der türkischen Kultur ihren Weg zu finden.
In „Zwischen Welten“ geht es um den Culture Clash zwischen deutschen Soldaten, die in Afghanistan die „Freiheit am Hindukusch“ verteidigen und der dortigen Bevölkerung.
Jesper meldet sich für einen weiteren Afghanistan-Einsatz zurück. Er soll mit seiner Truppe ein Dorf gegen den wachsenden Einfluss der Taliban schützen. Um sich mit den Einheimischen zu verständigen, ist er auf die Hilfe von Tarik, einem jungen Dolmetscher, angewiesen. Tarik und seine Schwester schweben allerdings in großer Gefahr, weil er aufgrund seiner Arbeit als Verräter gilt.
Das ehrliche Bemühen, etwas über den Auslandseinsatz der Bundeswehr und Afghanistan zu erzählen, kann Aladag nicht abgesprochen werden. Sie drehte vor Ort. Mit Einheimischen. Sie wollte nicht nur die Perspektive der Soldaten, sondern auch der Einheimischen und der Frauen zeigen. Sie wollte auch zeigen, dass es in den Städten (gedreht wurde in Kunduz und Mazar-i-Sharif) ein ganz normales Leben gibt – und diese Einblicke in den afghanischen Alltag sind auch die stärksten Szenen des Films.
Aber eine schlüssige Geschichte fand sie nicht und so reiht sie eine undramatische Szene an die nächste. Die Handlungsmotive bleiben größtenteils im Dunkeln. Die Beziehung zwischen Jesper und Tarik wirkt immer wie eine Drehbuchbehauptung. Die Männer von Jespers Einheit bleiben austauschbar. Auch über Jesper erfahren wir eigentlich nichts.
Diese mangelhafte Charakterisierung fällt besonders stark auf, wenn man sie mit der Einführung der Charaktere in „Lone Survivor“ vergleicht. In dem Film wurden die Protagonisten innerhalb weniger Minuten zu dreidimensionalen Charakteren, deren Tod uns Nahe ging. In „Zwischen Welten“ ist das, wenn Menschen sterben oder verletzt werden, nicht der Fall.
Am Ende des deshalb langweiligen, thesenhaften und didaktisch ausgewogenen Films bleibt das Gefühl, dass uns etwas wichtiges gesagt werden sollte. Aber wir haben keine Ahnung was – und da hilft auch kein Dreh vor Ort mit Einheimischen.

Zwischen Welten - Plakat

Zwischen Welten (Deutschland 2014)
Regie: Feo Aladag
Drehbuch: Feo Aladag
mit Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady, Saida Barmaki, Abdul Salam Yosofzai, Felix Kramer, Burghart Klaußner
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zwischen Welten“
Moviepilot über „Zwischen Welten“
Wikipedia über „Zwischen Welten“


TV-Tipp für den 14. November: Yella

November 14, 2013

ZDF Kultur, 20.15

Yella (D 2007, R.: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Wiederholung: Freitag, 15. November, 08.40 Uhr

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“


TV-Tipp für den 9. Juli: Das letzte Schweigen

Juli 9, 2013

3Sat, 22.25

Das letzte Schweigen (D 2010, Regie: Baran bo Odar)

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

Wurde die 13-jährige Sinikka ermordet? Denn am gleichen Ort wurde vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Kommissar Jahn ermittelt.

Werkgetreue, gut besetzte, gut fotografierte, aber letztendlich langweilige Verfilmung von Wagners Roman.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung (mit Bildern, Links und dem Trailer)

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Das letzte Schweigen“

Homepage von Baran bo Odar

Homepage von Jan Costin Wagner

Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“


TV-Tipp für den 11. April: Yella

April 11, 2013

ZDF Kultur, 20.15

Yella (D 2007, R.: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Wiederholung: Freitag, 12. April, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“


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