DVD-Kritik: „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – guter Film, gute DVD?

März 23, 2016

Zum Filmstart schrieb ich im Rahmen einer Doppelbesprechung der Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“, die zeitgleich im Kino anliefen:

In dem Biopic „Der Staat gegen Fritz Bauer“ konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.

Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.

Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.

Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.

Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.

Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.

 

Zum Filmstart unterhielt ich mich mit Lars Kraume über seinen Film. Das Interview könnt ihr hier nachlesen.

Seit dem Kinostart sahen sich über 250.000 Menschen den Film im Kino an, was angesichts des Themas ein richtiger Erfolg ist. Er erhielt auch mehrere Preise, unter anderem dem Publikumspreis in Locarno, den Filmpreis der Kino-Gilde, den Preis der Deutschen Filmkritik und den Hessischen Film- und Kinopreis als bester Film, und ist für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Die DVD punktet, neben dem Film (von dem ich auch nach wiederholtem Ansehen immer noch begeistert bin), mit seinem Bonusmaterial, das aus einem Making of, Interviews mit Lars Kraume, Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld, einigen geschnittenen Szenen und einem Audiokommentar von Lars Kraume und Burkhart Klaußner, den sie vier Monate nach dem Kinostart und damit kurz vor der DVD-Veröffentlichung aufnahmen. Daher gehen sie auch auf die Reaktionen zum Film und den Fragen, die sie in verschiedenen Publikumsgesprächen beantworteten, ein. Letztendlich konzentriert sich dieser überaus informative und kurzweilige Audiokommentar auf den historischen Hintergrund, die historisch verbürgten Fakten, die strittigen Fragen und die geringen fiktionalen Anteile des Films. Burghart Klaußner (Jahrgang 1949) kann auch aus seiner Biographie schöpfen, was den Audiokommentar noch interessanter macht.

Es ist in erster Linie ein historisch-kritischer Kommentar, den man so nicht von den Machern, die sich ja oft auf Anekdoten zu den Dreharbeiten beschränken, sondern eher von einem Historiker erwartet hätte.

Das restliche Bonusmaterial beschäftigt sich dann, wie erwartet, mit dem Film. Das ist durchaus interessant, aber bei weitem nicht so interessant wie der Audiokommentar.

Der Staat gegen Fritz Bauer - DVD - Blu-ray

Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez

mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk

DVD

Alamode Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Audiokommentar, Making of, Interviews, Deleted Scenes, Trailer, Wendecover (insgesamt vierzig Minuten)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015) und mein Interview mit Lars Kraume zum Film


Verlosung: Wer will „Der Staat gegen Fritz Bauer“?

März 7, 2016

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Verlosung. Die letzte war ja – mea culpa – vor Ewigkeiten und jetzt gab es mit der Blu-ray von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Alamode Film) ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.
Lars Kraume erzählt in seinem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Film, wie in den späten fünfziger Jahren, mitten im Wirtschaftswunderdeutschland, der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer alles versuchte, um Nazis vor Gericht zu bringen. Dazu gehört auch der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der sich in Südamerika versteckt. Weil die deutschen Behörden, die seine Arbeit so gut es geht sabotieren, kein Interesse an Eichmann haben, kontaktiert Bauer den israelischen Geheimdienst.
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ erzählt nah an den wahren Ereignissen diese Geschichte, die als aufwühlendes Politdrama, als Geschichtsstunde und als Thriller funktioniert (hier meine ausführliche Besprechung).
Die Blu-ray (und DVD) erscheint am 11. März. Das umfangreiche Bonusmaterial besteht aus einen Audiokommentar, einem Making of, Interviews, Deleted Scenes und einer Audiodeskription.

Die Verlosung endet am Donnerstag, den 10. März um Mitternacht (also um 23.59 Uhr).
In den Betreff müsst ihr „Verlosung Der Staat gegen Fritz Bauer“ schreiben und in der Mail an info@axelbussmer.de muss eine deutsche Postadresse stehen.
Der Staat gegen Fritz Bauer - DVD - Blu-ray
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“


DVD-Kritik: „Elser“, der Mann, der Hitler 1939 in München töten wollte

Oktober 28, 2015

Zum Kinostart schrieb ich über Oliver Hirschbiegels „Elser – Er hätte die Welt verändert“:

Der Film beginnt in Konstanz an einem Grenzposten zur Schweiz. Georg Elser hat in München im Bürgerbräukeller eine Bombe platziert, die Adolf Hitler töten soll. Allerdings beendet Hitler seine Rede vorzeitig und der Anschlag geht schief. Aber die Grenzbeamten halten Elser für verdächtig und eine erste Durchsuchung bestätigt ihren Verdacht, dass Elser etwas vor ihnen verbirgt. Kurz darauf beginnen Arthur Nebe, Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt, und Gestapochef Heinrich Müller ihn zu verhören. Sie glauben, einen oder den Verantwortlichen für den Anschlag vom 8. November 1939 auf Hitler vor sich zu haben.
Fred Breinersdorfer, der bereits das Drehbuch für „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ schrieb und „Elser“ mit seiner Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer schrieb, entwarf „Elser“ als Gegenmodell und Variation von „Sophie Scholl“. Gerade weil beide Filme gleich aufgebaut sind (Verhaftung – Verhör mit Rückblenden – Ermordung) rückt die Frage des Widerstands gegen ein verbrecherisches Regime in den Mittelpunkt. Sophie Scholl verkörpert dabei das gesellschaftlich allgemein akzeptierte Bild des Widerstandes: jung (1921 geboren), gut aussehend (erinnert euch an die fast ikonographischen Bilder von ihr), christlich (was heute eher ignoriert wird), gewaltfrei und Teil einer ähnlich gesinnten Gruppe, deren Mitglieder weniger bekannt sind.
Georg Elser ist das Gegenmodell: schon etwas älter (1903 geboren), politisch engagiert (er war Mitglied in der KPD-Kampforganisation „Roter Frontkämpferbund“), ein Lebemann, der als übergenauer Tüftler (er war Schreiner und Uhrmacher) sich irgendwann entschloss, etwas zu tun und dann, ohne mit irgendjemand darüber zu reden, einen kaltblütigen Mord, einen Tyrannenmord, plante.
Die Frage, ob ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, steht dann auch im Zentrum von „Elser“, den Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, aber auch „Das Experiment“, „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und „Five Minutes of Heaven“ [mit Liam Neeson]) souverän als Polit-Thriller zum Nachdenken inszenierte.
Dabei umschiffen die Breinersdorfers und Hirschbiegel Vergleiche mit Klaus-Maria Brandauers „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ (1989) indem sie die konkreten Vorbereitungen, die in Brandauers Thriller im Mittelpunkt stehen, links liegen lassen. „Elser“ erzählt, nah an den historisch verbürgten Fakten, wie Elser sich ausgehend von seinen Beobachtungen entschloss, das Attentat gegen den Diktator zu planen und was nach seiner Verhaftung ihm geschah.
Der Film zeigt auch ein anderes Bild von Georg Elser, dessen Tat für verschiedene Legenden benutz wurde, in denen er meistens mehr oder selten weniger diffamiert wurde. Im Nachkriegsdeutschland wurde er lange totgeschwiegen. Seine Familie und Verwandten distanzierten sich lange von ihm. Aber das ist ein Kapitel, das in „Elser“ nicht angesprochen wird.
Elser lebte und arbeitete in den Zwanzigern am Bodensee, vor allem in Konstanz, in verschiedenen Uhrenfabriken. Seine Vorgesetzten mussten ihn immer wieder entlassen, weil die Geschäfte schlecht liefen. 1932 kehrte er zurück nach Königsbronn auf der Schwäbischen Alb. Er war ein Stenz, ein beliebter Hallodri, ein Musiker mit vielen Frauenbeziehungen, auch mit verheirateten Frauen, und der Vater von mehreren unehelichen Kindern. Er war auch ein genauer Beobachter und er zog, als einfacher Mann aus dem Volk und Hilfsarbeiter in einer Heidenheimer Armaturenfabrik, aus seinen Beobachtungen über die veränderte Stimmung im Dorf, den Nachrichten und den Kriegsvorbereitungen in der Fabrik – im Gegensatz zu fast allen Deutschen – die richtigen Schlüsse und er tat das, was er für richtig hielt. Er agierte früher und konsequenter als die anderen heute allgemein bekannten deutschen Widerstandskämpfer. Sophie Scholl, die Weiße Rose und die Soldaten um General von Stauffenberg, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, entschlossen sich erst in den letzten Kriegsjahren zum Widerstand. Elser plante seine Tat schon ein gutes Jahr vor dem Kriegsbeginn.
Am Ende des beeindruckenden Films, der auch zeigt, wie die Nazi-Ideologie sich ohne nennenswerten Widerstand in dem Dorf verbreitete, steht die Frage, ob man selbst wie Elser agiert hätte und wann ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist.
Seine Premiere erlebte „Elser“ auf der diesjährigen Berlinale und dort sicherte sich Sony Pictures Classical, unter dem Titel „13 Minutes“, sofort die Verleihrechte für Amerika.

Seitdem wurde „Elser“ für sieben Deutsche Filmpreise nominiert. Unter anderem Christian Friedel (der Georg Elser spielt) und Burghart Klaußner (der Arthur Nebe spielt) für ihr Spiel und Judith Kaufmann für die Kamera. In England lief der Film schon im Sommer an. Wann er in den USA gezeigt wird, ist noch unklar. Und bei uns gibt es inzwischen die DVD mit über hundert Minuten durchgehend informativem Bonusmaterial, das immer wieder um Elser und seine Tat kreist. Verglichen mit der Doppel-DVD „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Deutschland 2005), bei der es auch historisches Material gab, fehlt bei „Elser“ nur das historische Material; was auch an der Materiallage liegen kann. Über Elser gibt es fast keine Dokumente und auch keine Zeitzeugen.
Es gibt ein Making of (14 Minuten); Interviews mit Christian Friedel (8 Minuten), Katharina Schüttler (10 Minuten), Burghart Klaußner (6 Minuten), Johann von Bülow (6 Minuten) und Oliver Hirschbiegel (9 Minuten); Impressionen von einer Schulvorführung, bei der auch Bundespräsident Joachim Gauck anwesend war (24 Minuten; was ungefähr die gesamte informativen Diskussion nach der Vorführung ist); eine Einführung in den Film von Oliver Hirschbiegel und den Produzenten Boris Ausserer und Oliver Schündler (12 Minuten); 10 Minuten Ausschnitte von der Berlinale-Pressekonferenz mit Statements von Autor Fred Breinersdorfer, Regisseur Oliver Hirschbiegel und Hauptdarsteller Christian Friedel; einige geschnittene Szenen (4 Minuten) und einen kurzweiligen Audiokommentar von Christian Friedel und Oliver Hirschbiegel.
Da werden zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber es gibt einen guten Einblick in den Film und sein Anliegen, der, so Hirschbiegel, eine Mischung aus Heimatfilm, Polit-Krimi und Liebesfilm ist und in dem ein Freigeist und seine unglaubliche Tat im Mittelpunkt steht. Gerade weil alle Beteiligten ihre zwiespältigen Gefühle zu diesem geplanten Tyrannenmord äußern, Parallelen zur Gegenwart und Edward Snowden ziehen, regt auch das Bonusmaterial zum Nachdenken an.

Elser - DVD-Cover - 4

Elser (Deutschland 2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk

DVD
NFP
Bild: 2,39:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making of; Interviews mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow und Oliver Hirschbiegel; Impressionen von einer Schulvorführung (mit Joachim Gauck); Einführung in den Film; Deleted Scenes; Berlinale-Pressekonferenz; Kinotrailer; Kinoteaser; TV-Spot; Audiokommentar von Christian Friedel und Oliver Hirschbiegel; Hörfilmfassung
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Elser“
Film-Zeit über „Elser“
Moviepilot über „Elser“
Rotten Tomatoes über „Elser“
Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film)

Homepage von Fred Breinersdorfer

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Oktober 20, 2015

Es geschieht selten, dass von einem Regisseur fast zeitgleich zwei Filme in unseren Kinos anlaufen. Das liegt dann nicht nur an der Produktivität des Regisseurs, sondern auch oft ganz einfach an den Planungen des Verleihs. Bei „Familienfest“, der am Donnerstag anlief, war es auch noch eine erfolgreich verlaufene Premiere beim Münchner Filmfest, die dem TV-Film eine Kinoauswertung bescherrte. In dem hochkarätig besetztem Ensemblestück geht es um ein titelgebendes Familienfest. Der geachtete Klassik-Pianist Hannes Westhoff wird siebzig und seine Frau hat die ganze Familie, inclusive der Ex-Frau, zu der Feier eingeladen. Sie kommen. Jeder hat mindestens ein Problempaket zu tragen und, wie es sich für ein Drama gehört, wird während des Abendessens ordentlich schmutzige Wäsche gewaschen.
Das hat natürlich seine Momente, aber es versprüht auch immer den Charme des TV-Films der Woche. Die Dramaturgie, die Bilder, die weitgehende Beschränkung auf Innen-Sets (eigentlich spielt der gesamte Film wie ein Theaterstück in einer überschaubaren Villa) und die Konflikte, die vor allem den Erfordernissen einer 90-Minuten-Filmdramaturgie gehorchen. Die Ex-Frau ist eine Schnapsdrossel. Der eine Sohn muss mal wieder pleite sein, der zweite schwul (was für den konservativen Vater eine Todsünde ist) und der dritte muss todsterbenskrank sein, seine Krankheit in sich hineinfressen und geschliffene nihilistische Sentenzen deklamieren. Und alle drei sehnen sich immer noch, wie kleine Kinder, nach der uneingeschränkten Liebe ihres Vaters.
Deshalb kommen sie zum Geburtstag des uncharismatischen Ekels, das bei der Erziehung seiner Kinder komplett versagte. Das ist, wenn man die unplausible Prämisse akzeptiert, dass alle freiwillig zum Geburtstag des verhassten Ekels kommen, als Abrechnung mit dem Kultur-Bürgertum unterhaltsam in den vorgegebenen Bahnen.

Ganz anders und ungleich gelungener ist „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der zwar auch viel in Innenräumen spielt, aber nie dieses überwältigende TV-Flair von „Familienfest“ hat.
In dem Biopic konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.
Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.
Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.
Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.
Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.
Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.
Vor dem Filmstart habe ich mich für die „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik“ mit Lars Kraume über den Film und die strittigen Punkte unterhalten. Das Interview und meine etwas ausführlichere Besprechung gibt es hier.

Familienfest - Plakat

Familienfest (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Andrea Stoll
mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Familienfest“
Film-Zeit über „Familienfest“
Moviepilot über „Familienfest“

Der Staat gegen Fritz Bauer - Plakat
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“


%d Bloggern gefällt das: