Neu im Kino/Filmkritik: „The Transporter Refueled“ – neuer Fahrer, sonst alles gleich

September 3, 2015

Beginnen wir mit den guten Punkten: Camille Delamarres zweiter Spielfilm „The Transporter Refueled“ ist besser als sein Debüt „Brick Mansions“, was jetzt nicht unbedingt eine Kunst ist. Die Actionszenen, hauptsächlich Nahkämpfe mit bloßen Händen und herumliegenden Gegenständen und Autoverfolgungsjagden, sind konventioneller gefilmt als man es zuletzt aus den Luc-Besson-Produktionen, wie „Taken 3“ und „The Gunman“, kannte. Man kann ihnen besser folgen und bei den Autocrashs sieht man wirklich, wie die Autos (Polizeiautos scheinen besonders gerne Unfälle zu bauen) schrottplatzreif demoliert werden. Der Film ist auch, wegen des Humors, angenehm kurzweilig geraten. Wirklich niemand der Beteiligten scheint die Geschichte sonderlich ernst genommen zu haben.
Aber, wieder einmal, ist das aus der Luc-Besson-Fabrik kommende Drehbuch erschreckend schlampig zusammengestoppelt. Im wesentlichen geht es um eine Gruppe gutaussehender Ex-Prostituierter, die sich an einem osteuropäischem Gangsterboss und Zuhälter und seinen Vertrauten rächen wollen. Für einige ihrer Aktionen brauchen sie einen Fahrer und da engagieren sie Frank Martin (Ed Skrein in der Rolle, mit der Jason Statham bekannt wurde), der für seine Pünktlichkeit, seine gepflegte Kleidung und seine Regeln bekannt ist. Deshalb macht er auch gleich bei seinem ersten Auftrag für die schöne Auftraggeberin Stress. Denn die beiden Pakete, die er abholen soll (und, so eine seiner Regeln, deren Aussehen und Inhalt ihm egal sind), sind keine Koffer, sondern zwei schöne Blondinen, die Zwillingsschwestern seiner Auftraggeberin sein könnten. Und die will er zunächst nicht transportieren. Er tut es dann doch und er hilft ihnen, etwas später und gegen jede seiner Regeln, sogar im Kampf gegen den Bösewicht. Dass sie seinen Vater (Ray Stevenson) entführt haben, ist zwar eine nette Drehbuchidee, die man schnell fallen lässt. Denn der Vater, ein Schwerenöter vor dem Herrn und Ex-Geheimagent (mit Einsätzen an allen Brennpunkten der vergangenen Jahrzehnte), genießt die Gesellschaft der Damen zu sehr, um auch nur eine Sekunde seine Geiselnahme glaubhaft erscheinen zu lassen.
Diese Geschichte dient natürlich nur dazu, die Damen und Südfrankreich fotogen ins Bild zu setzen und einen roten Faden für die Actionszenen zu liefern. Aber auch hier zeigt sich immer wieder, dass die Macher nicht eine Sekunde über die innere Logik der Geschichte und ihrer Figuren nachgedacht haben.
So gibt es eine große Actionszene, die damit beginnt, dass unser Held sich in einem Hinterzimmer mit einigen übergewichtigen Hausmeistern kloppt. Plötzlich geht der Kampf in einem Gang mit Aktenschränken weiter. Martin benutzt die Schubladen, um seine Gegner zu besiegen. Dann sind wir plötzlich wieder in dem Hinterzimmer und Martin kloppt sich immer noch oder schon wieder mit den Hausmeistern. Warum er wieder in dem Zimmer ist und warum er so lange braucht, um sie zu besiegen: keine Ahnung. Aber es kommt noch besser. Kurz darauf besteigt Martin in einer Garage sein Auto. Seine Mitpassagiere, drei gutaussehende Frauen, sitzen schon ungeduldig wartend drin. Da tauchen etliche schlechtgelaunte Türsteher-Typen auf, die ihre Flucht verhindern wollen. Martin lässt sein Auto langsam auf die Ausfahrt zurollen, steigt aus und schlägt die durchtrainierten Handlanger mit ein, zwei schnellen Schlägen zu Boden, während auch der gutwilligste Zuschauer sich fragt, warum er das nicht auch einige Minuten früher, bei den wesentlichen untrainierteren Männern gemacht hat.
Ein weiteres großes Problem des Films ist, dass die Macher mit „The Transporter Refueled“ an die drei Jason-Statham-“Transporter“-Spielfilme, die auch die Vorlage für eine kurzlebige TV-Serie (mit Chris Vance als Transporter) waren, anknüpfen wollen. So gibt es etliche Szenen (zum Beispiel: der Transporter verkloppt in einer Tiefgarage eine Gruppe Bösewichter, die um sein Auto herumlungern), die Figur und sein Regelwerk (das hier penetrant zitiert wird), die direkt aus „The Transporter“ übenommen wurden und die in „The Transporter Refueled“ vor allem stören. Sie hätten besser einen neuen Charakter – einen Ex-Soldaten, der jetzt an der Côte d’Azur lebt und halbseidene Geschäfte macht – erfunden und ihn in ein neues Abenteuer geschickt. Ein Abenteuer, bei dem das Drehbuch vorher einem Plausibiltätstest unterzogen wird und bei dem man die Jahreszahlen angepasst hätte. Denn es gibt keinen Grund, warum die Filmgeschichte nicht in der Gegenwart, sondern 2010 spielt.

P. S.: Läuft auch einige Tage im CineStar IMAX im Sony Center (Potsdamer Straße 4, 10785 Berlin) und im Filmpalast am ZKM IMAX in Karlsruhe (Brauerstraße 40, 76135 Karlsruhe) in der deutschen und der englischen Fassung auf der supergroßen IMAX-Leinwand, die dem Film mehr Größe verleiht.

The Transporter Refueled - Plakat

The Transporter Refueled (The Transporter Refueled, Frankreich 2015)
Regie: Camille Delamarre
Drehbuch: Bill Collage, Adam Cooper, Luc Besson
mit Ed Skrein, Loan Chabanol, Ray Stevenson, Anatole Taubman, Lenn Kudrjawizki, Tatiana Pajkovic, Radivoje Bukvic
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „The Transporter Refueled“
Moviepilot über „The Transporter Refueled“
Metacritic über „The Transporter Refueled“
Rotten Tomatoes über „The Transporter Refueled“
Wikipedia über „The Transporter Refueled“

Meine Besprechung von Camille Delamarres „Brick Mansions“ (Brick Mansions, Frankreich/Kanada 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Viel Spaß in „Brick Mansions“

Juni 5, 2014

Wo Luc Besson drauf steht, ist auch Luc Besson drin. Für den von ihm produzierten Action-Thriller „Brick Mansions“ schrieb er sogar das Drehbuch, das auf einem älteren Drehbuch von ihm basiert, das er vor zehn Jahren mit Bibi Naceri schrieb und von Frankreich in die USA verlegte.
Die titelgebendne Brick Mansions sind ein Wohnbezirk in Detroit. Ein von Gangstern beherrschtes Ghetto, in dem hauptsächlich Afroamerikaner leben, das Verbrechen regiert und die Ausfahrten von Polizisten bewacht werden. Im Endeffekt sind die Brick Mansions ein riesiger Knast, in dem keine Sträflinge, sondern normale Menschen und Kriminelle eingesperrt sind.
Der König von Brick Mansions ist Tremaine (RZA). Seine Jungs haben bei einem ihrer nächtlichen Überfälle eine Bombe erbeutet. Er droht, die Rakete in Richtung Innenstadt abzufeuern. Stadtsanierung Gangsta Style.
Also beauftragt der Bürgermeister den Polizisten Damien Collier (Paul Walker), der die Brick Mansions von früher kennt, die Bombe zu entschärfen. Dabei helfen soll ihm Lino (David Belle), ein sympathischer Verbrecher (Hey, immerhin gehört er zu den Guten!), der Polizisten hasst wie die Pest.
Das gegensätzliche Duo macht sich auf den Weg in die Ruinenlandschaft, die einmal ein Wohnprojekt war – und wenn jetzt Actionfans glauben, dass sie diesen Film schon mindestens einmal gesehen haben, dann haben sie irgendwie recht. Denn „Brick Mansions“ ist das Remake von „Ghettogangz – Die Hölle von Paris“ (bzw. „Banlieu 13 – Anschlag auf Paris“), in dem David Belle ebenfalls mitspielte und mit seinen Parkour-Künsten begeisterte. Und „Ghettoganz“ ist natürlich eine ziemlich schamlose Kopie von „Die Klapperschlange“ und, beim bescheuerten Bösewicht, von „The Rock – Fels der Entscheidung“.
Das ist sicher nicht das Rezept für einen künftigen Filmklassiker, aber für einen vergnüglichen Kinoabend könnte es reichen, wenn Luc Besson nicht einfach seine alten Drehbücher mit geringsten Variationen wieder aufkochen, dabei auch die Restlogik über Bord werfen und die Actionszenen durch einen Häcksler jagen würde. Warum wird ein Parkour-Künstler genommen, der seine Stunts auch selbst ausführt, diese – soweit erkennbar – auch wirklich beeindruckend sind, aber sie dank der Zehntelsekundenschnitte meistens absolut nicht mehr erkennbar sind.
Durch die Verlagerung der Geschichte von Paris nach Detroit fällt auch der soziale und politische Hintergrund weg, der im Original noch in kleinen Dosen erkennbar war. Es ist der soziale Sprengstoff, der sich in den Banlieus immer wieder in Gewalt entzündet und schon seit Jahren auch in Büchern, Filmen und Songs thematisiert wird. „Ghettogangz“ reflektierte in einer überzogen-pulpig-trashigen Manier dann auch reale Probleme, die sich ein Jahr später, 2005, in gewalttätigen Jugendprotesten äußerten, die in Paris begannen und sich in anderen Städten fortsetzten. Genau dieser reale Hintergrund geht bei der Verlagerung der Geschichte von Paris in die USA, obwohl es auch dort Ghettos und immer wieder Straßenschlachten gibt, verloren. Insofern spielt „Brick Mansions“, das in der sehr nahen Zukunft spielt, in einer luftleeren Parallelwelt. Es ist einfach eine lärmige Actionfantasie, die wegen ihrem hektischen Schnitt, dem immer wieder vollkommen sinnlosen Slow-Motion-Einsatz, den eindimensionalen Charakteren, den Klischees und plumben Kopien aus besseren Filmen langweilt. „Brick Mansions“ ist im Endeffekt neunzig Minuten Leerlauf, der sich deutlich länger anfühlt.
Wo Luc Besson drauf steht, ist auch Luc Besson drin. Allerdings in immer dünneren Aufgüssen. Die Zeiten von „Nikita“ und „Leon, der Profi“ sind schon lange vorbei. Jetzt ist die Zeit der Drittverwendung von Zweitverwendungen angebrochen.

Brick Mansions - Plakat

Brick Mansions (Brick Mansions, Frankreich/Kanada 2014)
Regie: Camille Delamarre
Drehbuch: Luc Besson
mit Paul Walker, David Bele, RZA, Robert Maillet, Catalina Denis, Ayisha Issa, Gouchy Boy
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Brick Mansions“
Moviepilot über „Brick Mansions“
Metacritic über „Brick Mansions“
Rotten Tomatoes über „Brick Mansions“
Wikipedia über „Brick Mansions“


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