Neu im Kino/Filmkritik: Über den Western „Brimstone“

Dezember 2, 2017

Martin Koolhovens letzter Film „Mein Kriegswinter“ lief schon vor einigen Jahren im Kino. Danach wollte er einen Western drehen. Die Produktion seines englischsprachigen Debüts zog sich dann länger hin als erwartet, was unter anderem an Problemen beim Drehbuch und dem langen, alle Jahreszeiten umfassenden Dreh lag. Letztes Jahr hatte „Brimstone“ beim Filmfestival Venedig seine Premiere und der Film ist keine leichte Kost. Weniger wegen seiner Länge, sondern wegen der gezeigten Gewalttätigkeiten, die vor allem von Männern gegen Frauen ausgeübt werden, und seiner unnötig komplizierten Struktur.

Der Western beginnt mit einem Prolog, der am Filmende wieder aufgenommen wird. Dazwischen erzählt er in vier Kapiteln, die sich chronologisch immer weiter in die Vergangenheit von Liz (Dakota Fanning) zurückbewegen. Das ist formal nicht uninteressant, verhindert aber auch eine emotionale Bindung an die Protagonistin, deren Handlungen lange rätselhaft bleiben.

Sie hat, als wir sie das erste Mal sehen, keine Zunge, aber ihr liebevoller Mann sieht darüber hinweg und sie ist die geachtete Hebamme des Dorfes. Als sie sich bei einer Notgeburt in der Kirche zwischen dem Leben des Kindes und der Mutter entscheiden muss, leidet ihr Ruf. Sie habe zu Unrecht Gott gespielt. Das wirft ihr der neue Priester (Guy Pearce, mit spürbarer Lust an seiner diabolischen Rolle) vor. Als Liz den Gottesmann zum ersten Mal in der Kirche sieht, reagiert sie, als habe sie den Leibhaftigen gesehen.

In den folgenden drei Kapiteln des gut hundertfünfzigminütigen Western erfahren wir dann, wie Liz ihre Zunge verlor (keine angenehme Geschichte) und woher sie den Prediger kennt. Ebenfalls keine angenehme Geschichte, die einen tiefen Einblick in religiöse Wahngebilde und archaische Geschlechterverhältnisse gibt.

Die von Koolhoven gewählte Struktur führt dazu, dass „Brimstone“ sich mehr wie eine Detektivgeschichte entfaltet, bei der man wissen will, was die Verbindung zwischen Liz und dem teuflischen Priester ist. Das mag intellektuell befriedigen. Gleichzeitig wird „Brimstone“ zu einem verkünstelten Arthaus-Film, bei man sich fragt, warum Koolhoven seine Geschichte nicht einfach chronologisch erzählt. Dann wäre die brutale Geschichte wesentlich kraftvoller, die Identifikation mit Liz größer und das Thema des Films über den gesamten Film präsent.

Für Westernfans, vor allem Fans des Spät- und Italowestern oder von Tom Franklins „Smonk“, ist „Brimstone“ dagegen eine Offenbarung, die auch zeigt, welche religiösen Spinner damals aus Europa in die USA auswanderten.

Brimstone (Brimstone, Niederlande/Großbritannien/Deutschland/Belgien/Schweden 2016)

Regie: Martin Koolhoven

Drehbuch: Martin Koolhoven

mit Dakota Fanning, Guy Pearce, Kit Harington, Carice van Houten, Carla Juri, Emilia Jones

Länge: 149 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „Brimstone“

Moviepilot über „Brimstone“

Metacritic über „Brimstone“

Rotten Tomatoes über „Brimstone“

Wikipedia über „Brimstone“ (deutsch, englisch)

Gespräch mit Martin Koolhoven über „Brimstone“ (in seiner Muttersprache)

Q&A bei der TIFF-Premiere (Ton okay, Kamera…)

 

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TV-Tipp für den 1. Oktober: Finsterworld

Oktober 1, 2015

Arte, 23.15
Finsterworld (Deutschland 2013)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
Perfekte Einstimmung auf die Feierlichkeiten zur Einheit. Denn Frauke Finsterwalder und Christian Kracht toben sich in ihrem Episodenfilm so richtig gemein in deutschen Befindlichkeiten (echten und falschen, alten und neuen) aus. Denn das „Finsterworld“-Deutschland ist ein aus der Zeit gefallenes Deutschland voller gestörter Charaktere, die sich auf die Nerven gehen und die sich letztendlich in ihrer Tristesse gut eingerichtet haben.
Das ist zwar nicht durchgehend gelungen, hat aber erfrischend wenig mit den gängigen deutschen Komödien zu tun; was schon einmal eine gute Sache ist.
mit Johannes Krisch, Michael Maertens, Margit Carstensen, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Christoph Bach, Carla Juri, Leonard Scheicher, Jakub Gierszal, Max Pellny, Markus Hering, Dieter Meier

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Finsterworld“
Moviepilot über „Finsterworld“
Wikipedia über „Finsterworld“
Die Zeit: Ijoma Mangold unterhält sich mit Christian Kracht über „Finsterworld“ (10. Oktober 2013)

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)


DVD-Kritik: „Finsterworld“ ist Deutschland, ist nicht Deutschland, ist Deutschland,…

Mai 2, 2014

Auch „Finsterworld“, der erste Spielfilm von Frauke Finsterwalder, nach einem Drehbuch von ihr und ihrem Ehemann Christian Kracht, spielt, wie die ganzen romantischen Komödien, in einer Parallelwelt; einem Deutschland, das es so nicht gibt. Aber das „Finsterworld“-Deutschland ist ein aus der Zeit gefallenes Deutschland voller gestörter Charaktere, die sich auf die Nerven gehen und die sich letztendlich in ihrer Tristesse gut eingerichtet haben.
In dem Film gibt es ein Ehepaar, das nur das Negative sieht und ihren Deutschlandhass in kurzweiligen Sentenzen von sich gibt, einen Fußpfleger, der sich im Alterheim in eine Bewohnerin verliebt, einen Polizisten, der in einem Bärenkostüm nach Nähe sucht, eine TV-Reporterin, die in ihren Drei-Minuten-Reportagen gerne große Kunst über das wahre Leben abliefern würde und dabei doch nur um sich selbst kreist, einen Einsiedler, der stumm im Wald lebt, und uniformierte Schüler, die sich während einer Klassenfahrt zu einem Konzentrationslager nicht für das Leid der Ermordeten interessieren.
Weil diese Charaktere teilweise miteinander verwandt sind und sie sich während des Films mehr oder weniger zufällig begegnen, hängen die Geschichten, die eigentlich eher Episoden aus einem beschädigten Land sind, im bewährten „Short Cuts“- oder „Magnolia“-Stil locker miteinander zusammen. Aber letztendlich werden sie nicht durch einen erzählerischen Zusammenhang, sondern durch den durchgehend misantrophischen Blick auf die Charaktere und Deutschland zusammen gehalten.
„Finsterworld“ ist ein, auch in der Inszenierung, durch und durch künstlicher Film, der wenig über Deutschland, aber viel über die Macher und ihren Hass auf Deutschland verrät. Dieser Deutschland-Hass ist allerdings ein unter Linksintellektuellen seit Jahrzehnten so gepflegter Topoi, dass „Finsterworld“ wie ein später Nachfolger des Neuen Deutschen Films und eine Rainer-Werner-Fassbinder-Hommage wirkt.
Deshalb ist es ein aus der Zeit gefallener Film, ohne besonders großen Erkenntnisgewinn, aber durchaus immer wieder spaßig anzusehen. Vor allem wenn Corina Harfouch und Bernhard Schütz als versnobtes, sich prächtig verstehendes Ehepaar ihren Deutschlandhass pflegen. Schütz nennt sie im Presseheft treffend „Manufaktum-Faschisten“.
Oder Sandra Hüller als endlos plappernde, um sich selbst kreisende Dokumentarfilmerin, die mit Michelangelo Antonionis „Liebe 1962“ einen vollkommen verschobenen Referenzrahmen für ihre kurzen TV-Dokus, in denen sie das wahre Leben zeigen will, nennt.
Und Ronald Zehrfeld als ihr Freund und knuffiger Polizist im Bärenkostüm ist natürlich schön anzusehen.
Da braucht es dann keine „Feuchtgebiete“ Carla Juri als Schülerin und „Dutschke“ Christoph Bach als gutwilligen Lehrer, der seine Schüler mit einem KZ-Besuch fortbilden will. Dabei ist er viel zu jung für einen 68er-Lehrer, aber er verkörpert exakt diesen Typus.
Wie gesagt: „Finsterworld“ ist ein aus der Zeit gefallener Film. Ein Film, der einerseits dreißig, vierzig Jahre zu spät kommt, andererseits ein probates Gegengift zu den deutschen Kinokomödien, wie „Irre sind männlich“, „Vaterfreuden“ oder „Der fast perfekte Mann“, ist.

Finsterworld - DVD-Cover

Finsterworld (Deutschland 2013)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
mit Johannes Krisch, Michael Maertens, Margit Carstensen, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Christoph Bach, Carla Juri, Leonard Scheicher, Jakub Gierszal, Max Pellny, Markus Hering, Dieter Meier

DVD
Alamode Film
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Interview, Making of, Deleted Scenes, Trailer
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Finsterworld“
Moviepilot über „Finsterworld“
Wikipedia über „Finsterworld“
Die Zeit: Ijoma Mangold unterhält sich mit Christian Kracht über „Finsterworld“ (10. Oktober 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Not so „Lovely Louise“ und ihre Kinder

Februar 13, 2014

 

André gehört nicht zu den Losern, die nach einer gescheiterten Karriere und überstandener Midlife-Crisis, vielleicht sogar inclusive Scheidung, mit Mitte Fünfzig in die elterliche Wohnung zurück ziehen, weil entweder die Eltern gerade gestorben sind oder finanzielle Engpässe ihn dazu zwingen. Der Taxifahrer und Tüftler ist nie bei ihr, der titelgebenden „Lovely Louise“ ausgezogen. Das Muttersöhnchen steht unter ihrer Fuchtel. Immer hält sie ihm, mal mehr, mal weniger höflich, vor, dass sie wegen ihm auf eine glänzende Hollywood-Karriere verzichten und in die kleinbürgerliche Spießigkeit der Schweiz zurückkehren musste. Ihre Selbstbestätigung holt sie sich von ihren Freundinnen, die sie als Diva bewundern. André serviert derweil in dem beengten Apartment die Schnittchen. Sein einziges Hobby ist die Modellfliegerei. Heimlich ist er in die am Flughafen arbeitende Wurstverkäuferin Steffi verliebt, aber ansprechen will er sie nicht.

Eines Tages taucht Louises bislang unbekannter Sohn Bill aus den USA auf, der sich gleich mit amerikanischer Jovialität in der engen Wohnung breitmacht, André in seine Werkstatt verbannt und das fragile Mutter-Sohn-Gefüge stört. Denn Louise wendet ihre ganze Liebe dem verlorenen Sohn zu.

Lovely Louise“, der neue Film von „Die Herbstzeitlosen“- und „Tannöd“-Regisseurin Bettina Oberli ist eine harmlos daherkommende, stille Komödie über Beziehungen, Illusionen, Lügen, Träume, das kleine Glück, gescheiterte Existenzen, der Angst vor Veränderungen, den damit verbundenen Stillstand und dem eigenen Weg. Denn irgendwann sollte André sich doch von seiner dominanten, ihn schamlos ausbeutenden Mutter trennen. Das ist, in einer reduzierten Bildsprache, fein beobachtet und gefällt gerade im Vermeiden von offensichtlichen Spannungsmomenten, vor allem in der Geschichte von Bill, dessen Gehabe und seine kaputten Socken ein untrügliches Zeichen für betrügerische Absichten zu sein scheinen. Und so fällt zunächst kaum auf, wie bösartig und unversöhnlich der bieder daherkommende Film hinter seiner heimeligen Fassade aus Züricher Vorstadt und Provinzflughafen ist.

Vollkommen überflüssig ist allerdings der Spanienausflug von Bill und Louise, inclusive Schwimmbadschlägerei zwischen Bill und André und „Charlie staubt Millionen ab“/“The Italian Job“-Kliffhängerei. Das darf nur Michael Caine. Aber der hatte wahrscheinlich keine Mutter.

Lovely Louise - Plakat

Lovely Louise (Schweiz/Deutschland 2013)

Regie: Bettina Oberli

Drehbuch: Bettina Oberli, Petra Volpe, Xao Seffcheque (Mitarbeit Drehbuch)

mit Stefan Kurt, Annemarie Düringer, Stanley Townsend, Nina Proll, Michael Neuenschwander, Carla Juri

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lovely Louise“

Moviepilot über „Lovely Louise“

 

 


Neu Kino/Buch- und Filmkritik: Bäh, „Feuchtgebiete“ gibt es jetzt auch im Kino

August 22, 2013

Als „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche vor fünf Jahren erschien, sich wie geschnitten Brot verkaufte und im Feuilleton eifrig diskutiert wurde, interessierte es mich weniger als der sprichwörtlich in China umfallende Sack Reis. Ein Skandalbuch über eine junge Frau, Masturbation und ihrem Verhältnis zu Flüssigkeiten und Ausscheidungen, garniert mit Spekulationen darüber, wie sehr die Ich-Erzählerin im Roman identisch mit der Autorin ist.

Gähn!

2,5 Millionen im deutschsprachigen Raum verkaufte Exemplare später ist jetzt die Verfilmung dieses Frauenbuches im Kino und beim Studieren der Credits fällt die starke männliche Beteiligung auf. Scheint also auch etwas für Männer zu sein. Peter Rommel produzierte. Er produzierte auch „Wolke 9“, „Sommer vorm Balkon“ und „Nachtgestalten“. Gute Filme. Claus Falkenberg und David Wnendt schrieben das Drehbuch. David Wnendt übernahm auch die Regie und, wie schon in seinem überschätzten Debüt „Kriegerin“, steht wieder eine Frau im Mittelpunkt. Vom Buch wurde das grobe Handlungsgerüst übernommen, etliche Szenen wurden stark erweitert oder innerhalb der Geschichte verschoben und es gibt auch viele neue Szenen. Weil in Roches Roman die Erzählerin, die 18-jährige Helen, nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus liegt und sich wild durch ihr Leben fantasiert und ihre banalen Ansichten über Gott, die Welt, ihre Hämorrhoiden und ihre Muschi assoziativ ausbreitet, ist das nicht schlimm und das Buch und der Film haben ihre Stärken und Schwächen.

Wobei die Schwächen beide Male eindeutig überwiegen. So ist „Feuchtgebiete“ bestenfalls funktional in einem lockeren Plauderton irgendwo zwischen naseweis und nervig geschrieben. Erotisch oder lustvoll ist da nichts. Skandalös auch nicht. Tabubrechend – naja. Und warum dieses langweilige Buch – außer der Banalbegründung „Sex sells“ – ein Bestseller wurde, ist mir schleierhaft.

Aber immerhin ist eine Story – Scheidungskind Helen möchte, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen und versucht das mit einem möglichst langen Krankenhausaufenthalt zu erreichen – erkennbar und wenn sie dann am Ende, ziemlich überraschend, mit ihrem Krankenpfleger Robin zusammen zieht, kann sogar ein Entwicklungsroman erkannt werden. Immerhin emanzipierte Helen sich im Krankenhaus, als sie über ihr bisheriges Leben nachdachte, von ihren Eltern. Aber das ist vielleicht auch eine Überinterpretation und Helen will einfach nur etwas Sex haben.

Im Film wird dagegen explizit mit dem Skandal gespielt. David Wnendt geht dabei – der Film ist freigegeben ab 16 Jahre – immer an die Grenzen des auch noch für Jugendliche zeigbaren und er bleibt immer geschmackvoll. Und David Wnendt hat viele Szenen dazu erfunden oder erweitert, die im Buch nur einige Zeilen lang sind. Wir erfahren, unter anderem, mehr über ihre Eltern, die beide vollkommen unfähig sind, Kinder zu erziehen, es gibt einen langen Drogentrip von Helen und ihrer Freundin Corinna, nachdem ihr Dealer eine Dose mit Drogen bei ihnen vergisst, es gibt die längere Version von Helens vulgärer Pizzageschichte und, ganz am Anfang als „Trainspotting“-Hommage, einen Besuch von Helen auf Berlins schmutzigster Toilette.

Aber die Episoden bleiben eine Ansammlung von Szenen, bei denen meistens unklar ist, ob sie wahr oder erfunden oder von Helen in ihrer Fantasie überspitzt wurden. Das schon in der Vorlage rudimentäre Handlungsgerüst wurde noch weiter entkernt. Die Versuche, ihre Eltern zusammenzuführen sind kaum vorhanden und dass sie das unbedingt will, wird im Film nicht erkennbar. Sowieso: warum wollen Scheidungskinder unbedingt, dass ihre Eltern wieder zusammen sind und, obwohl sie sich nicht mehr lieben, auf heile Familie machen? Die Liebesgeschichte zwischen Helen und ihrem Pfleger ist höchstens als Schwärmerei eines Teenagers erahnbar, aber meistens geht es einfach um Helen, die ihren Spaß haben will und daher auch Robin ab und zu etwas neckt. Er scheint sowieso der einzige Pfleger auf dieser ziemlich menschenleeren Station zu sein. So kommt dann das gemeinsame Ende mit ihm vollkommen überraschend. Aber vielleicht fährt er sie, als er sie allein vor dem Krankenhaus im Regen stehen sieht, nur zur nächsten U-Bahn-Station.

Sogar die große Enthüllung am Ende des Films (sie hat als Achtjährige gesehen, wie ihre Mutter sich und ihren jüngeren Bruder vergasen wollte), die in einem konventionell erzähltem Film dazu dienen würde, ihre ach so verkorkste Psyche zu erklären und sie geläutert in eine bessere Zukunft entlassen würde, bleibt folgenlos. Im Buch wird dieses große Familiengeheimnis bereits auf Seite 61 (also am Anfang des zweiten Romanviertels) nebenbei enthüllt.

Zusammengehalten werden diese Episoden von der Erzählerin Helen, die fast während des gesamten Films erzählt, was wir gerade sehen oder auch nicht sehen können, weil sie gerade über – Na, Sie wissen schon – sinniert.

Aber die Szenen und das Voice-Over fügen sich nicht zu einem kohärentem Ganzen zusammen. Im Gegenteil. Sie widersprechen sich ständig gegenseitig. So sollen wir, zum Beispiel, glauben, dass Helen freiwillig bei ihrer Mutter bleibt, die sie sadistisch quält (so lässt sie sie auf den Betonboden fallen oder schneidet ihr im Schlaf die Wimpern ab), von einem Guru zum nächsten läuft und anscheinend als hygieneversessene Hausfrau und zweifache Mutter ziemlich sorgenfrei lebt. Helens Vater, der einerseits ein durchaus liebevoller, vermögender Vater mit unklarem Beruf, aber viel Freizeit und wechselnden Freundinnen ist, ist andererseits grotesk geistesabwesend. So schlägt er die Kofferraumtür seines Autos zu, klemmt dabei Helens Hand ein und reagiert überhaupt nicht auf ihre Schreie. Oder er cremt sie am Strand so nachlässig ein, dass sie danach den Sonnenbrand ihres Lebens hat. Sandburgbauen ist halt wichtiger. Billige Lacher ebenso.

Karikaturen sind diese Eltern, wie eigentlich alle Charaktere in „Feuchtgebiete“, sowieso, wobei man sich darüber unterhalten kann, ob sie Karikaturen aus Helens Sicht oder der Filmemacher sind und so kommen wir zu einem großen Problem des Films, der die Vorlage nicht blind-bieder bebildert: er hat keine erkennbare Haltung zur Geschichte. Er ordnet sein Material beliebig an und weil die einzelnen Erlebnisse und Fantasien von Helen folgenlos bleiben, könnten sie auch in irgendeiner anderen Reihenfolge als assoziativer Bilderbogen erzählt werden.

Das ist dann für einen zweistündigen Film, trotz großartiger Schauspieler und guter Inszenierung, zu wenig.

Feuchtgebiete - Plakat 4

Feuchtgebiete (Deutschland 2013)

Regie: David Wnendt

Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt

LV: Charlotte Roche: Feuchtgebiete, 2008

mit Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, Peri Baumeister, Edgar Selge, Harry Baer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (in der schönen Filmausgabe mit 27 Bildern und einem 22-seitigen Interview mit Charlotte Roche, David Wnendt und Peter Rommel)

Roche - Feuchtgebiete

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Dumont, 2013

240 Seiten

12 Euro

Erstausgabe

Dumont, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuchtgebiete“

Moviepilot über „Feuchtgebiete“

Wikipedia über „Feuchtgebiete“ (Roman, Film)

Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (D 2011)

Perlentaucher über „Feuchtgebiete“


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