Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Staudamm“, ein Amoklauf eines Schülers und eine Recherche

Januar 30, 2014

 

Wie nähert man sich ernsthaft und mit dem nötigem Respekt einem unfassbarem Ereignis? Einem Ereignis, über das man nicht sprechen kann? Und das auch noch auf einem künstlerisch angemessenem Niveau? Gus Van Sant zeigte 2003 in „Elephant“ einen Weg, wie über einen Amoklauf an einer Schule, ein Spielfilm gemacht werden kann. Van Sant schilderte, ohne eine einfache Erklärung, die Stunden vor dem Amoklauf. Thomas Sieben entschloss sich in „Staudamm“, nach einem Drehbuch von Christian Lyra, für einen anderen Weg. Ihr Film beginnt ein Jahr nach dem Amoklauf, wenn Roman (Friedrich Mücke), ein Jura-Student, der in München in seiner Wohnung herumlungert und für einen Staatsanwalt (Dominic Raacke), Akten zusammenfasst und einliest, einen neuen Stapel Akten erhält. Dieses Mal geht es um einen Amoklauf und wir erfahren nie, weshalb der Staatsanwalt sich jetzt mit diesem abgeschlossenem Fall beschäftigt.

Weil wichtige Akten fehlen, soll Roman sie in der bayerischen Provinz auf der dortigen Polizeiwache abholen. Er macht sich auf den Weg, ist genervt, weil er die Akten nicht sofort bekommt und deshalb länger als geplant in dem menschenleeren Ort bleiben muss. Die wenigen Bewohner begegnen ihm alle mit herzlicher Abneigung. Nur Laura (Liv Lisa Fries) ist freundlich zu ihm. Sie war, wie Roman später erfährt, eine Mitschülerin des Amokläufers und überlebte den Amoklauf. Sie erzählt ihm von damals und führt ihn an Orte, die für den gesichtslosen Amokläufer wichtig waren. Roman beginnt sich etwas für die Hintergründe des Amoklaufs zu interessieren, aber die meiste Zeit liest er einfach weiterhin mit monotoner Stimme Akten ein.

Guter Wille kann „Staudamm“ nicht abgesprochen werden. Er will auch nicht sensationslüstern über einen Amoklauf erzählen. Deshalb fehlen all die bekannten Bilder, die uns spätestens, pädagogisch wertvoll geerdet, im „Tatort“ präsentiert werden. Thomas Sieben versucht das Unbegreifliche eines Amoklaufs eines Schülers in eine dem entsprechende, reduzierte filmische Sprache zu übersetzen. Dazu gehören die ins Leere laufenden Bildsymbole, wie der titelgebende „Staudamm“, an dem der Amokläufer sich umbrachte. Oder die sich majestätisch erhebenden Berge. Dazu gehören eben die mit emotionslos vorgetragenen Zeugenaussagen und Tatortberichte.

Aber weil der Staatsanwalt Roman nicht sagt, wozu er die Akten braucht, gibt es keine leitende Frage, die die Ereignisse in eine sinnvolle Reihenfolge bringt, sondern nur eine hochgradig konstruierte Ausgangslage, die zu einer Kongruenz im Nichtwissen zwischen dem Zuschauer und dem Protagonisten führt. Dabei sollte er uns durch die Geschichte führen und unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge lenken. Aber er stochert nur blind im Nebel herum. Für seine Zusammenfassungen von Akten hat er keine leitende Frage. Es ist daher eine akademische Übung. Die restliche Zeit lässt er sich treiben. Er ist, auch nachdem er Laura, begegnet, weniger involviert als ein unbeteiligter Zuschauer, der immerhin wissen möchte, wie es weitergeht. Diese Abwesenheit einer Leitfrage führt dann auch dazu, dass „Staudamm“ einfach nur Impressionen aneinanderreiht und die Interpretation dem Zuschauer überlässt, was nicht sonderlich interessant ist.

Staudamm - Plakat

Staudamm (Deutschland 2012)

Regie: Thomas Sieben

Drehbuch: Christian Lyra, Thomas Sieben

mit Friedrich Mücke, Liv Lisa Fries, Dominic Raacke, Lucy Wirth, Arnd Schimkat, Carolin Fink

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Staudamm“

Moviepilot über „Staudamm“

 

 

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