Neu im Kino/Filmkritik: Robert Redford, „Ein Gauner & Gentleman“

März 28, 2019

Vor dem Kinostart sagte Robert Redford, dass „Ein Gauner & Gentleman“ sein letzter Film sein werde. Danach wolle der 82-jährige in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Inzwischen ist er sich anscheinend nicht mehr so sicher, ob David Lowerys warmherzige Gaunerkomödie „Ein Gauner & Gentleman“ wirklich sein letzter Film sein soll.

David Lowery, der Redford bereits in seinem Kinderfilm „Elliot, der Drache“ inszenierte, erzählt die Geschichte von Forrest Tucker, einem notorischen Bankräuber, der inzwischen ein alter, aber immer noch junggebliebener Gentleman ist. Er ist ein Berufsverbrecher, der immer wieder in Haft saß, ausbrach und jetzt weiter Banken überfällt. Sein jüngster Überfall, dieses Mal in Dallas, lief wieder einmal so höflich und gesittet ab, dass wir unwillkürlich an „Out of Sight“ Jack Foley (George Clooney) denken müssen. Wobei es historisch korrekt wahrscheinlich umgekehrt war. Denn Tucker, den es wirklich gab, begann seine Verbrecher- und Ausbrecherkarriere 1936 als Fünfzehnjähriger und Lowerys Film spielt 1981. Der von Elmore Leonard erfundene Foley betrat erst später zuerst die literarische und dann die filmische Bühne.

Forrest Tucker war ein vollendeter Gentleman, der seine Verbrechen ohne Gewalt verübte. Den Revolver, den er dabei hatte, zeigte er niemals. Aber diese Angewohnheit erklärt den Originaltitel des Films, der auf der gleichnamigen „The New Yorker“-Reportage von David Grann basiert. Trotzdem ist der deutsche Titel „Ein Gauner & Gentleman“ viel zutreffender.

Als Gentleman hält Tucker auf seiner Flucht vor der Polizei selbstverständlich an, um einer Frau, die Probleme mit ihrem Auto hat, zu helfen. Auch wenn er keine Ahnung von Autos hat. Er unterhält sich mit Jewel (Sissy Spacek). Er fährt sie nach Hause und das ist der Beginn einer wundervollen, erwachsenen Beziehung, in der sich zwei Menschen redend näherkommen.

Diese Liebesgeschichte könnte sein Abschied vom Verbrecherleben sein, wenn er nicht ein Berufsverbrecher wäre, der einfach gerne das tut, was er tut. Also raubt er weiter Banken aus mit seinen Verbrecherkumpels, der „Over-the-Hill-Gang“. Sie besteht aus Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits). Der Musiker, dessen letzte CD 2011 erschien, und Ab-und-zu-Schauspieler wurde dafür aus seinem filmischen Ruhestand gezerrt.

Verfolgt werden sie über Landesgrenzen hinweg von Detective John Hunt. Casey Affleck liefert eine weitere feine, minimalistische Charakterstudie. Dieses Mal ist er unter dem Porno-Schnauzbart Tom-Selleck-Schnauzbart (Hunt ist ja ein ehrlicher Polizist) kaum erkennbar. In Lowerys vorherigem Film „A Ghost Story“ war er als stummer Geist mit einem Bettlaken über dem Kopf noch weniger erkennbar.

Diese Erzählstränge verknüpft David Lowery zu einer wunderschön entspannten Schnurre, einer Verbrecherballade, die einem auch am Lagerfeuer erzählt werden könnte. Denn früher, in diesem Fall 1981, ging alles langsamer. Nachrichten verbreiteten sich über Tage und Wochen von der einen Küste des Landes zur anderen. Falls überhaupt. Computer waren keine Alltagsgegenstände, sondern schrankgroße Geräte, die in Science-Fiction-Filmen riesige Hallen füllten. Ein Ermittler musste damals, nachdem er auf die abstruse Idee gekommen war, dass verschiedene Überfälle in verschiedenen Bundesstaaten miteinander zusammenhängen könnten, mühsam die Informationen über die Überfälle zusammentragen, immer wieder Ländergrenzen überschreiten, mit unterschiedlichen Gesetzgebungen kämpfen und in Archiven wühlen. Denn schon auf den ersten Blick klingt die Idee, dass ein Haufen alter Männer professionell Banken überfällt, ziemlich fantastisch.

Währenddessen hat Forrest Tucker viel Zeit, um mit seinen Kollegen weitere Überfälle zu planen und, vor allem, mit Jewel den Sonnenuntergang zu genießen.

Und wir können Robert Redford und Sissy Spacek dabei beobachten.

Es gibt wirklich schlechtere Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen.

Wenn Robert Redford jetzt wirklich keinen weiteren Film mehr dreht, ist „Ein Gauner & Gentleman“ eine rundum gelungene, angenehm nostalgische Abschiedsvorstellung, die noch einmal, mühelos und ohne erkennbare Anstrengung, die Karriere von Robert Reedford Revue passieren lässt.

Aber wie beginnt noch einmal Davd Granns Artikel über den sympathischen Bankräuber? „Forrest Tucker had a long career robbing banks, and he wasn’t willing to retire.“

Ein Gauner & Gentleman (The old man & the gun, USA 2018)

Regie: David Lowery

Drehbuch: David Lowery

LV: David Grann: The Old Man and the Gun (Reportage, The New Yorker, 27. Januar 2003)

mit Robert Redford, Sissy Spacek, Casey Affleck, Danny Glover, Tom Waits, Tika Sumpter, Keith Carradine, Isiah Whitlock Jr., John David Washington

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ein Gauner & Gentleman“

Metacritic über „Ein Gauner & Gentleman

Rotten Tomatoes über „Ein Gauner & Gentleman“

Wikipedia über „Ein Gauner & Gentleman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Lowerys „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, USA 2016)

Meine Besprechung von David Lowerys „A Ghost Story“ (A Ghost Story, USA 2017)

Ein Gespräch mit David Lowery, Robert Redford und Sissy Spacek über den Film

Das Gespräch nach der TIFF-Premiere mit, mehr oder weniger, dem gesamten Cast

 

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TV-Tipp für den 14. Januar: To Die For

Januar 14, 2019

Weil Nicole Kidman gerade so oft, mit sehr unsterschiedlichen Filmen im Kino zu sehen ist. „Aquaman“ läuft noch (und hat schon über eine Milliarde eingespielt), „Der verlorene Sohn“ (Boy Erased, mit Lucas Hedges und Russel Crowe, wahre Geschichte über einen Baptistenprediger, der seinen homosexuellen Sohn heilen will, Kinostart am 21. Februar), „Mein Bester & ich“ (The Upside, mit Bryan Cranston und Kevin Hart, US-Remake von „Ziemlich beste Freunde“, Kinostart am 21. Februar)  und „Destroyer“ (ein insgesamt sehenswerter Noir-Polizeikrimi von „Aeon Flux“-Regisseurin Karyn Kasuma mit Kidman als extrem taffer, von Dämonen aus ihrer Vergangenheit gejagter Polizistin, Kinostart am 14. März).

Arte, 20.15

To Die For (To Die For, USA 1995)

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Buck Henry

LV: Joyce Maynard: To die for, 1992 (To die for)

TV-Wetterfee Suzanne Stone Maretto  lässt für ihre Karriere Männer über die Klinge springen, bis sie an die Mafia gerät.

Bitterböse Mediensatire. Heute war wahrscheinlich noch aktueller und realistischer als damals.

mit Nicole Kidman, Matt Dillon, Joaquin Phoenix, Casey Affleck, Dan Hedaya, Kurtwood Smith, Buck Henry (als Mr. H. Finlaysson), Joyce Maynard (als Suzannes Anwältin), David Cronenberg, George Segal (jeweils Gastauftritte)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „To Die For“

Wikipedia über „To Die For“ (deutsch, englisch)

Homepage von Joyce Maynard

My-Space-Seite von Gus Van Sant

Meine Besprechung von Gus Van Sants „The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen“ (The Sea of Trees, USA 2015)

Meine Besprechungvon Gus Van Sants „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ (Don’t worry, he won’t get far on foot, USA 2018)


TV-Tipp für den 10. November (+ Buchtipp): Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel

November 10, 2018

ZDFneo, 22.00

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone Baby Gone, USA 2007)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard

LV: Dennis Lehane: Gone, Baby, Gone, 1998 (Kein Kinderspiel; später, aufgrund des Films „Gone Baby Gone“)

In Boston suchen die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro die spurlos verschwundene vierjährige Amanda.

Tolle Verfilmung eines tollen Privatdetektivkrimis. Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, John Ashton, Amy Ryan

Wiederholung: Sonntag, 11. November, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Gone Baby Gone“

Rotten Tomatoes über „Gone Baby Gone“

Wikipedia über “Gone Baby Gone” (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Afflecks „Argo“ (Argo, USA 2012)

Seit einigen Tagen in den Buchhandlungen: der neue Roman von Dennis Lehane

Sein Verlag schreibt:

Rachel Childs hat alles, was man sich erträumt: ein Leben ohne finanzielle Sorgen, einen gutaussehenden, liebevollen Ehemann. Doch im Bruchteil einer Sekunde macht ausgerechnet dieser Mann ihr Leben zu einer Farce aus Betrug, Verrat und Gefahr. Nichts ist mehr, wie es scheint, und Rachel muss sich entscheiden: Wird sie kämpfen für das, was sie liebt, oder im Strudel einer unglaublichen Verschwörung untergehen?

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir

(übersetzt von Steffen Jacobs und Peter Torberg)

Diogenes, 2018

528 Seiten

21,99 Euro


TV-Tipp für den 28. August: Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (+Buchhinweis)

August 28, 2018

Pro7Maxx, 22.15

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone Baby Gone, USA 2007)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard

LV: Dennis Lehane: Gone, Baby, Gone, 1998 (Kein Kinderspiel; später, aufgrund des Films „Gone Baby Gone“)

In Boston suchen die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro die spurlos verschwundene vierjährige Amanda.

Tolle Verfilmung eines tollen Privatdetektivkrimis. Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, John Ashton, Amy Ryan

Wiederholung: Mittwoch, 29. August, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Gone Baby Gone“

Rotten Tomatoes über „Gone Baby Gone“

Wikipedia über “Gone Baby Gone” (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Afflecks „Argo“ (Argo, USA 2012)

Auf dem Weg von der Druckerpresse in die nächste Buchhandlung: der neue Roman von Dennis Lehane

Sein Verlag schreibt:

Rachel Childs hat alles, was man sich erträumt: ein Leben ohne finanzielle Sorgen, einen gutaussehenden, liebevollen Ehemann. Doch im Bruchteil einer Sekunde macht ausgerechnet dieser Mann ihr Leben zu einer Farce aus Betrug, Verrat und Gefahr. Nichts ist mehr, wie es scheint, und Rachel muss sich entscheiden: Wird sie kämpfen für das, was sie liebt, oder im Strudel einer unglaublichen Verschwörung untergehen?

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir

(übersetzt von Steffen Jacobs und Peter Torberg)

Diogenes, 2018

528 Seiten

21,99 Euro


Neu im Kino/Filmkritik: „A Ghost Story“ ist kein Horrorfilm; – – – hm, irgendwie schon

Dezember 7, 2017

Direkt nach den Dreharbeiten für „Elliot, der Drache“ begann David Lowery sofort mit dem Dreh von „A Ghost Story“ und dieser Film ist, bis auf einen Punkt, das genaue Gegenteil von seinem Disney-Film. Der gemeinsame Punkt ist, dass beide Filme sehenswert sind. Aber während „Elliot, der Drache“ ein quietschbunter, unterhaltsamer und kurzweiliger Disney-Kinderfilm ist, ist „A Ghost Story“ ein an 19 Tagen im Hochsommer in Texas gedrehter Micro-Budget-Film, in dem Rooney Mara und Casey Affleck, nachdem sie bereits in Lowerys „The Saints – Sie kannten kein Gesetz“ (Ain’t Them Bodies Saints, USA 2013) zusammenspielten, wieder zusammenspielen. Wobei sie dieses Mal mehr nebeneinander her als zusammen spielen.

Denn C (Casey Affleck) stirbt bei einem Autounfall. Seine Freundin M (Rooney Mara) kehrt in die gemeinsame Wohnung zurück. Cs Geist begleitet sie von der Leichenhalle zum Haus und beobachtet sie bei ihren Tätigkeiten und ihrer Trauer. Zum Beispiel wenn sie am ersten Abend nach seinem Tod in einer vierminütigen ungeschnittenen Einstellung einen Schokoladenkuchen in sich hineinstopft. Er muss auch miterleben, wie er für sie unsichtbar ist und wie sie ihn langsam vergisst.

Daran ändern auch seine gelegentlichen Gefühlsausbrüche nichts. Denn wie alle Geister kann er bei Bedarf Dinge bewegen. Aber M erkennt Cs Wirken, seine Trauer und seine unbeholfenen und damit wirkungslose Versuche, sie zu trösten, nicht. Sie bemerkt und sieht ihn nicht. Sie spürt noch nicht einmal seine Anwesenheit.

Wir sehen C wenn er neben seiner Freundin steht und sie ausdrucksstark beobachtet oder durch die Wohnung schwebt, die er durch einen unerklärlichen Bann nicht verlassen kann. Oder will. Und wir bemerken, wie viele Emotionen in einem Bettlaken stecken. Denn das ist Cs Geist: ein Schauspieler unter einem Bettlaken.

Lowery inszenierte „A Ghost Story“ im Format 1:33, das zu einem fast quadratischen Bild führt, in langen, oft stummen Einstellungen, in denen wenig geschieht. Er erzählt, ohne dass das Interesse des Zuschauers erlahmt, seine Geschichte sehr abstrakt, minimalistisch und sehr offen für verschiedene Interpretationen. Diese Offenheit ist für eine Filmbesprechung auch ein Problem. Denn sie führt notgedrungen zu einer Interpretation, die die Offenheit des Films auf eine Sicht verengt. Dabei ist „A Ghost Story“ offen für sehr viele, auch sich widersprechende Interpretationen.

In jedem Fall ist „A Ghost Story“ kein Film für die große Masse, sondern ein kleiner Indie-Film, der fasziniert und ein Angebot zum Nachdenken und für Gespräche über Beziehungen, Liebe, Abschied, Trauer und den Tod ist.

A Ghost Story (A Ghost Story, USA 2017)

Regie: David Lowery

Drehbuch: David Lowery

mit Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „A Ghost Story“

Metacritic über „A Ghost Story“

Rotten Tomatoes über „A Ghost Story“

Wikipedia über „A Ghost Story“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Lowerys „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Manchester by the Sea“, ein Mann, eine Schuld, eine Verantwortung

Januar 20, 2017

Seitdem ich den Film gesehen habe, empfehle ich weiter. Dabei erzählt Kenneth Lonergan in seinem dritten Spielfilm – bekannter ist der Theaterautor als Drehbuchautor von „Reine Nervensache“ und „Gangs of New York“ – eine ganz einfache und sehr alltägliche Geschichte.

Lee Chandler (Golden-Globe-Gewinner Casey Affleck) arbeitet als Hausmeisterangestellter in einem Wohnblock in Boston. Er ist ein introvertierter Einzelgänger, der, wenn er in eine Kneipe geht, Ärger sucht. Er lebt in einem 1-Zimmer-Kellerapartment in selbstgewählter Isolation und büßt damit eine Schuld ab, die er vor längerer Zeit in seinem Heimatort Manchester by the Sea auf sich geladen hat.

Da erhält er einen Anruf: sein Bruder Joe (Kyle Chandler) liegt im Krankenhaus.

Als Lee kurz darauf in Manchester by the Sea eintrifft, ist Joe tot und Lee soll sich um Joes sechzehnjährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) kümmern. Joe hat das alles durchgerechnet und in seinem Testament festgelegt.

Lee will nicht. Er will, aufgrund der damaligen Ereignisse, auch nicht länger als unbedingt nötig in Manchester by the Sea bleiben. Er will auch nicht Patricks Vormund werden. Eigentlich will er nur möglichst schnell wieder zurück nach Boston.

In über zwei Stunden erzählt Lonergan langsam, immer wieder von witzigen Szenen unterbrochen, wie Lee mit der ihm aufgebürdeten Verantwortung umgeht. In Rückblenden, die bruchlos in die aktuelle Geschichte eingefügt werden, erfahren wir mehr über Lees Vergangenheit: seiner Beziehung zu seiner Frau Randy (Michelle Williams), zu seinem Bruder, seinem Neffen, den gemeinsamen Ausflügen mit dem Boot, und warum aus dem lebenslustigen jungen Mann ein Einzelgänger wurde.

Das ist eine kleine Geschichte über ganz normale Menschen und Ereignisse, die jedem von uns zustoßen können.

Erst durch Lonergans souveräne Regie, seinem genauen Blick für Details, die in jeder Sekunde vorhandene Wahrhaftigkeit und das feinfühlige Spiel der Schauspieler wird aus „Manchester by the Sea“ ein Meisterwerk, das, wieder einmal, zeigt, was für ein vorzüglicher Schauspieler Casey Affleck ist. Es ist sein Film.

Manchester by the Sea“ ist einer der ersten Höhepunkt des Kinojahres. Ein Film, den man vielleicht nicht unbedingt zweimal sehen möchte, aber unbedingt einmal sehen muss.

Dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin, zeigt nicht nur ein Blick zu Rotten Tomatoes (Frischegrad 96 %), sondern auch auf die Preisliste. Aktuell erhielt „Manchester by the Sea“, laut IMBD, 93 Preise (unter anderem den schon erwähnten Golden Globe) und 195 Nominierungen. Und die Oscar-Nominierungen sind da noch nicht eingerechnet.

manchester-by-the-sea-plakat

Manchester by the Sea (Manchester by the Sea, USA 2016)

Regie: Kenneth Lonergan

Drehbuch: Kenneth Lonergan

mit Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Lucas Hedges, Gretchen Mol, C. J. Williams

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Fillm

Moviepilot über „Manchester by the Sea“

Metacritic über „Manchester by the Sea“

Rotten Tomatoes über „Manchester by the Sea“

Wikipedia über „Manchester by the Sea“ (deutsch, englisch)

Kenneth Lonergan, Casey Affleck und Lucas Hedges sprechen über den Film

Kenneth Lonergan, Casey Affleck, Lucas Hedges und Michelle Williams sprechen über den Film (Amateuraufnahme, Ton gut)

Kenneth Lonergan beim NYFF im HBO Directors Dialogue

DP/30 unterhält sich mit Kenneth Lonergan (mit spoilern)

DP/30 unterhält sich mit Casey Affleck

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Triple 9“ – Movie down

Mai 7, 2016

Atlanta, USA: ein am helllichten Tag durchgeführter Banküberfall gerät zu einer veritablen Straßenschlacht, die bei Krimifans wohlige Erinnerungen an Michael Manns „Heat“ weckt. Nur wird hier eine dreckige Version präsentiert. Von John Hillcoat, der zuletzt das während der Prohibition spielende Gangsterdrama „Lawless – Die Gesetzlosen“ inszenierte

Kurz darauf erfahren wir, dass die Bankräuber Polizisten sind, die zu einer Sondereinheit gehören, die auch den Fall aufklären sollen. Zu ihnen stößt als neues Mitglied der Sondereinheit Chris Allen (Casey Affleck). Bei dem Neuling ist unklar, wie unehrlich er ist. Sein ihn beschützender Onkel, Sergeant Detective Jeffrey Allen (Woody Harrelson) von der Major-Crimes-Abteilung, soll ebenfalls den Fall aufklären.

Weil Irina Vlaslow (Kate Winslet), die Chefin der örtlichen Russen-Mafia, mit der Beute von dem Überfall nicht zufrieden ist, erpresst sie Chris Allens Vorgesetzten Michael Belmont (Chiwetel Ejiofor) zu einem weiteren, noch riskanteren Raubzug. Die von ihm angeführten verbrecherischen Polizisten glauben, – und damit ist der Titel erklärt -, mit einem Triple-9-Notruf können sie die Polizisten von ihrem eigentlichen Ziel ablenken. 999 sei, so erklären uns die Verbrecher, der Polizeicode für einen erschossenen Polizisten.

John Hillcoat, der mit seinen vorherigen Spielfilmen „The Proposition“, „The Road“ und dem schon erwähnten „Lawless“ immer sehenswerte, nie leichte Kost ablieferte, hat mit „Triple 9“ seinen enttäuschendensten Film vorgelegt. Da hilft auch die hochkarätige Besetzung nicht weiter. Neben den schon erwähnten Casey Affleck (unterfordert), Woody Harrelson (chargierend), Kate Winslet (böse, sehr böse) und Chiwetel Ejiofor sind Anthony Mackie, Norman Reedus, Aaron Paul, Michael Kenneth Williams, Teresa Palmer und Gal Gadot in dem testosterongeschwängertem, nihilistischem Männerfilm dabei, der seine Klischees über Verbrecher und korrupte Cops in einer drögen Geschichte, garniert mit viel Gewalt, kredenzt. Mit vielen langweilenden Nebenstränge, die die Hauptgeschichte nicht voranbringen. Bei der Hauptgeschichte, wobei man locker über den zentralen Konflikt streiten kann, ist kein Zentrum und damit auch kein Protagonist, kein Antagonist und keine sinnvolle Struktur von Haupt- und Nebengeschichten erkennbar. Erzählt wird das in durchgehend viel zu dunklen Bilder, weil Schwarz ja Noir bedeutet und je dunkler die Bilder sind, umso mehr Noir ist der Film. Nur ist Noir eine Haltung und kein Farbton. Das hatte vor wenigen Wochen auch Zack Snyder in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ verwechselt.

Und, auch wenn man einen konsequent nihilistischen Kosmos zeichnet, ist es keine gute Idee diesen Kosmos nur mit unsympathischen und, was noch schlimmer ist, gänzlich uninteressanten Gestalten zu bevölkern. Jedes Problem, das sie haben, wirkt wie eine Drehbuchidee. Kein Charakter interessiert – und damit ist es einem herzlich egal, wer warum überlebt. Mit zunehmender Laufzeit hofft man sogar, dass sie sich möglichst schnell gegenseitig erschießen, damit das Elend schnell vorbei ist.

Das ist, wenn man den Regisseur und die beteiligten Schauspieler mag, ein äußerst ernüchterndes Fazit. „Triple 9“ ist ein zerfahrener Möchtegern-Noir-B-Movie-Gangsterfilm, der Schein mit Sein verwechselt; was bei Hillcoat erstaunt.

Triple 9 - Plakat

Triple 9 (Triple 9, USA 2016)

Regie: John Hillcoat

Drehbuch: Matt Cook

mit Casey Affleck, Woody Harrelson, Kate Winslet, Anthony Mackie, Chiwetel Ejiofor, Norman Reedus, Aaron Paul, Clifton Collins Jr., Teresa Palmer, Gal Gadot, Michael Kenneth Williams

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Triple 9“

Metacritic über „Triple 9“

Rotten Tomatoes über „Triple 9“

Wikipedia über „Triple 9“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Hillcoats Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“ (The Road, USA 2009)

Meine Besprechung von John Hillcoats „Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless, USA 2012)


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