Charlotte Wiedemann betrachtet „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ – und liest in Berlin daraus vor

November 7, 2019

Charlotte Wiedemann reiste als Journalistin für „Geo“, „Die Zeit“, „Le Monde Diplomatique“ und die „taz“ um die halbe Welt, berichtete oft aus Asien und Afrika und erhielt 2017 von der Otto-Brenner-Stiftung den Spezial-Preis für ihr Lebenswerk.

In ihrem neuen Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ geht es, wie der Titel verrät, um die Veränderungen in westlichen Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten. Denn die jahrhundertelang gepflegte Zeit der unumstrittenen Dominanz des Westens ist vorbei. Diese ‚weiße Dominanz‘ war und ist in erster Linie die Dominanz weißer Männer über Menschen anderer Hautfarbe und Geschlecht; in zweiter Linie die weißer Frauen über Menschen anderer Hautfarbe.

Wer an dem Ende der weißen Herrschaft und der damit verbundenen Dominanz des Westens zweifelt, muss nur einen Blick in ein x-beliebiges Büro oder die Straße einer westeuropäischen Großstadt werfen und das heutige Bild mit einem Bild aus den fünfziger Jahren vergleichen. Oder sich einige Statistiken mit globalen militärischen und ökonomischen Daten ansehen.

Mit Zahlen hat Wiedemann es dann nicht so sehr. Ihr geht es mehr um das mit Beispielen gesättigte Nachzeichnen von Entwicklungen, die sie selbst miterlebte. Besonders gut gelingt ihr das, wenn sie erzählt, wie die Bundesrepublik sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. Als sie zur Schule ging, waren alle ihre Mitschülerinnen weiße Deutsche, die evangelisch oder katholisch waren. Und der Graben zwischen Evangelen und Katholen erschien unüberwindbar. Heute sehen Schulklassen ganz anders aus. Als sie im Sommer 1983 als Lokalreporterin erstmals die Wohnung einer Gastarbeiterfamilie betrat, war in deren Wohnung kein Zeichen ihrer Religion zu sehen. Stattdessen bemühten sie sich um größtmögliche Unauffälligkeit. Im öffentlichen Leben kamen die Gastarbeiter nicht vor. Sie hatten keine Stimme. Heute gehören die Kinder und Enkelkinder der Gastarbeiter fest zum Straßenbild und zur Öffentlichkeit. Dass sie mit italienischem (Pizza!) und türkischem (Döner!!) Essen die deutsche Esskultur (Saumagen) bereicherten, ist ebenso unstrittig.

Dieses Kapitel „Wie wir waren. Wie wir sein werden“ ist das stärkste Kapitel des Buches, weil Wiedemann hier persönliches Erleben mit der Geschichte Deutschlands verbindet und durchgehend ein größerer erzählerisch-argumentativer Zusammenhang erkennbar ist. In den folgenden Kapiteln fehlt er zugunsten einer eklektischen Zusammenstellung von kurzen, unabhängig nebeneinander stehenden Texten. Sie schreibt über Rassismus, Feminismus, den Islam, Kolonialismus, die vergessene deutsche Kolonialgeschichte und den weißen Blick auf freiwillige und unfreiwillige Mobilität und Gewalt. Dabei zeigt sie immer wieder, wie sehr die weiße Perspektive sich von anderen Perspektiven unterscheidet und wie sehr die weiße Perspektive Dinge ausblendet. Bei der ‚Asylflut‘ die Fluchtursachen; bei den ‚kriminellen dunkelhäutigen Verbrechern‘ die von Deutschen begangenen Verbrechen.

Das ist durchaus interessant und auch immer wieder erhellend. Aber sehr schnell wird Wiedemanns selbstgewählte Anspruch beim Lesen zum Stolperstein. Im Vorwort schreibt sie, ihr Buch sei „ein Mosaik von Gedanken, Erinnerungen und Begegnungen geworden. Die kurze Form der Texte lädt ein zum Innehalten und zum vernetzten Lesen“.

Es ist damit auch ein Buch, das man nicht unbedingt in einem Rutsch durchlesen sollte. Es ist eine Gedankensammlung irgendwo zwischen Notizen und Zeitungskommentaren, die nur sehr lose miteinander zusammenhängen. Daraus ergibt sich, notgedrungen, keine durchgehende Argumentation und auch keine tiefschürende Analyse. Alles bleibt letztendlich im Anekdotischen und Oberflächlichen stecken. Nicht etwa, weil Wiedemann nichts zu sagen hätte, sondern weil sie in den kurzen Texten nicht in die Tiefe gehen kann.

So schlecht „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ als Buch funktioniert (jedenfalls, wenn man mehr als Gedankensplitter erwartet), so gut können die Texte bei einer Lesung als Einstieg in eine Diskussion funktionieren. Denn da kann nachgefragt, widersprochen, präzisiert und erklärt werden.

In Berlin kann das in den kommenden Tagen zweimal überprüft werden. Am Freitag, den 8. November, liest Wiedemann in Buchhandlung Leporello (Krokusstraße 91) ab 19.00 Uhr aus ihrem Buch. Die Lesung ist Teil der Reihe »Widerworte« der Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus.

Am Mittwoch, den 20. November, stellt Wiedemann ab 20.00 Uhr ihr Buch im Buchladen Schwarze Risse (Gneisenaustr. 2a) vor. Es handelt sich um eine Benefiz-Lesung für das Bürger*innen-Asyl Berlin.

Weitere Lesungen hier.

Charlotte Wiedemann: Der lange Abschied von der weißen Dominanz

dtv, 2019

288 Seiten

18 Euro

Hinweis

Homepage von Charlotte Wiedemann

 


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