Neu im Kino/Filmkritik: Im „Ballon“ nach Westen

September 29, 2018

Die Geschichte ist bekannt: Am 16. September 1979 gelang den Familien Strelzyk und Wetzel in einem selbstgebauten Ballon die Flucht aus der DDR in den Westen.

Direkt nach ihrer Landung in einem Feld bei der oberfränkischen Stadt Naila berichteten alle Medien, also die Zeitungen, Radio und die damals drei Fernsehprogramme (alle selbstverständlich mit Sendeschluss!), darüber. Disney sicherte sich die Verfilmungsrechte und 1982 lief in den deutschen Kinos Delbert Manns „Mit dem Wind nach Westen“ (Night Crossing), mit John Hurt und Beau Bridges, über die spektakuläre Flucht. Die damalige Kritik war nicht begeistert: „Stinklangweilig und voller Klischees über die DDR.“ (Fischer Film Almanach 1983)

Nun gibt es Michael Bully Herbigs Version der damaligen Ereignisse. Selbstverständlich als Thriller mit bekanntem Ausgang und klarer Freund-Feind-Zeichnung. Das ist als Wettlauf gegen die Zeit durchaus spannend. Denn nach einem erfolglosen Fluchtversuch entdeckt die Stasi die Reste des Ballons. Stasi-Oberstleutnant Seidel, ein harter Hund und überzeugter Kommunist, leitet die Suche nach den potentiellen Republikflüchtlingen. Und diese kaufen in der halben DDR den Stoff für den nächsten Ballon zusammen.

Das ist, wie gesagt, spannend, aber nie wirklich packend oder in irgendeiner Form Herzrasen verursachend. Dafür ist alles zu betulich inszeniert und die Flüchtlinge sind einem zu egal, weil ihre unterschiedlichen Motive zwar angesprochen, aber nie emotional begreifbar sind.

Bei Peter Strelzyk war es die Tatsache, dass man seine Meinung nicht frei äußern durfte und dass man für einen politischen Witz drei Jahre ins Gefängnis kommen konnte. Günter Wetzel durfte nicht studieren, was er wollte. Er fühlte sich eingezwängt und wollte raus. Petra Wetzel hatte eine todkranke Mutter im Westen, die sie nicht besuchen durfte. Und Doris Stelzyk hatte einen Bruder, der schon als Jugendlicher fliehen wollte, deshalb ins Zuchthaus kam und jeden Lebensmut verlor. Allein bei den vier Hauptfiguren unseres Films gibt es vier ganz unterschiedliche Motive, die in ihrer Summe aber viel über die ehemalige DDR aussagen.“ (Michael Bully Herbig)

Und die DDR wirkt immer wie ein Kulissenstaat mit viel bräunlicher Patina. Das sieht immer wie die aus zahllosen West-Spionagefilmen vertraute Version der DDR aus. Da helfen auch nicht die zahlreichen Hinweise im Presseheft, dass man sich ausführlich mit der DDR-Geschichte beschäftigte, die Familien Strelzyk und Wetzel die Macher berieten, bei der Ausstattung und den Kulissen darauf geachtet wurde, dass jedes Detail stimmt und dass möglichst viele Schauspieler und Teammitglieder des Films einen Bezug zur DDR haben. Die DDR in „Ballon“ wirkt immer wie ein Blick von außen auf eine liebevoll hergerichtete Kulisse.

Ironischerweise konnte Bully Herbig nicht in Pößneck, dem Wohnort der Flüchtlinge drehen. Nach der Wende wurde der Stadtkern restauriert und die Stadt saniert. Gedreht wurde deshalb in Bayern in Nordhalben. Auch der Disney-Film wurde, immerhin stand damals die Mauer noch, zu großen Teilen in Bayern gedreht.

Während des Thrillers fragte ich mich, wie die Interpretation dieser Geschichte aus der Sicht eines DDR-Regisseurs aussähe.

Ballon (Deutschland 2018)

Regie: Michael Bully Herbig

Drehbuch: Kit Hopkins, Thilo Röscheisen, Michael Bully Herbig

mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann, Jonas Holdenrieder, Tilman Döbler, Ronald Kukulies, Emily Kusche, Till Patz, Ben Teichmann, Christian Näthe, Sebastian Hülk, Gernot Kunert, Ulirch Friedrich Brandhoff

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Ballon“

Moviepilot über „Ballon“

Wikipedia über „Ballon“

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: