Neu im Kino/Filmkritik: „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, den es nie gab

September 14, 2018

Jeder kennt „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht. Und wer sie nicht kennt, behauptet wenigstens, sie zu kennen. Zum Beweis summt er die „Moritat von Mackie Messer“. Einen der Gassenhauer des Brecht/Weill-Stücks, das immer noch nicht veraltet ist. Jedenfalls wagt Joachim A. Lang in seinem Kinofilmdebüt „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ am Ende den Sprung in die Gegenwart. Bis dahin ist der Film das Making-of zu einem nie gedrehtem Film, gespielt von einem Star-Ensemble, und mit mehr Brecht-Sätzen als Brecht an einem Tag von sich gab. Denn Lars Eidinger als Bertolt Brecht haut einen druckreifen Satz nach dem nächsten raus. Das ist – gewollt – hochgradig künstlich und unterhaltsam. Auf einer intellektuellen Ebene.

Der Intellekt wird während des gesamten Films angesprochen. Joachim A. Lang, der auch das Drehbuch schrieb, ist ein ausgewiesener Brecht-Kenner. Seine Magisterarbeit war über Brechts „Kriegsfibel“. Seine ausgezeichnete Dissertation beschäftigte sich mit der Verfilmung von Brechts epischem Theater, besonders der „Dreigroschenoper“. Er war acht Jahre lang Künstlerischer Leiter des Brecht-Festivals und realisierte etliche Filme, wie die Dokumentation „Brecht – Die Kunst zu leben“, und weitere Projekte über Brecht. All sein Wissen wirft er jetzt in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.

Der Spielfilm beginnt 1928 mit der Generalprobe von „Die Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm. Das Stück ist ein Erfolg und es soll von der Nero-Film AG verfilmt werden. Brecht will allerdings keine 1-zu-1-Verfilmung des Theaterstücks. Er will sein Stück in das andere Medium übertragen. Er will eine vollkommen neuen Version des Stücks erschaffen, die, zum Entsetzen des Produzenten, unglaublich teuer wird. Sie streiten sich. Zuerst im Büro. Am Ende vor Gericht. Brecht inszeniert den Streit zwischen ihm und der Nero-Film AG, den er öffentlichkeitswirksam verlieren wollten, als einen Konflikt zwischen Künstler und ausbeuterischem, nur an Geld interessiertem Unternehmen. Der Prozess endete in einem Vergleich. Brecht erhielt eine Abfindung und das Recht, die Geschichte später zu verfilmen. G. W. Pabsts Verfilmung kam in die Kinos.

Brechts Vision, für die er auch ein Exposé schrieb, wurde nie verfilmt. Bis jetzt.

Naja, so halbwegs. Denn Lang erzählt in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ die Geschichte der geplanten Verfilmung und der Gerichtsverhandlung darüber. Gleichzeitig zeigt er das Theaterstück und Brechts filmische Version. So erzählt er die Geschichte der „Dreigroschenoper“. Und, als ob das noch nicht genug wäre, wendet er konsequent Brecht auf seinen Spielfilm an. Deshalb sind auch all die Fehler, die man dem Film vorwerfen kann, Absicht. Wie der nicht professionelle Gesang der Schauspieler (sie sind halt keine ausgebildeten Opernsänger), die immer minimal falschen Bildausschnitte (David Slama war im Kamerateam von „Die letzte Versuchung Christi“ und „Gangs of New York“. Zu seinen letzten Arbeiten gehört „Unsere Mütter, unsere Väter“.) und die krude zerschnittene erste große Tanzszene des Films. Sie ist so inszeniert, dass man die dahinter stehende Absicht, eben keine Hollywood-Tanzszene zu inszenieren, nicht übersehen kann. All diese bewusst gemachten Fehler sollen irritieren. Sie sollen Distanz schaffen.

Auf dem Papier liest sich das wie die Kopfgeburt eines fanatischen Brecht-Fans, die nicht funktionieren kann. Jedenfalls nicht für ein breiteres Publikum, das sich nicht täglich mit Brecht beschäftigt. Und wahrscheinlich auch nicht für andere Brecht-Fans.

Aber das Wagnis gelingt. Lang verliert in seinem Kinofilmdebüt niemals den Überblick über die verschiedenen Handlungsstränge und vielen Ebenen. Die Brecht-Sinfonie „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ ist klar strukturiert, immer verständlich und geistig anregend. Man erfährt sogar vieles über Brecht, sein Umfeld und die späten zwanziger Jahre.

Und Bertold Brecht hat jetzt, neunzig Jahre nach seiner „Dreigroschenoper“, seinen „Dreigroschenfilm“. Mit dem Making-of.

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm (Deutschland 2018)

Reige: Joachim A. Lang

Drehbuch: Joachim A. Lang

mit Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Britta Hammelstein, Robert Stadlober, Peri Baumeister, Christian Redl, Meike Droste, Godehard Giese, Max Raabe

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Moviepilot über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Wikipedia über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

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TV-Tipp für den 8. Februar: Yella

Februar 8, 2017

3sat, 22.25

Yella (Deutschland 2007, Regie: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“

Meine Besprechung von Christian Petzolds „Phoenix“ (Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 12. Januar: Nachtschicht: Reise in den Tod

Januar 12, 2017

ZDFneo, 20.15
Nachtschicht: Reise in den Tod (Deutschland 2012, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während einer Polizeikontrolle verliert ein Schleuser einen Teil seiner aus Afrika kommenden Fracht, eine aus Afrika kommende Hausangestellte beschwert sich bei der Polizei über ihre Arbeitgeber und das bewährte „Nachtschicht“-Team erlebt wieder eine unruhige Nacht, in der alles mit allem zusammen hängt.
Das Lexikon des internationalen Films meint: „Dicht inszenierter und gut gespielter (Fernseh-)Kriminalfilm.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
Ach ja: gewohnt gut besetzt.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Götz George, Jeanette Hain, Peter Kremer, Hadnet Tesfai, Dominique Siassia, Clemens Schick, Filip Peeters, Christian Redl, Jan-Gregor Kremp

Wiederholung: Freitag, 13. Januar, 03.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. Mai: Nachtschicht: Reise in den Tod

Mai 21, 2015

ZDFneo, 20.15
Nachtschicht: Reise in den Tod (Deutschland 2012, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während einer Polizeikontrolle verliert ein Schleuser einen Teil seiner aus Afrika kommenden Fracht, eine aus Afrika kommende Hausangestellte beschwert sich bei der Polizei über ihre Arbeitgeber und das bewährte „Nachtschicht“-Team erlebt wieder eine unruhige Nacht, in der alles mit allem zusammen hängt.
Das Lexikon des internationalen Films meint: „Dicht inszenierter und gut gespielter (Fernseh-)Kriminalfilm.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
Ach ja: gewohnt gut besetzt.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Götz George, Jeanette Hain, Peter Kremer, Hadnet Tesfai, Dominique Siassia, Clemens Schick, Filip Peeters, Christian Redl, Jan-Gregor Kremp

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. Mai: Solo für Klarinette

Mai 18, 2014

BR, 22.55
Solo für Klarinette (Deutschland 1998, Regie: Nico Hofmann)
Drehbuch: Susanne Schneider
LV: Elsa Lewin: I Anna, 1984 (Solo für Klarinette)
Ein Kommissar mit desaströsem Familienleben verknallt sich bei den Ermittlungen in die Tatverdächtige.
Die bislang letzte Regiearbeit von Nico Hofmann ist ein beeindruckendes Krimidrama, das Berlin zu Klein-New-York stilisiert. Beim Kinoeinsatz gab es einen kleinen Skandal wegen der Sexszenen (Bild fungierte mal wieder eifrig als Lautsprecher der Werbekampagne) und einige Kritiker verrissen den Film über Gebühr (z. B. „Einer der ärgerlichsten Versuche, das deutsche Serienkrimiformat auf die Leinwand zu übertragen. Ein an Banalität kaum überbietbares Drehbuch, schematische Charaktere und der peinlich anbiedernde Versuch, über die engsten Genregrenzen hinaus etwas zu sagen, stellen eine gewaltige Herausforderung an den Langmut der Zuschauer dar.“ Multimedia). Insgesamt muss sich die intensiv-düstere Charakterstudie „Solo für Klarinette“ nicht vor us-amerikanischer Ware verstecken.
Weil der Film, der aus meiner Erinnerung vor allem in den problematischen Teilen ziemlich nah am Buch ist, seit fast zehn Jahren nicht mehr im TV lief, ist es auch fast eine Wiederentdeckung.
Eine zweite Verfilmung von Lewins Roman entstand 2012. Unter der Regie von Barnaby Southcombe spielten Gabriel Byrne und Charlotte Rampling in „I, Anna“ das Liebespaar.
Mit Götz George, Corinna Harfouch, Tim Bergmann, Barbara Auer, Barbara Rudnik, Christian Redl, Tobias Schenke, Katharina Thalbach, Rita Russek, Heinrich Schafmeister

Hinweise

Filmportal über „Solo für Klarinette“

Wikipedia über „Solo für Klarinette“


TV-Tipp für den 14. November: Yella

November 14, 2013

ZDF Kultur, 20.15

Yella (D 2007, R.: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Wiederholung: Freitag, 15. November, 08.40 Uhr

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“


TV-Tipp für den 11. April: Yella

April 11, 2013

ZDF Kultur, 20.15

Yella (D 2007, R.: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Wiederholung: Freitag, 12. April, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“


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