DVD-Kritik: „Der Verdacht des Mr. Whicher“ führt viermal zum Täter

August 1, 2016

Vor Sherlock Holmes gab es Jack Whicher. Er ermittelte im viktorianischen England der 1860er und 1870er Jahre und – das kommt jetzt für einige Holmesianer vielleicht als Schock – Jack Whicher ist eine reale Gestalt, die eine Inspiration für Charles Dickens‘ Inspector Bucket in „Bleak House“ war. Er war Scotland-Yard-Inspector und einer seiner bekanntesten Fälle war der Mord von Road Hill House 1860, der 2008 von Kate Summerscale in dem Sachbuch „The Suspicions of Mr Whicher or The Murder at Road Hill House“ verarbeitet wurde. Das Buch war dann die Vorlage für den gleichnamigen Film, der den Auftakt zu einer kleinen, betulich erzählten Filmreihe bildete. Insgesamt entstanden zwischen 2011 und 2014 vier spielfilmlange Filme mit Paddy Considine als Jack Whicher. Dabei ist er nur in „Der Mord von Road Hill House“ Polizist. In „Der Mord in Angel Lane“, „Mein Fleisch und Blut“ und „Der Schein trügt“ arbeitet er als Privatdetektiv.

In „Der Mord von Road Hill House“ versucht er den Mord an einem dreijährigem Kind aufzuklären. Der Mörder muss, weil es keine Einbruchspuren gibt, jemand aus der Familie oder des Personals sein. Der wahre Fall ist ein echter Rätselkrimi, ein Locked-Room-Mystery, das damals von der Öffentlichkeit interessiert verfolgt wurde und in der Literatur seine Spuren hinterließ, wie in Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“.

In „Der Mord in der Angel Lane“ arbeitet Jack Whicher nicht mehr als Polizist. Er wird von Lady Susan Spencer gebeten, ihre schwangere Nichte Mary Spencer, die in London spurlos verschwunden ist, zu suchen. Da wird ihre Leihe gefunden. Whicher sucht ihr verschwundenes Kind und ihren Mörder.

In „Mein Fleisch und Blut“ bittet Sir Edward Shore Whicher ihn um Hilfe. Sein Sohn, der einige Zeit in Indien lebte, wird in London von einem Inder verfolgt. Anscheinend will der Inder Charles Shore umbringen, weil dieser in Indien etwas getan hat.

In „Der Schein trügt“ beschattet Whicher die Frau von Sir Henry Coverly. Es gelingt ihm, Beweise für ihre Untreue zu beschaffen. Als ihr Liebhaber ermordet wird, beginnt Whicher den Täter zu suchen.

Wer von „Der Verdacht des Mr. Whicher“ eine Variante von Sherlock Holmes, vor allem in seinen neuen Inkarnationen, erwartet, – immerhin wird die Serie mit dem Spruch „Im viktorianischen England beruht die Gerechtigkeit auf dem Verdacht des Mr. Whicher.“ beworben -, und es gerne etwas stylisch in Richtung „Peaky Blinders“ oder „Ripper Street“ hätte, dürfte enttäuscht sein. Mr. Whicher ist doch ein ziemlich normaler Mann. Er ist kein Exzentriker oder Genie, sondern eher ein Kommissar Maigret oder ein notorisch schlecht gelaunter Inspector Barnaby. Seine Ermittlungen stützen sich weniger auf Spuren, als auf Befragungen von Menschen, die mehr oder weniger viel zu verbergen haben und mehr oder weniger schamlos lügen. Dabei ist er mit Fällen und Motiven konfrontiert, die jederzeit spielen könnten. Gesellschaftliche Zwänge und Regeln werden nicht, wie in anderen in der Vergangenheit spielenden Krimis, als wichtiger Teil der Ermittlung angesprochen.

Aber das Zeitkolorit ist mit den Gebäuden, den Kutschen und den Kleidern gut getroffen, Paddy Considine ist immer ein Gewinn, die anderen Schauspieler sind auch gut und allzuviele historische Kriminalfilme gibt es nicht.

Als Bonusmaterial gibt es ein informatives kurzes „Behind the Scenes“ zum ersten Whicher-Film „Der Mord von Road Hill House“.

Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Mord von Road Hill House (The Suspicions of Mr Whicher: The Murder at Road Hill House, Großbritannien 2011)

Regie: James Hawes

Drehbuch: Neil McKay

LV: Kate Summerscale: The Suspicions of Mr Whicher or The Murder at Road Hill House, 2008 (Der Verdacht des Mr Whicher oder Der Mord von Road Hill House)

mit Paddy Considine, Peter Capaldi, Tom Georgeson, William Beck, Emma Fielding, Tim Pigott-Smit, Kathe O’Flynn

Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Mord in der Angel Lane (The Suspicions of Mr Whicher: The Murder in Angel Lane, Großbritannien 2013)

Regie: Christopher Menaul

Drehbuch: Neil McKay

mit Paddy Considine, Olivia Colman, William Beck, Shaun Dingwall

Der Verdacht des Mr. Whicher: Mein Fleisch und Blut (The Suspicions of Mr Whicher: Beyond the Pale, Großbritannien 2014)

Regie: David Blair

Drehbuch: Helen Edmundson

mit Paddy Considine, Nancy Carroll, John Hefferman, Adrian Quinton, Laura Frances-Morgan, Raphael Brandman, Tyler Bennett, Nicholas Jones, Ellora Torchia, Tim Pigott-Smith

Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Schein trügt (The Suspicions of Mr Whicher: The Ties that bind, Großbritannien 2014)

Regie: Geoffrey Sax

Drehbuch: Helen Edmundson

mit Paddy Considine, Helen Bradbury, Nancy Caroll, Ristead Cooper, Joanna Horton, James Northcote, Luke Thompson

Die DVDs

Der Verdacht des Mr Whicher - Road Hill House - Angel Lane - DVD-Cover - 4

Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Mord von Road Hill House/Der Mord in der Angel Lane

Polyband

Bild 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes

Länge: 180 Minuten (2 x 90 Minuten)

FSK: ab 12 Jahre

Der Verdacht des Mr Whicher - Fleisch und Blut - Schein - DVD-Cover - 4

Der Verdacht des Mr. Whicher: Mein Fleisch und Blut/Der Schein trügt

Polyband

Bild 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 180 Minuten (2 x 90 Minuten)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Verdacht des Mr. Whicher“

Wikipedia über „Der Verdacht des Mr. Whicher“ und Jack Whicher

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DVD-Krtik: Mit „Aurelio Zen“ zu den dunklen Seiten Italiens

Februar 27, 2013

Meine Erinnerung an die Aurelio-Zen-Kriminalromane von Michael Dibdin ist inzwischen etwas verblasst, aber mir gefielen die Romane vor einigen Jahren verdammt gut. Sein erster Zen-Roman „Entführung auf italienisch“ machte mich nach einigen Seiten zu einem Fan und ich wurde in den Neunzigern nicht müde, die Romane von Michael Dibdin zu empfehlen. Denn sie waren (und sind) viel bessere Romane von einem Nicht-Italiener über Italien als die erfolgreichen Commisario-Brunetti-Bücher von Donna Leon.

Dibdin schickte seinen Ermittler in elf Romanen quer durch Italien und er erzählte von den dunklen Geheimnissen Italiens – und inzwischen ist, wer die deutschen Ausgaben der Zen-Romane haben will, eine Suche quer durch die Antiquariate angesagt.

Jedenfalls freute ich mich auf die Verfilmungen, auch wenn mir klar war, dass die Macher einiges ändern würden. Immerhin erschienen die drei Romane, die die Grundlagen für die drei spielfilmlangen TV-Filme lieferten, vor über zwanzig Jahren. Aber ich hatte mit zwei Problemen zu kämpfen: Rufus Sewell als Aurelio Zen war für mich niemals der Aurelio Zen, den ich aus den Büchern im Gedächtnis hatte, und es wurde viel zu viel Zeit mit Zens Liebesgeschichte mit Tania Moretti (Caterina Murino), einer gerade noch verheirateten Sekretärin bei der Polizei, verbracht.

Im Film ist Aurelio Zen ein schüchterner, fast schon gehemmter Mann, der auf den ersten Blick das Gegenteil eines Latin Lovers ist; was ihn für das andere Geschlecht nur noch attraktiver macht. Er ist außerdem ein guter Polizist, der für seine Ehrlichkeit bekannt und gefürchtet ist. Deshalb bekommt er in „Aurelio Zen“ (so der Titel der TV-Serie) auch immer die harten, politischen Fälle auf den Schreibtisch. Fälle, in denen die eine Seite ihm explizit sagt, dass er den Fall vertuschen soll, und die andere Seite ihm sagt, dass er den wahren Täter finden soll. Dabei haben hochrangige Politiker, vermögende Unternehmer, die Kirche und auch die Mafia (wobei sie hier noch eine Nebenrolle spielt) ihre Finger im Spiel. Und der italienische Staat ist bis in den letzten Winkel korrupt.

Gerade vor diesem Hintergrund entfalten die drei sehr stilvoll inszenierten „Aurelio Zen“-Krimis ihren Reiz. In „Vendetta“ soll Aurelio Zen sich noch einmal die Beweise in einem abgeschlossenen Mordfall ansehen. Der Bauunternehmer Faso wurde in seiner Villa ermordet und es gibt auch einen Täter, der die Tat allerdings hartnäckig leugnet. Als Zen sich auf Sardinien den Tatort ansieht, entdeckt er eine neue Spur. Gleichzeitig will Tito Spadola sich an den Menschen rächen, die ihn aus seiner Sicht unschuldig in den Knast brachten. Einer von ihnen ist Aurelio Zen.

In „Himmelfahrt“ stürzt der Adlige Umberto Ruspanti sich nachts von einer Brücke. Zen soll den Fall schnell als Selbstmord abschließen. Aber er stellt Fragen, stößt auf Ungereimtheiten und hört von einem geheimnisvollen, mächtigen Bund, der sich Cabal nennt.

In „Entführung auf italienisch“ ist in Perugia ein reicher Industrieller entführt worden. Nachdem die erste Geldübergabe scheiterte, soll Aurelio Zen die Kohlen aus dem Feuer hohlen. Dabei ist sein geringstes Problem, dass die Entführer selbstverständlich keine Polizei wollen und dass der italienische Staat niemals ein Lösegeld bezahlen würde. Zen bekommt, wenig überraschend in einem Staat mit einer gut funktionierenden Doppelmoral, sogar das Lösegeld aus einem staatlichen Reptilienfonds.

Diese drei Geschichten werden von den Regisseuren John Alexander, Christopher Menaul und Jon Jones fast schon altmodisch ruhig erzählt. Auch die gewählten Drehorte in Italien (es wurde vor Ort mit vielen einheimischen Schauspielern gedreht) und die Kameraarbeit von Tony Miller (Vendetta, Entführung auf italienisch) und Julian Court (Cabal) tauchen die Geschichten in ein noirisches Licht, bei dem die Braun- und Schwarztöne überwiegen. Und so wirken die Filme oft wie ein aus der Zeit gefallener neorealistischer Film von Michelangelo Antonioni, irgendwo zwischen „Die mit der Liebe spielen“ (L’avventura, 1960), „Die Nacht“ (La notte, 1961) und „Liebe 1962“ (L’eclisse, 1962).

Aurelio Zen“ ist vielleicht nicht der Aurelio Zen aus Michael Dibdins Romanen, aber es sind drei ansehnliche, in Italien spielende Kriminalfilme.

Obwohl die Quoten gut waren, wurde die Serie von der BBC nach diesen Filmen eingestellt, weil der damals neue BBC-One-Controller Danny Cohen die Zahl der männlichen Ermittler reduzieren wollte. Und „Aurelio Zen“ ist doch eher, vor allem im Vergleich zu den sehr packenden BBC-Serien „Sherlock“ und „Luther“, gediegene Kriminunterhaltung mit einem hohen Soap-Anteil.

Als Bonusmaterial gibt es ein informatives halbstündiges „Making of“.

Zen - DVD-Cover 4

Aurelio Zen (Zen, GB 2010)

mit Rufus Sewell (Aurelio Zen), Caterina Murino (Tania Moretti), Stanley Townsend (Moscati), Ben Miles (Amedeo Colonna), Vincent Riotta (Giorgio de Angelis), Catherine Spaak (Mamma), Sargon Yelda (Romizi), Francesco Quinn (Gilberto Nieddu), Ed Stoppard (Vincenzo Fabri), Anthony Higgins (Guerchini), Garry Cooper (Angelo), Cosima Shaw (Nadia Pirlo)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Making of (31 Minuten, deutsch untertitelt)

Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die drei „Aurelio Zen“-Filme

Vendetta (Vendetta)

Regie: John Alexander

Drehbuch: Simon Burke

LV: Michael Dibdin: Vendetta, 1991 (Vendetta)

Erstausstrahlung: 2. Januar 2011 (BBC)

Deutsche Premiere: 4. Januar 2013 (ZDFneo)

Himmelfahrt (Cabal)

Regie: Christopher Menaul

Drehbuch: Simon Burke

LV: Michael Dibdin: Cabal, 1992 (Himmelfahrt)

Erstausstrahlung: 9. Januar 2011 (BBC)

Deutsche Premiere: 5. Januar 2013 (ZDFneo)

Entführung auf italienisch (Ratking)

Regie: Jon Jones

Drehbuch: Simon Burke, Peter Berry

LV: Michael Dibdin: Ratking, 1988 (Entführung auf italienisch; ausgezeichnet mit dem Gold Dagger)

Erstausstrahlung: 16. Januar 2011 (BBC)

Deutsche Premiere: 6. Januar 2013 (ZDFneo)

Hinweise

BBC über „Aurelio Zen“

BBC Germany über „Aurelio Zen“

Wikipedia über „Aurelio Zen“

Krimi-Couch über Michael Dibdin

Kriminalakte über Michael Dibdin

 

 

 


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