„Quantenträume“ aus China

Oktober 15, 2020

Cixin Liu ist Schuld. Seine mit „Die drei Sonnen“ fulminant beginnende Trisolaris-Trilogie war ein weltweiter Erfolg dank einer Übersetzung ins Englische 2014, einem gewonnenem Hugo Award als bester Roman, Nominierungen für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award, und Lob von Präsident Barack Obama, Mark Zuckerberg und George R. R. Martin. Diese Übersetzung ins Englische führte zu weiteren Übersetzungen (die deutsche Ausgabe erschien 2017). Science-Fiction-Fans verschlangen Cixin Lius dicke Bücher. Aber auch Leser außerhalb der Science-Fiction-Szene griffen zu und waren begeistert. Das Interesse an Zukunftsgeschichten aus China stieg. Nur: welche Autoren sollen gelesen werden?

Um sich einen schnellen Überblick über die chinesische Science-Fiction-Szene zu verschaffen und um neue Autoren zu etablieren, ist daher ein Sammelband eine gute Gelegenheit. Vor allem wenn der Sammelband genau mit dem Ziel zusammengestellt wurde, um chinesische Science-Fiction-Autoren einem nicht-chinesischem Publikum vorzustellen.

Mit „Quantenträume – Erzählungen aus China über Künstliche Intelligenz“ legt der Heyne-Verlag jetzt innerhalb eines halben Jahres einen zweiten Band mit chinesischen Science-Fiction-Geschichten vor. Der erste Sammelband „Zerbrochene Sterne“, zusammengestellt von Ken Liu, gab (und gibt) einen guten Überblick über die chinesische Science-Fiction-Szene hinsichtlich wichtiger Autoren, Stile und Themen. Es wird auch deutlich, wie sehr sich chinesische Science-Fiction-Geschichten von den uns vertrauteren angloamerikanischen Science-Fiction-Geschichten unterscheiden. Die Geschichten reflektieren auch immer die Gesellschaft in der sie spielen und wie in ihnen das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft gesehen wird. In den in „Zerbrochene Sterne“ gesammelten Geschichten ist das Individuum öfter Teil eines Kollektivs. Außerdem spielen sie oft in der Vergangenheit oder in Fantasy-Welten.

Quantenträume“ konzentriert sich dagegen auf das Thema der künstlichen Intelligenz und der damit verbundenen Frage, was eine künstliche Intelligenz von einem Menschen unterscheidet. Also ob eine Künstliche Intelligenz einen eigenen Willen haben kann und ob ihr die Rechte zugeschrieben werden können und sollen, die ein Mensch hat. Oder ob eine Künstliche Intelligenz letztendlich nur eine Sache ist, die wie ein Staubsauger benutzt werden kann. Die von Xia Jia, Liu Yang, Fei Dao, Sun Wanglu, Luo Longxiang, Shuang Chimu, Qiufan Chen, Gu Shi, Liu Weijia, Wang Jinkang, Hao Jingfang, Baoshu, A Que, Ling Chen und Han Song geschriebenen Geschichten sind dabei deutlich weniger von einem bestimmten Gesellschaftsbild geprägt als die in „Zerbrochene Sterne“ publizierten Geschichten. Künstliche Intelligenz, Computer und die Ideen für eine Interaktion zwischen Mensch und Computer unterscheiden sich in ihrer Anwendung und theoretischen Diskussion darüber zwischen dem Westen und China kaum. Im Westen werden diese Fragen in Geschichten (und uns hier nicht interessierenden Sachbüchern, Aufsätzen, Essays und Berichten) schon lange diskutiert, während Myriaden mehr oder weniger intelligenter und bedrohlicher Roboter den Menschen helfen oder ihnen das Leben zur Hölle machen. Manchmal machen sie ihnen das Leben zur Hölle, indem sie ihnen helfen wollen.

Auch wenn die Autoren in ihren zwischen 2000 und 2020 in der Zeitschrift „Renmin Wenxue – Volksliteratur“ erschienenen Geschichten immer wieder eigene Akzente setzen, drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass man diese Geschichten so ähnlich schon einmal gelesen hat und die Pointe deshalb kennt.

Im Gegensatz zu „Zerbrochen Sterne“, der die Tür weit aufstieß zu einer bislang unbekannten Science-Fiction-Kultur, ist „Quantenträume“ insgesamt etwas enttäuschend. Die fünfzehn Geschichten sind okay, aber keine begeistert wirklich. Letztendlich wirken sie oft wie die Versuche eines durchaus begabten Schülers, der seinen Meister nachahmt.

Jing Bartz, Shi Zhanjun, in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ‚Renmin Wenxue – Volksliteratur‘ (Hrsg.): Quantenträume – Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz

(mit einem Vorwort von Cixin Liu)

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Michael Kahn-Ackermann und Eva Lüdi Kong)

Heyne, 2020

512 Seiten

15,99 Euro

 


China liefert „Zerbrochene Sterne“, Ken Liu kuratiert sie

Mai 13, 2020

Warum hasten die Leute so oft, wenn Anfangs- und Zielpunkt schon feststehen – zum Beispiel Geburt und Tod -, trotzdem auf das Ende zu?“

(Li in Hao Jingfangs „Der Neujahrszug“)

Bei all dem Erkunden von fremden und zukünftigen Welt fällt kaum auf, wie sehr sie von der US-amerikanischen Gesellschaft und Weltsicht bestimmt sind. Schließlich liest man ja gerade ein Buch, in dem fremde Rassen auf einem fremden Planeten munter über Krieg und Frieden debattieren. Oder es wird der Pioniergeist beim Bauen von Raumschiffen gehuldigt. Oder in einer Blade-Runner-Cyberpunkwelt wird gerade die Welt vernichtet. Diese Geschichten sind unbestritten, mal besser, mal schlechter erzählt, unterhaltsam und abwechslungsreich. Aber sie spiegeln halt auch immer die Probleme und Ansichten, die in der Welt wichtig sind, in der der Autor lebt und arbeitet.

Ein Autor aus einem anderen Kulturkreis, wie der in Nigeria aufgewachsene Tade Thompson in seiner in Nigeria spielenden Wormwood-Trilogie, deren erster Band „Rosewater“ vor kurzem bei Golkonda erschien, oder Cixin Liu mit seiner in China spielenden Trisolaris-Trilogie „Die drei Sonnen“, „Der dunkle Wald“ und „Jenseits der Zeit“ (Heyne), hat da eine ganz andere Sicht auf die Welt. So fällt bei vielen Geschichten von Cixin Liu das Denken in großen, oft mehrere Jahrhunderte umfassenden Zeithorizonten und das andere Verhältnis von Kollektiv/Gesellschaft und Individuum auf.

Noch tiefer in die Welt der zeitgenössischen chinesischen Science-Fiction-Szene taucht Science-Fiction-Autor Ken Liu mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Zerbrochene Sterne“ ein.

Enthalten sind folgende Geschichten

Xia Jia: Gute Nacht, Traurigkeit

Cixin Liu: Mondnacht

Tang Fei: Zerbrochene Sterne

Han Song: U-Boote

Han Song: Salinger und die Koreaner

Cheng Jingbo: Der herabhängende Himmel

Baoshu: Großes steht bevor

Hao Jingfang: Der Neujahrszug

Fei Dao: Der Roboter, der gerne Quatsch erzählte

Zhang Ran: Der Schnee von Jinyang

Anna Wu: Das Restaurant am Ende des Universums: Laba-Porridge

Ma Boyong: Des ersten Kaisers liebstes Spiel

Gu Shi: Spiegelbild

Regina Kanyu Wang: Brainbox

Qiufan Chen: Das Licht

Qiufan Chen: Eine kurze Geschichte zukünftiger Krankheiten

und die wissenswerte Hintergründe vermittelnden Essays

Regina Kanyu Wang: Kurze Einführung in die chinesische Science-Fiction-Literatur und die Fan-Szene in China

Mingwei Song: Ein kurzer Kontinent für Literaturwissenschaftler: Studien zur chinesischen Science-Fiction

Fei Dao: Das Schamgefühl ist überwunden

Fast alle Geschichten wurden in den letzten zehn Jahren erstmals veröffentlicht. Die kürzeste umfasst sechs Seiten, die längste hundertzwanzig Seiten.

Bei der Lektüre der Geschichten fällt dann auf, dass es keine oder nur sehr rudimentäre Erkundungen außerirdischer Welten gibt. Eigentlich spielt, wenn man unter ‚Zukunft‘ eine wirkliche zukünftige Welt versteht, auch keine Geschichte in der Zukunft. Stattdessen wird erstaunlich oft die Vergangenheit besucht, mal als Zeitreise, mal als Alternativweltgeschichte, auch mal als eine in der Vergangenheit spielende Geschichte, in der damals zukünftige Technik vorhanden ist. Zu nennen wären hier unter anderem „Großes steht bevor“, „Der Schnee von Jinyang“ und „Des ersten Kaisers liebstes Spiel“. Öfter wird mit Fantasy-Elementen gespielt, die dann auch mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft weisen.

Oft spielt die Geschichte über einen längeren Zeitraum oder erzählt ein Leben. Zu nennen wäre hier wieder „Großes steht bevor“. Saoshus Geschichte gehört zu den besten Geschichten des Sammelbandes. Weil aber jede Zusammenfassung der Geschichte die Pointe verraten würde, verzichte ich hier schweren Herzens darauf. Viele Geschichten sind auch, mehr oder weniger, vertrackte Gedankenspielereien, Auseinandersetzungen mit bekannten westlichen Autoren und Werken, wie „Salinger und die Koreaner“ und „Das Restaurant am Ende des Universums: Laba-Porridge“, und philosophischen Fragen. So erhält in „Mondnacht“ der Protagonist einen Anruf aus der Zukunft, durch den er Informationen erhält, mit denen er die Zukunft verändern kann. Soll er die Zukunft verändern und, wenn ja, welche Folgen hat das? „Gute Nacht, Traurigkeit“ beschäftigt sich in zwei unabhängigen Erzählsträngen mit Alan Turing und seinem bekannten Test. In „Des ersten Kaisers liebstes Spiel“ wollen Berater den Kaiser mit Computerspielen von bestimmten Politiken überzeugen.

Für meinen Geschmack sind zu viele Geschichten in „Zerbrochene Sterne“ nur notdürftig in eine Geschichte gekleidete Gedankenspielereien (die dann teilweise den Charme von der Lektüre einer Bedienungsanleitung haben) oder sich über zu lange Zeiträume erstreckende Lebensgeschichten. Das dämpft dann meine Begeisterung für den Sammelband, der – und das spricht eindeutig für ihn – einen tiefen Einblick in eine im Westen weitgehend unbekannte Science-Fiction-Szene und das heutige China ermöglicht, in dem eine direkte Kritik an der Regierung zu großen Repressionen führen kann. Es ist, und das fällt bei den von Ken Liu ausgewählten Geschichten auf, eine Welt, in der Science-Fiction-Autoren wenig Interesse daran haben, aktuelle Entwicklungen und Veränderungen direkt anzusprechen und in die Zukunft zu projizieren.

Ken Liu (Herausgeber): Zerbrochene Sterne – Die besten Erzählungen der chinesischen Science-Fiction

(übersetzt von Karin Betz, Lukas Dubro, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Kristof Kurz, Felix Meyer zu Venne und Chong Shen)

Heyne, 2020

672 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Broken Stars

Tor Books, 2019

Hinweise

Homepage von Ken Liu

Wikipedia über Ken Liu (deutsch, englisch)


Fantastisch! „Die wandernde Erde“ und andere SF-Kurzgeschichten von Cixin Liu

Februar 13, 2019

Die drei Sonnen“, der erste Band der Trisolaris-Trilogie, bringt es auf gut sechshundert Seiten. Der Folgeband „Der dunkle Wald“ auf über achthundert Seiten und der für April angekündigte Abschluss der Trilogie, „Jenseits der Zeit“, soll gut tausend Seiten umfassen. Das ist eine Menge Holz und eine Menge Lebenszeit und -energie, die Cixin Liu von seinem Publikum fordert. Der jetzt erschienene Sammelband „Die wandernde Erde“ kann Unentschlossenen, die zuerst einmal prüfen wollen, ob sie mit dem Autor etwas anfangen können, bei der Entscheidung helfen. Die Kurzgeschichten bieten einen guten, facettenreichen und sehr flott lesbaren Einstieg in das Werk von Cixin Liu, dem Shooting Star und neuen Liebling der Science-Fiction-Gemeinde.

Nachdem Liu seit Jahren in seiner Heimat China regelmäßig mit dem Galaxy Award, dem bedeutendsten Genre-Literaturpreis Chinas, ausgezeichnet wurde, erhielt die US-Ausgabe von „Die drei Sonnen“ auch den Hugo Award. Das Epos wurde ein Bestseller. Auch die anderen Hard-Science-Fiction-Werke von Liu sind sehr beliebt.

In den elf zwischen 1999 und 2008 erschienen Geschichten, von denen zwei, drei sehr lose miteinander zusammen hängen, zeigt er, was ihn von anderen SF-Autoren unterscheidet. Der eine Teil – Außerirdische und aus heutiger Sicht fantastische technische Entwicklungen – gehört zur Science-Fiction-DNA. Der andere Teil ist dagegen kulturell bedingt und individuell. Selbstverständlich hat jeder Autor seine eigene Sicht auf die Welt und gerade wenn er Science-Fiction (oder Fantasy) schreibt, kann er seiner Fantasie freien Lauf lassen. Allerdings ist gerade Science-Fiction auch immer kulturell verwurzelt. Sie bietet ein Bild der Welt, in der der Autor lebt. Sein Schreiben und Denken ist in einer bestimmten Kultur verwurzelt. Und als Science-Fiction-Autor kann er im Gewand von zukünftigen Entwicklungen und mehr oder weniger fantastischen Welten (Eine Gesellschaft, in der Frauen die Welt beherrschen? Kein Problem. Eine Welt, in der Menschen vier Köpfe und acht Arme haben und auf Dinosauriern durch die Welt reiten? Dito.) seinen Mitmenschen einen Spiegel vorhalten, Möglichkeiten eines anderen Lebens zeigen und auch Kritik an der Gesellschaft und bestimmten Entwicklungen üben.

Gerade das macht die in China spielenden Geschichten von Cixin Liu so aufregend.

Neben der Auseinandersetzung mit der chinesischen Gesellschaft, schimmert in seinen Geschichten auch immer eine sehr unwestliche Philosophie durch. Einige Sätze aus dem Sammelband „Die wandernde Erde“ verdeutlichen das:

Ach, es lag auf dem Weg. Als wir sahen, dass es hier eine intelligente Zivilisation gibt, wollten wir ein bisschen plaudern – mit dem Erstbesten, der auf den Berg bestieg.“

Danke! War nett, sich mit dir zu unterhalten. Aber langsam müssen wir weiter. Wir haben noch fünfzigtausend Jahre vor uns, da muss man sich schon ranhalten.“

Die Zeit ist unendlich. Irgendwann nimmt alles seinen Anfang, sage ich. Irgendwann nimmt alles seinen Anfang.“

Wer geduldig zu warten vermag, dem kann sich in diesem Universum jeder Wunsch erfüllen. Es mag nur eine äußerst geringe bestehen, aber sie existiert.“

Ihre Anordnung war das Ergebnis einer Reihe von Flugmanövern unglaublich komplizierter Natur. Diese Manöver verwirrten die Menschen, bis sie herausfanden, dass sie allein dem Zweck dienten, alle Schiffe gleichzeitig in ihre Endposition zu bringen. Andernfalls hätte ihre Gravitation womöglich lebensbedrohliche Gezeiten in den Ozeanen der Erde heraufbeschworen. So viel Rücksichtnahme beruhigte die Menschheit ein wenig: Zumindest schienen die Aliens keine feindlichen Absichten zu hegen.“

Während in westlichen Science-Fiction-Geschichten das Zusammentreffen mit den Außerirdischen normalerweise der Anfang von einem interstellaren Krieg ist, bei dem unsere Erde vor einer Vernichtung gerettet werden muss, Aliens prinzipiell böse sind und spätestens seit „Blade Runner“ die Welt eh nur noch eine dystopische Müllhalde ist, sind bei Cixin Liu die Begegnungen mit Außerirdischen fast immer von einer freundlichen Neugier geprägt. Oder es gibt Außerirdische, die vor anderen Außerirdischen warnen.

Ein weiterer Punkt, in dem Lius Geschichten (das gilt auch für die Trisolaris-Trilogie) sich von westlichen SF-Geschichten unterscheiden, ist der Zeithorizont. Bei ihm brechen die außerirdischen Besucher nach einer kurzen Stippvisite, die ungefähr die Länge einer Tasse Kaffee hatte, auf zu ihrem Ziel, das sie in fünfzigtausend Jahren erreichen wollen. In seiner inzwischen verfilmten Geschichte „Die wandernde Erde“ wird die Erde aus ihrer Umlaufbahn befördert, weil Forscher annehmen, dass es in vierhundert Jahren zu einer die Erde und das Sonnensystem vernichtenden Sonnenexplosion kommen wird. Und in „Weltenzerstörer“ warnt ein kleines Mädchen, das seit sechzigtausend Jahren unterwegs ist, die Menschen, dass der Weltenzerstörer in einem Jahrhundert die Erde vernichten wird.

Dieses Denken in unglaublich langen Zeithorizonten von mehreren Generationen und den Menschen, die ihr Handeln daran ausrichten, ist dem Westen sehr fremd. Schließlich klopften unsere Vorfahren sich vor hundert Jahren den Staub vom Ersten Weltkrieg ab und vor fünfhundert Jahren dachten unsere Urahnen noch nicht einmal an die Aufklärung. Immerhin vollzogen sie gerade die kopernikanische Wende.

In den anderen in „Die wandernde Erde“ versammelten Kurzgeschichte erzählt Cixin Liu wie die Kooperation zwischen Ameisen und Dinosauriern zu einer technisch weit entwickelten Welt führte und wie sie zerstört wird („Das Ende der Kreidezeit“). Er schreibt über einen Mann, der einen von Außerirdischen errichteten Wassergipfel erklimmt, sie auf dem Gipfel trifft und sich mit ihnen unterhält („Gipfelstürmer“). Er erzählt die Geschichte von Shuiwa, der aus einem Dorf kommt und seines über Jahrzehnte erfolgenden Aufstiegs in immer höhere Sphären („Die Sonne Chinas“). Er schreibt über die Ankunft von zwei Milliarden Göttern auf der Erde, die darum bitten, von den Menschen versorgt zu werden und wie diese Begegnung mit den vielen freundlichen, aber auch tatterigen Aliens verläuft („Um Götter muss man sich kümmern“). Er erzählt von den ungeahnten Folgen eines zunächst harmlosen Computervirus und der Rolle, die Hard-SF-Autor Cixin Liu und sein Schriftstellerkollege Pan Dajiao (früher SF, jetzt Fantasy) dabei spielen („Fluch 5.0“). Er schreibt über einen Astronauten, der bei der Rückkehr auf die Erde nach fünfundzwanzigtausend Jahren entdeckt, wie die Menschheit sich mit einer überraschenden Idee aus der existenzbedrohenden Notlage rettete, die auch der Grund für seine Mission war („Das Mikrozeitalter“). Er schreibt über einen Auftragsmörder, der im Auftrag der reichsten Männer des Planeten drei Habenichtse umbringen soll und was sein Auftrag mit der Ankunft der Alten (wie dieses Mal die Außerirdischen genannt werden) zu tun hat („Die Versorgung der Menschheit“). Er schreibt über einen Wissenschaftler, der nach seinem vierundsiebzigjährigem kryonischen Kälteschlaf sofort von einer Gruppe Menschen entführt wird, die ihn für die Taten seines Sohns büßen lassen wollen („Durch die Erde zum Mond“) und über eine Frau, die mit einer Multisensor-Brille einer anderen Frau einen unvergesslichen Kurzurlaub in der Natur bietet („Mit ihren Augen“).

Aber wichtiger als der Kurzurlaub ist, wer die andere Frau ist, wo sie ist und warum sie an diesem Ort ist. Und das erklärt, warum für sie die Bilder von dem Urlaub auf der Erde so bedeutsam sind. Damit reiht sich „Mit ihren Augen“ in Lius andere Kurzgeschichten ein. Es geht ihm in erster Linie nicht um eine nach bekannter Manier erzählte Geschichte einer Konfrontation. Bei ihm steht immer die Idee und die Schilderung einer Welt oder einer sich über viele Jahre, Jahrzehnte und oft auch Jahrhunderte erstreckende Geschichte im Mittelpunkt. Gerne verbunden mit wissenschaftlichen Ideen und einem optimistischen Blick in die Zukunft. Immer mit einer gelungenen Schlusspointe. Und immer zum Nachdenken anregend.

Es sind Gedankenexperimente, Ideen und Theorien, die Liu liebevoll ausformuliert, während er den Plot und die Charaktere vernachlässigt. Die meisten Charaktere sind reine Platzhalter. Es sind Erzähler, die einem anderen von ihrer Welt und ihrem Leben erzählen. Wie die Götter, die in „Um Götter muss man sich kümmern“ erzählen, wie sie bereits mehrere Welten erschufen und was dabei passierte. Und das ist so spannend, dass man die Geschichten, die einen in sehr verschiedene Welten entführen, schnell hintereinander liest.

Cixin Liu: Die wandernde Erde

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2019

688 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Liulang diqiu

Beijing Wenyi Chubanshe, 2008

enthält

Die wandernde Erde, 2000 (Liulang diqiu, ausgezeichnet mit dem Galaxy Award 2000)

Gipfelstürmer (Shan, 2006)

Das Ende der Kreidezeit (vom Autor gekürzte Fassung von Dang konglong yu shang mayi, 2004)

Die Sonne Chinas (Zhongguo taiyang, 2002, Galaxy Award 2002)

Um Götter muss man sich kümmern (Shanyang shangdi, 2005, Premio Ignotus für die beste fremdsprachige Kurzgeschichte 2015)

Fluch 5.0 (Taiyuan zuzhou, ?)

Das Mikrozeitalter (Wei jiyuan, 2001)

Weltenzerstörer (Ren he tunshizhe, 2002, bereits als Einzelband erschienen)

Die Versorgung der Menschheit (Shanyang reinlei, 2005, Galaxy Award 2005)

Durch die Erde zum Mond (Diqiu dapao, 2003, Galaxy Award 2003)

Mit ihren Augen (Daishang tade yanjing, 1999, Prix Imaginaire 2018)

Hinweise

Blog/Homepage von Cixin Liu (laut Wikipedia und wer…)

Phantastik Couch über Cixin Liu

Die Zukunft über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)


Chinesischer Science-Fiction-Autor Cixin Liu besucht Deutschland

Oktober 13, 2018

Zuerst erhielt er in China viele Preise. Vor allem für den Galaxy Award, den chinesischen Science-Fiction-Preis, scheint er ein Dauerabo zu haben. Und die Leser lieben seine Geschichten.

Dann wurde sein mit dem Galaxy-Award ausgezeichneter SF-Roman „Die drei Sonnen“ ins Englische übersetzt. Das Buch, der Auftakt der Trisolaris-Trilogie, wurde abgefeiert. Als erster chinesischer (und asiatischer) Roman überhaupt erhielt er den Hugo Award. Für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award war das Werk nominiert. Und allein schon diese Nominierungen verraten SF-Fans einiges über die Qualität des Romans.

Danach wurde „Die drei Sonnen“ ins Deutsche übersetzt und auch hier wurde das Buch abgefeiert, gekauft und mit dem Kurt-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.

Inzwischen ist „Der dunkle Wald“, der zweite Band der Trilogie auf Deutsch erschienen. Der Abschluss „Jenseits der Zeit“ ist für den April 2019 angekündigt.

In der Trisolaris-Trilogie geht es um die Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Rasse.

In „Die drei Sonnen“ läuft alles auf die erste Begegnung hinaus. Cixin Liu erzählt das leicht verschachtelt mit Rückblenden und der Teilnahme des Nanowissenschaftlers Wang Miao an einem Computerspiel. Wang Miao sieht plötzlich auf von ihm gemachten Fotos und vor seinen Augen einen Countdown, er lernt die geheimnisvolle Wissenschaftlervereinigung Frontiers of Science (deren Mitglieder gerade reihenweise Suizid begehen) kennen und er spielt zunehmend begeistert das Computerspiel „Three Body“. In dem Spiel, das doch kein Spiel ist, versucht, wie man langsam begreift, die trisolare Zivilisation das Dreikörperproblem, also wie drei gleichartige Körper (zum Beispiel Sonnen) sich untereinander bewegen und beeinflussen, zu lösen.

In den Rückblenden erzählt die Astrophysikerin Ye Wenji, wie sie auf einer einsam gelegenen Militärbasis Rotes Ufer an einem Projekt arbeitet, bei dem nach außerirdischem Leben gesucht wird und wie sie Kontakt zu den Trisolariern aufnahm. Jetzt ist sie die Chefin der Erde-Trisolaris-Organisation.

In „Der dunkle Wald“ versucht die Menschheit die Invasion der Trisolarier in vierhundert Jahren zu verhindern. Vier Menschen, drei bekannte Wissenschaftler und Politiker und ein Nobody, sollen im Rahmen des Abwehrprogramms „Wandschauer“ das Schlimmste verhindern.

Der Hunger nach weiteren Werken von Cixin Liu ist bei seinen deutschen Fans so groß, dass der Heyne Verlag seine Kurzgeschichten und Novellen ebenfalls auf Deutsch veröffentlicht. Allerdings nicht in einem Sammelband, sondern einzeln. Und weil so eine SF-Kurzgeschichte oder Novelle nicht besonders lang ist, wird der Text in einem großzügigem Layout präsentiert und es gibt Bonusmaterial. Wobei das Bonusmaterial in den bislang erschienenen Novellen „Spiegel“ (knapp hundert Seiten) und „Weltenzerstörer“ (etwas über sechzig Seiten) vor allem aus Auszügen aus den Cixin Lius Romanen besteht. Das ist Geldmacherei, aber auch die Möglichkeit, den Autor schnell kennen zu lernen. Denn nicht jeder will gleich mit einem über fünfhundertseitigem Wälzer beginnen, der seine Geschichte sehr langsam entfaltet.

In der mit dem Galaxy Award als beste Erzählung des Jahres ausgezeichneten Geschichte „Spiegel“ geht es um einen Mann, der einen Supercomputer besitzt, mit dem er alles weiß, was jemals geschah und damit auch, was geschehen wird. Es ist eine Welt ohne Geheimnisse. Aber was für eine Welt wäre das? Und was würde ein solcher Computer für seinen Besitzer und die Menschheit bedeuten?

In „Weltenzerstörer“ taucht ein Kristall aus dem Weltraum auf, der die Menschheit vor dem Weltenzerstörer warnt. Vor seiner Ankunft in einhundert Jahren hat die Menschheit Zeit, sich auf den Kampf vorzubereiten oder den Botschafter des Weltenzerstörers zu überzeugen, die Menschheit doch nicht zu vernichten.

In beiden Novellen fällt auf, wie viele philosophische Fragen und Probleme (verstanden in der breitest möglichen Auffassung) Cixin Liu anspricht. Damit bieten diese Geschichten viel Futter zum Nachdenken.

Das ist immer Hard-Science-Fiction, der zum Nachdenken anregt und seinen besonderen Reiz durch den Hintergrund der chinesischen Kultur und des aktuellen Lebens in China entfaltet. Denn gute Science-Fiction erzählt auch immer von der Gegenwart und der Welt, in der der Autor lebt.

Auffallend ist dabei, egal wie die Geschichten bei Cixin Liu enden, die optimistische Grundhaltung. Es sind keine Dystopien, in denen Menschen durch eine postapokalyptische Welt wandern und Zombies erschießen, oder Cypberpunk-Romane, in denen in einer Noir-Welt multinationale Konzerne die Welt beherrschen und der Cyperspace ein Alptraum ist.

Im Dezember erscheint von Cixin Liu der Sammelband „Die wandernde Erde“. In dem Buch sind zehn seiner Erzählungen, unter anderem „Weltenzerstörer“, enthalten.

 

Cixin Liu: Die drei Sonnen

(übersetzt von Marina Haase)

Heyne, 2017

592 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

San Ti

Chongquing Publishing Group, 2008

(Erstausgabe 2006 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Science Fiction World“)

Cixin Liu: Der dunkle Wald

(übersetzt von Karin Betz)

Heyne, 2018

816 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Heian Senlin

Chongqing Publishing Group, 2008

 

Cixin Liu: Spiegel

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2017

192 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Jingzi

2004

(enthalten in dem Sammelband „Shíjian yimin“)

Cixin Liu: Weltenzerstörer

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2018

128 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ren he tunshizhe

2012

Die Lesetour

Samstag, 13. Oktober 2018

Frankfurt am Main, Frankfurter Buchmesse

15.00 Uhr: Weltempfang, Halle 4.1

Diskussion mit Dietmar Dath

Moderation: Michael Kahn-Ackermann

17.00 Uhr: Pavilion, Agora

Moderation: Denis Scheck

Übersetzung: Karin Betz

Sonntag, 14. Oktober 2018

Essen, lit.RUHR

17.00 Uhr: Zeche Zollverein, Salzlager, Areal C (Kokerei)

Moderation: Daniel Haas

Montag, 15. Oktober 2018

Hamburg, Harbour Front Literaturfestival

20.00 Uhr: Audimax der Kühne Logistics University

Moderation: Dr. Christoph Bungartz

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Berlin, Veranstalter: Otherland Buchhandlung

19.30 Uhr: Heilig-Kreuz-Kirche

Moderation: Dietmar Dath

Hinweise

Blog/Homepage von Cixin Liu (laut Wikipedia und wer…)

Phantastik Couch über Cixin Liu

Die Zukunft über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)


Cixin Liu blickt in „Spiegel“

April 9, 2018

Spiegel“ ist ein Etikettenschwindel, der allerings gut als Überbrückung dienen kann zwischen Cixin Lius Science-Fiction-Romanen „Die drei Sonnen“ und „Der dunkle Wald“ (ungefähr jetzt erschienen), dem zweiten Band seiner breit abgefeierten und mit vielen Preisen ausgezeichneten Trisolaris-Trilogie. Der abschließende Band ist noch nicht angekündigt.

Spiegel“ kann auch als Appetitanreger funktionieren. Denn die mit dem Galaxy Award, dem chinesischen Science-Fiction-Preis, 2004 ausgezeichnete Geschichte erhielt in der Kategorie „Beste Erzählung des Jahres“ den Preis. Sie umfasst in dem großzügigen Layout des Buches hundert Seiten. Außerdem gibt es, um auf 192 Seiten zu kommen, Anmerkungen, ein Nachwort von Sebastian Pirling und, im letzten Viertel des Buches, Ausschnitte aus Lius Romanen „Die drei Sonnen und „Der dunkle Wald“.

Und die Geschichte, die Cixin Liu erzählt, dient vor allem dazu, als Gedankenspiel, verschiedene Theorien anzusprechen, zu illustrieren und zu problematisieren. Vor dem Hintergrund der Gesellschaft, in der er lebt.

Es geht um einen Mann, der eine Computersimulation erschaffen hat, die auf einem Computer, der in einen gewöhnlichen Aktenkoffer passt, mühelos angesehen, gestartet und ausgeführt werden kann. Der Erfinder Bai Bing, Ingenieur im Zentrum für Wettersimulation, weiß so alles, was jemals auf der Welt geschah. Er weiß auch alles, was jetzt geschieht. Mit diesem Wissen kann er jederzeit einer Verhaftung entgehen und er kann mühelos Verbrechen aufdecken, verhindern oder verüben.

Er besucht den inhaftierten jungen Beamten Song Cheng. Song nahm an einem Regierungsprogramm, das Akademiker in Provinzverwaltungen teil. Bei seiner Arbeit deckte er ein korrumptives Geflecht auf, in das auch sein Vorgesetzter, der Kommandant der Provinz, verwickelt ist.

Im Gefängnis erklärt Bai Song und drei hochrangigen Staatsvertretern seine Erfindung und wie sie funktioniert. Letztendlich ist es ein Superstringcomputer, der verschiedene Weltverläufe berechnen kann. Die Simulation ist ein Spiegel der realen Welt. Auch der Welt, in der Bai und Song jetzt gerade leben. Wer den Computer hat, weiß alles. Auch über die illegalen Geschäfte des Kommandanten.

Mit dieser Erfindung sind natürlich zahlreiche Fragen der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen verbunden. Zum Beispiel die Idee des Determinismus. Ist wirklich alles vorherbestimmt? Hat der Mensch wirklich keine Handlungsfreiheit?

Aber es geht auch um die Frage, wie eine Gesellschaft mit so einer Entdeckung umgehen soll. Gerade eine Überwachungsgesellschaft wie China, die eigentlich alles über seine Bürger wissen möchte und die Gesellschaft steuern möchte, fällt einem sofort ein. „Spiegel“ ist, auch weil die Geschichte in einem sehr gegenwärtigem China spielt, unverkennbar eine Geschichte über das heutige China. Das Computerprogramm ist der feuchte Traum jedes Apparatschiks. Und damit wird „Spiegel“, wenn die Männer in der Gefängniszelle darüber philosophieren, wem das Programm gehören solle, zu einer Kritik der Überwachungsgesellschaft in seiner totalitären Form.

Wobei es auch keinen Grund gibt, warum nur eine Person über ein solches Gerät verfügen soll. Dann hätte sie ja eine unumschränkte, von niemandem kontrollierte Macht.

Selbstverständlich stellt sich auch die Frage, was ein solches Programm mit der Menschheit macht. Das Programm zeigt, dass es keinen freien Willen gibt. Außerdem kann jederzeit jedes noch so kleine Vergehen geahndet werden. Es könnte eine Gesellschaft ohne Verbrechen entstehen. Nur: zu welchem Preis?

Und, wenn es Bai gelingt, mit dem Programm weit in die Zukunft zu blicken, stellen sich noch ganz andere Fragen.

Spiegel“ ist eine Kurzgeschichte, die diese Fragen und die zugrunde liegenden Theorien vor allem anhand der Idee eines Computerprogramms anspricht und dabei auf hundert Seiten erstaunlich tiefgründig, vielschichtig und leicht verständlich thematisiert. Es ist eine lohnende, zum Nachdenken anregende Lektüre, die auch viel über die Welt verrät, in der Cixin Liu lebt. Denn ein US-Autor hätte, ausgehend von Cixin Lius „Was wäre wenn“-Frage, eine vollkommen andere Geschichte erzählt.

Cixin Liu: Spiegel

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2017

192 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Jingzi

2004

(enthalten in dem Sammelband „Shíjian yimin“)

Hinweise

Blog/Homepage von Cixin Liu (laut Wikipedia und wer…)

Phantastik Couch über Cixin Liu

Die Zukunft über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch)


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