Neu im Kino/Filmkritik: Skiurlaub mit der Familie als „Höhere Gewalt“

November 21, 2014

Für Tomas, seine Frau Ebba und ihre Kinder Vera und Harry soll der einwöchige Skiurlaub in den Alpen eine Auszeit vom Alltag sein. Ferien eben, die in einem Hotelzimmer und auf der Skipiste verbracht werden, wenn nicht am zweiten Tag, während des Essens auf einer Restaurantterrasse, eine durch eine Explosion ausgelöste kontrollierte Lawine sich scheinbar unaufhaltsam in Richtung Terrasse bewegen würde. Tomas schnappt sein Smartphone und haut ab, während Ebba sich schützend vor ihre Kinder stellt.
Die Lawine lässt die Terrasse links liegen, aber in Ruben Östlunds „Höhere Gewalt“ ist die Katastrophe schon geschehen. Während der nächsten Ferientage lässt Ebba keine Gelegenheit aus, Freunden und Urlaubsbekanntschaften von dem Ereignis zu erzählen, während Tomas behauptet, sich anders daran zu erinnern.
„Höhere Gewalt“ spricht, in einem strengen formalen Rahmen, vieles an und, was nicht jedem Film gelingt, er provoziert Diskussionen über das Verhalten von Tomas (Ist er wirklich ein Feigling? Hat er seine Familie im Stich gelassen?) und Ebba (Ist sie zu selbstgerecht? Macht sie aus einer Mücke einen Elefanten?), aber es bleibt auch in der Schwebe, ob Östland wirklich eine existenzielle Krise oder nur einen ganz normalen Urlaub beschreibt. Denn bei jedem Urlaub krachen die Familienmitglieder mindestens einmal heftig gegeneinander, es gibt den berühmt-berüchtigten Urlaubskoller und in meinen Augen beschreibt Östlund eben einen solchen Urlaubskoller. Denn dass Tomas‘ Flucht der Auslöser für eine veritable Ehekrise mit allem Drum und Dran sein soll, erscheint mir doch etwas überhöht. Immerhin wird die Familie als die perfekte Mittelstandsfamilie gezeigt und bis dahin scheint es die perfekte Ehe gewesen zu sein.
Außerdem wird endlos über das Ereignis gesprochen und schnell stockt die Erzählung, weil immer wieder die gleichen Argumente am Küchentisch hin und her geschoben werden, während die Kinder im Bett sind. Kneipenphilosophie eben.
Daher enttäuscht „Höhere Gewalt“ als existenzielles Drama das eine Familie seziert und als Behandlung der Frage, wie Menschen in unerwarteten Situationen reagieren. Denn er beschäftigt sich nur mit der Reaktion von Tomas. Aber hätte Ebba sich bei einer anderen Anordnung der Sitzplätze im Restaurant anders als Tomas verhalten?
Als bitterböse Komödie über einen ganz normalen Familienurlaub in einem Wintersportgebiet ist „Höhere Gewalt“ dagegen ziemlich gelungen und hätte Ruben Östlund sich noch stärker auf diesen Aspekt konzentiert, hätte mir „Höhere Gewalt“ besser gefallen. So bleibt das Gefühl zurück, vor allem ein Gedankenexperiment gesehen zu haben.

Höhere Gewalt - Plakat

Höhere Gewalt (Turist/Force Majeure, Schweden 2014)
Regie: Ruben Östlund
Drehbuch: Ruben Östlund
mit Johannes Bah Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Clara Wettergren, Vincent Wettergren, Kristofer Hivju, Fanni Metelius
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Höhere Gewalt“
Moviepilot über „Höhere Gewalt“
Metacritic über „Höhere Gewalt“
Rotten Tomatoes über „Höhere Gewalt“
Wikipedia über „Höhere Gewalt“

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