Neu im Kino/Filmkritik: Marvel schickt „Captain Marvel“ in die Neunziger

März 8, 2019

Beginnen wir mit einigen Fakten: Der neue Marvel-Film beginnt mit einer ausführlichen Würdigung an den jüngst verstorbenen Stan Lee. Er hat im Film auch seinen obligatorischen Kurzauftritt. Es gibt, wie gewohnt, während und nach dem Abspann jeweils eine kurze Szene. Und – Ist das jetzt schon ein Spoiler? – die Ankündigung, dass ‚Captain Marvel‘ Carol Danvers im nächsten Avengers-Film „Endgame“ zurückkehren wird.

Nach „Captain Marvel“ ahnt man dann auch ziemlich genau, was ihre Aufgabe in dem Film sein wird: das Chaos, das die Avengers-Jungs hinterlassen, aufzuräumen. Denn sie ist unglaublich stark. So vernichtet sie im Finale des Films allein mehr Gegner als Superman. Der musste allerdings auch immer wieder gegen seine Kryptonit-Schwäche kämpfen.

Bis dahin erzählt das Regieduo Anna Boden und Ryan Fleck, die bislang als Independent-Regisseure Perlen wie „Half Nelson“ und „Dirty Trip – Mississippi Grind“ drehten, wie Carol Danvers zu Captain Marvel wird. Die Geschichte spielt 1995 auf der Erde, ein, zwei anderen Planeten und im Weltraum. Und viel mehr kann kaum gesagt werden, ohne wichtige Teile des Plots zu verraten. Denn dieses Mal gibt es wirklich einige Überraschungen.

Dabei folgt die Filmgeschichte zunächst den Konventionen eines aufs Tempo drückendes Chase-Movies, das anscheinend nur eine einzige Verfolgungsjagd mit wenigen Verschnaufpausen sein will. Später verlagert sich die Geschichte mehr in Richtung eines Verschwörungsthrillers. Es geht um Verrat und Betrug. Weil die Skrull Gestaltwandler sind, weiß man nie, ob der nette Kollege wirklich der nette Kollege ist. Und im großen Finale gibt es dann die erwartbare Zerstörungsorgie, die dieses Mal auf der Erde und im Orbit spielt.

Für einen Marvel-Film ist „Captain Marvel“ innerhalb dieser bekannten Geschichte, die auch als Origin-Story verkauft wird, sogar ziemlich gewagt erzählt. Es gibt nämlich einige Rückblenden, die zunächst eher Flashbacks sind, eine längere alptraumhafte Sequenz am Filmanfang, in der Danvers sich an ihr früheres Leben erinnert, und einige Szenen, die in ihrem Kopf spielen. Das hört sich jetzt vielleicht verwirrend an. Aber das Regieduo Anna Boden und Ryan Fleck erzählt das so flott und auch in sich schlüssig, dass man als Zuschauer niemals den Überblick verliert.

Dazu tragen sicher auch die bekannten Gesichter bei. Neben einigen aus den vorherigen Filmen vertrauten Gesichtern und Charakteren sind dieses Mal als prominente Neuzugänge Jude Law, Annette Bening und Ben Mendelsohn dabei.

Jude Law spielt Danvers‘ Mentor und Ausbilder, den Starforce Commander Yon-Rogg. Nachdem ein Starforce-Einsatz schiefgeht und Danvers verschwindet, sucht der Kree-Soldat sie.

Annette Bening ist als Oberste Intelligenz die spirituelle Anführerin der Kree. Sie spielt auch noch eine andere wichtige Rolle und sie kann immer mit ihrem allseits vertrauten und aus zahlreichen Filmen bekanntem Gesicht auftreten.

Dieses Glück hat Ben Mendelsohn nicht. Er spielt Talos, den Anführer der Skrull. Sie sind seit Jahren mit den Kree verfeindet. Alle Skrull sind Gestaltwandler. Deshalb ist Mendelsohn nur in wenigen Szenen als Mendelsohn erkennbar und in diesen Momenten spielt er wieder seine inzwischen sattsam bekannte, immer noch sehr vergnügliche Bösewicht-Rolle.

Die echsenartigen Gesichter und Körper der Skrulls sehen aus, als habe man sie aus dem „Star Trek“-Kostümfundus geklaut.

Weil „Captain Marvel“ vor gut 25 Jahren spielt, ist „Captain Marvel“ die Vorgeschichte zu allen anderen Marvel-Filmen. Die Avengers gibt es noch nicht. Captain America schläft noch im Polareis und Nick Fury ist ein junger Agent, der dann erstaunlich schnell akzeptiert, dass die Erde als Planet C-53 Teil einer intergalaktischen Schlacht zwischen den Kree und den Skrulls ist.

Selbstverständlich spielt Samuel L. Jackson wieder Nick Fury. Dieses Mal jovialer und humorvoller als gewohnt. Und, als Buddy von Danvers, mit viel Leinwandzeit.

Brie Larson, die für ihre Rolle in „Raum“ einen Oscar erhielt und spätestens seit „Kong: Skull Island“ allgemein bekannt ist, ist die erste Frau, die im Marvel Cinematic Universe einen eigenen Film erhielt. Scarlett Johansson kämpfte sich als Black Widow erfolgreich durch mehrere MCU-Filme und ein Solofilm mit ihr ist seit längerem im Gespräch. Aber bis jetzt ist er noch nicht gedreht. Auch über einen Captain-Marvel-Solofilm wurde seit Jahren gesprochen. Und immer wieder zugunsten eines weiteren Films mit einem oder mehreren Männern als Superhelden aufgeschoben.

Jetzt darf Brie Larson die Rolle von Captain Marvel spielen in einem Film, der, abgesehen von „Captain America: The First Avenger“, vor den vorherigen MCU-Filmen spielt. Er etabliert mehr oder weniger offensichtlich die uns bekannte MCU-Welt und versprüht viel 80er- und 90er-Jahre Charme. Larson zeigt in ihrer Superheldenuniform und mit einem „Nine Inch Nails“-T-Shirt mehr stolzgeschwellte Machobrust als alle anderen MCU-Helden und das „Top Gun“-Team zusammen. Die Szenen auf dem Militärflughafen und mit ihrer besten Pilotenfreundin verströmen dann auch viel „Top Gun“-Testosteron und etwas gut abgehangenes Americana-Feeling. Vor allem wenn mal schnell die halbe Popkultur der neunziger Jahre zitiert wird. Beginnend mit einem Besuch in der örtlichen Videothek.

Die Tricks sind durchgängig auf dem gewohnten hohen Niveau. Bei der Katze Goose, die von Nick Fury adoptiert wird, ist dann auch nicht erkennbar, wann sie von einer Katze gespielt und wann sie am Computer animiert wurde. Auch der Verjüngungseffekt bei Samuel L. Jackson als Nick Fury und Clark Gregg als Agent Coulson (yep, ebenfalls dabei) ist auf der technischen Ebene sehr gut gemacht. Trotzdem irritierte Samuel L. Jacksons verjüngtes Ich mich immer wieder. Er sieht immer etwas künstlich und zu porentief rein aus.

Captain Marvel“ ist kein schlechter Film. Aber nach zwanzig Marvel-Filmen, etlichen anderen Comicverfilmungen und den Transformers-Filmen (die mit „Bumblebee“ ebenfalls in die sattsam verklärte Vergangenheit gingen) ist dann der Überraschungseffekt doch etwas weg. Immerhin bleibt der Bösewicht dieses Mal länger im Gedächtnis und die Story entwickelt sich flott, mit einigen überraschenden Wendungen und, ohne Abspann, innerhalb von zwei Stunden.

Damit ist der Eintritt von Carol Danvers in das Marvel Cinematic Universe gelungen.

Captain Marvel (Captain Marvel, USA 2019)

Regie: Anna Boden, Ryan Fleck

Drehbuch: Anna Boden, Ryan Fleck, Geneva Robertson-Dworet (nach einer Geschichte von Nicole Perlman, Meg LeFauve, Anna Boden, Ryan Fleck und Geneva Robertson-Dworet)

mit Brie Larson, Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law, Djimon Hounsou, Lee Pace, Lashana Lynch, Gemma Chan, Algenis Perez Soto, Rune Temte, McKenna Grace, Clark Gregg, Stan Lee

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche MCU-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Captain Marvel“

Metacritic über „Captain Marvel“

Rotten Tomatoes über „Captain Marvel“

Wikipedia über „Captain Marvel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Anna Boden und Ryan Flecks „Dirty Trip – Mississippi Grind“ (Mississippi Grind, USA 2015)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Live by Night“ – Ben Afflecks zweite Dennis-Lehane-Verfilmung

Februar 4, 2017

Joe Coughlin (Ben Affleck) ist kein gewöhnlicher Gangster. Nicht nur, weil er sich selbst als „Outlaw“ (im Buch öfter, im Film nur einmal) bezeichnet und sieht, sondern weil er ein intelligenter Bursche ist. Er ist der Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston, der nach seinen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg außerhalb der Gesellschaft leben möchte.

In Boston der zwanziger Jahre tut er das als kleiner Ganove, der zwischen die Fronten von Albert White (Robert Glenister), einem irischen Mobster, und Don Maso Pescatore (Remo Girone), einem italienischen Mafiosi, gerät. Coughlins Freundin Emma Gould (Sienna Miller) ist auch Whites Geliebte. Als sie – indirekt bei einem Autounfall– durch Whites Hand stirbt, will Coughlin sie rächen. Er geht einen Pakt mit Pescatore ein, der ihn nach Florida schickt. In Ybor, „the Harlem of Tampa“, übernimmt er den dortigen Rumschmuggel. Er organisiert ihn neu und, im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten, mit den Kubanern als gleichberechtigte Partner. Und er verliebt sich in Graciela (Zoe Saldana), die mit ihrem Bruder den Alkoholhandel aus Kuba organisiert.

Nicht allen gefällt Coughlins Aufstieg und seine Zusammenarbeit mit den Kubanern (ich sage nur Rassismus). Oh, und White ist ebenfalls in Florida.

Live by Night“ basiert auf einem gut sechshundertseitigem Epos von Dennis Lehane. Der sehr lesensverte, zwischen 1926 und 1935 spielende Gangsterroman erhielt den Edgar, einen der wichtigsten Krimipreise.

Ben Affleck, der, nach einem Kurzfilm, mit der grandiosen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ sein Spielfilmdebüt gab, schrieb dieses Mal das Drehbuch, führte Regie und übernahm auch gleich die Hauptrolle. In seinem Script folgt er dem Roman, abgesehen von den notwendigen Kürzungen, genau. Zu genau für meinen Geschmack.

Anstatt sich auf einen Teil von Coughlins Geschichte zu konzentrieren und eine Geschichte zu erzählen, kondensiert er den Roman auf eine eher ungeschickte Weise. Er behandelt Lehanes Roman nicht wie einen Unterhaltungsroman, der die Grundlage für einen packenden Film liefern soll, sondern ehrfurchtsvoll wie ein Stück hohe Literatur, bei dem nichts geändert werden darf. Dieser Ehrfurcht überträgt sich dann auf den gesamten Film, der dadurch oft lebloser als nötig ist.

Die Episoden aus dem Gangsterleben treten immer wieder in den Hintergrund zugunsten von Coughlins Beziehungen zu verschiedenen Frauen und wie sie sein Leben in negativer Hinsicht beeinflussen. Das ist dann, wie im Roman, eine interessante Verschiebung der vertrauten Perspektive. In einem Gangsterfilm, vor allem in einem während der Prohibition spielendem Gangsterfilm, sind Frauen nur Beiwerk, während die gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gangsterbanden und der Polizei und auch innerhalb der Gangsterbande im Mittelpunkt stehen. Das fehlt dann in „Live by Night“ in einem erstaunlich großem Ausmaß. Hier ist der Schmuggel ein einträgliches Geschäft, bei dem alle gut verdienen und Konflikte lieber mit Geld und Arrangements als mit Gewalt erledigt werden. Obwohl Coughlin durchaus, wenn es nicht anders geht, Gewalt anwendet.

Dagegen muss sich Coughlin mit dem Ku Klux Klan (sie wollen einen Teil seines Geschäftes) und einer Christin (sie will sein Geschäft zerstören) auseinandersetzen. Coughlin versucht beide Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Live b Night“ ist dann ein Gangsterfilm, dem der Drive eines klassischen Gangsterfilms (in dem ein Junge aus der Gosse sich skrupellos den Weg an die Spitze frei schießt) fehlt, ein Liebesfilm, der sich nicht für die Liebesgeschichte(n) interessiert und ein Biopic, das primär Episoden aneinanderreiht, ohne einen klar erkennbaren erzählerischen Bogen zu schlagen. So verweilt Affleck mit seiner Geschichte viel zu lange in Boston, das nur das Vorspiel für Coughlins eigentlich Geschichte ist, die sich im sonnigen Florida abspielt. Dort arbeitet er zwar zielstrebig und in Pescatores Sinn, wie ein neuer Abteilungsleiter, der keine größeren Ambitionen hat. Er will nicht der neue Boss der gesamten Firma werden und er will sich anscheinend auch nicht mehr an White rächen. Auch weil White für ihn überhaupt keine Bedrohung mehr ist.

So plätschert der Gangsterfilm, der sich nicht wirklich entscheiden will, was der Hauptplot und was die Subplots sind, immer wieder vor sich hin, während er ein kleines Gesellschaftsbild von Ybor während der Prohibition zeichnet.

Affleck inszenierte das alles mit viel Liebe zum Detail und Gangsterfilmfans – wir wurden in den letzten Jahren ja auf eine ziemliche Diät gesetzt – dürfen sich über einen stilechten Gangsterfilm freuen. Jedenfalls wenn Affleck die Gangsterfilmszenen inszeniert. Aber oft interessieren ihn andere Dinge und der Film kann in seiner jetzigen Fassung, obwohl er bereits über zwei Stunden ist, nicht verleugnen, dass er besser noch länger wäre. Mindestens eine halbe Stunde. Oder besser sogar eine Miniserie im Fernsehen, die sich dann stärker den Konflikten zwischen den Verbrechern, den politischen und rassistischen Konflikten widmet, die alle schon in Lehanes Roman angesprochen werden und die heute immer noch aktuell sind.

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Live by Night (Live by Night, USA 2016)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck

LV: Dennis Lehane: Live by Night, 2012 (In der Nacht)

mit Ben Affleck, Elle Fanning, Remo Girone, Brendan Gleeson, Robert Glenister, Matthew Maher, Chris Messina, Sienna Miller, Zoe Saldana, Chris Cooper, Titus Welliver, Max Casella, Clark Gregg, Anthony Michael Hall

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (Lesebefehl)

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Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

10 Euro (Movie-Tie-In-Ausgabe)

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Live by Night“

Metacritic über „Live by Night“

Rotten Tomatoes über „Live by Night“

Wikipedia über „Live by Night“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung “Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel” (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks “Argo” (Argo, USA 2012)


Verfilmte Bücher: „In der Nacht“ ist „Live by Night“

Januar 23, 2017

Lehane - In der Nacht - 2lehane-live-by-night-diogenes-movie-tie-in-2

Am 2. Februar läuft die neueste Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ an. Der Roman erschien bei uns als „In der Nacht“ und damals schrieb ich über ihn:

Ein neuer Roman von Dennis Lehane ist immer gut für einige spannende Lesestunden. Das gilt auch für „In der Nacht“, seinen in den Zwanzigern und Dreißigern spielenden Gangsterroman, der – verdient – 2013 den Edgar als bester Kriminalroman des Jahres erhielt.

So – das war der Teil für alle, die wirklich jeden SPOILER vermeiden wollen, aber wissen wollen, ob es ein gutes Buch ist.

Ja, es ist ein gutes Buch.

Und ab jetzt werde ich, weil ich nicht vollkommen gekünstelt herumschwurbeln will (was dann auch wieder Spoiler durch die Hintertür wären), einiges von der Geschichte und Teile des Endes spoilern. Aber das Wissen um das Ende hat uns echten Gangsterkrimifans noch nie vom Genuss des Werkes – ich sage nur „Scarface“ – abgehalten.

Als Dennis Lehane 1994 mit seinem ersten Kenzie/Gennaro-Privatdetektivroman „Streng vertraulich“ (A Drink before the War) die Szene betrat, wurde er gleich zum Liebling der Krimifans. In Deutschland dauerte es fünf Jahre, bis seine Romane übersetzt wurden und man nahm dann keine Rücksicht auf die Reihenfolge, in der die durchaus miteinander zusammenhängenden Romane in den USA veröffentlicht wurden.

Nach fünf Kenzie/Gennaro-Geschichten konzentrierte Lehane sich ab 2001, bis auf „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010), auf Einzelwerke, in denen er verschiedene Subgenres ausprobierte. Sehr erfolgreich. Am Bekanntesten sind, auch wegen der erfolgreichen Verfilmungen „Mystic River“ und „Shutter Island“ (wobei mir hier das Buch viel besser gefällt). Außerdem wurde der Kenzie/Gennaro-Roman „Gone, Baby, Gone“ verfilmt. Ebenfalls eine äußerst gelungene Verfilmung.

Wenn sein neuester Roman „In der Nacht“ verfilmt wird, dann wohl nur als Film mit Überlänge oder, was besser wäre, als Mini-TV-Serie. Denn Lehane erzählt auf gut sechshundert kurzweiligen Seiten die Geschichte von Joe Coughlin von 1926 bis 1935. Er gehört zur Familie Coughlin, die wir aus „Im Aufruhr jener Tage“ (The given Day, 2008) kennen. Der Roman spielte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Boston und Joes älterer Bruder Danny stand im Mittelpunkt. Inzwischen ist Danny nicht mehr Polizist und hat Boston verlassen.

1926 ist der neunzehnjährige Joe Coughlin Laufbursche und kleiner Gangster in Boston. Nach einem Überfall beginnt er eine Beziehung mit Emma Gould, der Freundin des Gangsterbosses Albert White. Als ein Banküberfall grandios schiefgeht, wird er zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Im Nachgang des Überfalls starb auch Emma bei einem Autounfall.

Im Gefängnis nimmt ihn der mit White verfeindete Gangsterboss Maso Pescatore unter seine Fittiche. Er schickt Coughlin, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wird, nach Ybor, Florida. Dort steigt Coughlin zum lokalen Gangsterboss auf, indem er den Schmuggel von Alkohol professionalisiert, enge Kontakte zu den dortigen ethnischen Minderheiten hat, sich in die Kubanerin Graciella verliebt, immer wieder, auch skrupellos, aber meistens langfristig planend, seine Interessen durchsetzt, und mit ihr in Kuba ein neues Heim aufbaut.

Lehane folgt dabei, mit eher kleinen, aber interessanten Variationen und etlichen breit geschilderten Episoden, wie den Überfall auf das Waffenlager eines Kriegsschiffes und natürlich etlichen Konflikten mit anderen Gangstern, dem Ku-Klux-Klan und der lokalen Oberschicht, den vertrauten Pfaden des klassischen Gangsterromans vom Aufstieg und Niedergang eines Gangster.

Die wichtigste Variation ist der Protagonist. Joe Coughlin ist ein aus einem guten Haus kommender, gebildeter junger Mann. Sein Vater ist der Stellvertretende Polizeichef von Boston. Damit ist er das Gegenteil des klassischen Gangsters, der ein großmäuliger Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen ist, ein oft nicht besonders gebildeter Einwanderer ist, der letztendlich an sich selbst scheitert. Al Capone war das Vorbild für diesen Typ. Little Caesar und Scarface die literarischen und filmischen Verarbeitungen dieses Typs. Der Ire Coughlin schlägt da mehr nach den jüdischen Gangstern, wie Meyer Lansky, die das Gangstertum als eine Phase betrachteten, um an Geld zu kommen. Ihre popkulturelle Faszination und Strahlkraft ist deutlich geringer.

Die zweite Variation ist, dass in „In der Nacht“ die Phase des Niedergangs fehlt. Joe Coughlin kann sein Imperium konsolidieren. Er liegt am Ende nicht im Schmutz. Bei ihm blinkt kein „The World is yours“ im Hintergrund.

Und dennoch, wenn man sich Coughlin und seine Beziehungen zu seinen Frauen ansieht, ist das Ende düsterer als das der klassischen Gangsterkrimis.

 

Die Verfilmung wird in der Kriminalakte zum Kinostart besprochen.

Bis dahin: Viel Spaß bei der Lektüre.

Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

10 Euro (Movie-Tie-In-Ausgabe)

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Die Verfilmung

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ab 2. Februar 2017 in allen Kinos, die mal wieder einen zünftigen Gangsterfilm zeigen wollen

 

Live by Night (Live by Night, USA 2016)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck

LV: Dennis Lehane: Live by Night, 2012 (In der Nacht)

mit Ben Affleck, Elle Fanning, Remo Girone, Brendan Gleeson, Robert Glenister, Matthew Maher, Chris Messina, Sienna Miller, Zoe Saldana, Chris Cooper, Titus Welliver, Max Casella, Clark Gregg, Anthony Michael Hall

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Live by Night“

Metacritic über „Live by Night“

Rotten Tomatoes über „Live by Night“

Wikipedia über „Live by Night“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Viel Lärm um nichts“ mit William Shakespeare in der Gegenwart

Juli 24, 2014

 

Als Joss Whedon zwischen dem Dreh und dem Schnitt von „Marvel’s The Avengers“ einige Tage Zeit hatte, lud er seine Freunde zu sich nach Hause ein. Etwas abhängen. Etwas Spaß haben. Was Männer halt so treiben, wenn sie nichts zu tun haben.

Und weil diese Freunde bekannte Schauspieler sind, Whedon ein Shakespeare-Fan ist, der seine Freunde zu regelmäßigen Shakespeare-Lesungen einlädt und die Shakespeare-Texte zum schauspielerischen Bildungsgut zählen, wurde das Whedonsche Anwesen für zwölf Tage zum Anwesen des Gouverneurs von Messina umgestaltet, der von Don Pedro besucht wird – und sie und ihr Gefolge machen „Viel Lärm um nichts“ indem Amy Acker, Clark Gregg, Reed Diamond, Alexis Denisof, Fran Kranz, Jillian Morgese, Riki Lindhome, Spencer Treat Clark und Nathan Fillion (komödiantische Extrapunkte als Holzapfel) den Shakespeare-Text in atemberaubender Geschwindigkeit präsentieren.

Der Witz bei Whedons Shakespeare-Interpretation ist, dass die Geschichte erkennbar in der Gegenwart spielt mit Anzügen statt Rüstungen, Autos statt Pferden, aber an dem Text, abgesehen von einigen Straffungen, nichts geändert wurde. Daher empfiehlt sich auch der Genuss der untertitelten Originalversion und vielleicht ein Blick in die Synopse des Stückes. Denn sonst sind die Liebesbande und Intrigen vor der Hochzeitsnacht kaum zu verfolgen. Auch weil einiges vom historischen Hintergrund heute abstrus anmutet.

Allerdings trägt die Idee, die Geschichte ohne Veränderungen in die Gegenwart zu verlegen, nur wenige Minuten. Ungefähr die Länge eines TV-Sketches. Danach fällt auf, dass Whedon, im Gegensatz zu einigen anderen Shakespeare-Interpretationen, die die Geschichte ebenfalls mehr oder weniger in die Gegenwart verlegten und eigenständig, teils sehr radikal interpretierten, genau dies nicht im Sinn hat. Er will, wie bei einem Studententheater, einfach den Originaltext auf die Bühne bringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und er ließ diese Aufführung, die um einige Improvisationen zwischen Slapstick und Burleske ergänzt wurde (wie die Szene, in der Nathan Fillion und Tom Lenk am Auto die Autoschlüssel suchen), mit einer SW-Handkamera, bei der man sich weniger Gedanken um die Farben machen muss, aufnehmen.

Viel Lärm um nichts“ ist ein kurzweiliger Spaß für Shakespeare-Fans – und wegen des Ensembles ein Fest für Whedon-Fans. Denn viele der Schauspieler spielten bereits in den Whedon-Werken „Firefly“, „Buffy“, „Angel“, „Dollhouse“ und „Marvel’s The Avengers“ mit.

 

Viel Lärm um nichts - Plakat

 

Viel Lärm um nichts (Much ado about nothing, USA 2012)

Regie: Joss Whedon

Drehbuch/Adaption: Joss Whedon

LV: William Shakespeare: Much ado about nothing, 1600 (Viel Lärm um nichts, Theaterstück)

mit Amy Acker, Alexis Denisof, Clark Gregg, Reed Diamond, Fran Kranz, Jillian Morgese, Nathan Fillion, Sean Maher, Spencer Treat Clark, Riki Lindhome, Tom Lenk, Ashley Johnson, Emma Bates, Joshua Zar, Nick Kocher, Brian McElhaney, Paul M. Meston, Romy Rosemont, Elsa Guuillet-Chapuis

Länge: 109 Minuten

FSK: ? (ab 12 Jahre beantragt)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Viel Lärm um nichts“

Moviepilot über „Viel Lärm um nichts“

Metacritic über „Viel Lärm um nichts“

Rotten Tomatoes über „Viel Lärm um nichts“

Wikipedia über „Viel Lärm um nichts“ (deutsch, englisch)

 

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Labor Day“ praktiziert Familienhilfe mittels Geiselnahme

Mai 11, 2014

1987 geht in der Kleinstadt Holton Mills in New Haven alles seinen geregelten Gang. Die Nachbarn sind höflich, bringen Äpfel rüber, die Türen sind sowieso nie abgeschlossen und manchmal vergißt man vor dem Eintreten auch das Anklopfen. Man kennt sich ja im Dorf. Auch wenn Adele Wheeler (Kate Winslet) und ihr damals dreizehnjähriger Sohn Henry (Gattlin Griffith) wohl so etwas wie Exoten sind. Sie ist geschieden und hat sich seitdem vollständig in ihr Haus, das auch schon etwas heruntergekommen ist, zurückgezogen. Es fehlt halt der Mann für die nötigen Arbeiten am Haus und an ihrer Psyche.
Vor dem Labor-Day-Wochenende überredet Henry seine Mutter, ihn zum Einkaufen in die Shopping Mal zu begleiten. Dort trifft Henry auf einen geheimnisvollen, blutenden Mann, der zuerst ihn und dann seine Mutter als Geisel nimmt und sich bei ihnen in ihrem Haus versteckt. Er ist der flüchtige Schwerverbrecher Frank Chambers (Josh Brolin), der sich schnell als liebevoller Vater- und Ehemann-Ersatz entpuppt, der in Adele wieder die Lebensgeister weckt und Henry das Backen von Obstkuchen beibringt, während vor ihrer Haustür die Polizei ihn sucht und auch über Zeitung und Fernsehen nach ihm fahndet. Kurz: der skrupellose Mörder ist das Ortsgespräch.
Aber trotz des flüchtigen Verbrechers, der eine Frau und ihren Sohn als Geisel nimmt, ist Ivan Reitmans neuer Film „Labor Day“ kein Kriminalfilm, sondern eine Schnulze im Nicholas-Sparks-Stil, veredelt durch die guten Schauspieler und immer wieder auf den nackten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn es gelingt Reitman nie, die hochgradig künstliche Prämisse glaubhaft zu gestalten. Vor allem weil die eine gute Woche dauernde Geiselnahme mitten in der Kleinstadt stattfindet, freundliche Nachbarn immer wieder an die Tür klopfen, mit einem behinderten Nachbarjungen ein Nachmittag im Garten verbracht wird und der Flüchtling am hellichten Tag einige Reperaturen am Haus durchführt und Henry endlich die richtige Wurftechnik im US-amerikanischen Nationalsport beibringt. Aber die furchtbar aufmerksamen Nachbarn bemerken nicht, dass der gutaussehende Mann der skrupellose Mörder ist, dessen Bild es auf die erste Seite der Tageszeitungen und ins Fernsehen gebracht hat.
Und wenn Henry zur Schule geht, sich mit einer neuen Schulfreundin trifft oder einige Einkäufe erledigen muss, verrät er Frank auch nicht an die Polizei. Immerhin ist der Gast ja ein verständnisvoller Superdaddy, der wirklich alles kann, und ein feinfühliger Liebhaber. Wenn er kein gesuchter Schwerverbrecher wäre (aber auch das Problem wird gelöst), wäre er der perfekte Mann. Und in Rückblenden erfahren wir, was uns nicht wirklich überrascht, dass er kein kaltblütiger Mörder ist. Eigentlich ist er ein Pechvogel.
Nein, wenn die Schauspieler und die Regie nicht so gut wären, wäre „Labor Day“ ein ungenießbares Kitsch-Fest. So ist es ein zäh erzähltes, ironiefreies und wirklichkeitsfernes Kitsch-Fest, das besser ist, als es die im Kern unglaubwürdige Geschichte verdient hat.

Labor Day - Plakat

Labor Day (Labor Day, USA 2013)
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Jason Reitman
LV: Joyce Maynard: Labor Day, 2009 (Der Duft des Sommers)
mit Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Tobey Maguire, Tom Lipinski, Clark Gregg, Brighid Fleming, J. K. Simmons
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Labor Day“
Moviepilot über „Labor Day“
Metacritic über „Labor Day“
Rotten Tomatoes über „Labor Day“
Wikipedia über „Labor Day“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)
Homepage von Joyce Maynard

Das DP/30-Gespräch mit Jason Reitman

Das DP/30-Gespräch mit Josh Brolin

Und das ist eher Freestyle mit Kate Winslet, Josh Brolin und Jason Reitman


TV-Tipp für den 7. Dezember: Choke – Der Simulant

Dezember 7, 2013

ZDFkultur, 22.10

Choke – Der Simulant (USA 2008, R.: Clark Gregg)

Drehbuch: Clark Gregg

LV: Chuck Palahniuk: Choke, 2001 (Der Simulant)

Schnelles Geld und schneller Sex beherrschen das triste und ziemlich verkorkste Leben von Victor. Da verliebt er sich in eine Ärztin…

Flotte, schwarzhumorige Groteske nach einem Roman von Chuck Palahniuk („Fight Club“) mit einem grandiosen Sam Rockwell über Abhängigkeiten und die Sucht danach, anderen Menschen zu gefallen. Denn hier spielt jeder Charakter den anderen etwas vor und alle Beziehungen sind gestört.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sam Rockwell, Anjelica Huston, Kelly MacDonald, Brad William Henke, Clark Gregg

Wiederholung: Sonntag, 8. Dezember, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Homepage von Chuck Palahniuk

Rotten Tomatoes über “Choke”

Slashfilm: Interview mit Clark Gregg über “Choke” (23. Januar 2008)

Meine Besprechung von Chuck Palahniuks “Diva” (Tell-All, 2010)


TV-Tipp für den 30. Juli: Choke – Der Simulant

Juli 30, 2013

ZDFkultur, 22.00

Choke – Der Simulant (USA 2008, R.: Clark Gregg)

Drehbuch: Clark Gregg

LV: Chuck Palahniuk: Choke, 2001 (Der Simulant)

Schnelles Geld und schneller Sex beherrschen das triste und ziemlich verkorkste Leben von Victor. Da verliebt er sich in eine Ärztin…

Flotte, schwarzhumorige Groteske nach einem Roman von Chuck Palahniuk („Fight Club“) mit einem grandiosen Sam Rockwell über Abhängigkeiten und die Sucht danach, anderen Menschen zu gefallen. Denn hier spielt jeder Charakter den anderen etwas vor und alle Beziehungen sind gestört.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sam Rockwell, Anjelica Huston, Kelly MacDonald, Brad William Henke, Clark Gregg

Wiederholung: Mittwoch, 31. Juli, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Homepage von Chuck Palahniuk

Rotten Tomatoes über „Choke“

Slashfilm: Interview mit Clark Gregg über “Choke” (23. Januar 2008)

Meine Besprechung von Chuck Palahniuks „Diva“ (Tell-All, 2010)


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