Neu im Kino/Filmkritik: Sind das wirklich „Bad Times at the El Royale“? Und wenn ja: für wen?

Oktober 11, 2018

Das „El Royale“ steht am Lake Tahoe genau auf der Staatsgrenze zwischen Nevada und Kalifornien. Das Hotel hat schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Einrichtung verströmt die Patina der fünfziger Jahre. Nur die Musiksammlung in der Jukebox ist aktueller.

In einer Nacht in den frühen Siebzigern treffen sich dort sieben Menschen, die alle ein meist mit irgendwelchen Verbrechen zusammenhängendes Geheimnis haben.

Gespielt werden die Hotelgäste von Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Jon Hamm, Cailee Spainey, Dakota Johnson und Chris Hemsworth. Lewis Pullman spielt den Empfangschef des Hotels, der auch kein Unschuldsknabe ist.

Drew Goddard, der Regisseur der Horrorperle „The Cabin in the Woods“, der Erfinder der TV-Serie „Daredevil“ und der Drehbuchautor von „Der Marsianer“ und „World War Z“ und etlicher Episoden für TV-Serien wie „Lost“ und „Alias“, hat mit „Bad Times at the El Royale“ auf den ersten Blick ein Neo-Noir-Ensemblestück inszeniert, das deutlich von Quentin Tarantino inspiriert ist. Vor allem natürlich „Pulp Fiction“. Aber auch „The Hateful Eight“ kann genannt werden.

Was kann da schief gehen?

Nun, für den Anfang, dass früh im Film die falsche Person stirbt. Jedenfalls für mich als Zuschauer.

Es gibt die Theorie, dass man im Film einem Charakter sein Herz schenke und wenn er stirbt, ist der Film für einen emotional zu Ende. Normalerweise schenkt man sein Herz dem Protagonisten. Man fiebert, lacht und weint mit ihm. Okay, das gilt vor allem für schmalzige Liebesfilme.

Manchmal ist es auch ein anderer Charakter. In diesem Fall war es für mich Jon Hamm, der am Filmanfang die anderen Gäste – vor allem Jeff Bridges und Cynthia Erivo – in der riesigen Hotellobby begrüßt. In schönster, raumgreifender Vertretermanier erzählt er einiges über das Hotel und die Ausstattung und bietet ihnen Kaffee an. Währenddessen beäugen sie und die später die Lobby betretenden Menschen sich auffallend misstrauisch. Als er anschließend als Gast sein Zimmer bezieht, beginnt er sofort, es sorgfältig nach Wanzen abzusuchen. Er entdeckt auch, dass alle Hotelzimmern mit spanischen Spiegeln ausgestattet sind und einige Hotelgäste auch gefilmt werden.

Er wird, weil er durch den Einwegspiegel in einem Zimmer eine Geiselnahme sieht und die Geisel retten will, ziemlich früh im Film erschossen.

In dem Moment war mein Held tot – und der Film hatte ein Problem.

Dazu kommen noch einige weitere Probleme.

Formal variiert „Bad Times at the El Royale“ das Erzählprinzip von „Pulp Fiction“. „Bad Times at the El Royale“ ist ebenfalls ein Ensemblefilm. Die einzelnen Geschichten sind ebenfalls pulpige Gangstergeschichten, garniert mit etwas plakativ-politischem Zeitkolorit. Im Gegensatz zu „Pulp Fiction“ erzählt Goddard seine in Kapitel unterteilte Geschichte ziemlich chronologisch. Das ist jetzt nicht besonders gut oder schlecht, sondern eine Möglichkeit in einem Ensemblestück die Geschichten anzuordnen.

Bei den Endlosdialogen zeigt sich allerdings, wie gut die Dialoge von Tarantino sind. Sie sind witzige Kabinettstückchen. Sie charakterisieren den Sprechenden. Und es gibt in jedem seiner Filme etliche Tarantino-Sätze (okay, bei „Jackie Brown“ sind es Elmore-Leonard-Sätze), die man gerne in eines seiner nächsten Gespräche einflechtet. Bei Goddard fehlt Tarantinos Witz und damit das, was Tarantino-Dialoge so einzigartig macht. Bei Goddard stellt sich bei den sich endlos anfühlenden Monologen schnell eine gewisse Langeweile ein. Es wird einfach zu viel zu lange erklärt. Es gibt auch nicht den Satz oder den Dialog, den man gerne zitieren möchte.

Und die Story hat erstaunlich viele lose Enden. Vieles wird angedeutet. Wenig wird aufgeklärt.

Immerhin werden die Hintergründe der Entführung und warum am Filmanfang ein Mann in einem Hotelzimmer eine Tasche im Boden versteckt, aufgeklärt.

Am Ende ist „Bad Times at the El Royale ein stylish aussehender, hochkarätig besetzter Neo-Noir-Langweiler. Das ist, musikalisch soulig untermalt, Stil über Substanz.

Wer unbedingt mit einem neueren Neo-Noir zurück in die Siebziger will, sollte sich „Inherent Vice“ – Natürliche Mängel“ ansehen. Oder auf den nächsten Film von Quentin Tarantino warten.

Bad Times at the El Royale (Bad Times at the El Royale, USA 2018)

Regie: Drew Goddard

Drehbuch: Drew Goddard

mit Jeff Bridges, Dakota Johnson, Cynthia Erivo, Chris Hemsworth, Jon Hamm, Cailee Spainey, Lewis Pullman, Nick Offerman, Xavier Dolan, Shea Whigham

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bad Times at the El Royale“

Metacritic über „Bad Times at the El Royale“

Rotten Tomatoes über „Bad Times at the El Royale“

Wikipedia über „Bad Times at the El Royale“ (deutsch, englisch)

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DVD-Kritik: Über Luca Guadagninos „A bigger splash“

September 25, 2016

Zum Kinostart schrieb ich:

Die Rockmusikerin Marianne (Tilda Swinton) und ihr Freund Paul (Matthias Schoenaerts), ein Fotograf und trockener Alkoholiker, der kürzlich einen Suizid versuchte, verbringen auf der italienischen Insel Pantelleria einige ruhige Tage. Sie darf nach einer Operation an ihren Stimmbändern nicht reden.

Als Harry (Ralph Fiennes), ein Ex-Freund und Mentor von Marianne, und seine bis dahin unbekannte Tochter Penelope (Dakota Johnson) sich bei ihnen in dem einsam gelegenem Haus mit Swimmingpool einquartieren, ist es mit der Ruhe vorbei. Denn Harry ist egomanischer Rockmusikproduzent mit entsprechendem Drogenkonsum, der Ruhe nur als Ruhe vor dem Sturm kennt.

A bigger Splash“, der neue Film von Luca Guadagnino, ist ein freies Remake von Jacques Derays „Der Swimmingpool“ und wenn man das weiß, kennt man auch die Handlung, die schon in Derays Film eher nebensächlich war. Guadagnino hat vor allem einen Sommerfilm mit schönen Menschen, die in der Einsamkeit auf sich zurückgeworfen sind, inszeniert und es geht um das Aufeinanderprallen von Rock’n’Roll-Lebensgefühl und bieder-bürgerlichem Leben. Marianne hat sich aus ihrem alten, zügellosem Leben verabschiedet. Mit dem introvertierten Paul will sie ein ruhiges Leben führen. Dagegen ist Harry immer noch ganz der Alte. Als er mit der jungen Penelope auftaucht, glauben sie zunächst, dass sie eine weitere seiner Geliebten ist. Und Harry will Marianne zurückerobern.

Neben dieser Eroberungsgeschichte spricht Guadagnino auch die aktuelle Flüchtlingskrise an. Denn Pantelleria liegt zwischen Sizilien und Tunesien. Und es geht um das Verhältnis der Generationen. Während die Alten, also Marianne und Harry sich noch alle Freiheiten nahmen, sieht Penelope wo das hin führt. Damit stellt sich auch die Frage, wie konservativ, – siehe für Deutschland die aktuelle Sinus-Jugendstudie -, die junge Generation ist und wie sehr die Älteren als Vorbild taugen.

Das inszeniert Guadagnino mit viel Rockmusik, vor allem von den „Rolling Stones“ (immerhin produzierte Harry sie) und einem großartigem Ensemble.

Auch wenn der Film mit über zwei Stunden etwas lang geraten ist, ist er ein Vergnügen. Nicht nur wegen der Tanznummer von Ralph Fiennes und dem wortlos-ausdruckstarken Spiel von Tilda Swinton, die Guadagnino, mit dem sie seit über zwanzig Jahren befreundet ist und zusammenarbeitet, diese Sprachlosigkeit vorschlug. Als Gegengewicht zu dem endlosen Gequassel von Harry.

 

Das Bonusmaterial

Das „Making of“ fällt mit deutlich unter vier Minuten arg knapp aus und ist ein reines Einmal-gesehen-und-vergessen-Werbefeaturette. Aber es gibt noch gut 25 Minuten geschnittene Szenen, zu denen Drehbuchautor David Kajganich und Cutter Walter Fasano einen Audiokommentar eingesprochen haben. Zusammen mit Luca Guadagnino haben sie auch einen sehr interessanten und informativen Audiokommentar zum Film eingesprochen. Beide Audiokommentare wurden im April 2016 aufgenommen und sind untertitelt.

In den Audiokommentaren verraten sie, dass es ursprünglich eine viel längere Fassung gab und Guadagnino seinen Film als eine Nouvelle-Vague-Version von Jacques Derays Film sieht. Deshalb gab es in der längere Fassungen viele Jean-Luc-Godardismen. So sollte „A bigger Splash“ mit Texteinblendungen strukturiert werden. Und der Kommissar, der in den geschnittenen Szenen seinen großen Auftritt hat (bevor er die von ihm bewunderte Sängerin um ein Autogramm bittet), ist wirklich eine aus einem Claude-Chabrol-Film gefallene Figur.

A Bigger Splash - Plakat

A bigger Splash (A bigger Splash, Italien/Frankreich 2015)

Regie: Luca Guadagnino

Drehbuch: David Kajganich

mit Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Matthias Schoenaerts, Dakota Johnson, Aurore Clement, Elena Bucci, Lily McMenamy, Corrado Guzzanti

DVD

Studiocanal

Bild: 1,85:1 anamorph

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen (mit optionalem Audiokommentar), Audiokommentar Hauptfilm, Trailer, Wendecover

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Italienische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „A bigger Splash“

Metacritic über „A bigger Splash“

Rotten Tomatoes über „A bigger Splash“

Wikipedia über „A bigger Splash“

Meine Besprechung von Luca Guadagninos „A bigger Splash“ (A bigger Splash, Italien/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „A bigger splash“ im Swimmingpool

Mai 7, 2016

Die Rockmusikerin Marianne (Tilda Swinton) und ihr Freund Paul (Matthias Schoenaerts), ein Fotograf und trockener Alkoholiker, der kürzlich einen Suizid versuchte, verbringen auf der italienischen Insel Pantelleria einige ruhige Tage. Sie darf nach einer Operation an ihren Stimmbändern nicht reden.

Als Harry (Ralph Fiennes), ein Ex-Freund und Mentor von Marianne, und seine bis dahin unbekannte Tochter Penelope (Dakota Johnson) sich bei ihnen in dem einsam gelegenem Haus mit Swimmingpool einquartieren, ist es mit der Ruhe vorbei. Denn Harry ist egomanischer Rockmusikproduzent mit entsprechendem Drogenkonsum, der Ruhe nur als Ruhe vor dem Sturm kennt.

A bigger Splash“, der neue Film von Luca Guadagnino, ist ein freies Remake von Jacques Derays „Der Swimmingpool“ und wenn man das weiß, kennt man auch die Handlung, die schon in Derays Film eher nebensächlich war. Guadagnino hat vor allem einen Sommerfilm mit schönen Menschen, die in der Einsamkeit auf sich zurückgeworfen sind, inszeniert und es geht um das Aufeinanderprallen von Rock’n’Roll-Lebensgefühl und bieder-bürgerlichem Leben. Marianne hat sich aus ihrem alten, zügellosem Leben verabschiedet. Mit dem introvertierten Paul will sie ein ruhiges Leben führen. Dagegen ist Harry immer noch ganz der Alte. Als er mit der jungen Penelope auftaucht, glauben sie zunächst, dass sie eine weitere seiner Geliebten ist. Und Harry will Marianne zurückerobern.

Neben dieser Eroberungsgeschichte spricht Guadagnino auch die aktuelle Flüchtlingskrise an. Denn Pantelleria liegt zwischen Sizilien und Tunesien. Und es geht um das Verhältnis der Generationen. Während die Alten, also Marianne und Harry sich noch alle Freiheiten nahmen, sieht Penelope wo das hin führt. Damit stellt sich auch die Frage, wie konservativ, – siehe für Deutschland die aktuelle Sinus-Jugendstudie -, die junge Generation ist und wie sehr die Älteren als Vorbild taugen.

Das inszeniert Guadagnino mit viel Rockmusik, vor allem von den „Rolling Stones“ (immerhin produzierte Harry sie) und einem großartigem Ensemble.

Auch wenn der Film mit über zwei Stunden etwas lang geraten ist, ist er ein Vergnügen. Nicht nur wegen der Tanznummer von Ralph Fiennes und dem wortlos-ausdruckstarken Spiel von Tilda Swinton, die Guadagnino, mit dem sie seit über zwanzig Jahren befreundet ist und zusammenarbeitet, diese Sprachlosigkeit vorschlug. Als Gegengewicht zu dem endlosen Gequassel von Harry.

A Bigger Splash - Plakat

A bigger Splash (A bigger Splash, Italien/Frankreich 2015)

Regie: Luca Guadagnino

Drehbuch: David Kajganich

mit Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Matthias Schoenaerts, Dakota Johnson, Aurore Clement, Elena Bucci, Lily McMenamy, Corrado Guzzanti

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Italienische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „A bigger Splash“

Metacritic über „A bigger Splash“

Rotten Tomatoes über „A bigger Splash“

Wikipedia über „A bigger Splash“

und einige Interviews

die Pressekonferenz in Vendig

Bei „Charlie Rose“ unterhält sich A. O. Scott (New York Times) mit Luca Guadagnino, Tilda Swinton und Ralph Fiennes (Bildqualität ist nicht berauschend)

Im AOL Building sitzen Luca Guadagnino und Ralph Fiennes


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Black Mass“ – ein Sachbuch und ein Film über Bostons Gangsterboss Whitey Bulger

Oktober 15, 2015

Was für ein Stoff! Die Geschichte eines Gangsterbosses, der auch jahrelang FBI-Informant war. Sein FBI-Führungsoffizier ist auch aus South Boston und kennt ihn seit Kindertagen. Sein Bruder, ein Demokrat, ist ein geachteter und einflussreicher Politiker, der von 1978 bis 1996 der Präsident des Repräsentantenhaus von Massachusetts war und damit immer noch der Politiker ist, der das Amt am längsten inne hatte. Entsprechend einflussreich und beliebt war er bei der Bevölkerung. Und dann ist das keine Hollywood-Fiktion, sondern Wahrheit. Der irischstämmige James ‚Whitey‘ Bulger war auf dem Höhepunkt seiner Karriere der unantastbare Gangsterboss von Boston. 1975 wurde der 1929 geborene Verbrecher FBI-Informant. Ende 1994 tauchte er unter, weil seine Tätigkeit für das FBI kurz vor der Enthüllung stand und er Anklagen für seine vielen Verbrechen befürchten musste.
Im Film, der mit der öffentlichen Enthüllung von Bulgers jahrzehntelanger Informantentätigkeit endet, wird Bulger von Johnny Depp gespielt und Depp lässt seine in den letzten Jahren gepflegten Komödien-Manierismen links liegen. Neben ihm sind Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Rory Cochrane und Corey Stoll dabei. Das Drehbuch ist von Mark Mallouk (sein erstes verfilmtes Drehbuch, aber als Produzent war er involviert in „Rush“, „Ruhet in Frieden“ und „Everest“) und Jez Butterworth (u. a. „Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“, „Edge of Tomorrow“, „Get on up“ und „Spectre“, der neue Bond), also Jungs, die eine wahre, spannende und auch komplexe Geschichte erzählen können.
Die Regie übernahm Scott Cooper, dessen Debüt „Crazy Heart“ von der Kritik abgefeiert wurde und dessen zweiter Film „Auge um Auge – Out of the Furnace“ ein etwas schleppend erzähltes düsteres Drama ist.
Das klingt doch vielversprechend.
Und doch ist „Black Mass“ eine große Enttäuschung. Es ist ein Gangsterfilm, der so eifrig bemüht ist, alles zu ignorieren, was einen Gangsterfilm ausmacht, was natürlich ein etwas unsinniges Unterfangen ist (als würde man ein Musical ohne Gesangsnummern inszenieren), aber gelingen könnte, wenn die Macher gewusst hätten, was sie erzählen wollen. Geht es um den Aufstieg und Abstieg von Bulger? Geht es um seine Beziehung zu dem FBI-Agenten John Connolly? Geht es um Vertrauen, Verrat und Verhaltensregeln? Den Ehrenkodex des Gangsters?
Wahrscheinlich geht es darum. Immerhin beginnt der Film mit einem Verhör bei der Polizei; wobei der Vernehmungsbeamte für den Film egal ist. Der Gangster, der betont, dass er aussagen werde, aber kein Verräter sei, gehört zwar zur Bande von Whitey Bulger, aber der Film wird nicht aus seiner Perspektive erzählt. Denn wir sehen hier und nach den folgenden Verhörszenen immer wieder Szenen, in denen Dinge gezeigt werden, die die Verhörten nicht wissen können. Sowieso sind die eher willkürlich eingestreuten Verhörszenen mit verschiedenen Bandenmitglieder nur ein Gimmick, der die sprunghafte Handlung nur mühsam kaschiert. Denn mit jedem neuen Verhör wird einfach ein weiteres Kapitel aufgeschlagen und manchmal auch ein längerer Zeitraum überbrückt. Wer dann von Bulger und seinen Jungs umgebracht wird, ist uns egal, weil wir zu dem Opfer keine emotioale Verbindung aufbauen konnten. Sowieso scheinen die Opfer vor allem Mitglieder aus Bulgers Bande zu sein, was zu einem weiteren Problem führt. In einem Gangsterfilm kämpfen Gangster gegeneinander und gegen die Polizei. In „Black Mass“ nicht. Immerhin schützt das FBI Bulger. Über seinen Aufstieg vom das Viertel beherrschenden zum die Stadt beherrschenden Gangster erfahren wir nichts, außer dass einmal gesagt wird, dass er dank des Schutzes des FBIs vom Southie-Kleingangster zum Paten von Boston aufsteigen konnte. Dass es auch andere Gangsterbanden in Boston gibt, vor allem natürlich die italienische Mafia, gegen die das FBI in den Siebzigern einen Feldzug führte, bleibt daher letztendlich eine Behauptung, die wir dem FBI glauben müssen.
Und warum Bulger irgendwann mit der IRA Geschäfte macht, können wir uns aus unserem, sofern vorhandenem, historischen Wissen über die IRA und ihre Unterstützer in den USA zusammenreimen. Aus dem Film erfahren wir es nicht. Dort ist es nur eine Episode, in der plötzlich ein Schiff beladen wird.
Entspechend eindimensional bleiben alle Charaktere. Sie sind Stichwortgeber für eine nicht vorhandene Geschichte. Vor allem Bulger bleibt blass. Er ist immer ein etwas älterer Mann mit schütteren Haaren und schlechten Kleidern. Er sieht immer aus, wie ein älterer Arbeiter aus der nächsten Eckkneipe. Dass er kaltblütig mehrere Menschen erdrosselt und erschießt, erscheint da fast wie eine seltsame Marotte. Aber besonders furchterregend wird er dadurch nicht. In den Momenten versprüht er bestenfalls die Aura eines Mafia-Handlangers, der in der nächsten Filmszene stirbt.
Auch alle anderen Charaktere agieren wie in einem Korsett. Leblos und steif hängen die Staatsdiener in ihren Anzügen. Natürlich immer in unauffällig zeitlos-seriösen Farben, mit Schlips und Weste, wie es sich schon damals seit Jahrzehnten für den gut gekleideten Mann gehörte. Die Gangster pflegen dagegen die ebenso zeitlos funktionale Hafenarbeiterkluft, die sich schon damals seit Jahrzehnten nicht änderte. So verstärkt die Kleidung das Gefühl, dass in „Black Mass“ alles, aber auch wirklich alles, seit Jahrzehnten schon fest zementiert ist. Und niemand es ändern will.
Dass die Filmgeschichte sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, erfahren wir nicht über die Bilder. Egal ob 1975, das Jahr in dem „Black Mass“ beginnt, oder die achtziger Jahre oder die frühen neunziger Jahre bis, Mitte der Neunziger, als Bulger als FBI-Spitzel enttarnt wird, immer sehen wir die gleichen abgeranzten Sechziger-Jahre-Arme-Leute-Küchen, South-Boston-Hinterhöfe, Hafenansichten, FBI-Büros (die nie durch Hippnes glänzten) und, selten, gehobene Restaurants, in denen ohne Schlips und Anzug niemand hineingelassen wird. Es sind Orte, an denen jede Modernisierung vorbei ging.
Die Dialoge stehen zwar in der George-V.-Higgins- und Elmore-Leonard-Schule, aber in „Black Mass“ bleiben sie nur folgenloses Gebabbel. Das ist in den ersten Minuten, wegen der vermeintlichen Authenzität noch toll, aber es wird zunehmend zu einem Problem. Denn die Dialoge drehen sich mehr im Kreis, als dass sie die Handlung vorantreiben. Die ist sowieso nur locker an Bulgers verschiedenen Morden aufgehängt. Morde, die für die Handlung keine erkennbare Bedeutung haben.
So wird der gesamte Film ziemlich schnell zu einer reinen Geduldsprobe, die gefühlt mindestens doppelt so lange ist wie der zweistündige Film.
Wieviel besser und kurzweiliger ist dagegen David O. Russells 138-minütiger „American Hustle“, der die gleichen Themen behandelte und ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert.
Und was hätte Martin Scorsese nur aus dieser Geschichte gemacht?
Uh, ähem, hat er schon. Vor neun Jahren. „Departed – Unter Feinden“ heißt der Film, Jack Nicholson spielt den Gangsterboss, der im Film Frank Costello heißt und der von Whitey Bulger inspiriert ist. Ein grandioser Film, der Scott Coopers Scheitern umso schmerzhafter zeigt.

Black Mass - Plakat

Black Mass (Black Mass, USA 2015)
Regie: Scott Cooper
Drehbuch: Mark Mallouk, Jez Butterworth
LV: Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal, PublicAffairs, 2000 (Black Mass – Der Pate von Boston)
mit Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Jesse Plemons, Rory Cochrane, David Harbour, Adam Scott, Corey Stoll, Juno Temple, Julianne Nicholson
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage: ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente und schon auf den ersten Seiten fragte ich mich, wie es den Filmmachern gelang, all die auf dem Präsentierteller liegenden erzählerischen Goldstücke zu ignorieren. Vieles wird zwar im Film auch angesprochen oder angedeutet, aber erst beim Lesen des Buches versteht man die Hintergründe und damit auch die Handlungen der Beteiligten. Deshalb ist das Buch eine so ungemein spannende Lektüre, die einem so viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt und, im Gegensatz zum Film, den Wunsch weckt, South Boston zu besuchen.

Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Mass“
Moviepilot über „Black Mass“
Metacritic über „Black Mass“
Rotten Tomatoes über „Black Mass“
Wikipedia über „Black Mass“ (deutsch, englisch) und Whitey Bulger (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe von „Black Mass“

Die „Black Mass“-Pressekonferenz beim Filmfest in Venedig

Nachtrag (20. Oktober 2015)

„French Connection“ William Friedkin unterhält sich mit Scott Cooper über den Film

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Protzkarren mit „Need for Speed“

März 21, 2014

 

Need for Speed“ basiert auf einem Videospiel und wie bei vielen Spieleverfilmungen fragte ich mich, ob Spieleverfilmungen wirklich so komplett logikentkernt sein müssen. Allerdings erreicht „Need for Speed“ hier ganz neue Qualitäten, die dazu führen, dass ich mich die ganze Zeit fragte, warum ich auch nur den Funken eines Gefühls in diese Pappkameraden investieren sollte, die sich durchgängig vollkommen idiotisch verhalten.

Also, es geht um Tobey Marshall, einen begnadeten, herzensguten Automechaniker, der in illegalen Straßenrennen Geld verdient, und der mit dem stinkreichen und daher arroganten Ex-NASCAR-Rennfahrer Dino Brewster verfeindet ist. Um seinen Schuldenberg abzubezahlen, motzt er für Dino einen Mustang Shelby auf. Das drei Millionen Dollar teure Auto wird nach England verkauft und bei einem kleinen Rennen, tagsüber auf der gut befahreren Autobahn, zwischen Dino, Tobey und Tobeys Kumpel Little Pete bringt Dino Little Pete um und haut ab. Tobey wandert in den Knast – und wir fragen uns, ob es im Staat New York keine Forensiker mehr gibt, die einen Blick auf fehlende Bremsspuren, demolierte Autos und Videoaufnahmen werfen und Zeugen befragen. Auch alle Anwälte waren nach dem Unfall anscheinend anderweitig beschäftigt.

Jedenfalls wandert Tobey als Mörder von Little Pete in den Knast. Zwei Jahre später wird er entlassen, will sich rächen, kriegt als Leihwagen den superteuren Mustang Shelby (aus Great Britain mit blonder Aufpasserin eingeflogen) und macht sich, natürlich im Auto, auf den Weg zum nächsten illegalen Autorennen, das irgendwo in der Nähe von San Francisco stattfindet. Denn die optimale Vorbereitung für ein Rennen ist nun einmal eine 48-stündige Überlandfahrt von New York nach Kalifornien.

Need for Speed“ klont weitgehend humorfrei „Auf dem Highway ist die Hölle los“ ohne das Autorennen von Küste zu Küste und ohne die Stars, mit der „Fast & Furious“-Serie; wobei nach „Need for Speed“ sogar der grottige „The Fast and the Furious: Tokyo Drift“ wie ein filmisches Meisterwerk wirkt. Immerhin sind Tobeys brave Kumpels ähnlich multiethnisch wie Doms wesentlich unterhaltsamere Gangsterposse.

Bis auf die erfrischende Mißachtung von Geld, wenn immer wieder innerhalb von Sekunden Autos, die mehrere Millionen wert sind, geschrottet oder auch mal mit einem Hubschrauber abtransportiert werden und den handgemachten Actionszenen, inclusive einiger spektakulärer Bilder von Stunts und Crashs, gibt es nichts, was die Klischeeparade „Need for Speed“ auch nur irgendwie sehenswert macht.

Ach ja, im Gegensatz zu „Alarm für Cobra 11“ wird hier sogar im 3D-Modus geschrottet.

Need for Speed - Plakat

Need for Speed (Need for Speed, USA 2013)

Regie: Scott Waugh

Drehbuch: George Gatins (nach einer Idee von George Gatins und John Gatins)

mit Aaron Paul, Dominic Cooper, Imogen Pots, Ramon Rodriguez, Michael Keaton, Rami Malek, Scott Mescudi, Dakota Johnson, Harrison Gilbertson

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homeapge zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Need for Speed“

Moviepilot über „Need for Speed“

Metacritic über „Need for Speed“

Rotten Tomatoes über „Need for Speed“

Wikipedia über „Need for Speed“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Scott Waughs „Act of Valor“ (Act of Valor, USA 2012)


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