Neu im Kino/Filmkritik: „Trumbo“, ein grandioses Biopic über einen Hollywood-Autor mit Berufsverbot

März 14, 2016

Er schrieb die Drehbücher für einige heute immer noch gern gesehene Filmklassiker, wie „Ein Herz und eine Krone“, „Spartacus“ und „Papillon“. Er schrieb auch die Drehbücher für „Gefährliche Leidenschaft“ (Gun Crazy), „Exodus“, „El Perdido“. „Einsam sind die Tapferen“, „Ein Mann wie Hiob“ und, seine einzige Regiearbeit, „Johnny zieht in den Krieg“, die seltener im Fernsehen gezeigt werden.
Für „Ein Herz und eine Krone“ und „Roter Staub“ (The brave one) erhielt er den Drehbuchoscar, aber weil er damals auf der Schwarzen Liste stand und deshalb weder unter seinem Namen noch unter Pseudonym arbeiten durfte, schrieb er die Bücher für deutlich weniger Geld als er es gewohnt war, nannte einen Strohmann als Autor und war bei der Preisverleihung nicht dabei. Denn Dalton Trumbo (9. Dezember 1905 – 10. September 1976) war eines der prominentesten Opfer von Senator McCarthy, der damals alle jagte, die er für Kommunisten hielt. Kommunismus war nach dem Zweiten Weltkrieg unamerikanisch und, um eine Unterwanderung der amerikanischen Gesellschaft zu verhindern, mussten alle, die auch nur verdächtig waren, Kommunisten zu sein, verfolgt werden. McCarthy war mit seiner Paranoia für eine in den USA ziemlich einmalige Hexenjagd verantwortlich, die auch in dem ebenfalls sehenswertem SW-Film „Good Night, and Good Luck“ (USA 2005) thematisiert wird (oder lest den Wikipedia-Artikel).
Dalton Trumbo war, im Gegensatz zu anderen McCarthy-Opfern, sogar seit 1943 Mitglied der Kommunistischen Partei, was damals vor allem bedeutete, dass er sich für Arbeiter- und Bürgerrechte engagiert und den intellektuellen Schlagabtausch genoss. Seine Tochter Niki Trumbo sagt im Presseheft: „Trumbo ist immer noch als Kommunist bekannt, aber den Menschen ist wohl nicht so richtig klar, dass er vor allem ein Patriot war. In den späten Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren war er ein Kommunist, als das noch bedeutete, dass man für die Arbeiter eintrat und sich gegen die Jim-Crow-Mentalität stellte, dass man sich für die Bürgerrechte der afroamerikanischen Bevölkerung einsetzte. Es hatte nichts mit Russland zu tun, dafür aber mit der Überzeugung, wie man ein bereits großartiges Land noch besser machen könnte.“
In seinem Film „Trumbo“ setzt Jay Roach diesem Mann ein filmisches Denkmal, das man so nicht erwartet hätte. Immerhin ist Jay Roach bei uns vor allem für die „Austin Powers“-Filme und die Komödien „Meine Braut, ihr Vater und ich“ und die Fortsetzung „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich“ bekannt. Er inszenierte aber auch den mit drei Golden Globes ausgezeichneten, hochkarätig besetzten HBO-Film „Game Change – Der Sarah-Palin-Effekt“. „Trumbo“-Drehbuchautor John McNamara schrieb bislang nur fürs Fernsehen; für Serien wie „Superman – Die Abenteuer von Lois & Clark“, „In Plain Sight“ und, aktuell, „The Magicians“ und „Aquarius“. Auch „Trumbo“ hat einen leichten, nicht unangenehmen TV-Touch mit seinen vielen Innenaufnahmen, seinen wenigen Schauplätzen, der Betonung des Dialogs und der straffen Erzählweise, die nah am klassischen Hollywood-Kino ist, als die Geschichte im Vordergrund stand und die Kamera meist unauffällig im Hintergrund blieb. Diese Erzählweise ergänzt angenehm die zwischen 1947 und 1970 spielende Filmgeschichte. Wobei sich der Film auf die Tage und Wochen vor Trumbos Berufsverbot nach seiner Anhörung vor dem HUAC (Komitee für unamerikanische Umtriebe), seinen Versuchen, die Familie in den Fünfzigern zu ernähren und er dabei mit dem B-Movie-Produzenten Frank King als Auftraggeber ein kleines, subversives Imperium von Autoren errichtete, die unter Pseudonymen, trotz des Verbots Drehbücher im Akkord schrieben, und seiner Rehabilitierung mit den Drehbüchern zu Stanley Kubricks „Spartacus“ (wobei Hauptdarsteller Kirk Douglas die treibende Kraft war) und Otto Premingers „Exodus“, die beide zeitgleich entstanden und 1960 in den Kinos anliefen. Mit „Spartacus“ endete die Ära der Schwarzen Liste.
„Trumbo“ überzeugt als historisch gesättigtes, hochkarätig besetztes Schauspielerkino, garniert mit einigen zeitgenössischen Aufnahmen und mit einer klaren, auch heute noch gültigen Botschaft. Es ist auch das ernste Gegenstück zur quietschbunten Hollywood-Nummernrevue „Hail, Caesar!“ der Coen-Brüder, die ebenfalls in den fünfziger Jahren in Hollywood spielt.
Jay Roach meint zu seinem Film: „Dalton Trumbo war ein amerikanischer Patriot, aber seine Verteidigung der Redefreiheit machte ihn in den Augen mancher Leute zum Verräter. Mein Film stellt eine entscheidende Frage: Wie sind wir als Land an einen Punkt gekommen, an dem es richtig erschien, jemanden wie Trumbo ins Gefängnis zu stecken und daran zu hindern, seinen Beruf als Autor auszuüben? Diese Frage ist wichtig in einer Zeit, in der unser Land stärker gespalten ist, als ich es in meinem Leben jemals erlebt habe. Es geht um fundamentale Dinge und wir stellen die Frage, wie wir als Land weitermachen wollen. Redefreiheit ist leicht verteidigt, wenn wir Dinge aussprechen, die nicht anecken. Aber die Bill of Rights wurde entworfen, um Menschen zu beschützen, die Dinge sagen, die unbequem sind. Trumbo hat es immer und immer wieder gesagt. Es ist die Essenz des demokratischen Experiments.“

Trumbo - Plakat
Trumbo (Trumbo, USA 2015)
Regie: Jay Roach
Drehbuch: John McNamara
LV: Bruce Cook: Trumbo, 1977
mit Bryan Cranston, Diane Lane, Helen Mirren, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Louis C. K., David James Elliott, Elle Fanning, John Goodman, Michael Stuhlbarg, Alan Tudyk, Dan Bakkedahl, Roger Bart, Christian Berkel
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Trumbo“
Metacritic über „Trumbo“
Rotten Tomatoes über „Trumbo“
Wikipedia über „Trumbo“ (deutsch, englisch) und über Dalton Trumbo (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Hitman: Agent 47“ – zweiter Versuch, wieder mit Anzug und Glatze

August 27, 2015

In der Theorie spricht nichts dagegen, dass man aus einem Computerspiel einen guten Film machen kann. Immerhin dienen Computerspiele auch als Inspirationen für Romane und Comics – und das sind nicht unbedingt die schlechtesten Romane und Comics, die sogar von Menschen genossen werden können, die mit der Vorlage nichts anfangen können.
Außerdem werden ständig Romane und Comics verfilmt.
Und Agent 47 ist für einen Spielfilm eigentlich ein genialer Charakter. Er hat, dank Anzug, Glatze und Strichcode, einen hohen Wiedererkennungswert und ein eiskalter Profikiller ist nicht die schlechteste Ausgangslage für eine spannende Geschichte. Schon sein Beruf „Auftragsmörder“ gibt die Geschichte vor, die mit seiner aus den Spielen bekannten Hintergrundgeschichte beliebig angereichert werden kann.
In der Praxis sind viele Spiel-Verfilmungen nicht gut, sondern schlecht, sehr schlecht oder filmischer Sondermüll. Auch die erste Verfilmung des Spiels „Hitman“, „Hitman – Jeder stirbt alleine“ (Hitman, Frankreich/USA 2007), war nicht gut. Obwohl; rückblickend erscheint Timothy Olyphants Auftritt als Killer gar nicht mehr so schlecht. Denn inzwischen gibt es „Hitman: Agent 47“ mit Rupert Friend („Homeland“) als Agent 47,
Die Story für den neuen Film, wieder geschrieben von Skip Woods (der eine beeindruckende Liste schlechter Filme in seiner Filmographie hat), ist eine verworrene Entschuldigung für die mauen Actionszenen. Irgendwie geht es um eine junge Frau, die Agent 47 umbringen soll, es dann aber doch nicht tut, während andere sie umbringen wollen und irgendwie ist die Dame sehr wichtig für verschiedene Organisationen. Und dann geht es noch ums Klonen und die Vergangenheit von Agent 47.
Diese „der Killer hilft seinem Opfer gegen seinen Auftraggeber“-Geschichte ist zwar nicht neu, aber für einen Actionfilm wäre sie absolut ausreichend, wenn man einfach diese Geschichte erzählen würde. Stattdessen lassen die Macher einfach Szenen aufeinander folgen, die keinen Sinn ergeben und sich widersprechen. Da hilft dann auch nicht die Pseudo-Erklärung, dass der als Retter eingeführte Charakter doch ein Bösewicht ist und dass der Killer dann doch zum Guten mutiert, weil der Autor es so will. Denn die Hälfte dieser Erklärungen wird in der nächsten Szene wieder kassiert und auch das Interesse des gutwilligsten Zuschauer erlahmt schneller als ein Flammkuchen kalt wird, weil man zu keinem Charakter eine emotionale Bindung aufbauen kann.
Dadurch geraten die Actionszenen zu einer langweiligen Angelegenheit, bei der uns ziemlich egal ist, wer wen warum wie besiegt. Immerhin verfolgt man als Berliner die in der Hauptstadt spielende Actionszene gespannt, weil man zuerst die Drehorte erkennen will und danach verzweifelt überlegt, wie die Charaktere von A nach B gekommen sind. Der in Saigon spielende Schlußkampf hat sogar diesen Vorteil nicht mehr.
Etwas Gutes hat „Hitman: Agent 47“, das Spielfilmdebüt des Werbefilmers Aleksander Bach, dann doch. Er kann künftig bei Seminaren wundervoll als ein in jeder Sekunde überzeugendes Lehrbeispiel für vermeidbare Fehler im Erzählen von Geschichten gezeigt werden.

Hitman - Agent 47 - Plakat

Hitman: Agent 47 (Hitman: Agent 47, USA 2015)
Regie: Aleksander Bach
Drehbuch: Skip Woods, Michael Finch (nach einer Geschichte von Skip Woods)
mit Rupert Friend, Hannah Ware, Zachary Quinto, Ciarán Hinds, Thomas Kretschmann, Angelababy, Dan Bakkedahl
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Hitman: Agent 47“
Moviepilot über „Hitman: Agent 47“
Metacritic über „Hitman: Agent 47“
Rotten Tomatoes über „Hitman: Agent 47“
Wikipedia über „Hitman: Agent 47“ (deutsch, englisch)


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