Neu im Kino/Filmkritik – und ein höllischer Buchtipp: „Hellboy – Call of Darkness“ – bekannter Charakter, neuer Schauspieler, viel rustikaler Spaß

April 11, 2019

Beginnen wir mit der großen Frage: wie schlägt sich der neue Hellboy-Darsteller? Ron Perlman, der Hellboy in zwei kultisch verehrten Filmen wahrlich verkörperte, ist für viele Hellboy. Für sie kann es keinen anderen geben. So wie die ganz alten James-Bond-Fans immer noch Sean Connery für den einzig wahren 007 halten. Die ersten Bilder und Trailer scheinen ihnen recht zu geben.

Im Film verschwinden die Bedenken gegen „Stranger Things“-Star David Harbour schnell. Das liegt auch daran, dass die Macher sich keine zwei Sekunden damit aufhalten, den Schauspielerwechsel zu erklären oder zu erzählen, wie Hellboy Hellboy wurde.

Hellboy – Call of Darkness“ beginnt mitten in der Geschichte. In Tijuana soll Hellboy einen vermissten Kollegen finden und zurückholen. Er findet ihn bei einem Wrestling-Kampf und, weil der Kollege nicht freiwilig mitkommen will, muss Hellboy sich mit ihm im Ring kloppen. Die die engen Grenzen des Rings überschreitende, alle Regeln brechende Schlägerei geht viral – und ab da, eigentlich schon ab dem ersten Moment, als Harbour als Hellboy durch eine dunkle Gasse stampft, hatte ich keine Probleme mehr mit dem neuen Hellboy.

Neil Marshall („The Descent“, „Doomsday“) inszenierte seinen „Hellboy“-Film „Call of Darkness“ mit punkiger No-Nonsense-Attitüde mehr down to earth als Guillermo del Toro seine beiden „Hellboy“-Filme. Alles ist düsterer, der Humor robuster und die Schlägereien sind ebenfalls ziemlich robust. „Hellboy – Call of Darkness“ ist wie der Besuch in einem Pub mit viel Bier, Hausmannskost, derben Sprüchen, Abschweifungen und, Gott bewahre, einer Kneipenschlägerei.

Das vermittelt genau den rotzfrechen Spaß, den „Hellboy“-Erfinder Mike Mignola seit 1993 in seinen Comics vermittelt. Und jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu erklären, wer Hellboy ist. Hellboy ist ein im zweiten Weltkrieg von den Nazis mit der Hilfe von Rasputin aus der Hölle zurückgeholtes Wesen. Als er in unsere Welt zurückkehrte, war er ein Baby mit Hörnern. Professor Trevor ‚Broom‘ Bruttenholm (Ian McShane) rettet das kleine Wesen aus der Hölle, während er und seine Kampfgefährten die Nazis und alle anderen höllischen Wesen töten. Anschließend erzieht Broom das Kind aus der Hölle. Hellboy wird, als muskelbepacktes Mannsbild mit Höllenschwanz, aber ohne Hörner (die hat er sich abgeschnitten und rasiert sie fast täglich nach), zu einem Kämpfer gegen andere Wesen aus der Hölle, Dämonen, Hexen und was es sonst noch so gibt an Monstern und unmenschlichen Bösewichtern. Dabei helfen ihm seine Freunde aus der B. U. A. P. (Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, bzw. im Original B. P. R. D. – Bureau for Paranormal Research and Defense). Seine Kampfgefährten verfügen ebenfalls über besondere Fähigkeiten. Ihre Einsätze sollen unter dem Radar der Öffentlichkeit ablaufen. Hellboy gelingt das nicht immer.

In seinem neuen Kinoabenteuer (das lose auf dem neunten „Hellboy“-Sammelband „The Wild Hunt“ [Ruf der Finsternis] basiert) treten einige der aus den vorherigen beiden „Hellboy“-Filmen und den Comics bekannten Nebencharaktere nur kurz auf. Ihre Auftritte sind Cameos, während Hellboy fast im Alleingang gegen die Bluthexe Nimue (Milla Jovovich) kämpfen muss.

Nimue wurde, wie wir im Prolog des Films erfahren, 517 von König Artus getötet. Sie wurde zerstückelt und ihre Leiche in kleinen, versiegelten Truhen über das gesamte Königreich verteilt. Sie sollte auf Ewigkeiten zerstückelt bleiben. Denn wenn jemand ihre Einzelteile wieder zusammenfügt, kann die Hexe ihr Zerstörungswerk fortsetzen.

Noch bevor Nimue ihr Werk fortsetzen kann, wird Hellboy von Professor Broom nach England geschickt. Er soll dem Osiris-Club bei der Jagd nach Riesen helfen. Der Osiris-Club ist, salopp gesagt, das britische Pendant zur B. U. A. P..

Die Einladung zur Jagd ist eine Falle. Hellboy gelingt es, seine Häscher und die im Wald hausenden Riesen zu töten.

In London trifft er auf Alice Monaghan (Sasha Lane [„American Honey“]) und Ben Daimio (Daniel Dae Kim [„Hawaii Five-0“]), die ihm bei der Jagd nach Nimue und ihrem Gehilfen Gruagach helfen. Die übernatürlich begabte Alice lernte er vor Jahren kennen. Als Baby wurde sie von bösen Feen entführt und er sie rettete. Ben, der sich in einen Werjaguar (nicht Werwolf, aber so ähnlich) verwandeln kann, lernt er jetzt kennen.

Zu dritt ziehen sie in den Kampf gegen Nimue, die jetzt ihr vor Jahrhunderten begonnenes Werk beenden will. Und Hellboy erfährt dabei einige Dinge über seine Herkunft und Bestimmung, die ihm nicht gefallen.

So viel zu der nicht sonderlich wichtigen Story von „Call of Darkness“. Denn letztendlich ist der düstere Film eine herrliche mit One-Linern und Abschweifungen gesättigte Klopperei, in der es oft handfest und drastisch zur Sache geht – und David Harbour ist der Hellboy für eine neue Generation. Wie Roger Moore, Pierce Brosnan und Daniel Craig die neuen James Bonds für neue Generationen waren. Die kurzen Gastspiele von George Lazenby und Timothy Dalton (wobei der sich tapfer schlug) lassen wir mal weg.

P. S.: Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, David Harbour. Der war am 10. April.

Hellboy – Call of Darkness (Hellboy, USA 2019)

Regie: Neil Marshall

Drehbuch: Andrew Crosby

LV: „Hellboy“-Comics von Mike Mignola

mit David Harbour, Milla Jovovich, Ian McShane, Daniel Dae Kim, Sasha Lane, Thomas Haden Church, Brian Gleeson

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Mehr Hellboy? Die brandneue literarische Ergänzung zum Film

Pünktlich zum Filmstart erscheint der dritte von Christopher Golden herausgegebene Sammelband mit Hellboy-Kurzgeschichten. Wieder sparsam illustriert von Hellboy-Erfinder Mike Mignola. Die brandneuen Geschichten (jedenfalls als „Oddest Jobs“ 2008 in den USA erschien) wurden von namhaften Autoren geschrieben:

Joe R. Lansdale: Mit Schatten und Drachen und langen schwarzen Zügen das Tanzbein schwingen

Mark Chadbourn: Pur, ohne alles

John Skipp & Cody Goodfellow: Zweite Flitterwochen

Ken Bruen: Danny Boy

Garth Nix: Merkwürdiger Angelausflug in den westlichen Highlands

Brian Keene: Salamander Blues

Tad Williams: Die Donnerstagsmänner

Amber Benson: Leckerbissen

Barbara Hambly: Rückeroberung

Gary A. Braunbeck: In Geschirrschränken und auf Bücherborden

Rhys Hughes: Die Flüsse des Skiron

Stephen Volk: Monster Boy

Don Winslow: Evolution im Hellhole Canyon

China Miéville: Ein eigenes Zimmer

Muss ich noch mehr sagen?

Christopher Golden (Hrsg.): Hellboy: Leckerbissen

(illustriert von Mike Mignola) (übersetzt von Verena Hacker und Aimée de Bruyn Ouboter)

Golkonda, 2019

ca. 360 Seiten

16,90 Euro (gedruckte Ausgabe)

9,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Hellboy – Call of Darkness“

Metacritic über „Hellboy – Call of Darkness“

Rotten Tomatoes über „Hellboy – Call of Darkness“

Wikipedia über „Hellboy – Call of Darkness“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mike Mignola

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Tödliches Terrain (Band 7)“ (BPRD: Killing Ground, 2008)

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Die Warnung (Band 8)“ (BPRD: The Warning, 2009/2010)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Bestimmung – Allegiant“ – erste Runde im Finale

März 17, 2016

Was bei Harry Potter, Twilight und Die Tribute von Panem funktionierte, soll auch bei „Die Bestimmung“ funktionieren: das Finale, die Verfilmung des abschließenden Romans der Trilogie, wird auf zwei Filme aufgeteilt zu einer „Trilogie in vier Filmen“. Deshalb wird die Geschichte gestreckt, es gibt Veränderungen zur Vorlage (hier die Details LINK) und der Film endet einfach mitten in der Geschichte, was dazu führt, dass man einen halben Film besprechen soll und die Zuschauer zwei Tickets lösen müssen, um eine Geschichte zu sehen. Dabei war und ist „Die Bestimmung“ nicht „Die Tribute von Panem“. Also von ihrer Qualität. Die Story selbst folgt den ausgetretenen dystopischen Pfaden, die sich nur anhand ihrer Hauptdarstellerin unterscheiden.
Am Ende von „Die Bestimmung – Insurgent“ warf Beatrice „Tris“ Prior (Shailene Woodley) einen Blick über die gut gesicherte Mauer von ihrer Welt, dem zerstörten Chicago und entdeckte eine Welt dahinter.
Jetzt flüchtet sie, bepackt und bekleidet als ginge es zum nächsten Café, mit ihren Freunden, die wir aus den vorherigen Filmen kennen, aus der Stadt. Tori (Maggie Q) stirbt dabei (sie ist ja auch wirklich zu alt, um mit einigen Jugendlichen abzuhängen). Peter (Miles Teller) wird mitgenommen, weil er verspricht, sich jetzt wirklich zu benehmen. Der Opportunist tut es natürlich nicht, sondern verbündet sich wieder mit den bösen, erwachsenen Mächtigen. Dieses Mal verkörpert von David (Jeff Daniels), dem Leiter des „Amt für genetisches Sozialwesen“.
David will Tris für seine Zwecke einspannen. Denn, so erklärt er Tris, Chicago sei Teil eines genetisches Experiments, das die Fehler eines vorherigen genetisches Experiments beheben soll. Tris, die zu keiner Fraktion (das waren die aufgrund ihrer Eigenschaften, vulgo Gene, in Gruppen sortierte Menschen) gehöre, sei, die Auserwählte. Ihr Genpool sei rein und daher sei sie das gelungene Ergebnis des zweihundertjährigen Experiments. Deshalb will er mit ihren reinen Genen weiterarbeiten. Sie vervielfältigen und weitere reine Menschen schaffen, während sich in Chicago die Menschen mit den defekten Genen gegenseitig weiter töten dürfen.
Ähem, abgesehen von dem idiotischen Lösungsvorschlag, misslungene genetische Experimente mit noch mehr Genetik zu beheben, ist diese Gesellschaft ein einziger faschistoider Staat, was aber die frei denkende Tris, die ja in Chicago gegen verschiedene Diktaturen kämpfte und sich eben nicht in irgendeine Gesellschaft einordnen wollte, nicht daran hindert, von Davids Vision begeistert zu sein. Jedenfalls zunächst und eher so Drehbuch-begeistert.
Wer „Die Bestimmung – Divergent“ und „Die Bestimmung – Insurgent“ nicht gesehen hat und auch nicht plant, sich in einem Jahr den Abschluss der Trilogie anzusehen, kann getrost auf „Die Bestimmung – Allegiant“ verzichten. Es ist ein Film ohne Anfang und ohne Ende. Es ist, als ob man eine Folge aus einer mediokren Soap Opera sieht und sich dabei ständig fragt: Was soll das? Weder die Welt, noch die Hauptfiguren und die Konflikte werden eingeführt, weil man das ja schon in den vorherigen beiden Filmen getan hat. Es gibt auch keine erklärende Einführung oder Zusammenfassung bisheriger Ereignisse, weil Zuschauer ja die vorherigen beiden Filmen gesehen haben.
Aber auch als weiteres Bindeglied zwischen dem Anfang der Geschichte in „Die Bestimmung – Divergent“ und dem Abschluss, nächstes Jahr in „Die Bestimmung – Ascendant“ funktioniert „Die Bestimmung – Allegiant“ nicht. Die gänzlich humorfreie Handlung, wenn man sie denn so nennen will, bewegt sich im Schneckentempo mit, jedenfalls bis zum Abschluss dieses Films, verzichtbaren Subplots, voran. So als strecke man eine dünne Suppe noch weiter. Die Konflikte sind unklar, weil einfach zwischen den verschiedenen Handlungsorten und Erzählsträngen hin und her gewechselt wird, ohne dass sie in einer erkennbaren Beziehung zueinander stehen. Anstatt die Handlung voranzutreiben, entschleunigen sie sie weiter. Die Charaktere sind erschreckend blass. Und das gilt auch für die schon aus den beiden vorherigen Filmen bekannten Figuren. Die utopische Welt ist hirnrissig in ihrer Mischung aus glänzendem High Tech und zerstörter Kriegslandschaft. Chicago sieht, immer noch, wie das zerbombte Berlin zwei Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus. Die menschenfeindliche Kloake um Chicago, durch die Tris und ihre Freunde gehen, wie die DDR zur Wende. Bitterfeld lässt grüßen.
Mit seinem „Amt für genetisches Sozialwesen“ (bin ja gespannt auf die anderen Projekte des Amtes) hat David mitten in einer stinkend-toxischen Müllkippe eine kleine Insel geschaffen, in der die unteren Ränge in einer riesigen Lagerhalle ohne irgendeinen Hauch von Privatsphäre übernachten müssen, während David in einem großen Zimmer logiert und die Forschungsabteilung ebenso pompös ausgestattet ist.
Hätten sie nicht in den vergangenen zwei Jahrhunderten etwas terraforming betreiben können? Und warum will irgendjemand, der High-Tech-Labore schaffen kann, nicht auch einmal etwas aufräumen? Zweihundert Jahre sollten doch genügen, um etwas Ordnung zu schaffen. Und auch bei uns ist in Internaten, Kasernen, Krankenhäusern und Gefängnissen die Zeit der Schlafsäle schon lange vorbei. Sogar Mehrbettzimmer werden immer seltener.
Auch in der dritten „Die Bestimmung“-Episode bleiben die Hauptfiguren, wie gesagt, blass. Teilweise, was vor allem für die Erwachsenen gilt, werden sie sogar zunehmend uninteressanter und hängen nur so im Film herum, um, vielleicht, im Finale eine wichtige Rolle zu haben. Den Jugendlichen geht es nur etwas besser.
Tris, die uns ja als weibliche Heldin verkauft wird, fällt im Zweifelsfall in die vertrauten, konservativen Rollenmuster zurück. Anstatt selbst zu kämpfen, lässt sie sich von ihrem Freund retten und überlässt ihm das Kämpfen. Ellen Ripley wäre das niemals eingefallen.
Wetten, dass sich am Ende von „Die Bestimmung – Ascendant“ Tris Priors Ambitionen für ihr weiteres Leben auf das Gründen einer Familie und sonntägliche Kirchenbesuche beschränken?

Die Bestimmung - Allegiant - Plakat

Die Bestimmung – Allegiant (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016)
Regie: Robert Schwentke
Drehbuch: Noah Oppenheim, Adam Cooper, Bill Collage
LV: Veronica Roth: The Divergent Series: Allegiant, 2013 (Die Bestimmung – Letzte Entscheidung)
mit Shailene Woodley, Theo James, Jeff Daniels, Miles Teller, Ansel Elgort, Zoë Kravitz, Maggie Q, Octavia Spencer, Naomi Watts, Ray Stevenson, Mekhi Phifer, Daniel Dae Kim, Bill Skarsgard, Jonny Weston
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Die Bestimmung – Allegiant“
Metacritic über „Die Bestimmung – Allegiant“
Rotten Tomatoes über „Die Bestimmung – Allegiant“
Wikipedia über „Die Bestimmung – Allegiant“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Insurgent“ (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)


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