Neu im Kino/Filmkritik: Naomi Watts ist „Shut in“. Aber wo?

Dezember 15, 2016

Naomi Watts wollte wieder einmal in einem Horrorfilm mitspielen – soweit man „Shut in“ einen Horrorfilm nennen kann. Doch dazu später mehr. Also nahm sie die Rolle der Kinderpsychologin Mary an, die in Neuengland in einem einsam im Wald gelegenem Anwesen, in dem sie auch ihre Praxis hat, lebt.

Vor einigen Monaten gab es einen schrecklichen Autounfall, bei dem ihr Mann starb und ihr Stiefsohn schwer verletzt überlebte. Seit dem Unfall pflegt sie ihren vollständig gelähmten, achtzehnjährigen Stiefsohn Stephen (Charlie Heaton) in dem Haus.

Einer ihrer Patienten ist der taube, verhaltensauffällige Waisenjunge Tom (Jacob Tremblay).

An einem Winterabend steht er vor ihrer Haustür. Kurz darauf verschwindet das Kind und alle nehmen an, dass Tom sich im Wald verirrte und tot ist.

Seitdem hat Mary Visionen oder Alpträume oder etwas ganz anderes, in denen Tom auftaucht.

Regisseur Farren Blackburn (u. a. die TV-Serien „The Fades“ und „Daredevil“) will sich in seinem Spielfilmdebüt nicht entscheiden, welche Fährten er für die Zuschauer auslegen soll. Also ob er einen Thriller erzählen will, in dem Mary in den Wahnsinn getrieben wird oder ob er ein Drama erzählt, in dem sie von ihren Schuldkomplexen gequält (Mann tot, Sohn im Rollstuhl, Patient spurlos verschwunden), wahnsinnig wird oder ob er einen Horrorfilm erzählen will, in dem Mary von für sie von höchst realen Dämonen gequält wird. Jede Richtung ergäbe vielleicht keinen brillanten, aber in jedem Fall okayen Film. Blackburn schlägt allerdings keine Richtung ein und so ist „Shut in“ über weite Strecken ein Geisterhorrorfilm, der nicht ängstigen will und bei dem man sich fragt, was er erzählen will.

Im langen dritten Akt gibt es dann eine Auflösung, die hoffnungslos unglaubwürdig ist. Einerseits weil sie nicht vorbereitet wird, andererseits weil sie nicht funktioniert. Weder in der Realität, noch in der Filmrealität.

Shut in“ ist ein Film zum Vergessen. Trotzt Naomi Watts, Oliver Platt (als ihr Psychologe, der sie via Skype berät) und Jacob Tremblay, der allerdings schnell im Schnee verschwindet. Oder doch nicht.

shut-in-plakat

Shut in (Shut in, USA/Kanada/Frankreich 2016)

Regie: Farren Blackburn

Drehbuch: Christina Hodson

mit Naomi Watts, Oliver Platt, Jacob Tremblay, Charlie Heaton, David Cubitt, Clémentine Poidatz

Länge: 95 Minuten

FSK:ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Shut in“

Metacritic über „Shut in“

Rotten Tomatoes über „Shut in“

Wikipedia über „Shut in“

Meine Besprechung von Farren Blackburns „The Fades“ (The Fades, GB 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Stonewall“, eine nicht besonders gelungene Geschichtsstunde

November 19, 2015

Auf der technischen Ebene gibt es bei „Stonewall“ nichts zu meckern. Roland Emmerich hatte mit 13,5 Millionen Dollar zwar nur ein arg überschaubares Budget, das in Hollywood-Kategorien im kleineren Independent-Bereich liegt (sogar Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ kostete 30 Millionen Dollar), aber schon mit seinen ersten Filmen – „Das Arche-Noah-Prinzip“, „Joey“ und „Moon 44“ – zeigte er, dass er mit wenig Geld beeindruckend tricksen kann. Und so sieht „Stonewall“ teurer aus als er war.
Auch über die Schauspieler kann nicht wirklich gemeckert werden. Große Namen fehlen zwar, aber Ron Perlman und Jonathan Rhys Meyers sieht man immer wieder gerne und Hauptdarsteller Jeremy Irvine („Gefährten“, „Die Liebe seines Lebens“, „The Reach“) ist auf dem Weg zum Star.
Aber sie und der gesamte Film haben mit einem extrem schlechten Drehbuch zu kämpfen, das ohne eine wirkliche Geschichte Klischees aneinanderreiht und jede Analyse vermissen lässt. Das wird einem beim Abspann, wenn wir etwas über die wahren Hintergründe wichtiger Figuren des Films erfahren, schmerzhaft bewusst. Denn der Schwule im Anzug, der Schwule auf der Parkbank und die nervige Transe waren später wichtige Figuren der Schwulenbewegung. Im Film gibt es dafür kein Anzeichen. Er verschenkt hier ohne Not sein Potential als wahre Geschichte ohne sich wirklich auf eine andere zu konzentrieren. Es gibt zwar immer wieder Ansätze, aber weder der Krimiplot, noch die Verflechtung zwischen Polizei und Mafia, noch die sozio-politische Analyse, noch die Liebesgeschichte werden auch nur halbwegs vorangetrieben. Jeder dieser Ansätze verpufft letztendlich folgenlos.
Im Mittelpunkt des Films steht Danny Winters (Jeremy Irvine), ein Junge vom Lande, der von seinem konservativen Vater, nachdem Dannys Homosexualität schulbekannt wurde, vor die Tür gesetzt wird. Weil die Columbia Universität Danny aufnehmen würde, macht er sich auf den Weg nach New York. In Greenwich Village trifft er in der Christopher Street dann auch gleich auf das bunte Leben der Ausgestossenen. Sie sind nicht schwul, sondern SCHWUL oder S! C! H! W! U! L! und damit nur noch die schreienden Klischees von Klischees über die verrückten Großstädter, die Landbewohner, die niemals die Grenze ihres Landkreises überschritten haben, über das verruchte Leben in der Großstadt haben. Trotzdem wirkt Danny nicht sonderlich schockiert. Er betritt diese neue Welt, in der Männer mit Männern auch in der Öffentlichkeit, gegen jeden Anstand und Gesetz Sex miteinander haben, als sei deren Leben vollkommen normal. Schockiert ist er dagegen von der Polizeigewalt, die er gleich am ersten Abend erleben muss.
Und weil diese schwule Coming-of-Age-Geschichte 1969 in den Tagen vor den Stonewall-Unruhen spielt, gibt es dann auch, als Höhepunkt, die für die Schwulenbewegung sehr wichtigen Unruhen, für die es in der Realität einige Erklärungen gibt. Im Film wird dagegen letztendlich jede Erklärung vermieden. Es ist einfach eine Randale, die entsteht, weil die Polizei, wieder einmal, eine Razzia in der Kneipe durchführt.
Damit wird im Film die Bedeutung der Stonewall-Unruhen für die Schwulenbewegung allerdings sträflich heruntergespielt.
Diese durchgehende Abneigung gegen jede Analyse zugunsten einer in schönsten Nicholas-Sparks-Bildern inszenierten Schmonzette ohne eine Liebesgeschichte, ohne erinnerungswürdige Charaktere (obwohl die Schauspieler sich bemühen) und damit ohne jegliche Dynamik steht immer auf der Kippe zur unfreiwilligen Komik, bei der man nur noch darauf wartet, dass die Schauspieler plötzlich beginnen zu singen; – was sie bei den hübsch inszenierten Unruhen, die im Film nicht mehrere Tage, sondern nur einige Minuten an einem Sommerabend dauern, tun.
In den USA bekam „Stonewall“ den ganzen Hass der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) ab, die Kritik stampfte den Film ein und an der Kinokasse war die Schmonzette mit mildem Trash-Potential ein Flop. So schlecht ist „Stonewall“ nicht. Aber es ist auch kein guter Film und es ist, trotz seines Titels, auch nicht der Film, der die Geschichte der Bar „Stonewall Inn“, der Schwulen, Lesben und Transsexuellen in den Sechzigern in den USA, der beginnenden Schwulenbewegung und dem Christopher Street Day, der erstmals ein Jahr nach den Stonewall-Unruhen als Demonstration gegen Polizeiwillkür stattfand, erzählt.
„Stonewall“ erzählt nur von einem Landei, das zufällig im Sommer 1969 in Greenwich Village war.

Stonewall - Plakat

Stonewall (Stonewall, USA 2015)
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Jon Robin Baitz
mit Jeremy Irvine, Jonny Beauchamp, Jonathan Rhys Meyers, Ron Perlman, Joey King, Caleb Landry Jones, Matt Craven, Vladimir Alexis, Otoja Abit, Alex Nachi, Matt Craven, David Cubitt, Andrea Frankle, Karl Glusman, Ben Sullivan
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Stonewall“
Moviepilot über „Stonewall“
Metacritic über „Stonewall“
Rotten Tomatoes über „Stonewall“
Wikipedia über „Stonewall“ (deutsch, englisch) und die wahren Ereignisse, die den Film nicht wirklich inspirierten (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Roland Emmerichs „White House Down“ (White House Down, USA 2013)

Q&A zum Film auf dem TIFF (scheint keine bessere Aufnahme zu geben)


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