Neu im Kino/Filmkritik: Bruuuce!, dein größter Fan ist „Blinded by the light“

August 23, 2019

Javed ist ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher. Er wächst in Luton, einer wenige Kilometer nördlich von London liegenden Stadt, auf. Er schlägt sich mit den typischen Pubertätsproblemen zwischen Schule und erster Liebe herum. Er wird den den örtlichen Faschos durch die Straßen gejagt und sein Vater hat genaue Vorstellungen, was er jetzt und später tun soll.

Javed möchte dagegen ein Schriftsteller werden. Das ist ein Beruf, den sein pakistanischer Vater, ein Arbeiter und patriarchalisch-konservatives Familienoberhaupt, nicht als Beruf anerkennt. Gleichzeitig sucht Javed nach seiner Position in der Gesellschaft als Einwandererkind, das zwischen zwei Kulturen und Ansprüchen zerrissen ist. Er fragt sich, wie englisch er sein soll und was ist überhaupt englisch?

Als er sich eine Musikkassette mit der Musik von Bruce Springsteen, die er von einem Mitschüler erhielt, anhört, glaubt er, dass Bruce Springsteen ihn genau versteht und direkt zu ihm redet. Das was Springsteen über seine Heimat Asbury Park, New Jersey, und sein Leben und seine Gefühle singt, ist sein Leben in Luton.

Er pflastert sein Zimmer mit Springsteen-Plakaten, verändert seine Kleidung und Frisur und will alle von Springsteen überzeugen.

Er möchte in der Schulzeitung über Springsteen schreiben. Die schnöseligen Schülerzeitungsredakteure sind davon nicht begeistert.

Er will im Schulradio Springsteen-Songs spielen. Die hippen, trendbewussten Radiomacher lehnen das empört ab. Springsteen sei – der Film spielt 1987 – Schnee von gestern. Und so unrecht haben sie nicht. Denn nach dem Megaerfolg von „Born in the U. S. A.“ (1984) war „Tunnel of Love“ (1987) eine Enttäuschung. „Lucky Town“ und „Human Touch“, die fünf Jahre später (und damit nach der Filmgeschichte) erschienen, waren nicht viel besser. Außerdem hat der Songwriter-Rock von Bruce Springsteen nichts mit den damals angesagten britischen Bands zu tun.

Kick it like Beckham“-Regisseurin Gurinder Chadha nimmt in ihrem neuesten Film „Blinded by the Light“ die Musik von Bruce Springsteen als Kommentar zu Javeds Leben. In ihrer warmherzigen, mit viel Zeitkolorit angereicherte Feelgood-Komödie, zeigt sie, wie wichtig ein Musiker (und eine Band) bei der Selbstfindung eines Teenagers sein können. Dieses Erwachsenwerden findet in einer bestimmten Welt – hier ist es das England der Thatcher-Jahre, das Leben der Einwanderer und der Arbeiterklasse – und in Bezug zu anderen Menschen statt. Bei Javed (Viveik Kalra) sind es Springsteen-Fan Roops (Aaron Phagura), sein aktuelle Popmusik spielender Jugendfreund Matt (Dean-Charles Chapman), die gleichaltrige Aktivistin Eliza (Nell Williams), die ihn fördernde Lehrerin Miss Clay (Hayley Atwell; sie ist zu gut, um wahr zu sein), seine Familie (Kulvinder Ghir, Meera Gantatra, Nikita Mehta) und ein Nachbar (David Hayman [bekannt aus der Krimiserie „Der Preis des Verbrechens“] in einer kleinen, aber nicht unwichtigen und sehr sympathischen Rolle).

Immer wieder durchbricht Chadha die realistische Erzählung. Wenn Javed die legendären frühen Springsteen-Songs hört, wird der Film zu einem Music-Clip mit staunenden, singenden und tanzenden Menschen und Texteinblendungen, die auch den Nicht-Die-hard-Springsteen-Fans verraten, um was es in den Songs geht und welche Textteile Javed in dem Moment besonders wichtig sind.

Manchmal wird der Film sogar zu einem Musical, das dann auch den Unterschied zwischen Film und Realität thematisiert. Während Javed text-, aber nicht tonsicher singt und sich dabei komisch bewegt, blicken ihn die anderen Menschen zunächst irritiert an. Auf einem Flohmarkt stimmen sie dann in den Song ein.

Blinded by the Light“ basiert auf den Jugenderinnerungen von Sarfraz Manzoor, der im Film Javed heißt. Manzoor wurde 1971 in Pakistan geboren, kam als Dreijähriger nach England und ist heute ein Journalist (u. a. The Guardian, BBC Radio 4 und Channel 4). Er ist immer noch mit Roops befreundet und sie sind immer noch Springsteen-Fans. Sie beuschten unzählige Konzerte und der Boss (für Nichtfans: das ist Kosename der Fans für Springsteen) kennt sie persönlich. Deshalb war Springsteen auch mit der Verwendung seiner Songs in dem Film einverstanden. Ohne dieses Einverständnis hätte der Film nicht gemacht werden können.

Gurinder Chadhas warmherziges Feelgood-Movie reiht sich in die Reihe von aktuellen Musikfilmen ein, in denen legendäre Musiker und Bands präsentiert werden. „Bohemian Rhapsody“ (über Freddie Mercury und Queen) und „Rocketman“ (über Elton John) sind Biopics, die sich mehr oder weniger viele künstlerische Freiheiten nehmen. „Yesterday“ (über die Beatles) ist eine Was-wäre-wenn-Fantasie. Und „Blinded by the Light“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die ohne die Musik von Bruce Springsteen nicht funktionieren würde.

Blinded by the Light (Blinded by the Light, USA 2019)

Regie: Gurinder Chadha

Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor

LV: Sarfraz Manzoor: Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock’n’Roll, 2007

mit Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Hayley Atwell, Sally Phillips, David Hayman

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Blinded by the Light“

Metacritic über „Blinded by the Light“

Rotten Tomatoes über „Blinded by the Light“

Wikipedia über „Blinded by the Light“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Gurinder Chadha über den Film

Ein Gespräch mit Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor und Viveik Kalra über den Film


TV-Tipp für den 25. Februar: Hoffnung und Ruhm (aka Hope and Glory)

Februar 25, 2019

Arte zeigt „Hope and Glory“ als „Hoffnung und Ruhm“

Arte, 20.15

Hope and Glory (Hope and Glory, Großbritannien 1987)

Regie: John Boorman

Drehbuch: John Boorman

Buch zum Film: Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory, 1987

Als Bill neun Jahre alt ist, beginnt der zweite Weltkrieg. Während für seinen Vater an der Front und die Mutter in einer Londoner Vorstadt die nächsten Jahre ein ständiger Überlebenskampf sind, erlebt Bill diese Zeit anders.

John Boormans Rückblick auf die Kriegsjahre und auch seine Jugend ist eine mit typisch britischem Humor erzählte herzerwärmende Geschichte einer Kindheit. In Deutschland floppte der Film, obwohl er in England und den USA breit abgefeiert wurde und auch deutsche Kritiker die Qualität von „Hope and Glory“ erkannten: „Für uns gehört ‚Hope and Glory’ zu den erfreulichsten Erlebnissen und schönsten Filmen des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1988)

„Hope and Glory ist so etwas wie Boormans Antwort auf das monumentale Filmwerk Heimat von Edgar Reitz, das ihm, wie er betont, viel gegeben hat.“ (Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory)

Boormans Film war unter anderem in den Kategorien bestes Drehbuch, beste Regie und bester Film für den BAFTA, Oscar und Golden Globe nominiert. Den Golden Globe für den besten Film erhielt er. Außerdem erhielt „Hope and Glory“ in diesen Kategorien den Los Angeles Film Critics Association Award. Und die Writers Guild of America nominierte das Drehbuch.

Mit Sebastian Rice-Edwards, Geraldine Muir, Sarah Miles, David Hayman, Sammi Davis, Ian Bannen

Wiederholung: Mittwoch, 6. März, 14.00 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Hope and Glory“

Wikipedia über „Hope and Glory“ (deutsch, englisch)

Drehbuch “Hope and Glory” von John Boorman (Vierte Fassung, 1986)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Michael Fassbender ist „Macbeth“

Oktober 29, 2015

Die Frage, ob wir wirklich noch eine weitere Shakespeare-Verfilmung brauchen, ist etwas akademisch. Es gibt sie einfach. Jedes Jahr mehrere, die mehr oder weniger werkgetreu Shakespeares Werke interpretieren. Seit einigen Jahren werden sie gerne in die Gegenwart verlegt, was mindestens interessant ist und eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert.
Justin Kurzel („Die Morde von Snowtown“) verlegte die Geschichte von Macbeth nicht in die Gegenwart, sondern an seinen schottischen Originalschauplatz, wo der Film gedreht wurde.
Die Geschichte von Macbeth dürfte bekannt sein: Macbeth (Michael Fassbender) ist der Anführer des königlichen Heeres. Nachdem er in einer blutigen Schlacht den Rebellenführer Macdonwald tötete, prophezeien ihm und seinem Kampfgefährten Banquo (Paddy Considine) drei mysteriöse Frauen (aka Hexen), dass er bald Than von Cawdor und König von Schottland sein werde. Banquo werde der Vater künftiger Könige sein.
Kurz darauf wird Macbeth von einem Boten zum Than von Cawdor ernannt.
Als er nach Inverness zurückkehrt, erfährt seine Frau, Lady Macbeth (Marion Cotillard), von der Prophezeiung und sie stachelt ihren Mann an, den König zu töten. Was Macbeth auch tut.
Jetzt ist er König, aber die Hexen tauchen wieder auf, er wird immer mehr zum Tyrannen, Schuldgefühle plagen ihn, er wird zunehmend wahnsinnig und er muss, gegen viele Widersacher, um seinen Thron kämpfen.
Es ist gut, wenn man die Geschichte von Macbeth präsent hat, wenn man sich „Macbeth“ ansieht. Denn die Shakespearschen Verse sind weit entfernt von unserer Sprache, die Geschichte besticht nicht gerade durch erzählerische Stringenz (jedenfalls nach den Hollywood-Erzählkonventionen), die Namen sind eher gewöhnungsbedürftig und die vollbärtigen Krieger und Herrscher sehen sich arg ähnlich. Außerdem hat Macbeth nach seiner Rückkehr aus dem Kampf Probleme mit der Realität und er sieht Geister. Posttraumatische Belastungsstörung heißt die aktuelle Diagnose. Früher hat man ihn einfach für verrückt erklärt.
Kurzel bemühte sich einerseits um eine möglichst werkgetreue Interpretation mit dem originalen Shakespeare-Text, die er vor Ort in Schottland drehte, und andererseits inszenierte er vor allem die Kampfszenen in äußerst abstrakten Bildern, die eine gespenstische Schönheit haben und in ihrem Wahnsinn eher an die Kriegsbilder aus „Apocalypse Now“ erinnern.
So grandios diese Schlachtgemälde sind, so enttäuschend sind dann die Innenaufnahmen, in denen man die alten Gemäuer, die karge, aber durchaus ansehnliche Innenausstattung und die Kostüme kaum zur Geltung kommen, denn die Bilder sind so dunkel, dass man außer den Schauspielern kaum etwas erkennen kann.
Das ist deutlich von Orson Welles‘ „Macbeth“ (1947) inspiriert. Welles musste, weil er nur ein kleines Budget hatte, in spartanischen Kulissen drehen. Dafür setzte er auf eine expressionistische Lichtsetzung und eine extreme Stilisierung.
Kurzels „Macbeth“ hat eine in sich geschlossene Vision, gute Schauspieler, eine prächtige Ausstattung und den Text von William Shakespeare. Das ist sehr düster, sehr dunkel, kalkuliert wahnsinnig und, bei den Außenaufnahmen, äußerst bildgewaltig. Aber so richtig begeistern will diese Neuinterpretation dann doch nicht. Es bleibt ein eher intellektuelles Vergnügen.

Macbeth - Plakat

Macbeth (Macbeth, Großbritannien 2015)
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Jacob Koskoff, Todd Louiso, Michael Lesslie
LV: William Shakespeare: Macbeth, 1611/1623 (ursprünglich „The Tragedy of Macbeth“) (Macbeth)
mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis, Jack Reynor, Paddy Considine, Hilton McRae, Sean Harris, David Hayman, James Harkness, Elizabeth Debicki
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (wahrscheinlich Kulturbonus)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Macbeth“
Moviepilot über „Macbeth“
Metacritic über „Macbeth“
Rotten Tomatoes über „Macbeth“
Wikipedia über „Macbeth“ und das Theaterstück „Macbeth“
Meine Besprechung von Justin Kurzels „Die Morde von Snowtown“ (Snowtown, Australien 2011)


%d Bloggern gefällt das: