TV-Tipp für den 13. November: Stonehearst Asylum

November 12, 2020

Tele 5, 20.15

Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen (Stonehearst Asylum, USA 2014)

Regie: Brad Anderson

Drehbuch: Joe Gangemi

LV: Edgar Allan Poe: The System of Doctor Tarr and Professor Fether, 1845 (Das System des Doktors Pech und des Professors Feder, Kurzgeschichte)

Weihnachten 1899 trifft der junge Arzt Edward Newgate in der abgelegenen Irrenanstalt Stonehearst ein. Dort haben die Patienten maximale Freiheiten. Schon beim ersten Rundgang verliebt er sich in die bildschöne Pianistin Eliza Graves. Später entdeckt er im Keller eine Gruppe Gefangener, die behaupten, von ihren Patienten gefangen gehalten zu werden.

Top besetzter, hübsch altmodischer Grusler mit einigen überraschenden Wendungen beim Ausprobieren von Therapien.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jim Sturgess, Kate Beckinsale, Ben Kingsley, Michael Caine, David Thewlis, Brendan Gleeson, Jason Flemying

Wiederholung: Samstag, 14. November, 03.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Moviepilot über „Stonehearst Asylum“
Rotten Tomatoes über „Stonehearst Asylum“
Wikipedia über „Stonehearst Asylum“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brad Andersons „The Call – Leg nicht auf!“ (The Call, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Andersons „Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen“ (Stonehearst Asylum, USA 2014)


TV-Tipp für den 19. Januar: The New World

Januar 19, 2020

Bevor am 30. Januar Terrence Malicks neuer Film „Ein verborgenes Leben – A hidden life“, der deutlich gelungener als seine vorherigen Filme ist (mehr zum Filmstart in meiner Besprechung), in unseren Kinos anläuft, kann man sich noch einmal seinen letzten, ähem, zugänglichen Film ansehen:

Arte, 20.15

The New World (The New World, USA 2005)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

„Badlands“, „In der Glut der Sonne“, „Der schmale Grad“ und dann „The New World“. Vier Filme in über dreißig Jahren, Das ist nicht gerade viel. Doch Malicks Filme sind für Cineasten immer ein optischer Festschmaus. Auch in seiner Interpretation der Legende von Pocahontas (wer die Geschichte nicht kennt: USA, 1607: John Smith soll für die Siedler mit den Indianern verhandeln. Diese nehmen ihn gefangen. Die Häuptlingstochter Pocahontas rettet ihn. Er verliebt sich in sie. Und jetzt beginnen die wirklichen Probleme.) sind die Bilder grandios, die Besetzung hochkarätig (obwohl in seinem Kriegsfilm „Der schmale Grad“ die Stardichte höher war), der Erzählduktus hypnotisch und fern der gängigen Hollywood-Konventionen.

Danach inszenierte Malick zwischen 2011 und 2017 wieder vier immer esoterischer und selbstbezogener werdende Spielfilme, in denen er seinen legendären Ruf gründlich ruinierte. Mit seinem neuesten Film „Ein verborgenes Leben – A hidden life“ kehrt er wieder zu einem stärker einer Geschichte verhaftetem Erzählen zurück.

Anschließend, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Pocahontas und Captain John Smith“ (Deutschland 2009)

mit Colin Farrell, Q’orianka Kilcher, Christopher Plummer, Christian Bale, August Schellenberg, Wes Studi, David Thewlis, Ben Mendelsohn, John Savage, Ben Chaplin, Eddie Marsan, Jonathan Pryce

Wiederholung: Donnerstag, 30. Januar, 13.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The New World“

Wikipedia über „The New World“ (deutsch, englisch) und über Terrence Malick (deutsch, englisch)

Slant Magazine: Nick Schager über „Days of Heaven“ („greatest film ever made“, 22. Oktober 2007)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Knight of Cups“ (Knight of Cups, USA 2015)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Song to Song“ (Song to Song, USA 2017)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers “Terrence Malick” (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 22. Oktober: Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen

Oktober 21, 2019

Tele 5, 20.15

Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen (Stonehearst Asylum, USA 2014)

Regie: Brad Anderson

Drehbuch: Joe Gangemi

LV: Edgar Allan Poe: The System of Doctor Tarr and Professor Fether, 1845 (Das System des Doktors Pech und des Professors Feder, Kurzgeschichte)

Weihnachten 1899 trifft der junge Arzt Edward Newgate in der abgelegenen Irrenanstalt Stonehearst ein. Dort haben die Patienten maximale Freiheiten. Schon beim ersten Rundgang verliebt er sich in die bildschöne Pianistin Eliza Graves. Später entdeckt er im Keller eine Gruppe Gefangener, die behaupten, von ihren Patienten gefangen gehalten zu werden.

Top besetzter, hübsch altmodischer Grusler mit einigen überraschenden Wendungen beim Ausprobieren von Therapien.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jim Sturgess, Kate Beckinsale, Ben Kingsley, Michael Caine, David Thewlis, Brendan Gleeson, Jason Flemying

Hinweise
Moviepilot über „Stonehearst Asylum“
Rotten Tomatoes über „Stonehearst Asylum“
Wikipedia über „Stonehearst Asylum“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brad Andersons „The Call – Leg nicht auf!“ (The Call, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Andersons „Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen“ (Stonehearst Asylum, USA 2014)


TV-Tipp für den 4. September: Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen

September 4, 2018

Tele 5, 20.15

Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen (Stonehearst Asylum, USA 2014)

Regie: Brad Anderson

Drehbuch: Joe Gangemi

LV: Edgar Allan Poe: The System of Doctor Tarr and Professor Fether, 1845 (Das System des Doktors Pech und des Professors Feder, Kurzgeschichte)

Weihnachten 1899 trifft der junge Arzt Edward Newgate in der abgelegenen Irrenanstalt Stonehearst ein. Dort haben die Patienten maximale Freiheiten. Schon beim ersten Rundgang verliebt er sich in die bildschöne Pianistin Eliza Graves. Später entdeckt er im Keller eine Gruppe Gefangener, die behaupten, von ihren Patienten gefangen gehalten zu werden.

Top besetzter, hübsch altmodischer Grusler mit einigen überraschenden Wendungen beim Ausprobieren von Therapien.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jim Sturgess, Kate Beckinsale, Ben Kingsley, Michael Caine, David Thewlis, Brendan Gleeson, Jason Flemying

Wiederholung: Mittwoch, 5. September, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Moviepilot über „Stonehearst Asylum“
Rotten Tomatoes über „Stonehearst Asylum“
Wikipedia über „Stonehearst Asylum“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brad Andersons „The Call – Leg nicht auf!“ (The Call, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Andersons „Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen“ (Stonehearst Asylum, USA 2014)


TV-Tipp für den 28. Juni: The Zero Theorem

Juni 28, 2018

Tele 5, 22.35

The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem (The Zero Theorem, Großbritannien/Rumänien 2013)

Regie: Terry Gilliam

Drehbuch: Pat Rushin

Qohen Leth soll das Zero Theorem, die Formel für den Sinn des Lebens knacken, und er wartet auf einen wichtigen Anruf.

Optisch brillante, inhaltlich leere Dystopie von Terry Gilliam, die in der Tradition seiner Meisterwerke „Brazil“ und „12 Monkeys“ steht, ohne deren Qualität zu erreichen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der heutigen TV-Premiere.

mit Christoph Waltz, David Thewlis, Mélanie Thierry, Lucas Hedges, Matt Damon, Tilda Swinton, Sanjeev Bhaskar, Peter Stormare, Ben Whishaw

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Zero Theorem“
Moviepilot über „The Zero Theorem“
Metacritic über „The Zero Theorem“
Rotten Tomatoes über „The Zero Theorem“
Wikipedia über „The Zero Theorem“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terry Gilliams „The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem“ (The Zero Theorem, Großbritannien/Rumänien 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vor uns das Meer“ – die Geschichte des Einhandseglers Donald Crowhurst

April 1, 2018

Für alle, die die wahre Geschichte von Donald Crowhurst und seiner in der englischen Küstenstadt Teignmouth begonnenen Weltumseglung nicht kennen und jetzt nicht den Wikipedia-Artikel durchlesen wollen: diese Filmkritik enthält Spoiler.

 

Am 31. Oktober 1968 begibt sich der 1932 geborene Donald Crowhurst, ein glücklich verheirateter Vater, Wochenendsegler und Erfinder, auf eine Weltumseglung. Er hofft auf das von der Sunday Times ausgelobte Preisgeld für die erste Nonstop-Weltumseglung eines Einhandseglers.

Später kommt heraus, dass seine nach England gesendeten Erfolgsberichte über seine Reise gefälscht waren. Er hatte es noch nicht einmal bis zum Kap Horn geschafft.

Aus dieser wahren Geschichte eines Betrugs könnte man eine Komödie über einen Schlawiner, der alle an der Nase herumführt, oder eine bittere Anklage gegen eine kapitalistische Gesellschaft, die einen Idealisten in den Ruin treibt oder das Überlebensabenteuer eines Mannes auf hoher See machen. James Marsh geht, nach einem Drehbuch von Scott Z. Burns (u. a. die Steven-Soderbergh-Filme „Der Informant!“, „Contagion“ und „Side Effects“), in „Vor uns das Meer“ einen anderen Weg.

Crowhurst, ein verheirateter Mann mit drei Kindern und eher erfolgloser Unternehmer, ist von der Seefahrt fasziniert. Jedes Wochenende schippert er ein wenig herum. Segler, wie Francis Chichester, der als erster Einhandsegler die Welt umrundete, sind seine Helden. Als die Sunday Times den mit 5000 Britischen Pfund dotierten Preis für die erste nonstop Einhandweltumseglung auslobt, will er an dem Golden Globe Race teilnehmen. Warum er sich auf diese gefährliche Reise begeben will, wird im Film nie so richtig deutlich. Es ist letztendlich eine Mischung aus Abenteuerlust, einer Midlife-Crisis, der Hoffnung auf das Preisgeld und den späteren Einnahmen durch Werbeverträge und Vorträge, die ihn finanziell sanieren würden. Es ist auch eine Werbemaßnahme für seine Firma Electron Utilisation und seine Erfindungen, und der Wunsch, endlich einmal ein gefeierter Held zu sein.

Schon vor der Fahrt verschuldet er sich allerdings immer mehr. Als Sicherheit bietet er sein Haus und seine Firma an. Er lässt in kürzester Zeit ein vollkommen neues Boot, ein Trimaran, bauen. Am letzten Tag des von der Sunday Times vorgegebenen Zeitfensters für die Teilnahme an dem Wettbewerb startet er am 31. Oktober 1968 in Teignmouth in einem Boot, das in keinster Weise hochseetauglich ist. Es sieht aus, als habe vorher eine Gruppe Jugendlicher eine Party gefeiert. In dem Moment, der im Film ungefähr in der Mitte ist, hätte Crowhurst seine Fahrt mit der Teignmouth Electron abbrechen müssen. Er tat es nicht. Ein Abbruch in dem Moment hätte für ihn den sicheren Ruin bedeutet hätte. Also startet er allein die Weltumseglung, die im Film immer wieder von Szenen aus England über die Nöte seiner Frau Clare und den einsetzenden, von seinem PR-Berater Rodney Hallworth befeuerten Presserummel, unterbrochen wird.

Vor uns das Meer“ basiert auf einer wahren Geschichte, die wahrscheinlich nur Seebären und Briten kennen und die – unbestritten und auch ohne all die Hintergründe, die in mehreren Bücher und Filmen verarbeitet wurden, zu kennen – das Potential für einen spannenden Film hat. Marshs Film ist es nicht.

Er spricht vieles an, vertieft aber nichts und er kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählen will. Am Ende ist „Vor uns das Meer“ die schlecht endende Geschichte einer selbstbetrügerischen Selbstüberschätzung, die im Wahnsinn und Tod, möglicherweise Suizid, endet. Am 10. Juli 1969 entdeckt ein britisches Postschiff 1800 Meilen von England entfernt im Atlantik die Teignmouth Electron. Von Donald Crowhurst fehlt jede Spur. Er gilt seitdem als tot.

Bei dem vor und hinter der Kamera versammelten Talent hätte ich mehr erwartet als eine brave, niemals packende und an den entscheidenden Punkten oberflächliche Chronik der Ereignisse.

Vor uns das Meer (The Mercy, Großbritannien 2017)

Regie: James Marsh

Drehbuch: Scott Z. Burns

mit Colin Firth, Rachel Weisz, David Thewlis, Ken Stott, Jonathan Bailey, Adrian Schiller, Oliver Maltman, Kit Connor, Eleanor Stagg, Andrew Buchan, Geoff Bladon

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Vor uns das Meer“

Metacritic über „Vor uns das Meer“

Rotten Tomatoes über „Vor uns das Meer“

Wikipedia über „Vor uns das Meer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Marshs David-Peace-Verfilmung „1980“ (Red Riding: In the Year of Our Lord 1980, Großbritannien 2009)

Meine Besprechung von James Marshs „Shadow Dancer“ (Shadow Dancer, Großbritannien/Irland/Frankreich 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Nach dem Tod von Superman muss die „Justice League“ ran

November 16, 2017

Am Anfang von „Justice League“, dem neuen Film aus dem DC Extended Universe, ist Superman immer noch tot. ‚Batman‘ Bruce Wayne und „Wonder Woman“ Diana Prince bekämpfen weiterhin Bösewichter. Insofern läuft alles seinen gewohnten Gang. Seltsam ist nur die auch für Batman-Verhältnisse Häufung seltsamer Bösewichter, die in letzter Zeit vermehrt auftauchen. Wayne glaubt, dass sie die Vorboten einer irgendwo aus dem Weltall kommenden großen Attacke auf die Menschheit sind.

Deshalb will er ein Team talentierter Personen (also Männer) zusammenstellen. Die titelgebende „Justice League“. Am Ende besteht das Team aus Aquaman (der mit den Fischen reden kann), Flash (der unglaublich schnell ist, weniger schnell ißt und für den Humor zuständig ist), Cyborg (der im Zweifelsfall irgendwie alles kann), Wonder Woman, Batman und einem Überraschungsgast, der dann doch nicht so super überraschend ist. Sie müssen gegen Steppenwolf kämpfen, der die drei Mother Boxes zusammenfügen will. Das wäre der Untergang der Welt, wie wir sie kennen. Deshalb wurden die Mother Boxes vor Ewigkeiten, nach einer großen Schlacht, an verschiedenen Orten versteckt. Eine in der Welt von Wonder Woman, eine in der von Aquaman und eine an einem unbekannten Ort.

Das ist die mühsam über den halben Film entwickelte Prämisse, die dann schnell in dem unvermeidlichen Finale mündet, bei dem höchstens überrascht, dass nichts überrascht. Bis dahin ist der Film voller Exposition, in der zwei Charaktere, meistens bewegungslos, sich erklären, was sie gerade fühlen und dabei den Plot zum nächsten Plot Point schieben. Das ist dann ungefähr emotional so involvierend wie das Studium eines Bauplans.

Entsprechend zäh gestalten sich die zwei Filmstunden, in denen die Mitglieder der Justice League blasse Gesellen bleiben. Im Gegensatz zu den Avengers von der deutlich unterhaltsameren Marvel-Konkurrenz.

Davon abgesehen erzählt „Justice League“ die Geschichte von „Batman v Superman: Dawn of Justice“ fort und baut darauf, dass man auch die DCEU-Filme „Man of Steel“ und „Wonder Woman“ (jau, der war gut) gesehen hat. Dann versteht man einige Anspielungen und Szenen besser und man weiß, warum so viele bekannte und großartige Schauspieler, wie Amy Adams, Jeremy Irons, Diane Lane und J. K. Simmons (in seinem Debüt als Commissioner Gordon), teilweise in Minirollen dabei sind.

Ben Affleck schaut als Bruce Wayne so missmutig in die Kamera, dass man förmlich hört, wie er sich die ganze Zeit fragt, was er in dem Scheiss sucht. Vielleicht weil der Ärger mit seinem Batman-Film sich während dem Dreh von „Justice League“ kontinuierlich steigerte. Der Hauptdreh für „Justice League“ war von April bis Oktober 2016. Im Frühjahr gab es, nachdem Zack Snyder im März wegen dem Suizid seiner Tochter die Arbeit niederlegte, zwei Monate Nachdrehs. Joss Whedon hatte die Regie übernommen und auch das Drehbuch überarbeitet. Es hieß auch, dass nach dem überragenden Erfolg von „Wonder Woman“ die Tonalität des Film geändert werden sollte.

Affleck, der den nächsten Batman-Film nach seinem Drehbuch inszenieren sollte, trat zwischen diesen beiden Drehs von der Regie für den geplanten Batman-Film zurück. Matt Reeves übernahm die Regie. Ihm gefiel Afflecks Drehbuch (Hey, gibt es das irgendwo im Netz?) nicht und anscheinend wird jetzt ein vollkommen neues Drehbuch geschrieben. Es gab auch Gerüchte, dass Warner überlegte, Afflecks Batman aus dem DCEU herauszuschreiben. Das alles ist bei einem Big-Budget-Film, vor allem vor Drehbeginn, nicht unbedingt ungewöhnlich, aber dass Affleck nach dem ganzen Ärger nach einem Weg aus dem Franchise sucht, ist nachvollziehbar. In aktuellen Interviews spricht er, ohne irgendetwas genaues zu sagen, über ein mögliches Ende seines Batmans. Es würde auch sein lustlos-verbissenes Spiel erklären.

Gal Gadot stahl in „Batman v Superman“ in ihren wenigen Szenen als Wonder Woman den Superhelden-Jungs mühelos die Show. In ihrem Solofilm „Wonder Woman“ war sie eine in jeder Beziehung willkommene Überraschung. In „Justice League“ wird sie hoffnungslos unter Wert verkauft.

Die anderen, ähem, Charaktere sind dann nur noch Staffage. Henry Cavill als Superman hat letztendlich nur eine Nebenrolle. Auch weil er die meiste Filmzeit tot ist. Und wenn er dann wiederbelebt wird, liefert er sich erst einmal eine Klopperei mit der Justice League, ehe er tiefsinnig über riesige Maisfelder blicken darf. Jason Momoa als Aquaman Arthur Curry und Ray Fisher als Cyborg Victor Stone sind blass. Ezra Miller als The Flash Barry Allen ist für den in Richtung des letzten Spider-Man-Films „Homecoming“ gehenden stubenreinen Pennäler-Humor zuständig. Schnell nervt dieser Humor und man wünscht sich noch langen vor dem Abspann Jesse Eisenberg zurück. In „Batman v Superman“ spielte er den bekannten Superman-Antagonisten Lex Luthor. Seine Spiel war zwar in Fankreisen umstritten, aber auch absolut bizarr und kurzweilig.

Dieses Mal ist der Bösewicht Steppenwolf, ein zweieinhalb Meter großer Krieger von der Alptraumwelt Apokolips. Viel mehr gibt es über ihn nicht zu sagen. Es ist eine CGI-Gestalt, die im Original von Ciarán Hinds gesprochen und wohl auch etwas gespielt wurde.

Und damit kommen wir zu Zack Snyder, dem Mastermind im DCEU-Filmkosmos. Wieder hat er die Regie übernommen und wieder gibt es Michael Bay für griesgrämige Comic-Nerds. Daran ändert der Wechsel des Regisseurs nichts. Whedon drückte dem Film nicht seinen Stempel auf, sondern er ergänzte in Snyders Sinn. Auch wenn man sich nach dem Erfolg von „Wonder Woman“ um eine andere Tonalität bemüht und alles bunter ist, ist der Grundton immer noch düster und schwermütig. Wie eine missglückte Pseudo-Doom-Metal-Version eines Beatles-Songs. – – Hm, im Abspann gibt es mit dem Beatles-Cover „Come together“ von Junkie XL, feat. Gary Clark Jr., so etwas ähnliches.

Die Bilder erinnern, wie man es von Zack Snyder gewohnt ist, an Comic-Panels. Das sieht unbestritten gut aus. Aber der gesamte Film sieht, abgesehen von einem kurzen „Watchmen“-Selbstzitat in den ersten Minuten, wie eine Abfolge von Panels aus. Nur ergibt eine Abfolge von Standbildern keinen Film. Das zeigt sich in den Actionszenen, die alle wenig dynamisch sind. Dialoge sind banale Schuss-Gegenschuss-Montagen, die mit einer Bräsigkeit zelebriert werden, die ihnen jedes Leben aussagen bis sie zu einem Standbild gefrieren. Da hat sogar ein Dialog in einer 08/15-TV-Serie oder einer TV-Show mehr Dynamik. Alles in „Justice League“ ist statisch. Nichts hat einen eigenständigen Rhythmus.

Das Drehbuch ist nur eine Abfolge von Plot Points, die eine niemals überraschende Geschichte erzählen. Im Gegensatz zu „Batman v Superman“ ist die Geschichte wenigstens immer nachvollziehbar und in sich schlüssig. Die Charaktere sind durchgehend eindimensional. Ihre Dialoge banal. Für keinen Schauspieler gibt es etwas, mit dem er arbeiten könnte. Sie müssen nur die Stichworte für den nächsten Plot Point geben. Entsprechend blass bleiben sie.

Wie bei Marvel gibt es im Abspann zwei Szenen, wobei die zweite die gelungenere ist. Sie teast auch den nächsten Film an, der – die Hoffnung stirbt zuletzt – besser als „Justice League“ sein könnte. Wenn sie bei DC endlich einmal Geld für ein schlüssiges, überraschendes, wendungs- und facettenreiches Drehbuch ausgeben. Bis dahin wird man diesen Langweiler, der nichts aus seinem Budget von dreihundert Millionen US-Dollar macht, vergessen haben.

Justice League (Justice League, USA 2016)

Regie: Zack Snyder, Joss Whedon (ungenannt)

Drehbuch: Chris Terrio, Joss Whedon (nach einer Geschichte von Chris Terrio und Zack Snyder)

mit Ben Affleck, Henry Cavill, Amy Adams, Gal Gadot, Ezra Miller, Jason Momoa, Ray Fisher, Jeremy Irons, Diane Lane, Connie Nielsen, J. K. Simmons, Ciarán Hinds, Amber Heard, Joe Morton, Lisa Loven Kongsli, Ingvar Sigurdsson, David Thewlis, Sergi Constance

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Warner/DC-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Justice League“

Metacritic über „Justice League“

Rotten Tomatoes über „Justice League“

Wikipedia über „Justice League“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Zack Snyders „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016)


TV-Tipp für den 20. Oktober: London Boulevard

Oktober 20, 2017

3Sat, 22.25
London Boulevard (London Boulevard, USA/GB 2010)
Regie: William Monahan
Drehbuch: William Monahan
LV: Ken Bruen: London Boulevard, 2001 (London Boulevard)
Ex-Knacki Mitchel will jetzt ehrlich leben, wird Bodyguard einer berühmten Schauspielerin und hat dann doch mächtig Ärger mit einem Gangster.
Ken Bruen!
William Monahan!
Colin Farrell!
Keira Knightley!
Ray Winstone!
Und dann sind noch David Thewlis, Eddie Marsan und London dabei.
Die Begründung meiner offensichtlichen und schamlosen Begeisterung gibt es hier.
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibon

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „London Boulevard“

Rotten Tomatoes über „London Boulevard“

Wikipedia über „London Boulevard“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit William Monahan (das Erste, das Zweite) und mit William Monahan und Colin Farrell zu “London Boulevard”

Homepage von Ken Bruen

Mein Besprechung von Ken Bruens „Brant“ (Blitz – or… Brant hits the Blues, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Füchsin“ (Vixen, 2003)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von Ken Bruen/Reed Farrel Colemans “Tower” (Tower, 2009)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte

Ken Bruen in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Rupert Wyatts „The Gambler“ (The Gambler, USA 2014 – nach einem Drehbuch von William Monahan)


Neu im Kino/Filmkritik (und ein Buchtipp): „Wonder Woman“ zeigt den Jungs, wo der Hammer hängt

Juni 16, 2017

Schon in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ stahl die von Gal Gadot verkörperte Prinzessin Diana, aka „Wonder Woman“, in ihren wenigen Minuten Filmzeit den beiden titelgebenden Superhelden locker die Show. Mit „Wonder Woman“ hat die Comicheldin jetzt ihren überzeugenden Solofilm, der auch als Spielfilm und Einzelfilm überzeugt.

Dass „Wonder Woman“ der mit Abstand beste Film im „DC Extended Universe“ ist, wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn diese Hürde hätte Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) nach den mehr oder weniger desaströsen DC-Filmen „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ auch mit verbundenen Augen im Wachkoma geschafft. Sie erzählt die Origin-Story der Amazonenprinzessin Diana. Allerdings verlegte sie sie vom Zweiten Weltkrieg in die letzten Tage des Ersten Weltkriegs. Deswegen muss Diana im Film nicht (wie in den von ihrem Erfinder William Moulton Marston während des Zweiten Weltkriegs geschriebenen Geschichten) gegen böse Nazis, sondern gegen böse Deutsche kämpfen.

Diese verfolgen den US-Soldaten und Geheimagenten Steve Trevor (Chris Pine) auf die Amazoneninsel Themyscira. Bei einem Kampf am Strand können die Amazonen die Deutschen mit vielen eigenen Verlusten besiegen. Sie haben zwar keine Schusswaffen, aber Schwerter und ein jahrhundertelanges Training.

Trevor erzählt seinen Retterinnen, dass er von den Deutschen verfolgt wurde, weil er von General Ludendorff (Danny Huston) und Dr. Isabel Maru (Elena Anaya) Aufzeichnungen über ein von ihr erfundenes, tödliches Gas stahl und deren Labor zerstörte.

Diana entschließt sich, Trevor in die Welt der Männer zu begleiten und dort den Krieg zu beenden. Hinter dem Krieg kann nur der Kriegsgott Ares stehen.

Über London geht es nach Belgien und zwischen die Kriegsgräben. Dort plant Ludendorff, den sie für die menschliche Verkörperung von Ares hält, mit der Hilfe von Marus Erfindung, den Krieg zu seinen Gunsten zu beenden.

Patty Jenkins erzählt diese Geschichte mit der richtigen Dosis Action, einem leichten Camp-Touch (Dianas Lasso der Wahrheit) und einer ordentlichen Portion sich aus den Situationen ergebenden Humors. Immerhin erlebt Prinzessin Diana in London in der Welt der Männer Sitten, Gebräuche und Gepflogenheiten, die sich doch deutlich von den ihr bekannten unterscheiden. Das beginnt schon mit ihrer kampftauglichen Kleidung und endet bei ihrem respektlosen Umgang mit Männern, die daran gewöhnt sind, dass Frauen still und passiv sind.

Allerdings wird Dianas Origin-Geschichte zu sehr in einem klaren und entsprechend einfachen Gut- und Böse-Schema erzählt, das alle möglichen Grautöne der im Film angesprochenen moralischen und ethischen Fragen ignoriert. Das beginnt schon bei der ersten Begegnung von Diana mit Trevor. Er behauptet, dass er zu den Guten gehört und seine Verfolger die Bösewichter sind. Wir als Zuschauer wissen dank langjähriger Schulung in Hollywood-Konventionen, dass er recht hat, weil er von deutschen Soldaten verfolgt wird und Deutsche immer die Bösewichter sind. Aber Diana wird hier doch als arg naive und leichtgläubige Kriegerin gezeichnet. Auch später, in der Welt der Männer, will sie nur und ohne Umwege den Krieg beenden und so das Böse vernichten. In seiner herzigen Naivität sorgt ihr unbedingter Wille sofort Frieden zu schaffen und ihr Glaube, dass ihr das gelingt, indem sie den Bösewicht besiegt, für erfrischende Momente. Sie (und der Film) verschwendet auch keinen Gedanken an die Komplexität der Situation. Immerhin reden wir hier vom Ersten und nicht vom Zweiten Weltkrieg, in dem die Fronten eindeutig waren.

Diese eindeutige, alle möglichen Grautöne vermeidende Einteilung in Gut und Böse wird während des gesamten Films durchgehalten. Daher ist „Wonder Woman“ durchgehend unterkomplexer und auch apolitischer als nötig. Es ist ein bunter, unterhaltsamer, kurzweiliger, perfekt getimter Abenteuerfilm für die ganze Familie.

Und es ist ein DC-Film, der es locker mit den erfolgreichen Marvel-Filmen aufnehmen kann und sogar bessere Bösewichter hat.

Zum Schluss noch ein paar Fakten und Zahlen: „Wonder Woman“ ist der erste Superheldenfilm mit einer Heldin, der von einer Frau inszeniert wurde. Es ist der erste von einer Frau inszenierte Film mit einem Budget von über 100 Millionen US-Dollar. Er soll 150 Millionen US-Dollar gekostet haben. Und mit einem Einspielergebnis von über hundert Millionen US-Dollar in den USA am Startwochenende ist „Wonder Woman“ der erfolgreichste von einer Frau inszenierte Film. Davor war es „Fifty Shades of Grey“ von Sam Taylor-Johnson.

All die Zahlen sagen selbstverständlich nichts über die Qualität des Films aus. Daher ist es erfreulich, dass „Wonder Woman“ auch ein gelungener Film ist.

P. S.: Wie immer kann man sich bei den verschiedenen Fassungen (2D, 3D, Imax 3D) austoben. Ich habe den Film in 2D in einem normalen Kino gesehen und würde das als die optimale Fassung empfehlen. Wenn die Leinwand groß genug ist.

Wonder Woman (Wonder Woman, USA 2017)

Regie: Pattiy Jenkins

Drehbuch: Allan Heinberg (nach einer Geschichte von Zack Snyder, Allan Heinberg und Jason Fuchs)

mit Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Said Taghmaoui, Ewen Bremner, Eugene Brave Cock, Lucy Davis, Elena Anaya, Lilly Aspell, Emily Carey, Wolf Kahler

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBros/DC-Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wonder Woman“

Metacritic über „Wonder Woman“

Rotten Tomatoes über „Wonder Woman“

Wikipedia über „Wonder Woman“ (deutsch, englisch)

Bonushinweis

Wer nach oder vor dem Kinobesuch tief in die Geschichte von Wonder Woman einsteigen will, sollte sich „Wonder Woman Anthologie“ zulegen. Wie in den anderen Bänden der Anthologie-Reihe (Batman und Deadpool wurden ja hier besprochen) gibt es in dem dicken und schweren Sammelband einen Überblick über den Charakter und seine wichtigsten Auftritte, wie ihrem ersten Auftritt und Geschichten, die für den Charakter große Veränderungen oder einmalige Ausflüge bedeuten. Bei „Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin“ sind das

Die Geburt von Wonder Woman (The Origin of Wonder Woman, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 1 [1942])

Frauen der Zukunft( America’s Wonder Woman’s Women of Tomorrow, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 7 [1943])

Der Schurken-Verbund! (Villainy Incorporated!, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 28 [1948])

Streng geheim! (Top Secret!, von Robert Kanigher und Ross Andru, Wonder Woman 99 [1958])

Wonder Girl, die junge Amazone! (Wonder Woman: Amazon Teen-Ager!, von Robert Kanigher und Ross Andru, Wonder Woman 107 [1959])

Wonder Womans letzter Kampf (Wonder Woman’s Last Battle, von Dennis O’Neil und Mike Sekowsky, Wonder Woman 179 [1968])

Das zweite Leben der ursprünglichen Wonder Woman (The Second Life of the Original Wonder Woman, von Robert Kanigher und Don Heck, Wonder Woman 204 [1973])

Schwanengesang (Swang Song!, von Roy Thomas und Gene Colan, Wonder Woman 288 [1982])

Die Prinzessin und die Macht! (The Princess and the Power!, von Greg Potter und George Perez, Wonder Woman 1 [1987])

Akte der Gewalt (Violent Beginnings, von William Messner-Loebs und Mike Deodato jr., Wonder Woman 93 [1995])

Spinnst du jetzt völlig?! (Are You out of Your Minds?!, von John Byrne, Wonder Woman 113 [1996])

Der wahre Wert der Seele (The Bearing of the Soul, von Eric Luke, Yanick Paquette und Matthew Clark, Wonder Woman 142 [1999])

Die Entdeckung des Paradieses (Paradise Found, von Phil Jimenez, Wonder Woman 177 [2002])

Die Mission (The Mission, von Greg Rucka und Drew Johnson, Wonder Woman 195 [2003])

Die Mutter der Bewegung (The Mother of the Movement, von Darwyn Cooke und J. Bone, Justice League: The New Frontier Special 1 [2008])

Die Höhle des Minotaurs! (The Lair of the Miotaur!, von Brian Azzarello und Cliff Chiang, Wonder Woman 0 [2012])

Gothamazone (Gothamazone, von Gail Simone, Ethan Van Sciver und Marcelo Di Chiara, Sensations Comics featuring Wonder Woman 1 [2014])

Rettender Engel (Rescue Angel, von Amy Chu und Bernard Chang, Sensation Comics featuring Wonder Woman 7 [2015])

Dazu gibt es kundige Texte über den Charakter, ihre Entwicklung, die Macher und warum gerade diese Geschichten ausgewählt wurden.

Eine Fundgrube für Fans und Neueinsteiger. Mit Suchtfaktor.

Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin

(übersetzt von Steve Kups, Mandy Matz und Alexander Rösch)

Panini, 2017

404 Seiten

34,99 Euro

Hinweise

DC Comics über Wonder Woman

Wikipedia über Wonder Woman (deutsch, englisch) 

Meine Besprechung von Brian Azzarellos Wonder Woman

Meine Besprechung von Meredith Finch/David Finch/Goran Sudzukas „Wonder Woman – Göttin des Krieges“ (Wonder Woman: War Torn, DC Comics, Januar 2015 – August 2015)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Nicola Scott/Bilquis Evelys (Zeichner) „Wonder Woman: Das erste Jahr (Rebirth – Die Wiedergeburt des DC-Univerums)“ (Wonder Woman: Year One, Part One – Finale, 2016/2017)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/J. G. Jones‘ (Zeichner) „Wonder Woman/Batman: Hiketeia“ (Wonder Woman/Batman: The Hiketeia, 2002)


DVD-Kritik: „Regression“, verdränge Erinnerungen und satanische Kulte

März 23, 2016

Spoilerwarnung, weil es fast unmöglich ist „Regression“ zu besprechen, ohne einiges von der Handlung und auch den Überraschungen zu verraten. Allein schon, wenn ich sage, was der Titel bedeutet…

In einer Kleinstadt in Minnesota behauptet im Oktober 1990 Angela Gray (Emma Watson), dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde. Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) soll den Vorwurf klären. Weil Angelas Vater John (David Dencik) sich nicht an die Vergewaltigung erinnert, sich aber schuldig bekennt, weil Angela niemals lügen würde, wird der Psychologe Kenneth Raines (David Thewlis) hinzugezogen. Er schlägt eine Regression-Therapie vor. Bei dieser Therapie werden mittels Hypnose verschüttete Erinnerungen des Hypnotisieren, vor allem aus seiner Kindheit, freigelegt.

Allerdings ist diese Therapie, die in den 1990er in den USA häufig angewendet wurde, inzwischen hoch umstritten, weil sie auch zu falschen Erinnerungen führen kann. So gab es, auch aufgrund der Fragen des Therapeuten, zu falsche Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs, Berichten über Entführungen von Außerirdischen und anderer traumatischer Erlebnisse.

Kenner glaubt Angela und mit jedem Familienmitglied, das sie für eine Regression-Sitzung hypnotisieren, wie Angelas Bruder und Vater, wird der Fall immer monströser. Aus der Vergewaltigung werden satanische Rituale, in die die gesamte Familie Gray und halb Minnesota involviert ist. Außerdem glaubt Kenner, dass seine Ermittlungen sabotiert werden, weil auch Kollegen und vermeintlich normale Stadtbewohner an den Ritualen teil nahmen. Letztendlich scheint der ganze Bundesstaat von einer satanischen Sekte unterwandert zu sein.

Alejandro Amenábar („Virtual Nightmare – Open your Eyes“, „The Others“, „Das Meer in mir“) benutzt in seinem psychologischem Horrorfilme die wahren Fälle von hypnotischen Regressionen und Verschwörungstheorien über Satanskulte als Inspiration und er erzählt seine Geschichte aus der Perspektive des Ermittlers, der zunehmend an Angelas Aussage glaubt.

Eben diese langsame Veränderung der eigenen Wahrnahme der Wirklichkeit und wie man sich aus verschiedenen Behauptungen und kleinen Hinweisen eine eigene Realität konstruiert, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, wird von Amenábar gelungen gezeigt. Allerdings ist die Lösung, nachdem klar ist, dass Kenner sich in einem monströsen Wahngebilde verfängt, dann auch schnell absehbar und sie wird länglicher als nötig präsentiert.

Das Bonusmaterial ist auf den ersten Blick umfangreich mit zwei Making-ofs, einigen Featurettes, B-Roll und Interviews mit Ethan Hawke, Emma Watson, Alejandro Amenábar und David Thewlis. Insgesamt gut neunzig Minuten bewegte Bilder, teils in Deutsch, die Interviews in Englisch. Die Blu-ray hat mit „Online Spots“ noch mehr Bonusmaterial.

Aber es ist, teilweise auf deutsch, reines Werbematerial, das deshalb die Geschichte des Films nicht diskutiert. Es erschöpft sich weitgehend in oberflächlichen Statements und Lobhuddeleien.

Regression - DVD-Cover

Regression (Regression, Spanien/Kanada 2015)

Regie: Alejandro Amenábar

Drehbuch: Alejandro Amenábar

mit Ethan Hawke, Emma Watson, David Thewlis, Dale Dickey, David Dencik, Devon Bostick

DVD

Tobis/WVG Medien (Vertrieb)

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Featurettes, Making of, Interviews, Bildergalerie, B-Roll, Trailer

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Blu-ray hat als zusätzliches Bonusmaterial einige „Online Spots“.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

 

Film-Zeit über „Regression“

Moviepilot über „Regression“

Metacritic über „Regression“

Rotten Tomatoes über „Regression“

Wikipedia über „Regression“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Charlie Kaufmans Puppenfilm „Anomalisa“, der nicht für Kinder ist

Januar 22, 2016

Michael Stone ist Bestsellerautor und Motivationstrainer, aber eigentlich ist er nur ein Handlungsreisender, der zu viel Zeit in anonymen Hotelzimmern verbringt. Damit steht er in der Tradition von Willy Loman (aus „Der Tod eines Handlungsreisenden“) und Ryan Bingham (aus „Up in the Air“) oder all den anonymen Anzugträgern, die sich zu jeder Rush Hour in den Zug drängen. Dass Stone dann auch noch am Fregoli-Syndrom, einer Krankheit, die dazu führt, dass für ihn alle anderen Menschen gleich aussehen, leidet, verstärkt dieses Gefühl des Immer gleichen.
Nur: wie inszeniert man im Film eine große Menge gleich aussehender Menschen? Natürlich kann man den gleichen Schauspieler alle Rollen spielen lassen; was dann zu einer logistischen Aufgabe für den Kameramann und einem Showcase für den Schauspieler wird. Oder man lässt diese Arbeit von einem Computer erledigen, was vor allem die Programmierer begeistert. Oder man verfilmt die Geschichte mit Puppen.
Charlie Kaufman, der die grandiosen Drehbücher für „Being John Malkovich“, „Adaptation“ und „Vergiss mein nicht!“ schrieb, entschied sich bei der Verfilmung seines „Theaterstücks“ (das Stück wurde 2005 zweimal im Rahmen von Carter Burwells „Theater of the New Ear“-Projekt im Theater als Hörspiel aufgeführt) für letzteres, was der eher dünnen Geschichte einen neuen Dreh verleiht. Denn letztendlich erzählt „Anomalisa“ nur die Geschichte einer Nacht in einem anonymen Hotel, in dem Fremde sich begegnen. Hier ist es der ausgebrannte, leicht übergewichtige, an einer ausgedehnten Midlife-Crisis leidende Michael Stone, der am nächsten Tag eine Rede halten soll. Er begegnet Lisa Hesselman, einer Call-Center-Mitarbeiterin, die ihn abgöttisch bewundert, und ihrer Freundin. Weil Lisa ein individuelles Gesicht und eine individuelle Stimme hat, ist sie für Stone eine Anomalie (damit dürfte der Filmtitel erklärt sein). In der Hotelbar reden sie miteinander. Im Hotelzimmer haben sie Sex. In den Hotelfluren sind sie einsam und, weil der Film aus Stones Perspektve erzählt wird, sehen alle Menschen (bis auf Lisa) letztendlich gleich aus, sie haben auch die gleiche Stimme. Im Original spricht Tom Noonan alle Charaktere bis auf Stone, der von David Thewlis gesprochen wird, und Lisa, die von Jennifer Jason Leigh gesprochen wird. Manchmal verlieren die Figuren auch Teile ihres Gesichts. Sie lassen die Maske fallen, ohne dass dahinter eine große Entdeckung liegt.
Die in Stop-Motion-Technik animierten Puppen bewegen sich in hyperrealistischen, detailgetreu nachgebauten Hotelinnenräumen, die jede Individualität vermissen lassen.
Das ist, wie Charlie Kaufmans andere Werke, kein gewöhnliches Kino. Wobei „Anomalisa“, wie gesagt, an seiner kaum vorhandenen Geschichte krankt. Da eine Puppe sich nicht bewegt, kann ihr Gesicht, was durchaus gewollt ist, auch nichts verraten. Es sieht immer gleich aus. Und exzessiver, anatomisch korrekt dargestellter, Sex von und zwischen Puppen hat in den USA vielleicht ein Schockpotential. Hier langweilt es eher. Auch wenn es, wie alles in dem Film, erstaunlich realistisch aussieht und der Film mit seinen Querverweisen und Anspielungen in sich geschlossen ist. Was natürlich auch daran liegt, dass wir in „Anomalisa“ die Welt sehen, wie Michael Stone sie sieht und er keinen Ausweg aus seiner Welt, seinem Wahn, sieht.

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Anomalisa (Anomalisa, USA 2015)
Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson
Drehbuch: Charlie Kaufman (nach seinem als Francis Fregoli veröffentlichtem Theaterstück)
mit (im Original den Stimmen von) David Thewlis, Jennifer Jason Leigh, Tom Noonan
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebookseite zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Anomalisa“
Metacritic über „Anomalisa“
Rotten Tomatoes über „Anomalisa“
Wikipedia über „Anomalis“

DP/30 unterhält sich mit Charlie Kaufman und Duke Johnson über „Anomalisa“


Neu im Kino/Filmkritik: Die „Legend“ der Brüder Kray

Januar 7, 2016

In England sind die Kray-Brüder legendär. Auch heute noch. Obwohl die Zwillinge Reginald ‚Reggie‘ Kray und sein Bruder Ronald ‚Ronnie‘ Kray, geboren am 24. Oktober 1933, bereits 1968 verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, schon einige Jahre tot sind. Ronnie starb am 17. März 1995. Reggie am 1. Oktober 2000.
Reggie und Ronnie Kray waren in den sechziger Jahren die Unterweltkönige im Londoner East End. Sie hielten alten Damen die Tür auf und herrschten gleichzeitig brutal über die Halb- und Unterwelt und betrieben Clubs, in denen sich die High Society traf, um etwas echte Halbweltluft zu schnuppern.
So populäre Verbrecher werden, vor allem wenn ihr Verhalten durch eine gewisse gewissenlose Unberechenbarkeit und ein pompöses öffentliches Auftreten geprägt ist, dann auch schnell in zahlreichen Gerüchten, Legenden und Erzählungen weiter popularisiert. 1972 erschien John Pearsons mit dem Edgar ausgezeichnetes, mehrfach neu aufgelegtes Sachbuch „The Profession of Violence“. 1990 drehte Peter Medak mit Gary und Martin Kemp (besser bekannt als „Spandau Ballet“) das bei uns zu unrecht ziemlich unbekannte Gangster-Biopic „Die Krays – Zwei mörderische Leben“ (The Krays).
Jetzt wagte Brian Helgeland, der, neben eigener Regiearbeiten, wie „Payback“ und „42“, auch die Drehbücher für „L. A. Confidential“ und „Mystic River“ schrieb, sich an eine neue Interpretation der Geschichte der Kray-Brüder, die vor allem als Schauspielerkino mit einer ordentlichen Portion Zeitkolorit (und einem entsprechendem Soundtrack) begeistert. Denn Tom Hardy (derzeit auch mit „The Revenant – Der Rückkehrer“ im Kino) spielt beide Brüder und manchmal kann man schon zweifeln, ob es wirklich der gleiche Schauspieler ist. Während Reggie Kray der vernünftige der beiden Brüder ist, ist Ronnie ein Psychopath, bei dem paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde, der am Filmanfang in einer Irrenanstalt sitzt und mit Medikamenten mit Müh und Not zu einem halbwegs funktionierendem menschlichen Wesen gemacht werden kann. Er bekennt sich auch offen zu seiner Homosexualität und er spricht unverblümt aus, was er denkt. Das ist manchmal intelligent, oft auch erschreckend einfältig und moralfrei. Brutal und gewissenlos sind beide Brüder. Eigentlich ist Ronnies Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt ein Segen für die Menschheit.
Aber Reggie will, dass sein Bruder in Freiheit bei ihm in London lebt. Also besticht er einige Gutachter und die beiden Brüder können ihren Stadteil unsicher machen, während die Medien sie feiern und die Polizei versucht, sie hinter Gitter zu bringen. In diesen Jahren, vor dem Hintergrund der Swinging Sixties, entstand die Legende der Kray-Brüder, in denen sich Wahrheit und mehr oder weniger erfundene Geschichten miteinander vermischten. In „Legend“ erzählt Helgeland diese erfolgreichen Gangsterjahre bis zur Verhaftung der Kray-Brüder,
Im Gegensatz zu Scott Coopers kürzlich gestartetem Gangsterbiopic „Black Mass“ über die unheilige Allianz des FBI mit dem Bostoner Gangsterboss Whitey Bulger, in dem keine Erzählhaltung erkennbar war und der Film zu einem quälend langweiligen Monument verpasster Chancen wurde, erzählt Helgeland seine Geschichte aus der Sicht von Frances Shea, die später auch Reggies Frau wurde. Sie war, wie Helgeland bei seinen Recherchen von dem Kray-Komplizen Chris Lambrianou erfuhr, „der Grund, warum wir alle in den Knast gingen“. Danach wusste Helgeland, wie er seine Geschichte über die beiden Brüder erzählen konnte. Shea erzählt auch, oft als Voice-Over, die Geschichte der beiden Brüder und ihre Beziehung zueinander.
Allerdings wirkt der Film, vielleicht auch, weil man schon im Vorspann liest, dass Amazon Prime Instant Video einer der Geldgeber ist, immer wie ein gut ausgestatteter und gut gespielter TV-Film, dessen zahlreichen Innenaufnahmen ihre wahre Heimat eher auf dem kleinen Bildschirm finden. Auch das eher gemächliche Erzähltempo, die zurückhaltende Inszenierung und dass Helgeland seine Geschichte strikt chronologisch und konzentriert auf wenige Personen erzählt, trägt zu diesem Eindruck bei.

Legend - Plakat

Legend (Legend, Großbritannien/Frankreich 2015)
Regie: Brian Helgeland
Drehbuch: Brian Helgeland
LV: John Pearson: The Profession of Violence, 1972
mit Tom Hardy, Emily Browning, David Thewlis, Christopher Eccleston, Taron Egerton, Paul Bettany, Chazz Palminteri, Tara Fitzgerald, Colin Morgan, Paul Anderson
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Legend“
Metacritic über „Legend“
Rotten Tomatoes über „Legend“
Wikipedia über „Legend“ (deutsch, englisch) und die Kray-Zwillinge (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brian Helgelands „42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende“ (42, USA 2013)
Brian Helgeland in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Michael Fassbender ist „Macbeth“

Oktober 29, 2015

Die Frage, ob wir wirklich noch eine weitere Shakespeare-Verfilmung brauchen, ist etwas akademisch. Es gibt sie einfach. Jedes Jahr mehrere, die mehr oder weniger werkgetreu Shakespeares Werke interpretieren. Seit einigen Jahren werden sie gerne in die Gegenwart verlegt, was mindestens interessant ist und eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert.
Justin Kurzel („Die Morde von Snowtown“) verlegte die Geschichte von Macbeth nicht in die Gegenwart, sondern an seinen schottischen Originalschauplatz, wo der Film gedreht wurde.
Die Geschichte von Macbeth dürfte bekannt sein: Macbeth (Michael Fassbender) ist der Anführer des königlichen Heeres. Nachdem er in einer blutigen Schlacht den Rebellenführer Macdonwald tötete, prophezeien ihm und seinem Kampfgefährten Banquo (Paddy Considine) drei mysteriöse Frauen (aka Hexen), dass er bald Than von Cawdor und König von Schottland sein werde. Banquo werde der Vater künftiger Könige sein.
Kurz darauf wird Macbeth von einem Boten zum Than von Cawdor ernannt.
Als er nach Inverness zurückkehrt, erfährt seine Frau, Lady Macbeth (Marion Cotillard), von der Prophezeiung und sie stachelt ihren Mann an, den König zu töten. Was Macbeth auch tut.
Jetzt ist er König, aber die Hexen tauchen wieder auf, er wird immer mehr zum Tyrannen, Schuldgefühle plagen ihn, er wird zunehmend wahnsinnig und er muss, gegen viele Widersacher, um seinen Thron kämpfen.
Es ist gut, wenn man die Geschichte von Macbeth präsent hat, wenn man sich „Macbeth“ ansieht. Denn die Shakespearschen Verse sind weit entfernt von unserer Sprache, die Geschichte besticht nicht gerade durch erzählerische Stringenz (jedenfalls nach den Hollywood-Erzählkonventionen), die Namen sind eher gewöhnungsbedürftig und die vollbärtigen Krieger und Herrscher sehen sich arg ähnlich. Außerdem hat Macbeth nach seiner Rückkehr aus dem Kampf Probleme mit der Realität und er sieht Geister. Posttraumatische Belastungsstörung heißt die aktuelle Diagnose. Früher hat man ihn einfach für verrückt erklärt.
Kurzel bemühte sich einerseits um eine möglichst werkgetreue Interpretation mit dem originalen Shakespeare-Text, die er vor Ort in Schottland drehte, und andererseits inszenierte er vor allem die Kampfszenen in äußerst abstrakten Bildern, die eine gespenstische Schönheit haben und in ihrem Wahnsinn eher an die Kriegsbilder aus „Apocalypse Now“ erinnern.
So grandios diese Schlachtgemälde sind, so enttäuschend sind dann die Innenaufnahmen, in denen man die alten Gemäuer, die karge, aber durchaus ansehnliche Innenausstattung und die Kostüme kaum zur Geltung kommen, denn die Bilder sind so dunkel, dass man außer den Schauspielern kaum etwas erkennen kann.
Das ist deutlich von Orson Welles‘ „Macbeth“ (1947) inspiriert. Welles musste, weil er nur ein kleines Budget hatte, in spartanischen Kulissen drehen. Dafür setzte er auf eine expressionistische Lichtsetzung und eine extreme Stilisierung.
Kurzels „Macbeth“ hat eine in sich geschlossene Vision, gute Schauspieler, eine prächtige Ausstattung und den Text von William Shakespeare. Das ist sehr düster, sehr dunkel, kalkuliert wahnsinnig und, bei den Außenaufnahmen, äußerst bildgewaltig. Aber so richtig begeistern will diese Neuinterpretation dann doch nicht. Es bleibt ein eher intellektuelles Vergnügen.

Macbeth - Plakat

Macbeth (Macbeth, Großbritannien 2015)
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Jacob Koskoff, Todd Louiso, Michael Lesslie
LV: William Shakespeare: Macbeth, 1611/1623 (ursprünglich „The Tragedy of Macbeth“) (Macbeth)
mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis, Jack Reynor, Paddy Considine, Hilton McRae, Sean Harris, David Hayman, James Harkness, Elizabeth Debicki
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (wahrscheinlich Kulturbonus)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Macbeth“
Moviepilot über „Macbeth“
Metacritic über „Macbeth“
Rotten Tomatoes über „Macbeth“
Wikipedia über „Macbeth“ und das Theaterstück „Macbeth“
Meine Besprechung von Justin Kurzels „Die Morde von Snowtown“ (Snowtown, Australien 2011)


TV-Tipp für den 30. März: London Boulevard

März 30, 2015

ZDF, 22.45
London Boulevard (London Boulevard, USA/GB 2010)
Regie: William Monahan
Drehbuch: William Monahan
LV: Ken Bruen: London Boulevard, 2001 (London Boulevard)
Ex-Knacki Mitchel will jetzt ehrlich leben, wird Bodyguard einer berühmten Schauspielerin und hat dann doch mächtig Ärger mit einem Gangster.
Ken Bruen!
William Monahan!
Colin Farrell!
Keira Knightley!
Ray Winstone!
Und dann sind noch David Thewlis, Eddie Marsan und London dabei.
Die Begründung meiner offensichtlichen und schamlosen Begeisterung gibt es hier.
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibon

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „London Boulevard“

Wikipedia über „London Boulevard“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit William Monahan (das Erste, das Zweite) und mit William Monahan und Colin Farrell zu “London Boulevard”

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung „London Boulevard“ (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Rupert Wyatts „The Gambler“ (The Gambler, USA 2014 – nach einem Drehbuch von William Monahan)


DVD-Kritik: Der klassische Horrorfilm „Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen“

März 7, 2015

Ich habe keine Ahnung, warum „Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen“ keinen deutschen Kinostart bekommen hat. Denn an der Besetzung und der Story kann es nicht liegen. Brad Anderson, zuletzt „The Call – Leg nicht auf“, liefert hier wieder einen spannenden Genrefilm. Dieses Mal ist es ein fast schon klassischer Horrorfilm, der auf der Kurzgeschichte „Das System des Doktors Pech und des Professors Feder“ von Edgar Allan Poe basiert, die etwas modernisiert und ordentlich erweitert wurde.
Weihnachten 1899 trifft der junge Arzt Edward Newgate (Jim Sturgess) in der abgelegenen Irrenanstalt Stonehearst ein. Der Anstaltsleiter Dr. Lamb (Ben Kingsley) führt ihn durch die Anstalt und macht ihn mit seinem Therapiekonzept bekannt: die Patienten genießen maximale Freiräume. Sie dürfen ihren Wahn ausleben und sind glücklich. Lamb gibt ihnen ein sicheres Umfeld. Denn was ist besser: ein glücklicher Mann, der sich für ein Pferd hält oder ein therapierter, aber unglücklicher Mann? Newgate ist fasziniert. Vor allem von der bildschönen Pianistin Eliza Graves (Kate Beckinsale).
Als er in der Nacht durch das riesige Haus streift, entdeckt er im Keller eine Gruppe Gefangener, die behaupten, dass sie von ihren Patienten im Keller eingesperrt wurden, sie vollkommen normal seien und er ihnen helfen solle. Aber wie? Und sagen sie ihm die Wahrheit? Denn natürlich behauptet jeder Irre, dass nicht er, sondern die anderen verrückt sind.
Neben den schon erwähnten Stars Jim Sturgess, Kate Beckinsale und Ben Kingsley sind auch Michael Caine (als einer der im Keller Eingesperrten), David Thewlis, Brendan Gleeson (eigentlich nur eine Nebenrolle) und Jason Flemying bei diesem Trip in den Wahnsinn dabei.
Anderson inszenierte die Geschichte ohne neumodische Effekthaschereien gediegen altmodisch wie einen klassischen Horrorfilm, der genau deshalb gefällt und der, im Gegensatz zu „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ allemal einen Kinostart verdient hätte. Denn „Stonehearst Asylum“ ist in jeder Beziehung der bessere Film.

Stonehearst Asylum - DVD-Cover

Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen (Stonehearst Asylum, USA 2014)
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Joe Gangemi
LV: Edgar Allan Poe: The System of Doctor Tarr and Professor Fether, 1845 (Das System des Doktors Pech und des Professors Feder, Kurzgeschichte)
mit Jim Sturgess, Kate Beckinsale, Ben Kingsley, Michael Caine, David Thewlis, Brendan Gleeson, Jason Flemying

DVD
Universum Film
Bild: 2.40:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Wendecover
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Moviepilot über „Stonehearst Asylum“
Rotten Tomatoes über „Stonehearst Asylum“
Wikipedia über „Stonehearst Asylum“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brad Andersons „The Call – Leg nicht auf!“ (The Call, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Zero Theorem“ – Terry Gilliam schickt Christoph Waltz in eine Dystopie

November 28, 2014

Mit „The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem“ kehrt Terry Gilliam, dessen künstlerischer Output in den letzten Jahren, abgesehen von der „Monty Python“-Reunion, nicht besonders erfolgreich war, wieder zurück in die Welt seiner Zukunftsdystopien. „Brazil“ und „12 Monkeys“ sind inzwischen Klassiker und sein neuester Film kann als Abschluss einer Trilogie gesehen werden, weil derzeit Trilogien in Mode sind. Wobei „The Zero Theorem“ dann der erschreckend schwache Abschluss wäre.
Im Mittelpunkt des Films steht Qohen Leth (Christoph Waltz), ein Computergenie mit einer gestörten Beziehung zu seiner Umwelt. Er lebt in einer verlassenen und verfallenden Kirche. Einem Ort der Ruhe in der chaotischen Welt. Wenn er vor die Tür geht, bricht der Alltag, der Lärm, der Schmutz, das Chaos und die nimmermüden quietschbunten Werbeschleifen auf ihn herein. Das ist die Welt von „Blade Runner“ (ohne Regen) und „Minority Report“, abgeschmeckt mit etwas Steampunk, gedrängt auf fünf Metern.
Auch Leths Arbeitsplatz entspringt der grotesken Welt von „Brazil“ und „12 Monkeys“: strampelnd und mit einer Computerspielkonsole in der Hand muss Leth hektisch irgendeine Aufgabe für den Megacomputer ManCom erledigen, die anscheinend nur einen Sinn hat: ihn zu beschäftigen. Kein Wunder, dass Leth viel lieber in seiner Wohnung arbeiten würde. Auch weil er nur dort einen ganz besonderen Anruf erhalten kann, auf den er schon seit Jahrzehnten wartet.
Nach einem absurden Gespräch mit drei Doktoren und einem Treffen mit Management, dem plötzlich auftauchendem, ebenso schnell verschwindendem Chef des Unternehmens, wird ihm dieser Wunsch erfüllt. Leth soll in seiner Kirche das titelgebende „Zero Theorem“ lösen. Was das genau ist und warum die Lösung so unglaublich wichtig ist, erfahren wir nicht, aber Leth widmet sich der Aufgabe mit nimmermüder Begeisterung.
Und schnell wirkt „The Zero Theorem“ wie eine leere Übung in technischer Brillanz. Die Ausstattung hat diesen Steampunk-Retro-Touch, der gefällt. Der überbordende Ideenreichtum und die Visualisierungen sind, wie auch in Terry Gilliams anderen Filmen, interessant. So wird die Suche nach dem Zero Theorem in einem riesigen Computerspiel gezeigt, in dem Leth Klötzchen an einen bestimmten Ort bewegen muss. Das zeigt in wenigen Bildern, wie schwierig die Aufgabe ist. Nur, weil wir nicht wissen, was das soll, entsteht der Effekt, dass Leth von seiner Aufgabe vollkommen in Anspruch genommen wird, sich über schlechte Ergebnisse aufregt und gleich noch einmal versucht, diese Aufgabe zu lösen, während wir nur einen Menschen sehen, der eine für uns vollkommen sinnlose Aufgabe erledigen soll. Das ist dann ungefähr so spannend, wie ein Spiel zu beobachten, dessen Regeln man nicht kennt und sie auch nie versteht. Spätestens zur Filmmitte mächte man dem manisch an seinem Computer herumhantierendem Leth zurufen: „Get a life!“.
Doch Leth hämmert weiter auf den Tasten herum und Terry Gilliams neuer Film, der auch fast ausschließlich in Leths Wohnung spielt, langweilt dann auch entsprechend schnell. Denn weder Leth noch die anderen Charaktere, die eigentlich alle nur Karikaturen und Metaphern sind, interessieren wirklich und besonders facettenreich sind sie auch nicht. So wirkt „The Zero Theorem“ am Ende wie eine Skizze, ein zu lang geratener Kurzfilm, bei dem viel Talent verschleudert wird.

The Zero Theorem - Plakat

The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem (The Zero Theorem, Großbritannien/Rumänien 2013)
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Pat Rushin
mit Christoph Waltz, David Thewlis, Mélanie Thierry, Lucas Hedges, Matt Damon, Tilda Swinton, Sanjeev Bhaskar, Peter Stormare, Ben Whishaw
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Zero Theorem“
Moviepilot über „The Zero Theorem“
Metacritic über „The Zero Theorem“
Rotten Tomatoes über „The Zero Theorem“
Wikipedia über „The Zero Theorem“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Wie sieht es „Inside WikiLeaks“ aus?

Oktober 31, 2013

 

Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“, der erste Spielfilm über die Enthüllungsplattform, ist kein guter Film und dennoch ist es ein sehenswerter Film.

Die Geschichte von WikiLeaks dürfte in großen Zügen ja bekannt sein: der australische Hacker Julian Assange (grandios gespielt von Benedict Cumberbatch) gründet eine Plattform, auf der er Geheimdokumente online stellt. Daniel Domscheit-Berg (damals Daniel Berg, ebenfalls grandios von Daniel Brühl gespielt) wird sein Vertrauter. Mit ihren Enthüllungen bringen sie die Julius-Bär-Bank in die Bredouille (im Film übergibt ein von Axel Milberg gespielter Banker Domscheit-Berg bei seiner ersten Übergabe von Geheiminformationen im Januar 2008 das Material), leaken Informationen über die isländische Kaupthing Bank, veröffentlichen das „Collateral Murder“ genannte Video über einem US-Militäreinsatz, bei dem mehrere Zivilisten und zwei Reuters-Angestellte ermordet wurden, und stellen Tonnen von US-Regierungsdokumenten online. Diese vom US-Soldaten Bradley Manning beschafften Dokumente werden auch, zeitgleich zur WikiLeaks-Veröffentlichung im Juli 2010 in mehreren Zeitungen, wie „The Guardian“ und „Der Spiegel“, veröffentlicht. Die US-Regierung beginnt gegen den Störenfried vorzugehen. Die Wege von Assange und Domscheit-Berg trennen sich. Fast gleichzeitig werfen zwei Schwedinnen Assange vor, sie vergewaltigt zu haben. Assange will nicht in Schweden aussagen und sitzt seit über einem Jahr, als politischer Flüchtling, in der ecuadorianischen Botschaft in London fest.

Bill Condons Film folgt dieser Geschichte, erzählt dabei von der Freundschaft zwischen Assange und Berg, die als platonische Liebesgeschichte mit all ihren Verwerfungen und Problemen quasi im Mittelpunkt des Films steht, entwirft ein Psychogramm von Assange als charismatisches, von seiner Mission überzeugtes Arschloch und erzählt von der großen Enthüllung der US-Regierungsdokumente und damit der Beziehung zwischen Assange und dem Guardian. Die New York Times und der Spiegel, die daran auch beteiligt waren, bleiben Zaungäste – und den anonymen Whistleblowern gebührt während des gesamten Films kaum ein Halbsatz.

Das ist viel Stoff für einen Film und mit über zwei Stunden ist „Inside WikiLeaks“ auch zu lang geraten. Er franst an allen Ecken und Enden aus, weil Regisseur Bill Condon („Gods and Monsters“, „Kinsey“, „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht“) und Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Lie to me“, „Fringe“) alles erzählen wollen; jedenfalls soweit die Geschichte bis jetzt bekannt ist und das innerhalb von zwei Stunden. Man merkt daher auch immer, dass in diesem mit entsprechend heißer Nadel gestricktem Film eine ordentliche Überarbeitung des Drehbuchs, die zu einer eindeutigen erzählerischen Perspektive geführt hätte, fehlt. Ein Mangel, den „Inside WikiLeaks“ mit anderen Filmen, die unmittelbar nach den Ereignissen gedreht wurden, teilt. Denn der historische Abstand, der dazu führt, dass man Fakten von Fiktion trennen kann und dass man die Ereignisse und ihre Bewertung in Ruhe einsortieren kann, fehlt. Die Reflektion über das Ausmaß des Umbruchs fehlt noch. Die Zeit und der Wille, sich für eine Geschichte zu entscheiden fehlt und wahrscheinlich wäre „Inside WikiLeaks“ in der jetzigen Form als drei- oder vierstündiger TV-Film, in dem dann die Zeit gewesen wäre, tiefer in die Materie einzusteigen und man auch ganz anders zwischen Haupt- und Nebenplots wechseln kann, gelungener.

Dennoch und trotz seiner üppigen Laufzeit bleibt „Inside WikiLeaks“ oberflächlich und ist, soweit das bei den sich widersprechenden Statements der mehr oder weniger in die Ereignisse verwickelten realen Personen, die in herzlicher Abneigung miteinander verbunden sind und ihren Streit öffentlich austragen, eindeutig gesagt werden kann, sicher oft historisch nicht besonders akkurat. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, Daniel Domscheit-Bergs damalige Freundin und heutige Ehefrau in Wirklichkeit zehn Jähre älter als er; im Film ist sie deutlich jünger und sie wirkt wie eine x-beliebige, unpolitische Studentin. Julian Assange, dem wahrscheinlich nur ein vom ihm geschriebener und inszenierter Film mit ihm in der Hauptrolle gefallen könnte, hat schon mehrmals sein Missfallen über den Film geäußert und auch andere in die WikiLeaks-Geschichte involvierte Menschen zählen in liebenswerter Genauigkeit die Fehler des Films auf. Als gäbe es nur eine Wahrheit. Als sei ein Spielfilm ein Dokumentarfilm, wie Alex Gibneys kürzlich im Kino gelaufene und demnächst auf DVD erscheinende sehr gelungene Dokumentation „We steal Secrets: Die WikiLeaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of WikiLeaks, USA 2013), die auch dem Whistleblower Bradley Manning, der WikiLeaks die zahlreichen US-Dokumente gab, seinen gebührenden Platz gibt. In „Inside WikiLeaks“ wird er nur in einem Halbsatz erwähnt und die Vergewaltigungsvorwürfe, die in Gibneys Doku ausführlich geschildert werden, werden in „Inside WikiLeaks“ mit einer Texttafel abgehandelt, weil er letztendlich die gemeinsame Zeit von Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg von Dezember 2007 bis zu ihrer Trennung im Spätsommer 2010 schildert.

Nachdem Condon zunächst die üblichen Bildern von jungen Männern, die enthemmt die Tastatur malträtieren und Buchstaben und Zahlen über den Bildschirm flackern, zeigt, gelingen ihm später zahlreiche sehr gelungene Visualisierungen des Cyberspace. Das erste Privatgespräch von Assange und Domscheit-Berg, nachdem sie sich Ende Dezember 2007 in Berlin auf dem Chaos Commmunications Congress (24C3) kennen lernen, ist so grotesk, dass es wahrscheinlich wahr ist: Assange und Domscheit-Berg ziehen sich im nicht mehr existierendem alternativen Künstlerhaus „Tacheles“ in ein Nebenzimmer, in dem sie allein sind, zurück, um sich, an einem Tisch sitzend, via Computer zu unterhalten. Treffender wurde das Lebensgefühl dieser Computernerds wahrscheinlich noch nie gezeigt. Später springt Condon in den Cyberspace und findet für komplexe Vorgänge grandios einfache und eindrückliche Bilder. Zum Beispiel wenn Domscheit-Berg erkennt, dass hinter den vielen WikiLeaks-Mitarbeitern, mit denen er in den vergangenen Monaten eifrig elektronisch kommunizierte und von denen er nur die Namen kannte, immer Assange steckte. Dann erscheint hinter jedem Schreibtisch und hinter jedem Namen, die in einem anonymen, raum- und fensterlosem Großraumbüro stehen, das Gesicht von Assange.

Trotz aller Fehler, die „Inside WikiLeaks“ hat, gelingt es dem Film, vor allem im letzten Drittel, wenn es um die Veröffentlichung von Dokumenten im Guardian und auf WikiLeaks geht, zum Nachdenken über den Wert und die Gefahren von Transparenz anzuregen. Er erzählt auch von den persönlichen Verwerfungen, die es in Projekten immer wieder gibt und wie ein Charismatiker Menschen begeistern kann.

Damit bietet der sich an ein breites Publikum richtende Film, der definitiv kein Anti-WikiLeaks-Film ist, genug Stoff für eine ordentliche Diskussion nach dem Filmende – und das ist dann wieder mehr, als andere Filme liefern.

Inside Wikileaks - Plakat

Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt (The Fifth Estate, USA 2013)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Josh Singer

LV: Daniel Domscheit-Berg (mit Tina Klopp): Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Webseite der Welt, 2011; David Leigh/Luke Harding: WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy, 2011 (WikiLeaks: Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung)

mit Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, Anthony Mackie, Laura Linney, Stanley Tucci, David Thewlis, Peter Capaldi, Alan Rusbridger, Alicia Vikander, Carice van Houten, Moritz Bleibtreu, Axel Milberg, Ludger Pistor, Lisa Kreuzer, Edgar Selge, Alexander Siddig (viele bekannte Namen, aber viele haben nur kurze Auftritte)

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Inside WikiLeaks“

Moviepilot über „Inside WikiLeaks“

Metacritic über „Inside WikiLeaks“

Rotten Tomatoes über „Inside WikiLeaks“

Wikipedia über „Inside WikiLeaks“ (deutsch, englisch), WikiLeaks (deutsch, englisch) und Julian Assange (deutsch, englisch

Homepage von Wikileaks

Meine Besprechung von Alex Gibneys „We steal Secrets: Die WikiLeaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of WikiLeaks, USA 2013)

 

 


TV-Tipp für den 2. Oktober: Mr. Nice

Oktober 2, 2013

3sat, 22.25

Mr. Nice (GB 210, R.: Bernard Rose)

Drehbuch: Bernard Rose

LV: Howard Marks: Mr. Nice, 1996 (Mr. Nice)

Biopic über Howard Marks, der vom begabten, aus ärmlichen Verhältnissen kommendem Kleinstadtjungen während der Swinging Sixties an der Universität Oxford mit Drogen und freier Liebe in Berührung kommt und ratzfatz zum größten Dope-Dealer Englands aufsteigt, mit dem Gesetz Probleme hat und heute, das ist die dramaturgische Klammer, auf der Bühne locker-flockig von seinem Leben erzählt.

Mr. Nice“ ist eine mäßig unterhaltsame Selbstinszenierung von Howard Marks.

mit Rhys Ifans, Chloe Sevigny, David Thewlis, Omid Djalili, Crispin Glover

Wiederholung: Donnerstag, 3. Oktober, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Mr. Nice“

Metarcritic über „Mr. Nice“

Rotten Tomatoes über „Mr. Nice“

Wikipedia über „Mr. Nice“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bernard Roses „Chicago Joe und das Showgirl“ (Chicago Joe and the Showgirl, GB 1989)


Neu im Kino/Filmkritik: Das gleiche. Nochmal. „R. E. D. 2 – Noch älter. Härter. Besser“

September 13, 2013

 

Vor drei Jahren war „R. E. D. – Älter. Härter. Besser.“ ein kleiner Überraschungserfolg. Eine Bande alter, weitgehend pensionierter Geheimagenten (gespielt von Bruce Willis, John Malkovich, Morgan Freeman und Helen Mirren) zeigt jüngeren Agenten, dass sie noch topfit sind. Als Vorlage für den Film diente der gleichnamige, 2003 erschienene blutig-böse Comic von Warren Ellis (Autor) und Cully Hamner (Zeichner), in dem Paul Moses (im Film Frank Moses, gespielt von Bruce Willis) im Alleingang mindestens die halbe CIA tötete, nachdem er im Auftrag des neuen CIA-Chefs von einer Spezialeinheit umgebracht werden sollte. Dabei war der Auftraggeber gewarnt. Denn der Aktenvermerk „R. E. D.“ steht für „im Ruhestand, extrem gefährlich“.

Für die Film wurde diese schlanke Geschichte dann kräftig erweitert und zu einer kurzweilig-durchgeknallten Action-Comedy. Das machte Spaß.

In der Fortsetzung „R. E. D. 2“ gibt es mehr Explosionen, mehr Action, mehr Witze und weniger Story. Denn die chaotische und ziemlich sinnfreie Geschichte – Frank Moses und seine Freunde sollen getötet werden, weil sie vor vielen Jahren, ohne ihr Wissen, in irgendeine Geheimdienstaktion mit einer Superbombe involviert gewesen sein sollen – ist nur eine leicht veränderte, noch weiter hergeholte Wiederholung des ersten Films, die dieses Mal nur der Aufhänger für eine Weltreise der Ex-Agenten ist; mit massiven Sachbeschädigungen an allen Orten, an denen sie einen Zwischenstopp machen. Die Schauspieler hatten sicher ihren Spaß bei diesem selbstgenügsamen Film, der sich zu sehr auf dem Witz des ersten „R. E. D.“-Films ausruht und außer Helen Mirren mit Wumme wenig zu bieten hat. Aber das kennen wir schon aus „R. E. D.“.

Oh, und die Verkleidungen von John Malkovich sind noch geschmacksfreier und Mary-Louise Parker, die im ersten „R. E. D.“-Film eine verhuschte Buchhalterin war, will jetzt unbedingt bei der Action mitmachen, während ihr Filmehemann Bruce Willis davon überhaupt nicht begeistert ist.

R E D 2 - Plakat

R. E. D. 2 – Noch älter. Härter. Besser. (R. E. D. 2/Red 2, USA 2013)

Regie: Dean Parisot

Drehbuch: Jon Hoeber, Erich Hoeber

mit Bruce Willis, John Malkovich, Mary-Louise Parker, Helen Mirren, Anthony Hopkins, Catherine Zeta-Jones, Byung Hun Lee, Brian Cox, Neil McDonough, David Thewlis

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „R. E. D. 2“

Moviepilot über „R. E. D. 2“

Metacritic über „R. E. D. 2“

Rotten Tomatoes über „R. E. D. 2“

Wikipedia über „R. E. D. 2“ (deutsch, englisch)

Die Charakterposter

das alte Team

R E D 2 - Bruce Willis

R E D 2 - Mary-Louise Parker

R E D 2 - John Malkovich

R E D 2 - Helen Mirren

die Neuzugänge

R E D 2 - Byung Hun Lee

R E D 2 - Catherine Zeta-Jones

der irre Wissenschaftler

R E D 2 - Anthony Hopkins


DVD-Kritik: Mord und Totschlag, überall und jederzeit

März 13, 2013

Nach der fantastischen Welt von Oz, vor „Hitchcock“ und zwischen „Vega$“ (muss sein, für mich als PI-Junkie) und Peter Weir (muss sein, für alle Filmfans) stapeln sich Bücher und Filme, die ich teilweise schon vor Weihnachten gelesen habe und ausführlich besprechen wollte. Aber bis jetzt kam ich nicht dazu und in den nächsten Tagen sieht es auch nicht viel besser aus. Bevor meine Notizen auch für mich vollkommen unlesbar werden, gibt es jetzt einen Schwund kurzer Kritiken. Ich würde ja sagen Drei-Satz-Kritiken, aber dann werden es doch vier, fünf oder noch mehr Sätze.

Beginnen wir mit einigen Gangsterfilmen:

Black’s Game“ führt uns in die Unterwelt von Island. Student Stebbi hat Angst vor einer drohenden Gefängnisstrafe. Doch dann trifft er seinen Jugendfreund Toti, der inzwischen als Gangster sein Geld verdient und ihm bei diesem Problemchen helfen will. Er gibt Stebbi eine kleine Aufgabe, die er mit Bravour erledigt und fortan verfolgen wir gespannt seinen Aufstieg in der isländischen Gangsterhierarchie, in der die Protagonisten jünger und brutaler als bei Martin Scorsese sind.

Das ist mitreisend hartes Kino mit überzeugenden Schauspielern, die teilweise hier ihr Leinwanddebüt gaben. Óskar Thór Axelssons Film basiert auf einem Roman von Stefán Máni, der in einem Featurette von den Recherchen für den Roman erzählt. Wobei allerdings unklar bleibt, wie sehr der, bis auf den Epilog, 1999/2000 spielende Film „Black’s Game“ auf Tatsachen beruht oder verschiedene Vorfälle und Personen aus der isländischen Unter- und Halbwelt zu einer spannenden Geschichte verdichtet.

Black's Game - DVD-Cover

Black’s Game – Kaltes Land (Svartur á leik, Island 2012)

Regie: Óskar Thór Axelsson

Drehbuch: Óskar Thór Axelsson

LV: Stefán Máni: Svartur á leik, 2004

mit Þorvaldur Davið Kristjánsson, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Damon Younger, Maria Birta Bjarnadóttir, Vignir Rafn Valþórsson, Egill Einarsson, Björn Jörundur Friðbjörnsson

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS), Isländisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Diverse Featurettes und Interviews (19 Minuten), Originaltrailer, Wendecover

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Black’s Game“

Wikipedia über „Black’s Game“

Bei „Mr. Nice“ stellt sich die Frage nicht. Denn Bernard Roses Film erzählt, basierend auf der Biographie von Howard Marks, dessen Lebensgeschichte und wie er vom begabten, aus ärmlichen Verhältnissen kommendem Kleinstadtjungen während der Swinging Sixties an der Universität Oxford mit Drogen und freier Liebe in Berührung kam und ratzfatz zum größten Dope-Dealer Englands aufstieg, mit dem Gesetz Probleme hatte und heute, das ist die dramaturgische Klammer, auf der Bühne locker-flockig von seinem Leben erzählt.

Mr. Nice“ ist eine mäßig unterhaltsame Selbstinszenierung von Howard Marks. Aber die Einzel-DVD ist mit einem Audiokommentar von Bernard Rose und einem von Howard Marks gut ausgestattet. Wer mehr Infos will, muss die Doppel-DVD kaufen.

Mr. Nice

Mr. Nice (Mr. Nice, GB 210)

Regie: Bernard Rose

Drehbuch: Bernard Rose

LV: Howard Marks: Mr. Nice, 1996 (Mr. Nice)

mit Rhys Ifans, Chloe Sevigny, David Thewlis, Omid Djalili, Crispin Glover

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Zwei Audiokommentare, Deutscher Trailer, Originaltrailer

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Film-Zeit über „Mr. Nice“

Metarcritic über „Mr. Nice“

Rotten Tomatoes über „Mr. Nice“

Wikipedia über „Mr. Nice“ (deutsch, englisch)

Wesentlich gelungener ist Bernard Roses 1944 in London spielendes, heute fast vergessenes Frühwerk „Chicago Joe und das Showgirl“, nach einem Drehbuch von David Yallop, mit Kiefer Sutherland und Emily Lloyd in den Hauptrollen.

Emily Lloyd spielt das titelgebende Showgirl Georgina Grayson, die sich ein Leben auf der großen Bühne und als Gangsterbraut erträumt und als sie Rick ‚Chicago Joe‘ Allen (Kiefer Sutherland) kennenlernt, ist sie sofort in ihn verliebt. Denn er ist ein waschechter Gangster aus Chicago! Das Liebespaar beginnt schnell ihre Version von Bonnie und Clyde zu spielen. Dummerweise ist Chicago Joe kein Gangster, sondern ein kleiner, fahnenflüchtiger Soldat und notorischer Aufschneider.

Rose spielt in diesem Film sehr interessant und für einen über zwanzig Jahre alten Mainstream-Film sehr avantgardistisch mit den verschiedenen Wahrnehmungsebenen. Denn er wechselt ständig zwischen der Realität und Georginas Träumen von der großen Hollywood-Karriere (so beginnt und endet der Film mit einer Fantasie von ihr bei der Premiere ihres großen Films [Remember „Sunset Boulevard“?]) und ihrem, aus den Hollywood-Gangsterfilmen entlehntem Bild der Wirklichkeit. Die Kulissen sind überdeutlich als Kulissen erkennbar, das Filmformat erinnern an einem Dreißiger-Jahre-Gangsterfilm, die Farben an das damals gebräuchliche Technicolor. Und auch Chicago Joe hat seine Probleme mit der schnöden Realität. Denn er steht zwischen zwei Frauen, die er beide belügt.

Ach ja: „Chicago Joe und das Showgirl“ basiert auf einem wahren Fall: dem „Cleft Chin Murder“. Am 3. Oktober 1944 lernten sich die am 5. Juli 1926 in South-Wales geborene Elizabeth ‚Betty‘ Maud Jones (die als Georgina Grayson als Striptease-Tänzerin arbeitete) und der 1922 in Schweden geborene, in Massachusetts aufgewachsene Karl Hulten, der sich Ricky nannte und damals seit einem halben Jahr fahnenflüchtig war, kennen. Der Film folgt den damaligen Ereignissen anscheinend ziemlich genau.

Beide wurden zum Tode verurteilt. Hulten wurde als einziger G. I. der je in Großbritannien hingerichtet wurde, am 8. März 1945 erhängt. Jones wurde 1954 begnadigt.

Chicago Joe und das Showgirl - DVD-Cover

Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, GB 1989)

Regie: Bernard Rose

Drehbuch: David Yallop

mit Emily Lloyd, Kiefer Sutherland, Patsy Kensit, Keith Allen, Liz Fraser, Alexandra Pigg

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 11)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet, Bildergalerie, Trailer

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Chicago Joe und das Showgirl“

Wikipedia über „Chicago Joe und das Showgirl“

Dass „The Take – Zwei Jahrzehnte in der Mafia“ nicht das Budget von „Der Pate“ oder „Goodfellas“ hatte, sieht man und dass „The Take“ ursprünglich eine vierteilige TV-Serie war, sieht man ebenfalls. Denn der Film teilt sich in vier Blöcke, die 1984, 1988 und 1994 (der dritte und vierte Teil) spielen und die Länge einer TV-Episode haben. Und dass die Geschichte weitgehend den bekannten Genrepfaden folgt, merkt man schnell.

The Take“ erzählt die Geschichte von Freddy Jackson (Tom Hardy) und seinem Freund und Cousin Jimmy Jackson (Shaun Evans), zwei Londoner Verbrecher, die sich seit Ewigkeiten kennen. Freddie verbrachte einige Jahre im Gefängnis und kaum ist er draußen, beginnt er mit einer fiebrigen Energie, die Scarface vor Neid erblassen lassen würde, sein Imperium aufzubauen. Gleichzeitig wird er zunehmend psychopathisch und man fragt sich spätestens ab der Filmmitte, wie ein so durchgeknallter Verbrecher die letzten zehn Jahre (und die Jahre vor dem Filmbeginn) überleben konnte. Währenddessen festigt Jimmy seinen Ruf als Geschäftsmann, der zwar illegale Geschäfte betreibt, aber zunehmend verbürgerlicht.

Das folgt alles bis zum Ende, durchaus kraftvoll und für eine TV-Serie sehr brutal, den bekannten Genrekonventionen. Aber schon von Anfang spielen die Frauen an der Seite von Freddy und Jimmy, teils als Schwester, teils als Ehefrau, eine wichtige Rolle, die zwar zunächst irritiert, weil sie mit dem verbrecherischen Leben der Gangster nichts zu tun haben, aber sie sorgt auch für ein überraschendes und ungewöhnliches Ende, das auch eine Verschiebung innerhalb des Genres anzeigt. Denn im Spiel zwischen Gangstern und Gangstern und Gangstern und Polizisten ist ein weiterer Mitspieler hinzugekommen.

Und dann ist da noch Tom Hardy in Bad-Ass-Bad-Ass-Mode. Für sein Spiel war er für den 2009er Crime Thriller Award als bester Darsteller nominiert. Danach spielte er, um nur seine bekannteste Rolle zu nennen, in „The Dark Knight Rises“ den Bösewicht.

The Take - DVD-Cover

The Take – Zwei Jahrzehnte in der Mafia (The Take, GB 2009)

Regie: David Drury

Drehbuch: Neil Biswas

LV: Martina Cole: The Take, 2005 (Die Schwester)

mit Tom Hardy, Shaun Evans, Charlotte Riley, Kierston Wareing, Margot Leicester, Brian Cox, Jane Wood

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digitial 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 178 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Sky1 über „The Take“

Wikipedia über „The Take“ 

Homepage von Martina Cole

Dank „Drive“ ist Nicolas Winding Refn inzwischen wohl bekannt genug, dass mit seinem Namen geworben werden kann. Bei „Black’s Game – Kaltes Land“ war er Executive Producer, aber auf dem DVD-Cover wird er groß erwähnt. Der englische Gangsterfilm „Pusher“ basiert auf Nicholas Winding Refns gleichnamigem, rauhen Debütfilm von 1996 über einen kleinen Drogendealer, der gerade eine Pechsträhne hat und innerhalb weniger Tage viel Geld besorgen muss, das er nicht hat. Er lässt sich auf zunehmend riskante Geschäfte ein und bei einem Noir können wir uns denken, wie die Geschichte ausgeht.

Diese nicht sonderlich spektakuläre Geschichte (sie wurde durch Nicholas Winding Refns Regie, die Kamera und die Schauspieler zu etwas Besonderem) hat jetzt Drehbuchautor Matthew Read (Produzent bei „Miss Marple“, „Aurelio Zen“ und „Kommissar Wallander“) mit kleinen Änderungen ins heutige London übertragen, der Spanier Luis Prieto gab sein UK-Debüt und Richard Coyle übernahm die Hauptrolle in dieser Version von „Pusher“, die die altbekannte Geschichte in einer anderen Stadt erzählt. Das ist als eigenständiger Film gelungen, interessant im Vergleich zwischen Original und Remake und ähnelt dem US-Remake von Stieg Larssons „Verblendung“, das auch gut, aber für die Kenner des Originals auch ziemlich überflüssig ist.

Pusher - DVD-Cover

Pusher (Pusher, GB 2012)

Regie: Luis Prieto

Drehbuch: Matthew Read

mit Richard Coyle, Agyness Deyn, Bronson Webb

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:1,85)

Ton: Deutsch (DTS, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Metacritic über „Pusher“

Rotten Tomatoes über „Pusher“

Wikipedia über „Pusher“

Die „Briefe aus dem Jenseits“ haben mächtig Patina angesetzt. Die Geschichte ist auch mehr ein Gruselfilm als ein Noir. Allerdings einer, der zwar einige gelungene, also unheimliche Szenen hat, aber insgesamt eher den Eindruck von verwirrend zusammengesetztem, sich als Liebesdrama viel zu ernst nehmendem Stückwerk hinterlässt.

Denn als Literaturagent Lewis Venable (Robert Cummings) in Venedig in der Villa der über hundertjährigen Juliana Bordereau (Agnes Moorehead) unter einem Vorwand die anscheinend unglaublich beeindruckenden Liebesbriefe des verschollenen Poeten Jeffrey Ashton an sie sucht, wird er in ein Spiel um Identitäten, Schein und Sein hineingezogen und er verliebt sich in die Nichte der Hausherrin (Susan Hayward), die nach Sonnenuntergang zu einer anderen Frau wird.

Briefe aus dem Jenseits - DVD-Cover

Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, USA 1947)

Regie: Martin Gabel

Drehbuch: Leonardo Bercovici

LV: Henry James: The Aspern Papers, 1888 (Asperns Nachlass)

mit Robert Cummings, Susan Hayward, Agnes Moorehead, Joan Lorring, John Archer

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 10)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet, Bildergalerie

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Briefe aus dem Jenseits“

Turner Classic Movies über „Briefe aus dem Jenseits

Wikipedia über „Briefe aus dem Jenseits“ 

P. S.: Der Trailer ist ein Fan-Made-Trailer.

Zurück in die Fast-Gegenwart.

Der Mann mit der Stahlkralle“. Das klingt doch nach zünftiger, gehirnbefreiter Action mit vielen schlagenden und tretenden Asiaten. Vor allem weil der Film erst 1980, drei Jahre nach dem US-Kinostart, in die deutschen Kinos kam und in den Bahnhofkinos gerade gefühlt jeder zweite Film einen „Bruce Lee“ im Titel hatte. Da konnte „Der Mann mit der Stahlkralle“ nur ein weiterer billiger Action-Film sein, der auch bei der Kritik schlecht ankam: „übles Kinostück“ (Fischer Film Almanach 1981), „blutrünstiger Film“ (Lexikon des internationalen Films).

Nun, blutrünstig ist der Film in einigen Momenten und natürlich im Showdown. Und ein Mann mit einer Stahlkralle kommt auch vor. Aber der Originaltitel „Rolling Thunder“ trifft es schon eher. Denn wie ein Donnergrollen bewegt sich die Noir-Geschichte langsam und sehr fatalistisch voran. Paul Schrader, der Autor von „Taxi Driver“, hatte die Idee für die Geschichte von einem Kriegsheimkehrer, der sich in seiner alten Heimat nicht mehr zurechtfindet. Eine Geschichte, die in vielen Momenten in einem interessanten Verhältnis zu „Taxi Driver“ steht und damals, – wir sind in der Prä-“Rambo“-Zeit und auch auch vor den kritischen Vietnam-Filmen „Sie kehren heim“ (Coming Home) und „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter) -, im Kino noch Terra Incognita war. Heywood Gould (The Bronx, Cocktail) wurde dann als zweiter Drehbuchautor genommen und John Flynn, der davor die unterschätzte Richard-Stark-Verfilmung „Revolte in der Unterwelt“ (The Outfit) drehte, übernahm die Regie. Flynn drehte später unter anderem „Bestseller“ und „Lock Up – Überleben ist alles“.

Erzählt wird die Geschichte von Major Charles Raine (William Devane) der 1973 nach einer siebenjährigen Gefangenschaft in einem Vietcong-Gefangenenlager wieder in seine alte Heimat San Antonio, Texas zurückkehrt. Aber der introvertierte Mann, der überall als Kriegsheld gefeiert wird, hat Probleme, in sein altes Leben, das es auch nicht mehr gibt, zurückzukehren. Für seinen Sohn ist er ein fremder Mann. Seine Frau hat sich in einen anderen Mann verliebt. Er hat keinen Job.

Erst als einige Verbrecher ihm einige Münzen, die er als Anerkennung für seine Gefangenschaft erhielt, klauen, seine Familie umbringen und ihm in einem Küchenabfallzerkleinerer (in Texas ein übliches Haushaltsgerät) seine Hand zerhäckseln, hat er wieder eine Mission und die titelgebende Stahlkralle als Ersatz für die fehlende Hand.

Raine will die Mörder seiner Frau und seines Sohnes finden.

Dabei hilft ihm Johnny Vohden (Tommy Lee Jones), der mit ihm in Gefangenschaft war und daran ebenfalls zerbrochen ist.

Tommy Lee Jones hat zwar nur wenige Szenen in dem Film, aber wie er in ihnen die Verlorenheit seines Charakters zeigt, ist großes Schauspiel.

Denn Raine und Vohden sind zutiefst gebrochene Charaktere, die in der Gesellschaft ihren Platz nicht mehr finden. Genau wie Travis Bickle (Robert De Niro) in „Taxi Driver“ oder William James (Jeremy Renner) in „The Hurt Locker“.

Das gesagt, muss allerdings auch gesagt werden, dass „Der Mann mit der Stahlkralle“ sogar nach damaligem Standard sehr langsam erzählt ist, die wenigen Schnitte, die dunklen Bilder und die introvertierten Charaktere dieses Gefühl der Langsamkeit noch verstärken und so „Der Mann mit der Stahlkralle“ sich zäher als nötig ansieht. Jedenfalls wenn man auf die Action gespannt ist. Die gibt es erst in der zweiten Hälfte und sie ist immer noch ziemlich graphisch. Wobei die schlimmste Szene, gerade weil wir sie uns so gut vorstellen können, wohl das Zerkleinern von Raines‘ Hand ist.

Das Bonusmaterial ist sehr gelungen. Es gibt eine Bildergalerie, ein elfminütiges Interview mit Linda Haynes über die Dreharbeiten und ihr Leben nach dem Film abseits der Filmindustrie und einen sehr interessanten und sehr informativen Audiokommentar, bei dem Drehbuchautor Heywood Gould im lockeren Gespräch mit Roy Frumkes aus seinem Leben und über den Film erzählt. Wer also einen Blick hinter die Kulissen werfen will, ist hier ziemlich gut bedient. Und wer wissen will, warum „Der Mann mit der Stahlkralle“ einer der Lieblingsfilme von Quentin Tarantino und Eli Roth ist, sollte sich Eli Roths „Trailer from Hell“-Audiokommentar zum Trailer anhören.

Ach ja: „Der Mann mit der Stahlkralle“ war bis 2001 auf dem Index und diese DVD/Blu-ray ist die erste ungekürzte Veröffentlichung des Films in Deutschland.

Der Mann mit der Stahlkralle - DVD-Cover

Der Mann mit der Stahlkralle (Rolling Thunder, USA 1977)

Regie: John Flynn

Drehbuch: Paul Schrader, Heywood Gould

mit William Devane, Tommy Lee Jones, Linda Haynes, James Best, Lisa Richards

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Audiokommentar mit Drehbuchautor Heywood Gould, Interview mit Darstellerin Linda Haynes (11 Minuten), Trailer mit Kommentar von Eli Roth, Trailer, TV-Spot, Bildergalerie

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Noir of the Week: Krimiautor Wallace Stroby über „Der Mann mit der Stahlkralle“

Rotten Tomatoes über „Der Mann mit der Stahlkralle“

Turner Classic Movies über „Der Mann mit der Stahlkralle“

Wikipedia über „Der Mann mit der Stahlkralle“ 

Homepage von Heywood Gould


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