TV-Tipp für den 23. Oktober: Ich und Kaminski

Oktober 22, 2018

WDR, 22.10

Ich und Kaminski (Deutschland/Belgien 2015)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Wolfgang Becker, Thomas Wendrich

LV: Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski, 2003

Journalist Sebastian Zöllner ist ein ausgemachtes, von sich selbst überzeugtes Arschloch, das sich mit einer Biographie über den legendären, blinden Maler Manuel Kaminski finanziell sanieren will. Dummerweise ist der 85-jährige Künstler auch kein Kind von Traurigkeit.

Enorm kurzweiliger, verspielter, einfallsreicher und in jeder Beziehung schöner Film von „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker über unsympathische Menschen.

Mehr in meiner Besprechung.

mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Denis Lavant, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin, Jan Decleir, Joacques Herlin, Josef Hader, Peter Kurth, Milan Peschel, Patrick Bauchau

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Ich und Kaminski“
Film-Zeit über „Ich und Kaminski“
Moviepilot über „Ich und Kaminski“
Rotten Tomatoes über „Ich und Kaminski“ (derzeit noch keine Kritiken)
Wikipedia über „Ich und Kaminski“ (Roman) und Daniel Kehlmann
Perlentaucher über „Ich und Kaminski“
Homepage von Daniel Kehlmann

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)


DVD-Kritik: „3 Tage in Quiberon“ mit Romy Schneider

September 29, 2018

Beim diesjährigen Deutschen Filmpreis war Emily Alefs „3 Tage in Quiberon“ der große Abräumer. Zuerst mit rekordverdächtigen zehn Nominierungen und dann mit sieben Auszeichnungen. Und zwar in den Kategorien Bester Film, Regie, Hauptdarstellerin (Marie Bäumer), Nebendarstellerin (Birgit Minichmayr), Nebendarsteller (Robert Gwisdek [Warum nicht Hauptdarsteller?]), Kamera (Thomas W. Kiennast) und Filmmusik (Christoph M. Kaiser und Julian Maas).

Und dennoch ist es schon vor dem Ansehen ein zwiespältiger Film, der zu den Biopics gehört, die die Porträtierte nicht beim Aufstieg, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere oder vor einer schweren, ihr Leben bestimmenden Entscheidung zeigt, sondern sie an einem Tiefpunkt, kurz vor ihrem Tod, zeigt, Das war zuletzt bei „Nico, 1988“ so. Und ist auch bei „3 Tage in Quiberon“ so. Alef zeigt Romy Schneider 1981 während einer längeren Auszeit in Quiberon. Sie versucht in dem französischen Kurort von den Drogen, – Alkohol und Tabletten -, wegzukommen und gesund zu leben. Erfolglos. Emotional ist sie ein Wrack.

Trotzdem hat sie zugestimmt, ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs zu führen. Der Film zeigt diese sich über drei Tage erstreckende Begegnung zwischen ihnen in der bretonischen Hafenstadt Quiberon.

Am 29. Mai 1982 starb Romy Schneider in Paris unter mehr oder weniger ungeklärten Umständen. Offiziell starb sie an Herzversagen.

3 Tage in Quiberon“ ist als Trip in eine gequälte, zwischen den verschiedenen Anforderungen zerrissene Seele vor allem Marie Bäumers Film. Sie spielt die Hauptrolle und jede Emotion zeigt sich auf ihrem Gesicht.

Robert Gwisdek als Stern-Reporter Michael Jürgs kann neben ihr bestehen als eine Art verhinderter Mini-Stromberg mit furchtbarer Frisur (Perücke?). Er ist das Abbild eines schmierigen Boulevard-Journalisten, dem man nicht über den Weg trauen kann.

Birgit Minichmayer als Romy Schneiders Freundin Hilde Fritsch und Charly Hübner als der mit Schneider befreundete Fotograf Robert Lebeck verblassen dagegen. Fritsch besucht Schneider auf ihren Wunsch und versucht erfolglos, die schlimmsten Selbstentblößungen ihrer Freundin zu verhindern. Lebeck ist dagegen eher der stille Beobachter, der große Bruder, der sich tröstend zu seiner Schwester ins Bett legt und nie eingreift.

Weil man das von Jürgs nach dem Interview publizierte und von Romy Schneider abgesegnete Porträt nicht lesen kann (es erscheint jetzt als Reprint im Bonusmaterial der DVD- und Blu-ray-Ausgabe des Films), kann man auch nicht überprüfen, wie sehr sich die publizierte Fassung von dem Gespräch, wie es im Film gezeigt wird, unterschied. Weil der Film keinen Anhaltspunkt gibt, wie sehr sich Jürgs Porträt von seiner Begegnung mit Romy Schneider unterschied, ist es auch unmöglich zu sagen, wie sehr die im Film gezeigten Szenen irgendeiner Form von Wahrheit entsprechen. Das hinterlässt ein unangenehmes Gefühl und auch eine Leere beim Beurteilen des Wahrheitsgehalts des Films. Sehen wir im Film das wahre Interview oder das publizierte Interview oder eine mehr oder weniger erfundene Fassung des Interviews? Es kann nicht gesagt werden.

So hat man am Ende weniger den Eindruck, etwas über Romy Schneider erfahren zu haben, als einen Spielfilm über eine berühmte, todunglückliche, drogenabhängige Schauspielerin und einen schmierigen Journalisten gesehen zu haben, bei dem unklar ist, wer jetzt wen mehr ausnutzt.

Die von Lebecks SW-Fotografien inspirierten SW-Bilder des Films sehen zwar gut aus, aber es entsteht nie das Gefühl, den Film im Kino sehen zu müssen. Ästhetisch ist es, trotz der heute unüblichen SW-Fotografie, ein Fernsehfilm. Es ist auch ein Film, bei dem ich mich fragte, wie die Bilder in Farbe aussähen und ob man damit Akzente hätte setzen können, die hier im Schwarz-Weiß fehlen. Und das sage ich als SW-Fan.

3 Tage in Quiberon“ sieht nämlich wie ein Farbfilm aus, den man zufälligerweise auf einem SW-Fernseher sieht.

Das auf den ersten Blick umfangreiche Bonusmaterial enttäuscht dann. So gibt es im „Making-of“ und dem Featurette „Hinter den Kulissen“, mal in SW, mal in Farbe, nur musikalisch unterlegte Bilder von den Dreharbeiten.

3 Tage in Quiberon (Deutschland 2018)

Regie: Emily Atef

Drehbuch: Emily Atef

mit Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Denis Lavant, Yann Grouhel, Christopher Buchholz, Vicky Krieps

DVD im Schuber

Prokino Home Entertainment

Bild: 2,40:1

Ton: Deutsch (Deutsch 5.1 Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Bonusmaterial (auf Extra-DVD, 113 Minuten, angekündigt): Zusätzliche unveröffentlichte Szenen, kommentiert von der Regisseurin Emily Atef, Verleihung des Deutschen Filmpreis 2018, Making-of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Marie Bäumer, Emily Atef, Robert Gwisdek und Charly Hübner, Audiokommentar von Emily Atef und dem Produzenten Karsten Stöter, Trailer

Blu-ray im Schuber

Prokino Home Entertainment

Bild: HD1080 (2,40:1)

Ton: Deutsch (5.1 DTS-HD Master Audio)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Bonusmaterial (116 Minuten, angekündigt): Zusätzliche unveröffentlichte Szenen, kommentiert von der Regisseurin Emily Atef, Verleihung des Deutschen Filmpreis 2018, Making-of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Marie Bäumer, Emily Atef, Robert Gwisdek und Charly Hübner, Audiokommentar von Emily Atef und dem Produzenten Karsten Stöter, Trailer

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „3 Tage in Quiberon“

Moviepilot über „3 Tage in Quiberon“

Rotten Tomatoes über „3 Tage in Quiberon“

Wikipedia über „3 Tage in Quiberon“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „3 Tage in Quiberon“


TV-Tipp für den 21. Juli: Ich und Kaminski

Juli 20, 2017

Arte, 20.15

Ich und Kaminski (Deutschland/Belgien 2015)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Wolfgang Becker, Thomas Wendrich

LV: Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski, 2003

Journalist Sebastian Zöllner ist ein ausgemachtes, von sich selbst überzeugtes Arschloch, das sich mit einer Biographie über den legendären, blinden Maler Manuel Kaminski finanziell sanieren will. Dummerweise ist der 85-jährige Künstler auch kein Kind von Traurigkeit.

Enorm kurzweiliger, verspielter, einfallsreicher und in jeder Beziehung schöner Film von „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker über unsympathische Menschen.

Mehr in meiner Besprechung.

mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Denis Lavant, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin, Jan Decleir, Joacques Herlin, Josef Hader, Peter Kurth, Milan Peschel, Patrick Bauchau

Wiederholung: Sonntag, 30. Juli, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Ich und Kaminski“
Film-Zeit über „Ich und Kaminski“
Moviepilot über „Ich und Kaminski“
Rotten Tomatoes über „Ich und Kaminski“ (derzeit noch keine Kritiken)
Wikipedia über „Ich und Kaminski“ (Roman) und Daniel Kehlmann
Perlentaucher über „Ich und Kaminski“
Homepage von Daniel Kehlmann

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ich und Kaminski“ und meine Künstlerbelagerung

September 17, 2015

Manuel Kaminski (Jesper Christensen) ist eine inzwischen fast vergessene Legende, die seit Jahren zurückgezogen in der Schweiz in einem Chalet lebt. Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) möchte über ihn eine große Reportage schreiben, die Kaminski aus dem Vergessen hinausreißt und die ihm, wenn der 85-jährige Künstler stirbt (was angesichts seines Alters demnächst sein müsste), von all seinen finanziellen Problemen erlöst. Immerhin könnte er dann ein Buch über seine Begegnung mit Kaminski, dem Schüler von Matisse, Freund von Picasso und Held der Pop-Art schreiben. Denn wirklich bekannt wurde Kaminski in den Sechzigern in New York im Umfeld der Pop-Art durch sein Gemälde „Painted by a blind man“, das irrtümlich zu dem Gerücht führte, Kaminski sei blind. Kaminski wurde zum Liebling der Szene und verkaufte seine Bilder zu utopischen Preisen. Als er wirklich (Wirklich?) erblindete, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück.
Zöllner macht sich also auf den Weg in die Berge und die erste Hälfte von Wolfgang Beckers neuem Film „Ich und Kaminski“ ist als Satire auf den Kunstbetrieb auch äußerst gelungen. Zöllner, das „Ich“ des Titels, ist ein Aufschneider und Arschloch, das auch wirklich blind jeden Fettnapf trifft, und diese Diskrepanz zwischen der Realität und wie Zöllner sie und sich (als Genie) sieht, sorgt für einige Lacher. Auch die sich um Kaminski versammelte Gefolgschaft und Kaminskis seltsames Verhalten, bei dem unklar ist, ob er wirklich der tatterige, alte Blinde oder einfach nur ein grantiges Ekel ist, das alle manipuliert, sorgen für einige Lacher. Während Zöllners ungeniertes Herumschnüffeln in Kaminskis Privatleben und Haus eher peinlich berührt. So entdeckt er im Keller einige von Kaminskis Spätwerken, die er sofort klaut, um sie später zu Geld zu machen. Moralische Skrupel sind für Zöllner zwei Fremdworte. Aber das gilt auch für fast alle Menschen, denen Zöllner begegnet.
Als er bei seinem Herumschnüffeln von Kaminskis verflossener Liebe Therese erfährt und Kaminski sie unbedingt noch einmal sehen will, brechen die beiden ungleichen Gefährten auf. Das sich ab jetzt quer durch Europa entwickelnde Road-Movie ist dann ungleich schwächer. Es folgt einfach zu sehr den bekannten Pfaden von zwei unterschiedlichen Charakteren, die auf ihrem gemeinsamen Weg zueinander finden. Auch die Witze werden platter. Aber das ist, zugegeben, Meckern auf hohem Niveau.
Denn Wolfgang Becker (zuletzt „Good Bye, Lenin“) ist mit „Ich und Kaminski“ ein enorm kurzweiliger, verspielter, einfallsreicher und in jeder Beziehung schöner Film über unsympathische Menschen gelungen. Es ist ein erfrischend undeutscher, sehr sympathischer Film.

Ich und Kaminiski - Plakat

Ich und Kaminski (Deutschland/Belgien 2015)
Regie: Wolfgang Becker
Drehbuch: Wolfgang Becker, Thomas Wendrich
LV: Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski, 2003
mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Denis Lavant, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin, Jan Decleir, Joacques Herlin, Josef Hader, Peter Kurth, Milan Peschel, Patrick Bauchau
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Ich und Kaminski“
Film-Zeit über „Ich und Kaminski“
Moviepilot über „Ich und Kaminski“
Rotten Tomatoes über „Ich und Kaminski“ (derzeit noch keine Kritiken)
Wikipedia über „Ich und Kaminski“ (Roman) und Daniel Kehlmann
Perlentaucher über „Ich und Kaminski“
Homepage von Daniel Kehlmann

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)


TV-Tipp für den 8. September: Die Nacht ist jung

September 8, 2014

Arte, 22.15

Die Nacht ist jung (Frankreich 1986, Regie: Leos Carax)

Drehbuch: Leos Carax

Paris im Zeichen des Halleyschen Kometen: ein Virus tötet alle, die ohne Liebe Sex haben. Ein verliebter, aber auch infizierter Bauchredner will aus einem Hochhaus das Impfserum stehlen.

Ziemlich unbekanntes, selten gezeigtes und bei uns nicht auf DVD (es gibt eine französische DVD) erhältliches Frühwerk von Leos Carax, der danach „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (läuft um 20.15 Uhr), „Pola X“ und „Holy Motors“ inszenierte.

eine brillante Stilübung zu den Archetypen und Mythen des französischen und amerikanischen film noir. (…) Ein spröder, glechzeitig aber gefühl- und humorvoller Film, der Godard soviel wie den Klassikern des Genres verdankt.“ (Fischer Film Almanach 1989)

mit Michel Piccoli, Juliette Binoche, Denis Lavant, Hans Meyer, Julie Delpy, Serge Reggiani

Hinweise

Arte über Leos Carax

Rotten Tomatoes über „Die Nacht ist jung“

Wikipedia über „Die Nacht ist jung“ (englisch, französisch) und Leos Carax


TV-Tipp für den 8. Juni: Mathilde – Eine große Liebe

Juni 8, 2014

Als Vorbereitung für den neuen, grundsympathischen Film von Jean-Pierre Jeunot, „Die Karte meiner Träume“, der am 10. Juli startet (Besprechung gibt es zum Filmstart), empfehle ich

Arte, 20.15

Mathilde – Eine große Liebe (F/USA 2004, R.: Jean-Pierre Jeunet)

Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant, Guillaume Laurant

LV: Sébastien Japrisot: Un long dimanche de fiancailles, 1991 (Die Mimosen von Hosssegor, Mathilde – Eine große Liebe)

Erster Weltkrieg und die ersten Nachkriegsjahre: Mathilde Donnay glaubt nicht, dass ihr Geliebter im Krieg gestorben ist. Obwohl alle ihr davon abraten, sucht sie ihn.

„Mathilde – Eine große Liebe“ ist, wie der Titel verrät, eine Liebesgeschichte, inszeniert von dem Macher von „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Aber die Vorlage stammt von einem renommierten Krimiautor.

Der Film, erhielt neben anderen Preisen, zahlreiche Cesars und, für das Drehbuch, den Edgar-Allan-Poe-Preis.

Mit Audrey Tautou, Gaspar Ulliel, Jean-Pierre Becker, Tchéky Karyo, André Dussollier, Denis Lavant, Jodie Foster (Nebenrolle)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mathilde – Eine große Liebe“

Wikipedia über „Mathilde – Eine große Liebe“ (deutsch, englisch, französisch) und  Sébastien Japrisot (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Sébastien Japrisot

Film-Zeit über „Mathilde – Eine große Liebe“

Ach ja, der Trailer:


Neu im Kino/Filmkritik: Der Fast-Stummfilm „Michael Kohlhaas“

September 13, 2013

Ist „Michael Kohlhaas“ noch Schullektüre?

Egal. Die von Heinrich von Kleist in wuchtigen Sätzen aufgeschriebene Geschichte über Michael Kohlhaas dürfte bekannt sein. Der Pferdehändler lässt bei einem Junker für einen erfundenen Passierschein zwei Pferde als Pfand zurück. Er bekommt sie in einem erbärmlichen Zustand wieder und möchte, dass der Junker ihm die Pferde ersetzt. Dieser tut es nicht und Kohlhaas beginnt einen blutigen Feldzug gegen ihn.

Arnaud des Pallières verfilmte diese Geschichte mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Dabei nahm er sich, wie auch die Regisseure der anderen Kohlhaas-Verfilmungen, einige Freiheiten. So verlegte er die Geschichte von Brandenburg und Sachsen, wo sie bei Kleist spielt, in die Cévennen, verzichtete auf eine präzise historische Einordnung und lässt das Drama vor einer prächtigen Landschaft in eher dunklen Bildern langsam seinen Lauf nehmen. Dummerweise hat sich des Pallières auch entschlossen, möglichst wenig zu schneiden und die Dialoge beschränkte er auf ein Minimum. So wird sein Michael Kohlhaas zu einem schweigsamen Brüter, der seine Gefühle hinter einer steinernen Mine verbirgt. Auch die anderen Charaktere reden eher wenig reden. Leider.

Denn „Michael Kohlhaas“ ist kein banaler Abenteuerfilm, kein Quasi-Western, sondern eine zeitlose Parabel, in der es um das Verhältnis des Einzelnen zum Staat, um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit, dem Unterschied zwischen gerechtfertigtem Widerstand und Selbstjustiz, zwischen Rebellion und Terrorismus, welchen Regeln man folgen soll und wann das Befolgen von Regeln in Fanatismus umschlägt, geht. Bei diesen vielfältigen Anknüpfungspunkten der im 16. Jahrhundert spielenden Geschichte an die Gegenwart, wäre es gut gewesen, wenn Arnaud des Pallières Michael Kohlhaas einen Gefährten zur Seite gestellt hätte, mit dem er sich hätte unterhalten können. So trägt Kohlhaas die Konflikte schweigend mit sich aus. Wir dürfen das maskenhaft-edle Antlitz von Mads Mikkelsen und die archaische Landschaft bewundern und uns fragen, ob man den Film nicht um etliche Minuten hätte kürzen können.

Michael Kohlhaas - Plakat

Michael Kohlhaas (Michael Kohlhaas, Frankreich/Deutschland 2013)

Regie: Arnaud des Pallières

Drehbuch: Arnaud des Pallières, Christelle Berthevas

LV: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, 1810

mit Mads Mikkelsen, Bruno Ganz, Denis Lavant, Mélusine Mayance, David Kross, Delphine Chullot, Sergi Lopez, Amira Casar, David Bennent

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Michael Kohlhaas“

Moviepilot über „Michael Kohlhaas“

Rotten Tomatoes über „Michael Kohlhaas“

Wikipedia über „Michael Kohlhaas“ (deutsch, englisch, französisch)


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