Neu im Kino/Filmkritik: Die „3 Engel für Charlie“ versuchen es wieder. Mit neuen Gesichtern

Januar 3, 2020

Beginnen wir mit dem größten Unterschied des neuesten „3 Engel für Charlie“-Films zu den vorherigen Versionen, die aus einer legendären TV-Serie, einer kurzlebigen TV-Serie und zwei Spielfilmen bestehen. Denn er erschließt sich nur bei einem Blick auf die Credits: dieses Mal ist alles in weiblicher Hand. Neben den natürlich weiblichen Engeln vor der Kamera, führte dieses Mal erstmals eine Frau Regie. Das Drehbuch wurde von der Regisseurin geschrieben und unter den Producer sind zahlreiche Frauennamen. Ein feministischer Film ist trotzdem nicht entstanden. Denn die Macher*innen wollten das Ausgangsmaterial nicht radikal neu interpretieren.

Dieses ist von 1976. Damals startete die von Aaron Spelling für ABC produzierte TV-Serie „3 Engel für Charlie“ (Charlie’s Angels), über drei Absolventinnen der Polizeiakademie, die in Los Angeles als Privatdetektivinnen für die Charles Townsend Agency und ihren nur telefonisch erreichbaren Chef arbeiten. Die fünf Jahre laufende Serie war ein weltweiter Hit. Die Ur-Engel Farrah Fawcett-Majors, Kate Jackson und Jaclyn Smith waren danach Stars – und Sexsymbole. Und so bahnbrechend damals aus einer Gender-Perspektive eine Serie mit schlagkräftigen und intelligenten Frauen im US-Serien-TV war, so konventionell waren dann die Fälle und die Inszenierung, die der züchtige Ersatz für eine „Playboy“-Bildstrecke war. Das sprach natürlich junge Männer an, die die Zeit bis zum nächsten „James Bond“-Film überbrücken mussten und den „Playboy“ noch nicht kaufen durften. Bei älteren Männern war es ähnlich.

Seitdem veränderte sich auch im notorisch prüden US-Fernsehen einiges. Gerade testet Cobie Smulders als Dex Parios beim US-TV-Sender ABC in der witzigen Hardboiled-Privatdetektiv-Serie „Stumptown“ die Grenzen der Toleranz aus. Ihre Fälle sind konventionell, aber sie darf in der Serie als Frau all das machen, was man aus Privatdetektiv-Serien sonst nur von Männern kennt, und noch etwas mehr. So trinkt sie nicht nur beachtliche Mengen Alkohol (normalerweise Bier), verjubelt Geld beim Glücksspiel und kloppt sich mit den Bösewichtern, sondern sie hat auch Sex mit wechselnden Partnern. Weil Dex bisexuell ist, küsst und schläft sie mit Männern und Frauen.

Dagegen konserviert Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Elizabeth Banks („Pitch Perfect“-Filme) in ihrem „3 Engel für Charlie“-Film die TV-Serie mit gut aufgelegten Stars, zahlreichen Schauplatzwechseln, Action und einer ebenso hirnrissigen, wie vergessenswerten Geschichte.

Inzwischen ist die Charles Townsend Agency eine weltweit agierende Sicherheitsfirma. Es gibt mehr, immer noch „Playboy“-taugliche Engel und mehr Bosleys. Das ist der austauschbare Name des Leiters der verschiedenen Agentur-Niederlassungen und, immer noch, die Verbindung zwischen den Engeln und dem geheimnisumwitterten Charlie, der immer noch nur als Stimme aus dem Telefon existiert.

Dieses Mal müssen die Engel Sabina Wilson (Kristen Stewart) und Jane Kano (Ella Balinska) die brillante Wissenschaftlerin Elena Houghlin (Naomi Scott) beschützen. Sie hat die ökologische Energiequelle Calisto erfunden. Falsch angewendet kann Calisto allerdings zu einer tödlichen Waffe werden und genau das will ihr Chef, zusammen mit einigen Bösewichtern, tun.

Nachdem der erste Einsatz der Engel aus dem Ruder läuft, ist globetrottende Schadensbegrenzung angesagt und, weil ihre Aktionen alle schief gehen, vermuten Sabina und Jane einen Verräter in den eigenen Reihen.

Der chaotische Film tut so, als ob bei der Fortführung einer über vierzig Jahre alten TV-Serie nichts geändert werden müsse. Aber das, was damals als neu und revolutionär verkauft werden konnte, ist es heute nicht mehr. Entsprechend anachronistisch wirkt das Frauenbild, in dem junge, gut aussehende und sehr fröhliche Frauen wie ein Haufen kichernder Küken Charlie am Telefon grüßen und sie willig die Dominanz von Männern als Vorgesetzte akzeptieren. Denn bis auf einen von Elizabeth Banks gespielten Bosley und der wenig überraschenden Enthüllung, dass sich inzwischen hinter Charlies sehr männlicher Stimme eine Frau verbirgt, ist hier alles noch wie in den Siebzigern.

Dagegen wurde, um eine andere langlebige Figur zu nennen, bei James Bond seit seinem ersten Auftreten in Buch und Film vieles geändert. Schon 1995 in „Goldeneye“ wurde sein Chef M eine Frau. Inzwischen wird darüber diskutiert, ob Bond, der Inbegriff von Männlichkeit, von einer Frau gespielt werden könnte. Auch sonst passten die James-Bond-Filme sich immer an den Zeitgeist an und entwickelten so die Figur und seine Welt weiter.

Bei „3 Engel für Charlie“ (2019) ist davon nichts zu spüren. Der neue Film ist ein bunter, in jeder Beziehung aus der Zeit gefallener, bestenfalls mittelprächtiger Actionfilm aus einer Fantasiewelt, die sich nie darum bemüht glaubhaft zu sein. Die kaum vorhandene wirre Geschichte bildet dabei nur den Rahmen für eine Reihe Actionszenen, in denen die Engel fröhlich vor sich hin improvisierend dilettieren, und Szenen, die witzig gemeint sind. Diese Engel sind ein nervender Anachronismus.

3 Engel für Charlie (Charlie’s Angels, USA 2019)

Regie: Elizabeth Banks

Drehbuch: Elizabeth Banks (nach einer Geschichte von Evan Spiliotopoulos und David Auburn)

mit Kristen Stewart, Naomi Scott, Ella Balinska, Elizabeth Banks, Patrick Stewart, Djimon Hounsou, Sam Claflin, Jonathan Tucker, Nat Faxon, Marie-Lou Sellem, Dennenesch Zoudé, Jaclyn Smith, Hailee Steinfeld (teils nur Cameos)

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „3 Engel für Charlie“

Metacritic über „3 Engel für Charlie“

Rotten Tomatoes über „3 Engel für Charlie“

Wikipedia über „3 Engel für Charlie“

Meine Besprechung von Elizabeth Banks‘ „Movie 43“ (Movie 43, USA 2013) (sie inszenierte nur eine Episode und niemand will mehr etwas mit dem Ding zu tun haben)


DVD-Kritik: „Polizeiruf 110“ – die zweite Kommissar-Tauber-Lieferung

Juli 29, 2015

Dass der „Polizeiruf 110“ der bessere „Tatort“ ist, wird niemand behaupten. Eher schon das Gegenteil und er war nach der Einheit ein Minigeschenk an die DDR. Denn dort gab es, als Alternativprogramm zum westdeutschen „Tatort“, den „Polizeiruf 110“, der Verbrechen sozialistisch aufklärte. Diese Piefigkeit bewahrte er sich. Einerseits. Andererseits wurde auch teilweise wild experimentiert und die aus München kommenden „Polizeirufe“ waren und sind immer einen Blick wert.
Einen Blick in die Vergangenheit gestattet die „Polizeiruf 110“-Box „Die Folgen des BR 2000 – 2003“, in denen Kommissar Jürgen Tauber ermittelte. Edgar Selge spielte den einarmigen Ermittler von 1998 bis 2009 in zwanzig Folgen. In der Box sind sechs Fälle enthalten und, auch wenn einige legendäre Folgen erst später liefen (wie „Der scharlachrote Engel“ und „Er sollte tot“, beide von Dominik Graf, beide mit mehreren Preisen ausgezeichnet), sind die hier gesammelten und ebenfalls ausgezeichneten Fälle ebenfalls, immer noch, einen Blick wert. „Gelobtes Land“ war für den Grimme-Preis nominiert; Nadeshda Brennicke erhielt für „Silikon Walli“ den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin und Edgar Selge für „Tiefe Wunden“ und „Pech und Schwefel“ (ebenfalls von 2003, aber nicht in dieser Box enthalten) den Deutschen Fernsehpreis.
In der 3-DVD-Box sind enthalten:
Verzeih‘ mir (Deutschland 2000)
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Horst Vocks

Gelobtes Land (Deutschland 2001)
Regie: Peter Patzak
Drehbuch: Christian Limmer

Fluch der guten Tat (Deutschland 2001)
Regie: Hans-Günther Bücking
Drehbuch: Peter Probst

Um Kopf und Kragen (Deutschland 2002)
Regie: Peter Patzak
Drehbuch: Carolin Otto

Silikon Walli (Deutschland 2002)
Regie: Manfred Stelzer
Drehbuch: Wolfgang Limmer

Tiefe Wunden (Deutschland 2003)
Regie: Buddy Giovinazzo
Drehbuch: Christian Limmer

Die meisten Namen werden den Krimifans etwas sagen. Auch weil einige der Drehbuchautoren auch Romane veröffentlichten. Christian Jeltsch schrieb einige Jugendbücher; Wolfgang Limmer eher anekdotisches. Christian Limmer und Peter Probst schreiben inzwischen erfolgreich Kriminalromane. Horst Vocks schrieb auch einige Kriminalromane, aber bekannter ist er vor allem für seine Bücher für „Der Fahnder“ und mehrere „Tatorte“, die fast immer etwas mit Horst Schimanski zu tun hatten. Unter anderem „Duisburg Ruhrort“, „Der unsichtbare Gegner“, „Freunde“ und „Zahn um Zahn“, der auch erfolgreich im Kino lief (die Kritiker waren weniger begeistert). Später, für die Serie „Schimanski“ schrieb er auch mehrere Drehbücher. Angesichts dieser Vita fallen in „Verzeih‘ mir“, inszeniert von Routinier Hartmut Griesmayr, einige Dialoge arg hölzern aus. Aber der einarmige Kommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) darf einige herrliche Gemeinheiten absondern und seine Beziehung zur Kriminalpsychologin Dr. Sylvia Jansen (Gaby Dohm) ist angenehm erwachsen. Der Fall selbst – ein Automechaniker wird ermordet in einem verbrannten Auto gefunden; eine Mutter und ihre Tochter, die beide Bettgenossinen von ihm waren, verdächtigen sich gegenseitig des Mordes und das Organisierte Verbrechen, in Form von Autoschiebern, ist ebenfalls involviert – ist in Punkto Tätersuche nicht sonderlich kompliziert. Dafür gibt es eine interessante Familiengeschichte, die bis zum Kriegsende zurückreicht.
„Gelobtes Land“, der erste Auftritt von Taubers neuer Kollegin ‚Jo‘ Obermeier (Michaela May), Mutter, verheiratet mit einem türkischen Besitzer einer kleinen Autowerkstatt, ist ein gelungener Krimi über Asylbewerber und wie sie nach Deutschland kommen.
Peter Patzak, der seit „Kottan ermittelt“ im Pantheon des deutschsprachigen Kriminalfilms ist, inszenierte auch „Um Kopf und Kragen“. In dem Fall ermittelt Jo Obermaier undercover in einer Polizeistation. Eine Kollegin, die gemobbt wurde, soll sich umgebracht haben. Aber die Schwangere wurde ermordet. In einigen Szenen scheint der Geist von Kottan durch, aber insgesamt ist „Um Kopf und Kragen“ ein durch die hoffnungslos überbelichtete Inszenierung und die gewollt übertriebenen Darstellungen ein unansehbares Werk geworden.
In „Fluch der guten Tat“ wird ein Roma-Junge, der von einer Initiative für sozial schwache Kinder betreut wurde, ermordet. Tauber und Obermaier sehen sich bei der Initiative, die nicht nur von altruistischen Motiven getriebne ist, um.
„Silikon Walli“ und „Tiefe Wunden“ gehören zu den unbestrittenen Höhepunkten der Serie. In „Silikon Walli“ stirbt ein Busenwunder (nachdem ihre Oberweite mehrmals künstlich vergrößert wurde) eines unnatürlichen Todes – und Kommissar Tauber ist sehr fasziniert von den Gepflogenheiten des Sexgewerbes. Grandios!
Ebenfalls grandios ist „Tiefe Wunden“, inszeniert von Buddy Giovinazzo, der auch einige grandiose Noirs schrieb. Im Wald wird eine erschossene Goldschmiedin gefunden. In ihrer Hand hält sie einen Zigarillo, der Tauber an ein Gaunertrio, das er von früher kennt, erinnert. Entsprechend schnell führen die Ermittlungen in Taubers Vergangenheit und wir erfahren, wie er seinen Arm verlor.
Allein schon wegen der sechs „Polizeirufe“, die ein insgesamt erstaunlich hohes Niveau haben (eigentlich enttäuscht nur „Um Kopf und Kragen“) ist „Die Folgen des BR 2000 – 2003 – Box 2“ eine empfehlenswerte DVD-Box. Trotzdem ist es ärgerlich, dass es keine Untertitel und kein Bonusmaterial (Gab es wirklich kein Interview und keine Reportage in den TV-Archiven? Hätte man nicht ein „Making of“ machen können?) gibt.

Polizeiruf 110 - BR-Box 2 - DVD-Cover

Polizeiruf 110: Die Folgen des BR 2000 – 2003 (Box 2)
mit Edgar Selge (Kommissar Jürgen Tauber), Michaela May (Kommissarin Jo Obermeier), Gaby Dohm (Polizeipsychologin Dr. Sylvia Jansen), Tayfun Bademsoy (Tarik Yilmaz)
Gaststars: Karin Boyd, Dennenesch Zoudé, Matthias Koeberlin, Henning Baum, Heikko Deutschmann, Axel Hacke, Jacques Breuer, Nadeshda Brennicke, Bernd Tauber, Wanja Mues, Catherine Flemming, Thure Riefenstein

DVD
Eurovideo
Bild: 1.78:1 (16:9 anamorph – mit zum Teil eigeschränkter Bild- und Tonqualität)
Ton: Deutsch (DD 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 503 Minuten (3 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Das Erste über den „Polizeiruf 110“

Wikipedia über den „Polizeiruf 110“ und die Kommissare Tauber und Obermaier

Homepage von Peter Probst

Meine Besprechung von Peter Probsts „Blinde Flecken“ (2010)

Meine Besprechng von Peter Probsts „Im Namen des Kreuzes“ (2012)

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Cracktown” (Life is hot in Cracktown, 1993)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Piss in den Wind” (Caution to the winds, 2009)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte

Bonushinweis

Hartenstein - Vocks - Ausstieg - 4

Horst Vocks hat nach langem Schweigen einen neuen Roman veröffentlicht. Zusammen mit Elfi Hartenstein schrieb er den Krimi „Ausstieg“ über Kriminalhauptkommissar Lou Feldmann, der keinen Bock mehr hat und reihenweise Verbrecher laufen lässt, bis er sich entscheiden muss, ob er so weitermachen will.
Ist natürlich, weil die Geschichte in Berlin spielt und blinder Lokalpatriotismus alles schlägt, ein verdammt guter Krimi.

Elfie Hartenstein/Horst Vocks: Ausstieg
Pendragon, 2015
328 Seiten
12,99 Euro


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