Neu im Kino/Filmkritik: „Just Mercy“ – eine Anklage gegen die Todesstrafe und das US-Justizsystem

Februar 27, 2020

Nachdem Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) während seines Studiums im Georgia State Prison auf einen zum Tod verurteilten gleichaltrigen Schwarzen trifft, der sein Bruder oder ein Schulkamerad sein könnte, beschließt Stevenson sein Harvard-Jurastudium einzusetzen, um für die Menschen zu kämpfen, die Hilfe am meisten benötigen.

Deshalb nimmt er keine gut bezahlte Stelle in einer Kanzlei an, sondern fährt 1988 nach dem erfolgreich abgeschlossenem Studium nach Alabama, wo man den seligen Zeiten der Rassentrennung nachtrauert. Zusammen mit Eva Ansley (Brie Larson) bietet er zum Tode Verurteilten, bei denen er eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens für sinnvoll hält und die bis dahin keine angemessene anwaltliche Vertretung hatten, seine Dienste an. Walter McMillian (Jamie Foxx) gehört zu diesen Männern.

1987 wurde McMillian in einem Schnellverfahren verurteilt, am 1. November 1986 die achtzehnjährige weiße Community-College-Studentin Ronda Morrison ermordet zu haben. Der Fall schockte die Gemeinde von Monroeville, Alabama. Lange suchte die Polizei vergeblich den Täter. Bis der Berufskriminellen Ralph Myers (Tim Blake Nelson) aussagte, er habe McMillian am Tatort gesehen. Weitere Beweise gegen den ehrbaren Kleinunternehmer und Familienvater gab es nicht. Außer seiner Hautfarbe.

Stevenson glaubt, dass er den Fall erfolgreich neu aufrollen kann. Die erste Hürde ist, dass McMillian inzwischen desillusioniert ist und nicht mehr glaubt, dass ein Anwalt seine Unschuld beweisen kann.

Destin Daniel Cretton („Schloss aus Glas“) erzählt in dem Justizdrama „Just Mercy“ die sich über mehrere Jahre erstreckende Geschichte von Bryan Stevensons erstem Fall nach. Stevenson ist inzwischen anerkannter, mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichneter Bürgerrechtsanwalt. Zusammen mit Eva Ansley gründete er schon 1989 die noch heute bestehende Equal Justice Initative (EJI). McMillian saß, wie viele andere zum Tod Verurteilte, unschuldig in Haft.

Just Mercy“ ist ein guter, sehenswerter und auch informativer Film. Bei all seinen guten Absichten bleibt das Justizdrama allerdings immer etwas zu konventionell, um wirklich mehr zu sein als ein guter Film. Auf der formalen Ebene ist „Just Mercy“ ein Gerichtsdrama, in dem ein tapferer Anwalt darum kämpft, seinen Mandanten aus der Todeszelle zu befreien. Dabei macht die Nebenfigur McMillian die größte Veränderung durch. Wenn er zum ersten Mal Stevenson trifft, ist er als unschuldig zum Tod Verurteilter ein vom gesamten Justizsystem desillusionierter Mann. Während der Geschichte schöpft er Hoffnung und am Ende, wenn er zu seiner Familie zurückkehren kann, hat sich seine Haltung zum Justizsystem geändert. Dagegen bleibt Stevenson, beim Bestehen seiner ersten Bewährungsprobe als Anwalt, bei seiner Position.

Cretton verlässt sich bei seiner unauffälligen Inszenierung auf die Schauspieler und die wahre Geschichte, die in den USA immer noch erschreckend aktuell ist. Auch wenn die unschuldig Verurteilten andere Namen haben und in anderen Gefängnissen sitzen.

P. S.: Gelungener Trailer.

Just Mercy (Just Mercy, USA 2019)

Regie: Destin Daniel Cretton

Drehbuch: Destin Daniel Cretton, Andrew Lanham

LV: Bryan Stevenson: Just Mercy: A Story of Justice and Redemption, 2014 (Ohne Gnade: Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA)

mit Michael B. Jordan, Jamie Foxx, Brie Larson, Rob Morgan, O’Shea Jackson Jr., Karan Kendrick, Rafe Spall, Tim Blake Nelson, Michael Harding

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Just Mercy“

Metacritic über „Just Mercy“

Rotten Tomatoes über „Just Mercy“

Wikipedia über „Just Mercy“ (deutsch, englisch)

Hat History vs. Hollywood just mercy mit „Just Mercy“?

Meine Besprechung von Destin Daniel Crettons „Schloss aus Glas“ (The Glass Castle, USA 2017)

Das Q&A nach der Weltpremiere beim TIFF 2019

Die Pressekonferenz

DP/30 unterhält sich mit Destin Daniel Cretton über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: „Schloss aus Glas“ – Erinnerungen an eine Kindheit

September 24, 2017

Als Jeanette Walls in den späten achtziger Jahren in Manhattan ihre Mutter nachts im Müll nach Essbarem wühlen sieht, fährt sie im Taxi weiter und beginnt sich an ihre Kindheit zu erinnern.

Aus diesen Erinnerungen entstand ihr autobiographischer Roman „Schloss aus Glas“, der 2005 erschien und ein Bestseller wurde. Jetzt wurde er von Destin Daniel Cretton verfilmt. Aber er hat keine Idee, wie er den Roman verfilmen soll, weil er nicht weiß, welche Geschichte er aus welcher Perspektive erzählen will.

Er weiß daher auch nicht, wie er die Erinnerungen von Jeanette Walls anordnen soll, damit sie eine kraftvolle Geschichte ergeben. So plätschert der über zweistündige Film vor sich hin. Die Erinnerungen an bestimmte Ereignisse bleiben beliebig, weil sie keine Folgen haben. Es gibt keine Entwicklung, vor allem nicht bei Jeannettes Eltern. Es gibt auch keine Konflikte, die zu einer Entwicklung führen. Es gibt nur anekdotische Erinnerungen.

Der Film konzentriert sich dabei auf Jeanettes Leben in New York als Klatsch-Kolumnistin und, in zahlreichen Rückblenden, auf ihre Kindheit und Jugend in den Sechzigern und frühen Siebzigern. Die Rückblenden enden, als die 1960 geborene als Siebzehnjährige von zu Hause nach New York flüchtet. Die über zehnjährige Lücke zwischen ihrer Kindheit und ihrem jetzigen Leben wird nie ausgefüllt.

Ihre Kindheit und Jugend erlebt Jeanette mit ihren drei teils jüngeren, teils älteren Geschwister als Abenteuer. Dass sie hoch verschuldet sind und ihre Eltern die Rechnungen nicht bezahlen könnte, wissen sie nicht. Diese ständige Flucht vor ihren Gläubigern ist auch der Grund für die vielen Umzüge. Später ziehen sie in ein schon halb verfallenes Haus, in dem sie länger Leben können.

Ihre Mutter Rose Mary (Naomi Watts) wäre gerne eine Künstlerin. Ihr Vater Rex ist ein Schwätzer, der seit Ewigkeiten große Pläne hat, aus denen nichts wird. So hat er großartige Ideen für das titelgebende „Schloss aus Glas“. So nennt er sein in der Realität niemals auch nur begonnenes Traumhaus. Währenddessen verfällt ihre im Wald gelegene Hütte, in der sie Leben, immer weiter. Er ist auch ein Trinker und Spieler. Beide Eltern sind nur an sich interessierte Egoisten. Deshalb flüchten ihre Kinder auch so früh wie möglich aus der elterlichen Obhut.

Aber im Film erscheinen sie als irgendwie doch durchaus liebenswerte, fast schon vorbildliche, die bürgerliche Gesellschaft und repressive Konventionen ablehnende Eltern mit einer überschäumenden Liebe zu ihren Kindern, die sie mit ihren alternativen, aber erfolgreichen alternativen Erziehungsmethoden zu freien Menschen erziehen wollen. Ihren Egoismus thematisiert das Drama nicht. Rex‘ Alkoholismus hakt er mit ein, zwei Ausrastern und herumlungern auf der Couch ab. Seine Frau Mary kümmert sich auch nicht intensiver um ihre Kinder. Das stünde ja ihrer Selbstverwirklichung im Weg, die für sie immer wichtiger war als die Erziehung ihrer Kinder. Wenn am Filmende dieser Egoismus mit dem Glorienschein einer erfolgreichen Erziehung ummäntelt wird, will man es nicht glauben.

Dafür versammeln sich dann die Walls-Kinder vor laufender Kamera, schwelgen in Erinnerungen an ihre abenteuerliche Jugend und loben ihre Eltern.

Dass ihr Vater Rex in diesem Moment wieder, wie vor allem in den ersten Filmminuten, zu einem zweiten „Captain Fantastic“ wird, verdeutlicht noch einmal den großen Unterschied zwischen den beiden Filmen. In Matt Ross‘ Film wollte der von Viggo Mortensen gespielte Vater seinen Kindern etwas beibringen. Dafür übernahm er die Verantwortung und der Film hatte eine Haltung zu seinem Charakter und zu seiner Geschichte. Und der Vater macht eine Entwicklung durch. Kurz gesagt hat „Captain Fantastic“ alles, was „Schloss aus Glas“ nicht hat.

Schloss aus Glas (The Glass Castle, USA 2017)

Regie: Destin Daniel Cretton

Drehbuch: Destin Daniel Cretton, Andrew Lanham

LV: Jeannette Walls: The Glass Castle, 2005 (Schloss aus Glas)

mit Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts, Ella Anderson, Chandler Head, Max Greenfield, Josh Caras, Charlie Shotwell, Iain Armitage, Sarah Snook, Sadie Sink, Olivia Kate Rice, Brigette Lundy-Paine, Shree Crooks, Eden Grace Redfield

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Schloss aus Glas“

Metacritic über „Schloss aus Glas“

Rotten Tomatoes über „Schloss aus Glas“

Wikipedia über „Schloss aus Glas“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Schloss aus Glas“


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