TV-Tipp für den 1. April: Die schwarze Witwe

April 1, 2019

Arte, 20.15

Die schwarze Witwe (Black Widow, USA 1986)

Regie: Bob Rafelson

Drehbuch: Ronald Bass

Catharine (Theresa Russell) heiratet immer wieder Millionäre, die kurz darauf sterben. Die Justizbeamtin Alex Barnes (Debra Winger) glaubt, dass Catharine ihre Männer ermordet. Auf Hawaii trifft sie Mörderin und verfällt ihrem Charme. Oder doch nicht?

Selten gezeigter Noir, in dem die klassische Femme Fatale auf eine Computerspezialistin (!) trifft und beide als komplexe Charaktere gezeichnet werden. „Das macht seinen Thriller intelligent, sehenswert und ein bisschen innovativ. Der Rest ist clever konstruiertes Genrekino, mit all den notwendigen Zutaten.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

Rafelson inszenierte auch „Five Easy Pieces“ (USA 1970), „Der König von Marvin Gardens“ (USA 1972), „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (USA 1982) und die Chandler/Parker-Verfilmung „Poodle Springs“ (USA 1998).

mit Debra Winger, Theresa Russell, Sami Frey, Dennis Hopper, James Hong, Nicol Williamson, Terry O’Quinn, Diane Ladd, D. W. Moffett, Leo Rossi

Wiederholung: Mittwoch, 3. April, 13.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die schwarze Witwe“

Wikipedia über „Die schwarze Witwe“ (deutsch, englisch)

Werbeanzeigen

TV-Tipp für den 27. Dezember: Chinatown

Dezember 27, 2017

BR, 23.45 (VPS 23.44)

Chinatown (USA 1974, Regie: Roman Polanski)

Drehbuch: Robert Towne

Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.

Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.

Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Chinatown“

Wikipedia über „Chinatown“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Chinatown“

Old School Reviews (John Nesbit) über „Chinatown“

Noir of the Week: David N. Meyer über „Chinatown“

Thrilling Detective über Jake Gittes

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Secret Man“ Mark Felt ist Deep Throat

November 2, 2017

Über Jahrzehnte war er nur als Deep Throat bekannt. So hatte die Tageszeitung „Washington Post“ ihn genannt. Für die „Washington Post“-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward war er ihre Quelle im Regierungsapparat, die sie mit brisanten Informationen versorgte, die den Watergate-Skandal befeuerten und letztendlich zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führten.

Alan J. Pakula verewigte ihre Arbeit in „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976). Mit Robert Redford als Bob Woodward und Dustin Hoffman als Carl Bernstein. Der Film ist ein Klassiker.

Das kann über Peter Landesmans „The Secret Man“ nicht behauptet werden. Er erzählt die Geschichte von FBI-Vizechef Mark Felt. 2005 sagte Felt, über seinen Anwalt in einem „Vanity Fair“-Artikel von John D. O’Connor, dass er Deep Throat sei. Woodward bestätigte die Enthüllung des damals schon länger an Demenz leidenden alten Mannes.

Landesman, selbst ein ehemaliger Enthüllungsjournalist und Kriegsreporter, der auch das Drehbuch für „Kill the Messenger“ schrieb und „Erschütternde Wahrheit“ nach seinem Drehbuch inszenierte, war von dieser Enthüllung fasziniert. Immerhin wurde schon seit Ewigkeiten über die wahre Identität von Deep Throat, dem bekanntesten unbekannten Whistleblower, spekuliert. Schon damals erhielt er den Auftrag, ein Drehbuch über Felt zu schreiben. Bei seinen Recherchen traf er Felt (17. August 1913 – 18. Dezember 2008) mehrmals und jetzt, nach einigen Umwegen, konnte er Felts Geschichte, die in Deutschland den nichtssagenden Titel „The Secret Man“ hat (der knackige Originaltitel ist „Mark Felt – The Man who brought down the White House“), inszenieren. Wie Pakula bleibt Landesman nah an den Fakten. Aber während Pakula uns mit den beiden Protagonisten, die bei ihren Recherchen erst langsam das gesamte Ausmaß der Verschwörung begreifen – immerhin begann es relativ unspektakulär am 17. Juni 1972 mit einem banalen Einbruch in ein Zimmer des Watergate-Hotels, bei dem die Einbrecher Abhörausrüstung bei sich trugen und das Hotel auch das Hauptquartier der Demokratischen Partei war – , geht Landesman die Sache anders an.

Er erzählt aus der Perspektive von Felt, einem Mann, der sich seit Ewigkeiten in Washington bewegt, der alle Winkelzüge der Macht kennt, der die richtigen Leute kennt und der jetzt beginnt gegen seinen Arbeitgeber, seinen Vorgesetzten, den Präsident der USA, zu intrigieren. Dabei ist, in der Realität wie im Film, unklar, warum Mark Felt zum Whistleblower wurde. Bis dahin war er ein loyaler Beamter und FBI-Agent der alten Schule war. Er begann 1942 beim FBI, stieg unter J. Edgar Hoover auf und war von Mai 1972 bis zu seiner Pensionierung im Juni 1973 Associate Director und damit stellvertretender Direktor in Washington, D. C.. Er war das Sinnbild des ehrenwerten FBI-Agenten. Er war allerdings auch in seiner Eitelkeit gekränkt. Nach dem Tod von J. Edgar Hoover am 2. Mai 1972 sah er sich als künftigen FBI-Direktor. Nixon ernannte allerdings L. Patrick Gray zum Diensthabenden FBI-Direktor. Gray hatte keinen FBI-Stallgeruch. Dafür war der U-Boot-Kommandant ein Vertrauter Nixons, der auch brav dessen Anweisungen ausführte. In diesem Moment, und das ist Felts zweites mögliche Motiv, sorgte er sich um die Integrität des FBI als unabhängige Organisation. Das FBI war niemandem Rechenschaft schuldig und sie befolgte auch keine Anordnungen von Politikern. Oder Felt sorgte sich wirklich um die US-amerikanische Demokratie, die von Nixon und seinen Gefolgsleuten missachtet wurde.

Am Ende trat Nixon zurück und Felt leugnete über Jahrzehnte glaubhaft, dass er nicht Deep Throat sei.

1980 wurde Felt für seine Gesetzesübertretungen bei der Verfolgung der linken Terrororganisation „Weather Underground“ in den frühen Siebzigern zu einer geringen Geldstrafe verurteilt und von US-Präsident Ronald Reagan begnadigt. Er betrachtete sie als ausländische Agenten. Daher gelte für sie nicht der vierte Verfassungszusatz, der vor willkürlicher Durchsuchung, Festnahme und Beschlagnahme von Eigentum schütze, und deshalb autorisierte er entsprechende Maßnahmen gegen sie und ihre Familien.

Dass Landesman die Frage nach Felts Motiv nicht eindeutig beantwortet, ist nicht unbedingt ein Problem. Sie könnte sogar das Interesse an Felt und seinem moralischen Dilemma steigern.

Dummerweise konterkariert seine Inszenierung diese Absicht. Sein Drehbuch ist nicht analytisch genug und er findet deshalb niemals einen eigenen Zugang zu seinem Material. Er präsentiert es nur in der denkbar ungeschicktesten Form. Anstatt ein packendes Drama über Loyalitäten zu inszenieren, sehen wir nur mittelalte und noch ältere Anzugträger, die alle beim gleichen Schneider waren, und die in dunklen Büros miteinander reden. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Wir kennen keinen einzigen von ihnen, wir wissen nicht, was für sie auf dem Spiel steht, welche Loyalitäten und Werte sie haben und wie sie reagieren. Wir wissen auch nicht, wer sie sind und weshalb sie für die Geschichte wichtig sind. Und wenn man sich das alles mühsam aus Halbsätzen zusammengereimt hat, ist es zu spät.

Auch wenn man die Geschichte des Watergate-Skandals kennt, sind diese Szenen nur eine Abfolge von Auf- und Abtritten von stoisch blickenden Anzugträger, die sich gegenseitig irgendetwas erzählen und sich dabei, erfolgreich, bemühen, möglichst keine Emotionen zu zeigen.

Liam Neeson, der eigentlich im richtigen Alter ist, um Mark Felt zu spielen, wirkt mit seiner grauen Betonfrisur und seinem maskenhaften Gesicht, wie ein jüngerer Schauspieler, der einen deutlich älteren Mann spielen muss und dafür schlecht auf alt geschminkt wurde.

Auch die restliche Besetzung ist hochkarätig, aber keiner der bekannten Schauspieler beeindruckt nachhaltig. Wir sehen Bruce Greenwood, aber nicht den vom ihm gespielten „Time Magazine“-Reprter Sandy Smith und wir wissen nicht, wer Smith war. Wir sehen Tom Sizemore als FBI-Agent Bill Sullivan, aber wir wissen nichts über die Beziehung zwischen ihm und Felt. Landesman verweigert die zum Verständnis nötigen Hintergrundinformationen.

Das alles inszenierte Landesman in einem gerontologischen Erzähltempo konsequent in gedeckten Brauntönen, die jede Farbe und Helligkeit vermissen lassen. Die bewusst unterbelichten Bilder sind auch Dank der Innenausstattung und der Anzüge eine Ode aus Braun, Dunkelbraun und Schwarz, die eine Bedeutung vorgaukelt, die der Film nie hat.

Dabei ist das Thema von „The Secret Man“ in der Trump-Ära von brennender Aktualität. Die Vergleiche zwischen damals und heute drängen sich förmlich auf. Über die Unterschiede werden lange Artikel geschrieben. Und wahrscheinlich murmelt ganz Washington „Wo ist unser Mark Felt?“.

P. S.: Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Oliver Stone zeigte in seinem Film „Snowden“ über den Whistleblower Edward Snowden, dass man einen spannenden Film über eine allseits bekannte Geschichte drehen kann. Wobei Stone auch eine klare Botschaft und Absicht hatte.

The Secret Man (Mark Felt – The Man who brought down the White House, USA 2017)

Regie: Peter Landesman

Drehbuch: Peter Landesman

LV: Mark Felt/Ralph de Toledano: The FBI Pyramid: From the Inside, 1979; Mark Felt/John O’Connor: A G-Man’s Life: The FBI, Being Deep Throat, and the Strggle for Honor in Washington, 2006 (beides Monographien, wobei „A G-Man’s Life“ Teile von „The FBI Pyramid“ enthält)

mit Liam Neeson, Diane Ladd, Marton Csokas, Tony Goldwyn, Ike Barinholtz, Josh Lucas, Wendi McLendon-Covey, Brian d’Arcy James, Maika Monroe, Michael C. Hall, Tom Sizemore, Bruce Greenwood, Julian Morris, Noah Wyle, Eddie Marsan

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (als hätten Kinder keine Angst vor Grauen Herren in Anzügen)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Secret Man“

Metacritic über „The Secret Man“

Rotten Tomatoes über „The Secret Man“

Wikipedia über „The Secret Man“

Meine Besprechung von Peter Landesmans „Erschütternde Wahrheit“ (Concussion, USA 2015)

Peter Landesman über seinen Film (im Gebäude der „Washington Post“)

Peter Landesman und Brian d’Arcy James im Gespräch über den Film


TV-Tipp für den 15. April: Chinatown

April 15, 2016

3sat, 22.35

Chinatown (USA 1974, Regie: Roman Polanski)

Drehbuch: Robert Towne

Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.

Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.

Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young

Hinweise

Wikipedia über „Chinatown“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Chinatown“

Old School Reviews (John Nesbit) über „Chinatown“

Noir of the Week: David N. Meyer über „Chinatown“

Thrilling Detective über Jake Gittes

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Joy – alles außer gewöhnlich“, aber nicht außergewöhnlich

Januar 2, 2016

Normalerweise hat man, wenn man die am Film beteiligten Personen, die Synopse und den Trailer kennt, eine ziemlich genaue Vorstellung, was für einen Film man demnächst sieht. Deshalb heißt es ja auch „der neue Woody-Allen-Film“ oder „der neue Star-Wars-Film“. „Joy – Alles außer gewöhnlich“ ist der neue Film von David O. Russell, der zuletzt die mit Preisen überschütteten Dramen „The Fighter“, „Silver Linings Playbook“ und „American Hustle“ inszenierte. Jennifer Lawrence, Robert De Niro und Bradley Cooper sind wieder dabei. Edgar Ramirez (demnächst „Point Break“), Isabella Rossellini, Diane Ladd und Virginia Madsen spielen ebenfalls mit. Entsprechend hoch sind die Erwartungen.
Bei „Joy – Alles außer gewöhnlich“ hatte ich trotztdem absolut keine Vorstellung, was für ein Film mich erwartet, weil die Synopse und der Trailer nicht zusammen passten. Der Trailer ist zwar stimmungsvoll, aber im Hinblick auf irgendeine Geschichte ziemlich nichtssagend. Während die Synopse etwas von einer sich über vier Jahrzehnte (bzw. laut Presseheft sogar vier Generationen, was eigentlich einige Jahre mehr wären) erstreckende Geschichte über eine alleinerziehenden Mutter, die zu einer Großunternehmerin, Herrscherin über ein Geschäftsimperium und Matriarchin wird (Ah, wer denkt da nicht an „Dallas“ und „Der Denver-Clan“?), erzählt, hat der Trailer offensichtlich nichts mit einer Generation und Jahrzehnte überspannenden Familien- und Firmensaga zu tun. Eher schon mit einer Kleinen-Leute-Komödie, die während eines biographisch kleinen Zeitabschnittes, einige Monate, vielleicht ein, zwei Jahre, spielt.
Auch das Filmplakat (das mir gefällt) verrät absolut nichts über den Film. Außer dass eine Frau im Mittelpunkt steht; – was jetzt keine große intellektuelle Leistung ist. Denn Joy ist der Name der Protagonistin, sie wird von Jennifer Lawrence gespielt und sie ist die sonnenbebrillte, gen Himmel blickende Blondine auf dem Plakat, das auch das Plakat für irgendeine fundamentalistische Heilsbringer-Geschichte sein könnte.
Diese unterschiedlichen Signale verraten immerhin, dass „Joy – Alles außer gewöhnlich“ kein gewöhnlicher Film, kein 08/15-Biopic oder wasauchimmer ist. Das kann natürlich ein grandioser Film oder ein Komplettdesaster sein. Jedenfalls ist es ein Film, bei dem die Werbeabteilung nicht weiß, wie sie ihn bewerben soll. Im Gegensatz zum neuen „Star Wars“-Film, der sich vor allem über die Botschaft „Keine Panik. Es wird alles wie früher.“ verkaufte.
Nun, „Joy“ ist dann die immer wieder komödiantisch gebrochene Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die mit einer Idee (ein neuer Wischmopp) ein Geschäft startet und gerade am Anfang gegen einige Widerstände kämpfen muss.
Es ist allerdings auch ein Film, der in seine Einzelteile zerfällt und, abgesehen von einer unangenehm vulgärkapitalistischen Botschaft, die sehr amerikanisch ist, nie seine Stimme findet und auch nicht weiß, was er wie erzählen will. So ist Joys Familie eine Ansammlung absurder Charaktere. Joys Mutter (Virgina Madsen) liegt im Bett und sieht sich nur Soaps an. Ihr Vater Rudy (Robert De Niro), Inhaber einer schlecht gehenden Autorwerkstatt mit anliegendem Schießstand, zieht wieder bei ihnen ein und weil die abbruchreife Bretterbude klein ist, muss er in den Keller ziehen. Dort lebt Joys Ex-Mann Tony (Édgar Ramirez), ein Latino-Sänger, der, nun, auch finanzielle Probleme hat. Joys Großmutter (Diane Ladd) als guter Geist und Joys Kinder, die ab und an durchs Bild laufen, sind auch in dem Haus; womit wir dann auf vier Generationen kämen. Sie alle leben am unteren Ende des amerikanischen Traums. Aber es geht auch herzlich laut zu. So, wie wir diese hyperagilen italienischen Filmfamilien kennen, in denen die Erwachsenen sich anbrüllen und lautstark versöhnen, während die Kinder durch die Wohnung toben. Weil man dieser Familie alles außer ihrer Lebensfreude nehmen kann.
Da hat Joy, nachdem sie, mal wieder zu von allen ungeliebten und vermiedenen Putzarbeiten verdonnert wird, die Idee von einem Wischmopp, den sie nicht von Hand ausdrücken muss. Die Anschubfinanzierung kommt von Rudys neuer Freundin, einer vermögenden, italienischen Witwe (Isabella Rossellini), die auch keine Unternehmerin ist, aber dafür die Ratschläge ihres verstorbenen Gatten befolgt.
Als Joys erste Verkaufsbemühungen nicht erfolgreich sind, erhält sie die Chance, ihren Wischmopp im Verkaufsfernsehen anzupreisen. Auftritt von Bradley Cooper als TV-Manager mit dem goldenen Herz und als Quasi-Love-Interest.
Bis jetzt war der Film, der in den späten Achtzigern spielt, von einer seltsamen Atmosphäre (so kann man die Handlungszeit nie genau lokalisieren) und satirisch überspitzten Charakteren und ebenso überspitzten bis grotesken Situationen geprägt. Das reale Leben von Joy und ihrer Familie wurde mit dem in den Seifenopern präsentiertem Leben mehr oder weniger konterkariert. Jetzt, in dem Home-Shopping-Sender (der Bodensatz des Fernsehens, der, weil er eine einzige Werbesendung ist, nicht von Werbung unterbrochen wird), wird der Film plötzlich vollkommen unwitzig und unironisch. Home Shopping wird als eine hochseriöse Angelegenheit, in der jeder seine Chance erhält, präsentiert. Damit steht der TV-Sender in der Filmmoral weit über dem normalen Unternehmertum der Einzelhändler, bei denen Joy vorher vergeblich ihr geniales Putzutensil anbot, weil deren Regale nur von Großhändlern bestückt werden.
Die weiteren Wendungen ihrer Firmengründung folgen dann der normalen Dramaturgie über die Anfangsjahre erfolgreicher Firmengründer, wobei sie in „Joy“ besonders unpackend sind. Sie wirken wie ein ungeliebtes, schnell abgehandeltes Pflichtprogramm, in dem die superschlaue Joy immer wie die geistig nicht besonders helle Hausfrau von nebenan wirkt. Aber solange ihre Gegner noch blöder sind, ist das kein Problem.
Sowieso sind alle Charaktere meist nur als grelle Parodie erträglich. Allerdings bleibt unklar, was David O. Russel parodieren wollte und damit was er erzählen wollte.
Am Ende des Films bleiben dann viele gelungene Szenen, die zusammenhanglos neben einander stehen und, als kleinster gemeinsamer Nenner, eine schlecht verpackte, sehr amerikanische, vulgärkapitalistische Botschaft.

Joy - Plakat

Joy – Alles außer gewöhnlich (Joy, USA 2015)
Regie: David O. Russell
Drehbuch: David O. Russell
mit Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Bradley Cooper, Edgar Ramirez, Isabella Rossellini, Diane Ladd, Virginia Madsen, Dascha Polanco, Elisabeth Röhm
Länge: 107 Minuten
FSK: ?

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Joy“
Metacritic über „Joy“
Rotten Tomatoes über „Joy“
Wikipedia über „Joy“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood prüft den überschaubaren Realitätsgehalt von „Joy“
Vanity Fair: Why Is the True Story of David O. Russell’s Joy Such a Mystery? von Katie Calautti (17. Dezember 2015)
Meine Besprechung von David O. Russells „American Hustle“ (American Hustle, USA 2013)

Und noch zwei Publikumsgespräche


TV-Tipp für den 15. März: Chinatown

März 15, 2015

Arte, 20.15

Chinatown (USA 1974, Regie: Roman Polanski)

Drehbuch: Robert Towne

Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.

Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.

Anschließend, um 22.20 Uhr, läuft „Die unglaubliche Geschichte des Hollywood-Produzenten Robert Evans“ (USA 2002), der auch „Chinatown“ produzierte.

Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young

Wiederholung: Dienstag, 17. März, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Chinatown“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Chinatown“

Old School Reviews (John Nesbit) über „Chinatown“

Noir of the Week: David N. Meyer über „Chinatown“

Thrilling Detective über Jake Gittes

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Venus im Pelz“ (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)


%d Bloggern gefällt das: