Neu im Kino/Filmkritik: Wie ist die „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“?

Februar 17, 2018

Seine Weltpremiere erlebte Guillermo del Toros neuer Film „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ in Venedig. Dort erhielt er den Goldenen Löwen als bester Film. Seitdem erhielt der Film über achtzig Preise und fast zweihundertsiebzig Nominierungen. Allein diese Zahlen verraten schon einiges über die Qualität des Films. Der Höhepunkt der Preisverleihungen dürfte die Oscar-Nacht sein. Denn „The Shape of Water“ ist für dreizehn Oscars nominiert, unter anderem in den wichtigen Kategorien bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin, Nebendarsteller und Kamera. Und er hatte gute Chancen, einige Preise zu erhalten. Unter anderem, trotz starker Konkurrenz, den Preis als bester Film des Jahres. Denn wie „The Artist“, der 2012 den Oscar als bester Film des Jahres erhielt, feiert „The Shape of Water“ das alte Hollywood zwischen B-Picture-Monsterheuler und Musical in seiner ganzen Pracht.

Ungefähr 1963, zur Hochzeit des Kalten Krieges, wird ein seltsames Wesen (Doug Jones), das Filmfans beim ersten Anblick sofort als „Der Schrecken vom Amazonas“ (Creature from the Black Lagoon, USA 1954, Regie: Jack Arnold) erkennen, zu Forschungszwecken in eine geheime und hoch gesicherte US-Forschungsanlage in Baltimore gebracht. Es ist eine dieser Anlagen, in der niemand auch nur zwei Schritte gehen kann, ohne sich ausweisen zu müssen. Bis auf die Putzfrauen, die überall Zutritt haben und normalerweise nicht beachtet werden. Es sind ja nur die Putzfrauen. Wie die schüchterne und stumme Elisa (Sally Hawkins). Sie lebt allein in einem Apartment über einem riesigen Kino, das eines dieser alten Filmpaläste ist, die wir nur aus Filmen kennen. Mit einem netten Betreiber und einer überschauberen Kundschaft. Elisas einziger Freund ist ihr Nachbar Giles (Richard Jenkins). Er ist ein erfolgloser, netter, homosexueller Werbezeichner und Musicalliebhaber, mit dem sie im Fernsehen alte Filme ansieht. Ihre beste Freundin ist ihre redselige Arbeitskollegin Zelda (Octavia Spencer). Die Afroamerikanerin ist verheiratet und nie um eine spitze Bemerkung verlegen.

Elisa führt ein einsames, geregeltes Leben, in das nur ihre Träume Farbe bringen. Bis sie den Amphibienmann trifft. Wobei trifft eigentlich nicht das richtige Wort ist. Schließlich ist er in dem Forschungslabor, das sie putzt, in einem Wasserbottich gefangen und angekettet. Sie kann ihn zunächst nur durch eine dicke Glasscheibe schemenhaft sehen.

Der Amphibienmann wurde von dem stahlharten Regierungsagenten Richard Strickland (Michael Shannon) eigenhändig aus dem Amazonasgebiet nach Baltimore geschleppt. Er möchte alles über das Wesen wissen und er will verhindern, dass es den Russen in die Hände fällt. Für ihn ist dieser Fischmensch eine gefährliche Bestie, die mit Schlägen gefügig gemacht werden muss. Der Meeresbiologe Dr. Robert Hoffstetler (Michael Stuhlbarg), der die Lungenstruktur des Amphibienmannes untersuchen soll, behandelt den Amphibienmann besser. Trotzdem ist er auch für ihn nur ein Forschungsobjekt.

Nur Elisa hat Mitleid mit ihm. Sie begegnet ihm unvoreingenommen, bringt ihm Essen mit und verständigt sich wortlos mit ihm. Langsam vertraut er ihr.

Gleichzeitig werden die Experimente für den Amphibienmann immer lebensbedrohlicher und russische Spione versuchen die Anlage zu infiltrieren.

Weil Elisa sich inzwischen in ihn verliebt hat, möchte sie ihn befreien. Aber wie? Und können ihr ihre Freunde, die wie sie gesellschaftliche Außenseiter sind, helfen?

Del Toros neuer Film ist ein überaus gelungener Crossover aus Monsterfilm, Liebesfilm und Thriller, garniert mit ein, zwei kräftigen Musical-Tupfern, der sich ausdrücklich auf die klassischen Fünfziger-Jahre-B-Pictures beruft. Damals gab es jede Woche eine Alien-Invasion, ein wissenschaftliches Experiment ging grotesk schief und natürlich mussten die Amerikaner sich gegen die bösen Russen verteidigen. Es waren und sind höchst unterhaltsame Filme, die auch, mehr oder weniger offensichtlich, Stimmungen aufgriffen. Es waren oft paranoide Fantasien, die das Herz jedes Analytikers erfreuen. Die besten dieser Filme wurden in jede Richtung interpretiert. Auch der Publikumserfolg „Der Schrecken vom Amazonas“ als „Die Schöne und das Biest“-Variante hatte eine Botschaft. Del Toro knüpft an diesen Klassiker an, führt ihn weiter und verändert vieles, bis eigentlich nur noch der Amphibienmann vorhanden ist. Allerdings nicht mehr als Herrscher über seine Welt, sondern als Gefangener und malträtierte Kreatur. Er ist wahrlich kein Biest mehr. Ein verwunschener Prinz ist er auch nicht. Und Elisa ist nicht die Anwärterin für „die Schöne“, sondern für „die Unsichtbare“. Wie ihre Freunde, die damals von der WASP-Gesellschaft, deren Vertreter Richard Strickland ist, nicht wahrgenommen wurden.

Durch diese Veränderungen wird „The Shape of Water“ zu einem subversivem Märchen über gesellschaftliche Außenseiter, die sich respektvoll, human und ohne Vorurteile begegnen.

Durch diese Veränderungen entgeht del Toro der Gefahr, einfach nur eine zweistündige, prächtig gefilmte, detailversessene Retro-Liebeserklärung an die alten B-Picture-Monsterheuler abzuliefern. Das ist „The Shape of Water“ auch. Aber im Gegensatz zu dem letztjährigen Oscar-Liebling „La La Land“ (das dann überraschend doch nicht der beste Film des Jahres wurde) benutzt del Toro die alten Filme und unsere Erinnerungen an sie, um daraus innerhalb und unter Verwendung der bekannten Formen etwas vollkommen Neues zu machen.

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water, USA 2017)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro)

mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Shape of Water“

Metacritic über „The Shape of Water“

Rotten Tomatoes über „The Shape of Water“

Wikipedia über „The Shape of Water“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Die TIFF-Pressekonferenz

DP/30 spricht mit Guillermo del Toro über „The Shape of Water“

Peter Travers spricht mit Guillermo del Toro über „The Shape of Water“

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TV-Tipp für den 17. Dezember: Hellboy 2 – Die goldene Armee

Dezember 17, 2016

ZDFneo, 22.05

Hellboy – Die goldene Arme (USA 2008, Regie: Guillermo del Toro)

Drehbuch: Guillermo del Toro

LV: Charakter von Mike Mignola

Zweiter Kinoauftritt von Hellboy. Dieses Mal muss er sich mit dem Elfenprinzen Nuada, der mal eben der gesamten Menschheit den Krieg erklärt hat, kloppen.

Vergnügliche Unterhaltung, die aber nicht so gut wie der erste Hellboy-Film ist.

Ein dritter Film ist immer noch geplant.

mit Ron Perlman, Selma Blair, Doug Jones, Luke Goss, John Alexander, Anna Walton, John Hurt

Hinweise

Hellboy-Comic-Seite (oder Mike Mignolas Hellboy-Seite)

Amerikanische Hellboy-Film-Seite

Deutsche Hellboy-Film-Seite

Rotten Tomatoes über “Hellboy”

Wikipedia über „Hellboy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Tödliches Terrain (Band 7)“ (BPRD: Killing Ground, 2008)

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Die Warnung (Band 8)“ (BPRD: The Warning, 2009/2010)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Hüte dich vor „Crimson Peak“! Besuche Allerdale Hall.

Oktober 16, 2015

„Crimson Peak“, der neue Film von „Hellboy“ Guillermo del Toro, gehört eindeutig in die Kategorie „solche Filme werden heute nicht mehr gemacht“.
Die Geschichte beginnt 1901 in Buffalo, New York. Edith Cushing (Mia Wasikowska) ist eine naßforsche, junge Frau aus vermögendem Haus, die von einer Karriere als Schriftstellerin träumt und ihren Traummann noch nicht gefunden hat. Da begegnet sie Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston), einem verarmten englischen Adligen, der von Ediths Vater und dessen Firma gerne Geld für eine große Investition hätte. Begleitet wird er von seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain).
Als kurz darauf Ediths Vater bei einem Badeunfall stirbt (Okay, es war ein Mord von einem unbekannten Täter.), heiratet sie Thomas und gemeinsam ziehen sie in sein einsam gelegenes Anwesen. Allerdale Hall ist ein auf einem waldlosem Hügel stehendes, verfallenes Schloss. Über dem kathedralenähnlichem Eingang ist das Dach eingestürzt. Es regnet und schneit hinein. Das Haus ist riesig, aber Personal scheint es nicht zu geben. Dafür sieht Edith einen Geist und die Geschwister Sharpe scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ähnlich wie vor Kurzem Kenneth Branagh in „Cinderella“ mit seinem vollkommen unironischen, traditionellen und durch keinerlei Postmodernismen getrübten Zugang zu dem Märchen von Aschenputtel erstaunte, drehte jetzt Guillermo del Toro mit „Crimson Peak“ einen Romantic Thriller, der so tut, als sei seit Filmen wie Alfred Hitchcocks „Rebecca“ höchstens eine Woche vergangen. Auch wenn „Crimson Peak“ in seiner pompösen Farbigkeit an Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen erinnert, fehlt „Crimson Peak“, neben der kurzen Laufzeit, der in ihnen immer spürbare Humor.
In del Toros sanftem Schauermärchen gibt es gute Schauspieler, eine schöne Ausstattung, eine langsam durch die Räume gleitenden Kamera und eine absolut vorhersehbare Geschichte, die eigentlich nur zwei große Überraschungen enthällt. Die Sharpes sind, obwohl sie anfangs so auftreten, keine Vampire. Das wäre ein zu zeitgenössischer Zugang zu dieser alten Geschichte. Und Edith, die schon in ihrer Heimat vom Geist ihrer Mutter eindringlich vor Crimson Peak gewarnt wird, erfährt erst sehr spät im Film, nachdem sie schon lange in Allerdale Hall friert, von Geistern verfolgt und Lucille traktiert wird, dass Allerdale Hall im Volksmund Crimson Peak genannt wird. Wir haben das schon vermutet, als die Kutsche das Tor von Allerdale Hall passierte.
Am Ende, wenn das Geheimnis der Geschwister Sharpe enthüllt wird, ist „Crimson Peak“ ein Kriminalfilm, ein Romantic Thriller in seiner absolut klassischen und hoffnungslos altmodischen Form, bei dem es noch etwas Geister-Geschwurbel gibt.
Das ist gut gemacht und es ist auch genau der Retro-Film, den Guillermo del Toro machen wollte. Aber es ist auch, als sähe man sich wieder einen dieser alten Gothic Thriller, die höchstens für ein sanftes Gruseln sorgen, an und bei dem man, auch wenn man ihn noch nie gesehen hat, die gesamte Handlung schon nach den ersten Minuten kennt. Farbe und bessere Tricks ändern nichts daran. Eigentlich waren sogar die alten Tricks mit knarrenden Türen und Schatten furchterregender.

Crimson Peak - Plakat

Crimson Peak (Crimson Peak, USA 2015)
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Matthew Robbins, Lucinda Coxon
mit Mia Wasikowska, Jessica Chastain, Tom Hiddleston, Charlie Hunnam, Jim Beaver, Burn Gorman, Leslie Hope, Doug Jones
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Crimson Peak“
Moviepilot über „Crimson Peak“
Metacritic über „Crimson Peak“
Rotten Tomatoes über „Crimson Peak“
Wikipedia über „Crimson Peak“
Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Einige Featurettes von den Machern (Universal Pictures)


DVD-Kritik: Don Coscarelli kehrt mit „John dies at the End“ zurück

August 27, 2013

 

Zehn Jahre nach dem grandiosen „Bubba Ho-Tep“, in denen Regisseur Don Coscarelli nur einen TV-Film inszenierte, ist er mit „John dies at the End“ zurück und die Horrorkomödie ist eine geschmacksicher geschmacklose Angelegenheit, die sich deshalb natürlich primär an ein Horrorfilmpublikum richtet, das schon Coscarellis frühere Flme, wie „Das Böse“ und die drei Fortsetzungen, goutierte.

Dieses Mal geht es, mit viel Schwarzem Humor, um zwei College-Abbrecher, John und Dave, die außer ihrem TV- und Drogenkonsum wenig auf die Reihe bekommen und auch gar nicht mehr auf die Reihe bekommen wollen, denn bedröhnt vor der Glotze abhängen ist doch okay. Aber sie sind quasi auserwählt gegen eine die Menschheit bedrohende Droge zu kämpfen, die ihren Verstand angreift, an der Realität zweifeln lässt und zu irrationalen Taten animiert. Manchmal mit tödlichen Folgen. Der Straßenname dieser gefährlichen Droge ist „Sojasauce“.

Dass „John dies at the End“ (so ein richtiger Spoiler ist der Titel nicht) nicht bierernst genommen werden sollte, dürfte allein schon der Name der Droge verraten.

Dass Don Coscarelli das drogeninduzierte Driften durch Raum und Zeit und das Verwischen der verschiedenen Welten und Wahrnehmungsebenen (so sind die Menschen nicht immer das, was sie zu sein scheinen) und die Rahmenhandlung in der Dave in einem Diner einem Journalisten seine Geschichte erzählt, als Entschuldigung nimmt, um – aus Sicht der klassischen Hollywood-Dramaturgie – ziemliches chaotisch mehr oder weniger gelungene Witze aneinanderreiht, ist nachvollziehbar. Aber gleichzeitig fehlt im so jeder erzählerische Stringenz, die den Film außerhalb des Hardcore-Fankreises von nicht jugendfreien Horrorkomödien und Trashperlen goutierbar machen würde.

Das ändert nichts daran, dass die handgemachten Tricks, wie das Monster aus gefrorenen Fleischstücken, in Zeiten von überbordenden CGI-Exzessen, Spaß machen und der Film in einem Midnight-Screening oder, mit einer ordentlichen Portion Alkohol und einigen guten Kumpels, auf der heimischen Couch ziemlich genial ist. Vor allem bei dem zweiten oder dritten Ansehen. Mit oder ohne Sojasauce.

John dies at the End - DVD-Cover

John dies at the End (John dies at the End, USA 2012)

Regie: Don Coscarelli

Drehbuch: Don Coscarelli

LV: David Wong: John dies at the End, 2001 (als Webserial; danach verschiedene Printausgaben mit mehr oder weniger vielen Ergänzungen)

mit Chase Williamson, Rob Mayes, Paul Giamatti, Clancy Brown, Glynn Turman, Doug Jones

DVD

Pandastorm

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Film ist auch als Mediabook mit Bonusmaterial erhältlich.

John dies at the End - Mediabook

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Metacritic über „John dies at the End“

Rotten Tomatoes über „John dies at the End“

Wikipedia über „John dies at the End“

Movieline unterhält sich mit Don Coscarelli und Paul Giamatti über „John dies at the End“ (25. Januar 2013)

„Fanboy Planet“-Interview mit Don Coscarelli über „John dies at the End“

„Shock till you drop“-Interview mit Don Coscarelli über „John dies at the End“ (8. April 2013)

Homepage von David Wong

Diese Anti-Piraterie-Spots werden auch immer blutiger

 

 


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