Neu im Kino/Filmkritik: „The Purge: Election Year“ jetzt wird gewählt

September 15, 2016

Es ist wieder Purge-Nacht und Leo Barnes ist zurück. In dem zweiten „The Purge“-Film „Anarchy“ hieß der von Frank Grillo kongenial verkörperte Kämpfer nur Sergeant und, obwohl er die Nacht eigentlich für eine private Rachemission benutzen wollte, beschützte er eine erkleckliche Zahl von Menschen. Denn in der von James DeMonaco erfundenen Welt, einer grellen Satire auf die USA und die religiös erweckte Tea-Party-Bewegung und rechtslastige Waffenlobby, haben die New Founding Fathers of America (NFFA) als Regierung eine friedliche Welt erschaffen, in der die Bürger einmal im Jahr, in einer Nacht, der Purge-Nacht, alles das Tun können, was sonst unter Strafe steht. Die Purge-Nacht ist also ein Aufruf, eine Nacht lang zu rauben, morden und marodieren. Als Katharsis für die reuigen Sünder. als Programm, um die Kriminalität zu reduzieren und als Karneval des Tötens.

Politisch subtil war das in den beiden vorherigen „The Purge“-Filmen „The Purge“ (ein Home-Invasion-Thriller) und „The Purge: Anarchy“ (ein Quasi-Western im John-Carpenter-Modus) nicht, aber unmissverständlich und mit viel grimmigem Humor effektiv erzählt.

In „The Purge: Election Year“ spielt die actionhaltige Geschichte, wie der Titel schon andeutet, während eines Wahlkampfs und damit steht die Politik im Mittelpunkt der Geschichte.

Barnes arbeitet als Bodyguard für Senator Charlie Roan, die die Purge-Nacht abschaffen will. Die beliebte Politikerin könnte die Wahl gewinnen und damit das Regime der NFFA brechen. Deshalb verändern die Herrschenden die Regeln: in dieser Purge-Nacht wird die Immunität für Politiker aufgehoben. Jetzt können alle Menschen straffrei getötet werden.

Noch vor Sonnenuntergang schicken sie ein Killerteam los, das Roan in ihrer gut gesicherten Privatwohnung töten soll.

Barnes kann das verhindern und sie sind in Washington, D. C., auf der Flucht vor dem Killerteam und mehr oder weniger allen anderen mordlustigen Bewohnern der Hauptstadt.

Diesen Thrillerplot, den DeMonaco mit einem Verschwörungsthriller mixt, erzählt er gewohnt effektiv als gradliniges B-Movie. Dabei wird die Kritik an der Gewalt der Purge-Nacht zunehmend durch eine Faszination an der Gewalt und einer sensationsgierigen Inszenierung von ihr überlagert.

Das war schon in den vorherigen „The Purge“-Filmen eine Gratwanderung, die den Thrillern immer auch ein soziales und politisches Gewissen verpasste und, auch weil die Idee der Purge-Nacht so absurd, einfach und menschenverachtend ist, für Diskussionen sorgte und zum Nachdenken anregte. Immerhin wurde in „Anarchy“ gesagt und gezeigt, dass die Oberklasse von der Purge-Nacht profitiert, sie schon lange zu einem Spektakel wurde, bei dem man seine Mordgelüste straffrei befriedigen konnte und, weil die normale Bevölkerung nicht genug Menschen umbrachte, die NFFA eigene Killerkommandos losschickte, die schnell einige Obdachlose und Afroamerikaner tötete. Es ging, ganz platt aus der Sicht der NFFA, um die Auslöschung von lebensunwertem Leben und Festigung ihrer Macht gegen jegliche Opposition.

In „Election Year“ wird diese Diskussion in den Film getragen. Es wird über die Idee der Purge-Nacht und die Ideologie der NFFA gestritten. Zwei politische Parteien und konträre Gesellschaftsbilder stehen sich gegenüber. Und die schon aus den vorherigen Filmen bekannten Revolutionäre wollen jetzt die Nacht für einen Anschlag gegen die NFFA-Führer benutzen. Es geht also auch um die Art und Mittel des Kampfes gegen ein verbrecherisches Regime.

Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deswegen, ist „Election Year“ der unpolitischste Film der Trilogie, die natürlich eine Trilogie aus vier, fünf oder mehr Teilen werden kann. Das liegt einerseits daran, dass in „Election Year“ die Politik eher pflichtschuldig präsentiert wird, während viel mehr Energie auf das spekulative Zeigen der Purge-Nacht verwendet wird. Andererseits, und das ist das viel größere Problem von „Election Year“, wirkt der Film wie eine beliebige Dystopie, die nichts mit dem gesellschaftlichen Klima der USA zu tun hat. Der Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton wird nicht thematisiert. Die NFFA-Führer sind ein Kreis honoriger alter Männer. Der von Kyle Secor gespielte Minister Edwidge Owens, der Hauptbösewicht des Films, ist ein typischer christlich erweckter Tea-Party-Konservativer fernab jeglicher populistischer Anwandlungen eines Donald Trump.

Und so ist „The Purge: Election Year“ nicht das erwartete politische Statement zur Lage der Nation, sondern eine in ihrer politischen Zuspitzung arg gedämpfte Version von „The Purge: Anarchy“, die sich mehr auf das Darstellen von Gewalt und die Beziehungen der Charaktere untereinander konzentriert. Letztendlich kämpft eine extrem multikulturelle, grundehrliche Truppe gegen Anzugträger, Kapitalisten und Nazis.

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The Purge: Election Year (The Purge: Election Year, USA/Frankreich 2016)

Regie: James DeMonaco

Drehbuch: James DeMonaco

mit Frank Grillo, Elizabeth Mitchell, Edwin Hodge, Betty Gabriel, Joseph Julian Soria, Mykelti Williamson, Kyle Secor, Terry Serpico

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Purge: Election Year“

Metacritic über „The Purge: Election Year“

Rotten Tomatoes über „The Purge: Election Year“

Wikipedia über „The Purge: Election Year“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Die Säuberung“ (The Purge, USA 2013)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Anarchy“ (The Purge: Anarchy, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Sensation! Der Stein der Weisen ist in den „Katakomben“ von Paris

September 13, 2014

Jetzt weiß ich, warum die Ägypter Grabräuber nicht mögen.
Der Found-Footage-Murks „Katakomben“ spielt zwar nicht in Ägypten, sondern in Paris und die Heldin behauptet selbst von sich, dass sie keine Grabräuberin sei. Aber sie prescht mit einer Eleganz durch die Katakomben von Paris (laut Presseheft wurde sogar alles vor Ort gedreht, aber sie hätten das Werk genausogut in irgendeinem Hinterhofstudio drehen können), dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Mauern werden eingerissen, Skelette flugs zur Seite geräumt und ein riesiger Klunker, der „Stein der Weisen“, wird mit roher Gewalt aus einem Fresko entfernt. Dass bei diesem feinfühligem Vorgehen einige Decken und Gänge einstürzen ist ein akzeptabler Kollateralschaden bei der Schatzsuche. Außerdem können die jungerwachsenen Protagonisten in dem Moment eh schon nicht mehr so richtig zwischen Wahn und Wirklichkeit oder zwischen Hölle und Normalität unterscheiden.
Dabei haben die sechs Twenty-Somethings, zusammengewürfelt aus der hyperbrillanten Schatzsucherin Scarlett Marlowe (die das alles tut, um das Vermächtnis ihres toten Vaters zu vollenden, unzählige Sprachen kann, Doktortitel wie Fliegenstiche sammelt, wagemutiger als Indiana Jones und verdammt jung ist), ihrem Freund (der wegen des Todes seines kleinen Bruders eine ausgewachsene Abneigung gegen Höhlen hat), einem klaustrophobischem Dokumentarfilmer und drei Pariser Urban Explorer, die just for fun bei der Schatzsuche helfen, auf den Weg in die verbotenen Gänge der Katakomben gemacht, weil Scarlett einen unterirdischen Raum unter dem Grab von Nicolas Flamel vermutet. Flamel war Alchemist und in diesem seit Jahrhunderten nicht entdecktem Raum ist der Stein der Weisen, der jedes Metall in Gold verwandeln und das ewige Leben schenken kann. Also macht sich die zusammengewürfelte Truppe auf den Weg in die Unterwelt.
Weil sie in den Katakomben eine Abkürzung benutzen wollen, vor der sie ihr einheimischer Tourguide Papillon warnt, öffnen sie auch gleich das Tor zur Hölle und, nun, seltsame Dinge geschehen, Erinnerungen materialisieren sich und einige werden den Tag nicht überleben.
Dieses Spiel mit Wahn und Wirklichkeit hilft auch den Drehbuchautoren Drew Dowdle und John Erick Dowdle (der auch Regie führte), die auch für „Quaranäne“ und „Devil – Fahrstuhl zur Hölle“ verantwortlich sind. Denn nachdem Scarlett und die anderen das unterirdische Paris betreten haben, verabschiedet sich schnell auch die Restlogik aus „Katakomben“. Dafür sind ein verstaubtes, aber klingelndes Telefon, ein altes Klavier mit einer lädierten Taste und ein brennendes Auto mit einem schreiendem Insassen in den Katakomben (keine Ahnung, wie es dahin kam) einfach zu gute Bilder. Einige geisterhafte Figuren dürfen auch durch das Bild huschen – und es gibt eine Unzahl vollkommen absurder Momente. Wenn die Jugendlichen vor einer schon vor Jahrhunderten gestorbenen Person stehen und sich gegenseitig mehrmals versichern, dass er tot ist; wenn sie an einem Mönch vorbeischleichen und ihn dabei mit ihren Lampen anstrahlen (naja, vielleicht ist er blind, aber nicht taub), dann werden, auch ohne die Spielerei mit oben und unten (der Originaltitel ist „As above, so below“), im eh schon logikfernen Found-Footage-Genre neue Höhen der Absurdität erreicht, die sicher in einigen Mitternachtsscreenings für noch mehr Lacher sorgen als während der Pressevorführung. Denn bei dem Mitternachtsscreening kann dann jeder unbefangen seine Kommentare zum Leinwandgeschehen in den Raum brüllen.
Zu den gruseligen Dialogen (wahrscheinlich war die Regieanweisung: „Sagt einfach, was euch so einfällt.“) und der kopfschmerzförderlichen Wackel-Wackelkamera (herrje, sogar mein an Parkinson leidender Urgroßvater hat eine ruhigere Hand) sag ich jetzt nichts. Das gehört ja seit dem „Blair Witch Project“ zum gut gepflegten Found-Footage-Ton. Genauso wie Bilder, die unmöglich von einem der Charaktere aufgenommen worden sein können.

Katakomben - Plakat

Katakomben (As above, so below, USA 2014)
Regie: John Erick Dowdle
Drehbuch: John Erick Dowdle, Drew Dowdle
mit Perdita Weeks, Ben Feldman, Edwin Hodge, Francis Civil, Marion Lambet, Ali Marhyar
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Katakomben“
Moviepilot über „Katakomben“
Metacritic über „Katakaomben“
Rotten Tomatoes über „Katakomben“
Wikipedia über „Katakomben“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Schöne neue Welt in „The Purge – Die Säuberung“

Juni 13, 2013

 

Dass „The Purge“ am Startwochenende den ersten Platz der US-Kinocharts erreichte, kam etwas überraschend. Denn es ist eine kleine, fiese, an einem Ort in einer Nacht spielende Dystopie mit wenigen Schauspielern und einem weitgehend vertrauten Plot: einige in einem Haus eingesperrte Menschen müssen sich bis zum Sonnenaufgang gegen eine heranrückende Masse von Angreifern verteidigen.

Das musste „The Purge“-Hauptdarsteller Ethan Hawke schon in „Das Ende – Assault on Precinct 13“ machen, einem Remake von John Carpenters Klassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“, der, wie Carpenter nicht müde wird zu betonen, ein Remake des von ihm bewunderten Howard-Hawks-Western „Rio Bravo“ (mit John Wayne) ist.

Und „The Purge“ ist dann auch weitgehend ein Western, ein Home-Invasion-Thriller, mit einem überraschendem Ende, das noch einmal klar die Meinung von Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco zu der von ihm entworfenen, in knapp zehn Jahren spielenden Utopie sagt, die anscheinend geradewegs aus den feuchten Träumen der Tea Party oder rechtskonservativer Denker nach dem Besuch des Gottesdienstes kommt: nachdem die Gewalt in den USA immer mehr zunahm, verkündete die neue Regierung, die New Founders of America, einen jährlichen Säuberungstag („Purge-Day“). An dem Tag darf man endlich einmal – ohne bestraft zu werden – all die Taten begehen, die man sonst nicht darf. Eine Nacht lang wird gemordet, gebrandschatzt und jedes Gewaltverbrechen begangen, das das Strafgesetzbuch hergibt. Einige machen begeistert mit.

James Sandin (Ethan Hawke), der in der noblen, Stepford-artigen Gated Community allen Nachbarn seine superteure Alarmanlage verkaufte und der deshalb jetzt in einem prächtigen Haus lebt, verbringt die Nacht lieber eingeschlossen in seinem Haus mit seiner Frau Mary (Lena Headey) und seinen beiden Kindern, dem 14-jährigen Charlie (Max Burholder) und der 16-jährigen Zoey (Adelaide Kane). Als sein Sohn einem Afroamerikaner, der um sein Leben rennt, Unterschlupf gewährt, ist es mit der ruhigen Nacht für die Familie Sandin vorbei.

Sie wissen nicht, ob der Afroamerikaner wirklich nur ein harmloser obdachloser Flüchtling ist oder sie umbringen möchte. Vor ihrem Haus versammelt sich eine Gruppe grotesk maskierter Menschen, die eindeutig zur Oberschicht gehören, den Säuberungstag zur inneren Säuberung benutzen (immerhin können sie sich so all der negativen Gefühle, die sie die vergangenen zwölf Monate anstauen mussten, legal entledigen) und ihren Flüchtling haben wollen. Dafür werden sie auch das gut, aber eben nicht perfekt gesicherte Haus stürmen und, quasi als Zugabe, die Bewohner töten.

Da ist es fast schon gut, dass James vorher in einem Schusswechsel den Freund seiner minderjährigen Tochter, der ihn umbringen wollte, in Notwehr tötete.

Zugegeben, die Story von James DeMonaco, der auch die Bücher für „Verhandlungssache“ und „Das Ende – Assault on Precinct 13“ (mit Ethan Hawke und leider ohne Kinostart bei uns) schrieb und „Staten Island“ (mit Ethan Hawke) inszenierte, ist nicht neu und sie folgt auch weitgehend den bekannten Mustern. Auch die Inszenierung geht eher in Richtung gemütlicher Abend auf der heimischen Couch als großer Kinosaal.

Aber der Hintergrund, vor dem „The Purge“ spielt, macht aus dem 08/15-Home-Invasion-Thriller dann doch etwas besonderes. Denn die ziemlich ätzende und wenig subtile Sozialsatire spielt in einer Gesellschaft, in der während der Handlungszeit das Töten erlaubt ist und die Protagonisten sich fragen müssen, wann und warum sie nicht von ihrem guten Recht Gebrauch machen. Es geht also von der ersten bis zur letzten Minute um die Frage, was Menschlichkeit ist, welche Werte gelten und was eine Gesellschaft zusammenhält. Das ist mehr, als viele Action-Thrillern bieten – und hier schließt sich dann auch wieder der Kreis zu John Carpenters Low-Budget-Thriller „Assault – Anschlag bei Nacht“.

Wegen des überraschend großen kommerziellen Erfolgs wird es eine Fortsetzung von „The Purge“ geben, in der wir wahrscheinlich mehr über das wiedergeborene Amerika erfahren.

The Purge - Plakat

The Purge – Die Säuberung (The Purge, USA 2013)

Regie: James DeMonaco

Drehbuch: James DeMonaco

mit Ethan Hawke, Lena Headey, Max Burkholder, Adelaide Kane, Edwin Hodge, Rhys Wakefield, Tony Oller, Arija Bareikis, Tom Yi, Chris Mulkey, Tisha French, Dana Bunch

Länge: 85 Minuten

FSK: ? (wahrscheinlich ab 16 Jahre)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

NFA-Homepage (erstellt von den New Founders of America)

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Purge – Die Säuberung“

Metacritic über „The Purge – Die Säuberung“

Rotten Tomatoes über „The Purge – Die Säuberung“

Wikipedia über „The Purge – Die Säuberung“

Tor: Danny Bowes bespricht „The Purge – Die Säuberung“

Wortvogel bespricht „The Purge – Die Säuberung“

 

 

 


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