Neu im Kino/Filmkritik: „Willkommen in Marwen“, der erfundenen Stadt von Mark Hogancamp

April 2, 2019

Spoilerwarnung für alle, die die Geschichte von Mark Hogancamp, einem Künstler, der mit Puppen erfundene Weltkrieg-II-Szenarien nachstellt und fotografiert, nicht kennen – und sich vorm Kinobesuch den Trailer nicht ansehen.

In den ersten Minuten von Robert Zemeckis neuem Film „Willkommen in Marwen“ begleiten wir den US-Soldaten Captain Hogie, der während des Zweiten Weltkriegs in Belgien von seiner Truppe getrennt wird, ein Paar Stöckelschuhe findet, sie anzieht, von einer Gruppe deutscher Soldaten gestellt wird und, ehe die Nazis ihn erschießen können, von einer Truppe vollbusiger Kampfamazonen gerettet wird.

Irritierend, also noch irritierender als die Handlung, ist das Aussehen der Figuren und wie sie sich bewegen. Nicht wie Menschen, sondern wie Puppen.

Und das sind sie auch. Es sind 1:6-Modelle, teils Barbiepuppen, teils andere Puppen, mit deren Hilfe sich Mark Hogancamp in eine Fantasiewelt flüchtet. Diese Flucht ist für ihn die Chance, ein Trauma zu bewältigen. Nachdem er sich im 8. April 2000 in einer Bar in Kingston, New York, betrank, wurde er auf seinem Heimweg von einer Gruppe junger Männer zusammengeschlagen, weil er ihnen erzählt hatte, dass er gerne Frauenschuhe anziehe. Im Film wird das Hassverbrechen von Nazis verübt. Nur durch Zufall überlebte er den feigen Angriff. Danach lag er neun Tage im künstlichen Koma und musste alles wieder neu erlernen. Nachdem seine Krankenkasse seinen Klinikaufenthalt nicht weiter bezahlen wollte, wurde er, immer noch krank, nach vierzig Tagen aus der Klinik entlassen (Yep, ein Hoch auf das US-Krankensystem! Immerhin kommt im Film einmal im Monat eine Schwester vorbei, die überwachen soll, ob er seine Medikamente genommen hat.). Das Spielen mit Puppen in einer II-Weltkrieg-Fantasiewelt, für die er auch die belgische Fantasiestadt Marwencol baute, ist für ihn die Möglichkeit, den Alltag zu bewältigen. Alle Puppen und Ereignisse in Marwencol haben eine realweltliche Entsprechung.

Weil Hogancamp seine Fantasiewelt auch fotografierte, wurde er in den USA zu einem bekannten Künstler, beginnend mit einer Ausstellung in New York, die auch im Film gezeigt wird, über die hochgelobte Dokumentation „Marwencol“ (die auch die Inspiration für den Spielfilm war), Zeitungsartikel und dem Buch „Welcome to Marwencol“.

Jetzt verfilmte Robert Zemeckis die Geschichte von Mark Hogancamp als Spiel zwischen Real- und Fantasiewelt, in der langsam deutliche wird, dass der schrullige Nachbar, der wie ein pubertierender Junge lebt, eine gequälte Seele ist.

Dummerweise ist Hogancamps Fantasiewelt die durch und durch sexistische und brutale Welt der Men’s-Adventure-Magazine, in denen Sex und Gewalt hemmungslos verherrlicht und ohne irgendeine ironische Brechung dargeboten werden. Es ist eine Welt, die bei uns niemals so richtig populär war und die heute extrem reaktionär ist.

Es ist auch die Welt der Naziploitationfilme, in denen Nazifetische, Sex und Gewalt fließend ineinander übergehen und die Hogancamp als 1-zu-1-Inspiration für seine Fantasiewelt nimmt. Es ist Fanfiction.

Diese Men’s-Adventure-Welt war schon immer eine hoffnungslos übertriebene Fantasiewelt, die heute nur noch mit ironischen Brechungen erträglich sind. Brechungen zu denen Hogancamp nicht fähig ist, weil die von ihm geschaffene Welt ein Spiegel seines Inneren ist und er so ein Ventil für sein Trauma hat, das er so vielleicht auch bewältigen kann.

Das ist, – wenn wir ignorieren, dass Hogancamp professionelle Hilfe benötigt hätte -, eine gute, richtige und auch begrüßenswerte Methode, um Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist auch besser, als das Ausleben von „Ein Mann sieht rot“-Rachefantasien in der Realität.

Zemeckis zeigt Hogancamps Welt ohne Distanzierungen und Brechungen. Er will, dass wir emotional involviert sind. Damit verstehen wir nicht nur, wie in einem Dokumentarfilm, Hogancamps Problem, sondern wir sollen auch emotional auf seiner Seite stehen und, wenigstens implizit, seine Fantasien gutheißen. Das versucht jeder Film und, wahrscheinlich weil „Forrest Gump“-Regisseur Zemeckis ein guter Regisseur ist, war ich die ganze Zeit befremdet von „Willkommen in Marwen“.

Vielleicht auch, weil alles eine Spur zu deutlich ist und ich die Tricks und Absichten des Magiers durchschaute. Und so versagt „Willkommen in Marwen“ bei mir genau auf der Ebene, auf der ein Spielfilm funktionieren sollte.

Willkommen in Marwen (Welcome to Marwen, USA 2018)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Robert Zemeckis, Caroline Thompson

mit Steve Carell, Leslie Mann, Diane Kruger, Merritt Wever, Janelle Monáe, Eiza Gonzalez, Gwendoline Christie, Leslie Zemeckis, Neil Jackson, Falk Hentschel, Matt O’Leary, Nikolai Witschl, Patrick Roccas, Alexander Lowe

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Willkommen in Marwen“

Metacritic über „Willkommen in Marwen“

Rotten Tomatoes über „Willkommen in Marwen“

Wikipedia über „Willkommen in Marwen“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood sucht in Marwen nach der historischen Wahrheit

Meine Besprechung von Robert Zemeckis “Flight” (Flight, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „The Walk“ (The Walk, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Allied – Vertraute Fremde“ (Allied, USA 2016)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Baby Driver“ erledigt seine Arbeit mit Musik

Juli 28, 2017

Baby ist kein gewöhnlicher Fluchtwagenfahrer. Selbstverständlich kennt er die Straßen aus dem Effeff. Er beherrscht sein Auto mit traumwandlerischer Sicherheit. Und es gelingt ihm, der Polizei zu entkommen. Eine solche Flucht verlangt dabei oft ein gehöriges Maß an Improvisation.

Improvisationen gibt es allerdings nicht bei Baby. Denn er plant die Fluchtrouten präzise nach einem Soundtrack, der zehntelsekundengenau eingehalten wird.

Das ist natürlich unglaublich cool. Wenn Baby singend durch die Straßen von Atlanta brettert, die Polizei abhängt und dabei millimetergenau zwischen zwei Fahrzeugen durchfährt, summt man (man will ja den Sitznachbarn nicht stören) den Song mit.

Das ist natürlich auch vollkommen unrealistisch. Denn so genau kann niemand eine Flucht planen.

Aber um Realismus geht es Edgar Wright in seinem neuen Film „Baby Driver“ nicht. Es ist ein Gangstermusical. Es dürfte sogar das erste Gangstermusical sein. Denn Baby hört nicht nur ständig Musik, hauptsächlich Rock’n’Roll in all seinen Schattierungen, sondern er bewegt sich auch singend und tanzend durch die Stadt und seine Wohnung. Wright suchte für den Film eine Liste aus gut dreißig Songs aus den vergangenen Jahrzehnten zusammen, die Baby als Soundtrack für sein Leben hat. Es sind „Bellbottoms“ (Jon Spencer Blues Explosion), „Egyptian Reggae“ (Jonathan Richmann & The Modern Lovers), „Unsquare Dance“ (Dave Brubeck, yep, Jazz), „Debora“ (T. Rex), „Debra“ (Beck), „Brighton Rock“ (Queen) und „Baby Driver“ (Simon & Garfunkel).

Die Filmgeschichte bewegt sich in vertrauten Gewässern: Baby wird von Doc (Kevin Spacey), einem lokalen Gangsterboss, erpresst, als Fluchtwagenfahrer zu arbeiten, bis er seine Schulden abbezahlt hat. Dies könnte ihm jetzt, mit seinem letzten Job, gelingen. Der Milchbubi, der seine Eltern bei einem Autounfall verlor, soll für Buddy (Jon Hamm), dessen Freundin Darling (Eiza Gonzalez) und Bats (Jamie Foxx) der Fluchtwagenfahrer sein. Dummerweise ist Bats ein ziemlich durchgeknallter, schießwütiger und entsprechend unzuverlässiger Typ. Wobei Buddy auch nur ungern an seine Wall-Street-Karriere erinnert wird.

Gleichzeitig verliebt Baby sich in die Diner-Kellnerin Deborah (Lily James). Mit ihr möchte er ein ehrliches Leben beginnen, aber – selbstverständlich – hat Doc andere Pläne mit ihm.

Baby Driver“ ist ein großer Spaß, in dem Edgar Wright nach „Shaun of the Dead“, „Hot Fuzz“ und „The World’s End“ wieder seine Vorbilder zu einer vollkommen neuen Geschichte verarbeitet. Das macht Spaß. Die Musik passt. Der Humor ebenso; auch wenn „Baby Driver“, im Gegensatz zu seinen drei vorherigen Filmen, keine ausgewiesene Komödie ist. In dem Gangstermusical gibt es zwar viel zu Lachen, aber keine Szene ist von vornherein und nur auf die Lacher hin geschrieben. Dafür ist jede Szene mit einem Musikstück im Ohr geschrieben worden und wird im Takt des Songs gespielt.

Eigentlich kann man dem Film nur vorwerfen, dass er etwas zu sehr von sich überzeugt ist, etwas zu sehr seine eigene Cleverness ausstellt und dabei zu sehr auf den Applaus der Hipster spekuliert.

Darauf ein Cornetto.

Baby Driver (Baby Driver, USA 2017)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Edgar Wright

mit Ansel Elgort, Kevin Spacey, Lily James, Jon Hamm, Jamie Foxx, Eiza González, Jon Bernthal, Micah Howard, Morse Diggs, CJ Jones, Sky Ferreira, Lance Palmer, Flea, Lanny Joon, Big Boi, Killer Mike, Paul Williams, Jon Spencer, Walter Hill

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Baby Driver“

Metacritic über „Baby Driver“

Rotten Tomatoes über „Baby Driver“

Wikipedia über „Baby Driver“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Ein Gespräch mit Robert Rodriguez, Edgar Wright, Ansel Elgort, Jon Hamm und Eiza González über den Film

Ein Gespräch mit Edgar Wright und Kevin Spacey über den Film

 


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