Neu im Kino/Filmkritik: „Nerve“ – Guckst du noch oder spielst du schon mit?

September 8, 2016

Mutproben. Früher musste man sie tun, um Teil einer Clique zu werden. Heute, so erfahren wir in „Nerve“, sagt einem nicht mehr der Anführer einer Clique, sondern ein anonymes Computerprogramm, was man tun soll und ein weltweites Publikum sieht zu. Dabei teilen sich die Teilnehmer von „Nerve“ in Watcher und Player. Nur die Player sind cool. Und die Mutproben sind von kindisch – sein Hinterteil entblößen, einen Fremden küssen – über sehr gefährlich bis tödlich.

Und alle an der Schule reden über das illegale Online-Spiel, das die Player auch zu Straftaten animiert, das anscheinend jeder kennt und das die Polizei, auch nach mehreren tödlichen Unfällen, nicht interessiert. Dass das, höflich gesagt, etwas abstrus ist, interessiert die Macher nicht weiter.

Vee (Emma Roberts), die in Staten Island kurz vor ihrem Highschool-Abschluss steht, hat eigentlich kein Interesse an dem kindischen Spiel. Aber nachdem ihre beste Freundin (also Beste Schulfreundin) sie vor ihrem Schwarm bloßstellt, entschließt sie sich, bei „Nerve“ mitzuspielen und so endlich cool zu werden. Dafür muss sie dem Spiel nur den Zugriff auf alle ihre Apps und persönlichen Daten gewähren.

Als erste Mutprobe, im Spiel Challenge genannt, soll sie einen Fremden küssen. Wenn sie es tut, wird Geld auf ihr Konto eingezahlt. In einem Diner entdeckt sie Ian (Dave Franco) und küsst ihn. Das für die Challenge versprochene Geld wird auf ihr Bankkonto gezahlt und „Nerve“ fordert sie zu weiteren Mutproben auf, mit denen sie noch mehr Geld verdienen kann.

Dafür soll sie sich mit Ian, der ebenfalls „Nerve“-Spieler ist, zusammen tun. Denn den „Nerve“-Zuschauern, die mit ihrer Stimme das Spiel beeinflussen können, gefällt das Paar. Sie sollen nach Manhattan fahren. Dort werden die Mutproben immer gefährlicher. Teilweise erfordern sie eine umfangreiche Planung und sie werden für das Netz immer aus verschiedenen Blickwinkeln dokumentiert. Weil das so im Drehbuch steht, funktioniert das auch alles problemlos.

Als Vee aussteigen will, erfährt sie, dass das nicht geht.

Aber zum Glück hat sie einen nerdigen Schulfreund, eine taffe Mutter und Ian hat ihr auch nicht alles über sich verraten.

Nerve“ basiert auf Jeanne Ryans Jugendbuch „Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen“ und der deutsche Titel gibt natürlich einen Hinweis auf das Spielende. Der Film von Henry Joost und Ariel Schulman, die den dritten und vierten „Paranormal Activity“-Film inszenierten, richtet sich dann auch primär an ein jugendliches Publikum, für die Juliette Lewis, die unberechenbare Femme Fatale aus „Kap der Angst“, „Natural Born Killers“, „Strange Days“ und „From Dusk till Dawn“, schon eine alte Frau ist, die problemlos Vees Mutter spielen kann.

Die werden dann wahrscheinlich „Nerve“ nicht mit den zahlreichen besseren und kapitalismuskritischeren und auch brutaleren Filmen vergleichen, in denen einer pervertierten, sensationslüsternen Gesellschaft, die eine Menschenjagd, Mord und Totschlag als Spiel begreifen, ein Spiegel vorgehalten wird. Zum Beispiel „Das zehnte Opfer“ (Italien 1965), „Das Millionenspiel“ (Deutschland 1970), „Kopfjagd – Preis der Angst“ (Frankreich 1983) und „Running Man“ (USA 1987), in denen die Menschenjagd als Spiel im Fernsehen übertragen wurde. In „Nerve“ wird das Spiel im Internet übertragen, die Zuschauer können mehr oder weniger stark mitbestimmen und es gibt keinen Moderator mehr. Es gibt auch keine Person mehr, die man zur Verantwortung ziehen kann. Das Spiel „Nerve“ wird von anonymen Kräften programmiert und durchgeführt. Der Gegner erhält nie ein Gesicht. Stattdessen ist er überall und nirgends – und er kann, außer wir sagen, dass „die Gesellschaft“ oder „alle ‚Nerve‘-Spieler“ verantwortlich sind, nicht zur Verantwortung gezogen werden. Entsprechend schwach fällt dann auch der große moralische Appell am Filmende aus.

Nerve“ hat eine interessante Prämisse, sympathische Schauspieler, einen schönen Look und eine oft wie ein Musikstück fließenden Rhythmus, der mehr auf Optik, als auf Logik achtet. Das sabotiert dann auch die kritisch und aufrüttelnd gemeinte Botschaft am Ende des Films. Joost/Schulmans Oberflächenkino ist Eskapismus, abgeschmeckt mit etwas milder Gesellschaftskritik und einem Appell an die individuelle Moral, die letztendlich niemandem weh tut.

Aber vielleicht ist „Nerve“ für das jugendliche Zielpublikum ein Anstoß, über das eigene Medienverhalten nachzudenken. Nach einer Runde „Pokémon Go“.

nerve-plakat

Nerve (Nerve, USA 2016)

Regie: Henry Joost, Ariel Schulman

Drehbuch: Jessica Sharzer

LV: Jeanne Ryan: Nerve, 2012 (Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen; Nerve – Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen)

mit Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer, Colson Baker

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nerve“

Metacritic über „Nerve“

Rotten Tomatoes über „Nerve“

Wikipedia über „Nerve“ (deutsch, englisch)

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Money Monster“ – Geiselnahme im TV-Studio

Mai 27, 2016

Lee Gates (George Clooney) präsentiert im Fernsehen eine Finanzshow, die vor allem eine Show ist. Laut, schrill, mit Gags und Tanzeinlagen, die zwar unterhaltsam sind, aber nicht in das Umfeld einer seriösen Show gehören. Auch die Fachkompetenz von Lee Gates scheint vor allem im Entertainment zu liegen. Trotzdem ist die Sendung beliebt und Zuschauer vertrauen seinen Aktientipps. So auch Kyle Budwell (Jack O’Connell), ein einfacher Arbeiter, der sein gesamtes Vermögen in Ibis Clear Capital investierte, weil Gates es eine bombensichere Geldanlage nannte. Dummerweise verlor die Aktie aufgrund eines unerklärlichen Computerfehlers, so die offizielle Erklärung, rapide an Wert.

Budwell ist ruiniert, aber er will Antworten haben. Denn er hat doch immer das Richtige getan. Während einer Live-Sendung nimmt er Gates als Geisel.

Mit dieser Geiselnahme beginnt Jodie Fosters neuer Film „Money Monster“ und in den folgenden neunzig Minuten entfaltet sich die hochenergetisch erzählte Geschichte ungefähr in Echtzeit, vor allem im Fernsehstudio und vor laufender Kamera. Zunächst versucht Gates den Geiselnehmer zur Aufgabe zu bewegen. Er tut also, was er am besten kann: er redet. Als das nicht hilft und er bemerkt, dass die Erklärung von Ibis Clear Capital für den Aktieneinbruch nicht stimmig ist, will er Antworten haben.

Dabei hilft ihm sein Team, angeführt von seiner langjährigen Produzentin Patty Fenn (Julia Roberts), die innerhalb weniger Minuten herausfinden, was weder die Börsenaufsicht, noch die echten Journalisten herausfinden, die natürlich auch alle wissen wollen, warum die Aktie implodierte. Dieser auch aus der Not geborene Gesinnungswandel kommt etwas plötzlich. Immerhin sagte Fenn am Anfang des Thrillers: „Wir sind noch nicht einmal echte Journalisten.“

Ihnen zur Seite springt Diane Lester (Caitriona Balfe), die PR-Dame von Ibis Clear Capital, die sich fragt, warum der CEO Walt Camby (Dominic West) spurlos verschwunden ist und während der größten Krise der Firma sprichwörtlich über den Wolken schwebt in einem Flugzeug, das telefonisch nicht erreichbar ist.

Währenddessen wird die Polizei auf die Zuschauerränge verbannt.

Wenn man sich nicht an dem Aufklärungstempo von Fenns Team und der Erklärung für den Kurseinbruch der Aktie stört, sondern sich von dem Film mitreisen lässt, bekommt man einen hochspannenden Thriller, der konsequent auf Nebenstränge verzichtet. Jede Szene, jeder Satz, jedes Bild treibt die Handlung voran oder komplettiert das Bild einer von Gier und Geld geprägten Gesellschaft. So läuft „Money Monster“ anfangs im Restaurant als Hintergrundprogramm zur Mittagspause, bis die Zuschauer bemerken, dass sie gerade eine echte Geiselnahme sehen und schon erwacht ihr Interesse; die Sensationsgier. Etliche aus anderen Filmen bekannte Situationen enden vollkommen anders als gewohnt. Es gibt grandiose Einzeiler und Pointen. Sowieso ist der Film arg schwarzhumorig geraten.

Dabei vermittelt er keine wahnsinnig neuen Einsichten. Über das Funktionieren der Börse erfährt man auch nichts und im Gegensatz zu „The Big Short“, wo gezeigt wurde, wie das System funktioniert und es deshalb keine individuellen Schuldigen gab, die man einfach anklagen konnte, gibt es in „Money Monster“ am Ende einen Schuldigen, den man für seine Verbrechen vor Gericht anklagen und verurteilen kann.

Money Monster“ ist halt einfach nur ein spannender Thriller, der einige wichtige Themen unterhaltsam anspricht, der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und auch zum Nachdenken anregt.

Money Monster - Plakat

Money Monster (Money Monster, USA 2016)

Regie: Jodie Foster

Drehbuch: Jamie Linden, Alan DiFiore, Jim Kouf (nach einer Geschichte von Alan DiFiore und Jim Kouf)

mit George Clooney, Julia Roberts, Jack O’Connell, Dominic West, Caitriona Balfe, Giancarlo Esposito, Christopher Denham, Lenny Venito, Chris Bauer, Dennis Boutsikaris, Emily Meade, Condola Rashad

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Money Monster“

Metacritic über „Money Monster“

Rotten Tomatoes über „Money Monster“

Wikipedia über „Money Monster“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Jodie Foster über den Film und den ganzen Rest

Ein Gespräch mit Jodie Foster und Jack O’Connell (dem Geiselnehmer)

und, aus Cannes, ein „Interview“(mit französischer Simultanübersetzung)

und die Pressekonferenz (dito)

 


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