Neu im Kino/Filmkritik: Über Ulrich Köhlers Versuchsanordnung „In my Room“

November 10, 2018

Als Armin aufwacht ist irgendetwas mit der Welt geschehen. Denn über Nacht verschwanden alle anderen Menschen.

Das ist die, uuh, Ausgangslage von Ulrich Köhlers neuem Film „In my Room“. Es ist der Werbeschwerpunkt und die spannende „Was würdest du tun, wenn“-Frage kann erst danach gestellt und beantwortet werden. Aber bevor Armin der letzte Mann auf der Erde ist und wir beobachten, wie er darauf reagiert, sehen wir ihn erst einmal lange in seinem normalen Leben in Berlin als Kameramann für die TV-Nachrichten, auf der Suche nach einem One-Night-Stand. Erkennbare Ambitionen hat er keine und wahrscheinlich auch niemals gehabt. Er fährt in sein Heimatdorf in Ostwestfalen-Lippe. Seine Großmutter liegt im Sterben. Seine inzwischen getrennt lebenden Eltern lernen wir da auch gleich kennen. All das beobachtet Köhler sehr präzise.

Dieses lange und letztendlich viel zu lange und für die restliche Filmgeschichte viel zu bedeutungslose Vorspiel weist schon darauf hin, dass Köhler nicht an einem Endzeitdrama und den Versuchen des Protagonisten interessiert ist, gegen alle möglichen und unmöglichen Widerstände zu überleben, und seiner Suche nach einem Grund für das plötzliche Verschwinden der Menschheit.

Denn Armin hat keine Gegner. Niemand und nichts bedroht sein Leben. Er hat auch kein Interesse daran, die Welt zu erkunden, nach anderen Menschen zu suchen und herauszufinden, was geschah.

Stattdessen wird er sesshaft. Am Waldrand baut er sich eine Hütte und er wird zum Bauern. Das geschieht ebenfalls ohne große Probleme; was etwas erstaunlich ist, weil nicht alle Jungs, die auf dem Land groß wurden handwerkliche Fähigkeiten haben und Armins uns bekanntes Leben keinen Hinweis auf diese praktischen Fähigkeiten lieferte. In Berlin konnte er noch nicht einmal die Kamera richtig bedienen (was zu einem wunderschön absurden Filmanfang führt) und sein Mini-Apartment hatte den Charme einer Studentenwohnung. Jetzt passt er sich scheinbar mühelos, klaglos und schnell an seine neue Situation an. Aber vielleicht hat Armin diese Anpassungsprobleme auch zwischen den Bildern gehabt. Als Bauer wirkt er glücklich.

Eines Tages (und reichlich spät im Film) trifft er Kirsi. Die junge Frau fährt durch die Welt. Jetzt zieht sie bei ihm ein. Aber wird sie bleiben? Und werden die beiden letzten Menschen auf der Welt ein Paar?

In my Room“ ist „ein Film über das beängstigende Geschenk absoluter Freiheit“ (Presseheft). „Das Verschwinden der Menschheit ist der Rahmen für ein Experiment, das den Widerspruch zwischen Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Geborgenheit untersucht. Die menschenleere Welt ist eine Versuchsanordnung, die der Frage nachgeht, ob wir – frei von sozialen Zwängen – zu einem Neuanfang in der Lage wären“, so Ulrich Köhler über seinen Film.

Daher knüpft „In my Room“ auch nicht an Dystopien wie „I am Legend“ oder, obwohl da sehr viele Menschen und Zombies überlebten, „The Walking Dead“ an. Eher schon ist Marlen Haushofers „Die Wand“ eine Inspiration. In dem inzwischen auch verfilmten Klassiker ist die Protagonistin in den Alpen plötzlich von einer unsichtbaren Wand, die sie am Verlassen des Gebiets hindert, umgeben. Auch „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic fällt einem wegen der gleichen Ausgangssituation ein. In diesem Roman sucht der Protagonist allerdings nach anderen Menschen und er verlässt seinen Heimatort. Erklärungen für das Verschwinden der Menschen fehlen und es wird keine Interpretation vorgegeben. Wie in Köhlers Film.

Am Ende ist Köhlers zweistündige, in drei Teile zerfallende, handlungsarme Versuchsanordnung das Porträt eines bindungslosen Mannes, der die absolute Freiheit nur nutzt, um sich in seiner alten Heimat eine Hütte zu bauen.

In my Room (Deutschland/Italien 2018)

Regie: Ulrich Köhler

Drehbuch: Ulrich Köhler

mit Hans Löw, Elena Radonicich, Michael Wittenborn, Ruth Bickelhaupt, Emma Bading, Katharina Linder, Felix Knopp, Kathrin Resetarits

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „In my Room“

Moviepilot über „In my Room“

Rotten Tomatoes über „In my Room“

Wikipedia über „In my Room“

Ulrich Köhler spricht in Cannes auf Englisch über seinen Film


Neu im Kino/Filmkritik: Stockholm Syndrom ist „Berlin Syndrom“

Mai 26, 2017

Stockholm-Syndrom: „ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Wikipedia)

Berlin Syndrom“ könnte der Titel eines Films von Dario Argento sein. Dann wäre es ein herrlich durchgeknallter Horrorfilm der den Exzess zum Stilprinzip erhebt.

Es ist aber der Titel des neuen Films der Australierin Cate Shortland („Lore“), der in Berlin spielt und, wenig subtil, auf das Stockholm-Syndrom anspielt.

Die australische Rucksackreisende Clare Havel (Teresa Palmer) trifft in Berlin-Kreuzberg Andi Werner (Max Riemelt). Er ist ein charmanter, literarisch interessierter Englischlehrer, der ihr Berlin abseits der Touristenpfade zeigt. Weil man als Reisende an keinen festen Terminkalender gebunden ist, verbringt sie etwas Zeit mit ihm. Inclusive einer Nacht in seinem Bett. Das ist, immerhin ist „Berlin Syndrom“ ein Thriller, ein böser Fehler. Denn Andi sperrt sie in seiner hermetisch abgeschlossenen Hinterhofwohnung in einem leeren, renovierungsbedürftigen und daher menschenleeren Wohnblock ein.

In diesem Moment ist das Fundament für einen klassischen Konflikt zwischen Entführer und Gefangener gelegt, der natürlich unterschiedlich ausformuliert werden kann. Einerseits, wie in dem Kriegsfilm-Klassiker „Gesprengte Ketten“ oder der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, indem die Gefangene von der ersten Minute alles versucht, um auszubrechen. Andererseits indem die Gefangene Sympathie für den Täter entwickelt und sich vielleicht sogar in ihn verliebt.

Shortland beschreitet keinen dieser Wege konsequent. Zwar benutzt Clare etwaige Fluchtmöglichkeiten, wenn sie ihr auf dem Silbertablett serviert werden. Aber das sieht immer nach einer halbherzigen Pflichterfüllung aus. Die üblichen Thrillermechanismen einer Ausbruchsgeschichte werden in diesen Momenten höchst halbherzig bis zum vorhersehbaren Ende, das seine eigenen Probleme hat, bedient.

Als Thriller ist „Berlin Syndrom“ daher eine ziemliche Enttäuschung.

Auf der anderen Seite entwickelt sich keine Beziehung zwischen Clare und Andi. Sie leben fast wie ein altes Ehepaar nebeneinander her. Sie macht mehr oder weniger den Haushalt. Er verdient als Lehrer das Geld und er erzählt auch seinen Arbeitskollegen von seiner neuen Freundin. Dass diese Beziehung nur eine begrenzte Haltbarkeit hat, wird schon früh in einem Gespräch zwischen Andi und seinem Vater (Matthias Habich) deutlich. Er fragt seinen Sohn, warum er immer Berlin-Besucherinnen als Freundin habe.

In diesen Momenten könnte „Berlin Syndrom“ ein Drama über eine eine verquere Beziehung, über die Dynamik zwischen Anziehung und Ablehnung, und über Abhängigkeiten werden. Aber dafür geschieht einfach zu wenig zwischen Clare und Andi und das, was geschieht, bleibt zu sehr an der Oberfläche.

Immerhin liefert Max Riemelt ein hübsches Psychopathenporträt (natürlich mit DDR-Trauma) und es gibt Berlin-Impressionen von dem schon oft abgefilmten Kreuzberg (was bei Berlinern natürlich immer bestimmte Gefühle auslöst), während der Film das Potential seiner Prämisse verschenkt.

Berlin Syndrom (Berlin Syndrome, Australien 2017)

Regie: Cate Shortland

Drehbuch: Shaun Grant, Cate Shortland (zusätzliches Material)

LV: Melanie Joosten: Berlin Syndrome, 2011

mit Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Emma Bading, Elmira Bahrami, Christoph Franken, Lucie Aron, Nassim Avat

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Berlin Syndrom“

Metacritic über „Berlin Syndrom“

Rotten Tomatoes über „Berlin Syndrom“

Wikipedia über „Berlin Syndrom“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Berlin Syndrom“


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