Neu im Kino/Filmkritik: Über François Ozons „Frantz“

Oktober 1, 2016

Wenige Monate nach dem Ende des ersten Weltkriegs taucht in einer deutschen Kleinstadt ein junger Franzose auf, der ein merkwürdiges Interesse an dem Grab von Frantz hat. Anna ist neugierig. Sie war mit Frantz verheiratet, lebt bei dessen Eltern und trauert immer noch. Sie will wissen, warum der Franzose, der sich Adrien nennt, in das Land des Feindes gekommen ist und trauert. Denn nach dem Krieg pflegen die Deutschen ihren Hass auf die Franzosen, die den Krieg gewonnen haben. Und die Eltern von Frantz Hoffmeister, vor allem sein Vater, sehen Adrien zunächst als Feind, als einen der Franzosen, die ihren Sohn umgebracht haben.

Das ist die Ausgangslage von François Ozons neuem Film „Frantz“. Im Presseheft erklärt Ozon die falsche Schreibweise des Namens so: „Das ist ein typischer französischer Fehler, der den Deutschen gefiel. Deshalb habe ich ihn nicht korrigiert. Ich stellte mir vor, dass Frantz aus Liebe zu Frankreich das ‚t‘ hinzugefügt hatte.“

In dem Presseheft bittet er auch darum, Adriens Geheimnis nicht zu verraten.

Wer allerdings Ernst Lubitschs unbekannten Film „Broken Lullaby“, auf dem Ozons Film basiert, oder Maurice Rostards Theaterstück kennt, das die Vorlage für Lubitschs Film war, oder auch nur den Originaltitel des Stückes oder den Alternativtitel des Films oder den deutschen Titel kennt, dürfte eine gute Ahnung von Adriens Geheimnis haben. Weil Rostard und Lubitsch die Geschichte aus der Perspektive von Adrien erzählen, hat er auch kein Geheimnis. Ozon erzählt die Geschichte dagegen aus der Perspektive von Anna und damit verändert die Geschichte sich in vielen Punkten mehr oder weniger entscheidend. So als ob man einmal die Geschichte aus der Perspektive des Mörders und einmal aus der des Ermittlers erzählt.

Jedenfalls: Wer Lubitschs Film nicht kennt, wird mehr als nötig über Adriens Geheimnis rätseln und, auch ausgehend von Ozons früheren Filmen, wilde Vermutungen anstellen, anstelle sich einfach auf die Geschichte und die Gefühle der Charaktere einzulassen.

In dem Film wird das Geheimnis in der Filmmitte gelöst.

In der zweiten, deutlich schwächeren, um nicht zu sagen in der Länge missratenen Hälfte verlagert sich die Handlung dann nach Frankreich und während einer guten Stunde Laufzeit passiert letztendlich nichts. Dieser Teil, in dem Anna den spurlos verschwundenen Adrien sucht und bei seiner Familie findet, basiert nicht mehr Lubitschs Film und auch nicht auf dem Theaterstück. Beide enden mit der Reaktion der Witwe auf die Enthüllung des Grundes, warum der Franzose nach Deutschland gekommen ist.

Dabei ist gerade die erste Hälfte überaus gelungen und wunderschön in SW, mit einigen klug eingesetzten Farbtupfern, erzählt. In dieser Stunde erzählt Ozon von der Annäherung zwischen Anna und Adrien, von der möglichen Versöhnung zwischen den Kriegsgegnern, von dem gesellschaftlichen Klima in einer deutschen Kleinstadt in der Provinz, von großen und kleinen Lügen und Hoffnungen auf ein neues Leben.

Es war auch eine kluge Entscheidung von Ozon, den Film in der Originalfassung zweisprachig zu drehen. Deshalb wird in der ersten Hälfte fast nur deutsch, in der zweiten französisch gesprochen und die gesamte Geschichte wirkt authentischer.

frantz-plakat

Frantz (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon (frei nach „Broken Lullaby“ von Ernst Lubitsch)

mit Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Johann von Bülow, Anton von Lucke, Cyrielle Clair, Aliche de Lencquesaing

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Frantz“

AlloCiné über „Frantz“

Moviepilot über „Frantz“

Metacritic über „Frantz“

Rotten Tomatoes über „Frantz“

Wikipedia über „Frantz“ (deutsch, englisch, französisch)

Homepage von Francois Ozon

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Becks letzter Sommer“ mit Christian Ulmen

Juli 24, 2015

Robert Beck (Christian Ulmen) ist Musiklehrer an einem Gymnasium und er ist schon seit Langem ziemlich frustiert von seiner Arbeit. Da bemerkt er das musikalische Talent des aus Litauen kommenden Rauli (gespielt von dem Argentinier Nahuel Pérez Biscayart, der wie ein französischer Chansonier aussieht). Beck erinnert sich an seine Jugend als Frontman der Rockband „Cash Punk“ und er beschließt, Rauli als Musiker aufzubauen. Er will ihm einen Plattenvertrag vermitteln. Bei einem so oft erwähnten Majorlabel, dass man schon nicht mehr von Schleichwerbung sprechen kann und sich spätestens nach der dritten Nennung des Labels fragt, warum Beck seinen begnadeten Schützling nur einem einzigen Label anbieten kann. Sowieso erfährt man in „Becks letzter Sommer“ nichts über das Musikgeschäft. Das wäre, wie man so schön sagt, ein anderer Film.
Außerdem verliebt Beck sich in die Kellnerin Lara (Friederike Becht), die in Italien eine Lehre als Schneiderin (ihr Zweitstudium!) beginnen möchte. Und sein seelisch labiler Nachbar Charlie (Eugene Boateng), den er noch aus „Cash Punk“-Tagen kennt, ist ein ständiger Gast in seiner lauschigen Studenbude.
Das plätschert, ziemlich konzentriert auf die Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Beck und Rauli, so vor sich hin, bis in der Filmmitte Charlie behauptet, seine Mutter läge in Istanbul im Sterben. Beck, Rauli und Charlie machen sich im Auto auf den Weg von Berlin nach Istanbul und geraten dabei in eine blutige Drogenschmuggelgeschichte. Diese Hälfte zitiert dann die bekannten Gangsterfilmklischees, während die Geschichte zunehmend unplausibel wird. Zum Beispiel bringen sie den schwer verletzten Charlie nicht zu einem Arzt, sondern fahren fröhlich pfeifend weiter zu ihrem Reiseziel.
Um zu betonen, dass beide Filmhälften nichts miteinander zu tun haben, wird als Insert A- und B-Seite eingeblendet. So als sei ein Spielfilm eine LP, die man umdrehen muss. Ein Spielfilm ist aber, um im Bild zu bleiben, eine A- oder eine B-Seite, ein Song, ein Thema. Auch „Becks letzter Sommer“ hat ein Thema. Selbstfindung sagen die Macher und das stimmt schon. Aber es ist für Beck eine Selbstfindung in sicheren Gewässern. Immerhin hat er als Lehrer (sogar mit dem Posten als Korektor in Aussicht) eine gesicherte Existenz und als Single keine Verantwortung für einen anderen Menschen. Er könnte jederzeit die Koffer packen. Er könnte jederzeit neben seinem Brotjob jeden Abend als Musiker auftreten. Er hat höchstens einen liebevoll Scheinkonflikt zwischen seinen Träumen und der Wirklichkeit.
Auch die anderen Charaktere haben nur Scheinkonflikte, die ihre dramaturgische Funktion – nämlich die Probleme von Beck aus anderen Perspektiven zu beleuchten – nie ausfüllen.
Deshalb plätschert Frieder Wittichs Film, in der zweiten Hälfte zunehmend unplausibel, einfach so vor sich hin. Immer vermeidet er die nötigen Zuspitzungen, weil er sich nie für eine Geschichte und einen zentralen Konflikt entscheidet.
Und der Titel „Becks letzter Sommer“ täuscht eine Finalität vor, die der Film nicht einlöst. Auch niemals einlösen möchte. Denn, auch wenn ich ein anderes Ende bevorzugt und glaubwürdiger gefunden hätte, ist „Becks letzter Sommer“ ist sein letzter Sommer als Lehrer (mit Rückkehrgarantie?).
Dass der Film auf einem Roman basiert, in dem das scheinbar so alles steht (ich habe ihn nicht gelesen), ist egal. Denn bei einer Verfilmung muss die Romangeschichte dem anderen Medium angepasst und auch, wenn nötig, verändert werden. Dazu kann dann schon einmal ein großer Teil des Romans, wie bei der John-Irving-Verfilmung „The Door in the Floor – Die Tür der Versuchung“ (die nur das erste Drittel des Romans zeigt), wegfallen. Dem Film hat es nicht geschadet.

Becks letzter Sommer - Plakat

Becks letzter Sommer (Deutschland 2015)
Regie: Frieder Wittich
Drehbuch: Oliver Ziegenbalg, Frieder Wittich
LV: Benedict Wells: Becks letzter Sommer, 2008
mit Christian Ulmen, Nahuel Pérez Biscayart, Eugene Boateng, Friederike Becht, Fabian Hinrichs, Anna Lena Klenke, Boris Gaza, Ernst Stötzner, Rainer Reiners, Hermann Beyer
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Becks letzter Sommer“
Film-Zeit über „Becks letzter Sommer“
Moviepilot über „Becks letzter Sommer“
Wikipedia über „Becks letzter Sommer“
Perlentaucher über Benedict Wells


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