DVD-Kritik: Vier Noirs, gut abgehangen und immer noch sehenswert

Juli 20, 2015

Die Filme habe ich schon vor einiger Zeit gesehen, aber aus Gründen, die ausschließlich bei mir lagen (Planung, Planung und 5-Jahres-Pläne) komme ich erst jetzt dazu, „Unter Verdacht“, „Der unheimliche Gast“, „Ministerium der Angst“ und „Die Killer“ abzufeiern. Sie sind alle in der uneingeschränkt lobenswerten „Film Noir“-Collection von Koch Media erschienen und sie sind, auch wenn nicht jeder Film ein Klassiker ist, einen Blick wert. Bild und Ton sind, immerhin sind die Filme schon etwas älter, gewohnt gut. Die Zusatzinformationen sind, wie bei den vorherigen Veröffentlichungen, informativ und gut gewählt. Es gibt immer ein 16-seitiges Booklet mit einem Essay von Thomas Willmann über den Film, den Trailer, eine Bildergalerie und, manchmal noch mehr, wie ein parallel zum Film entstandenes Radiohörspiel.
Und es ist eine der Gelegenheiten, einige fast schon vergessene Filme von Größen wie Fritz Lang und Robert Siodmak (mehr über den inzwischen wieder fast vergessenen Regisseur könnt ihr in „Robert Siodmak“ lesen) wieder oder erstmals zu entdecken.

Robert Siodmak ist vor allem bei Noir-Fans hochgeschätzt und mit „Unter Verdacht“ und „Die Killer“ liegen jetzt zwei seiner großen Noirs vor.
„Die Killer“ ist die erste Verfilmung von Ernest Hemingways gleichnamiger Kurzgeschichte, die eigentlich nur aus einer Situation besteht: ein Mann wartet in einem Hotelzimmer auf seine Killer. Warum erfahren wir nicht in Hemingways Geschichte, aber Robert Siodmak und später Don Siegel (der die Geschichte 1964 verfilmte) bieten eine Erklärung an.
In dem Dorf Brentwood tauchen zwei Killer auf. Sie suchen einen Mann, finden und töten ihn. Während die Polizei den Fall als Auseinandersetzung zwischen auswärtigen Verbrechern zu den Akten legt, beginnt Versicherungsdetektiv Reardon mit seinen Ermittlungen. Dabei entdeckt er eine Versicherungspolice des Toten Pete Lunn, genannt „der Schwede“, den dieser auf ein Zimmermädchen ausgestellt hatte. Als Reardon weiter in Lunns Vergangenheit stöbert, erfährt er, wie der Boxer in kriminelle Gesellschaft geriet. Wegen einer Frau anderen Frau.
Siodmaks Film ist ein unumstrittener Noir-Klassiker voll grandioser Szenen und verzweifelter Menschen. Das mit dem Edgar-Allan-Poe-Award ausgezeichnete Werk war damals in den USA ein Kassenhit, der Robert Siodmaks Marktwert in Hollywood ungemein steigerte. Burt Lancaster, der in „Die Killer“ sein Leinwanddebüt als der Schwede gab, hätte keinen besseren Einstand haben können. Ava Gardner, die davor kleine, unwichtige Rollen spielte und hier die Femme Fatale war, wurde ebenfalls zum Star.
Ernest Hemingway, der die meisten Verfilmungen seiner Werke hasste, war begeistert von Siodmaks Verfilmung. Sie nennt zwar einen Grund für Lunns regloses Warten auf seinen Tod, nimmt aber nichts vom Fatalismus der Vorlage weg.


„Unter Verdacht“ ist vor allem eine Paraderolle für Charles Laughton, der Philip Marshall, einen reichen, unglücklich verheirateten Geschäftsmann spielt, der 1902 in London eine andere Frau kennenlernt. Kurz darauf stirbt Marshalls Frau bei einem Unfall. Scotland-Yard-Inspektor Huxley glaubt zwar an einen Mord, aber er hat gegen Marshall keine Beweise. Kurz darauf heiratet Marshall Mary Grey – und spätestens wenn Marshall seinen Nachbarn, der ihn erpressen wollte, vergiftet, wissen wir, dass hinter der jovialen Maske des Geschäftsmannes ein kaltblütiger Mörder ist.
Ein mit der Atmosphäre des viktorianischen Londons, in dem wenige Jahre früher Jack the Ripper mordete, badender Noir, der vor allem Dank Charles Laughton sehenswert ist.

Fritz Lang ist natürlich allgemein bekannt. „Metropolis“, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und die ersten„Dr. Mabuse“-Filme sind einflussreiche Filme, die jeder Filmfan gesehen hat (oder es behauptet und schnellstens nachholen sollte).
„Ministerium der Angst“ gehört zu seinen unbekannteren Werken. Er drehte den Thriller 1944 nach einem Roman von Graham Greene und Buch und Film sind natürlich eine unmittelbare Reaktion auf den 2. Weltkrieg und den London und halb England verwüstenden Bombenkrieg.
Stephen Neale (Ray Milland) wird aus einer ländlich gelegenen Irrenanstalt entlassen. Schon auf dem Weg nach London wird er von seltsamen Männern verfolgt. Dass er nicht an einer paranoiden Wahnvorstellung leidet, beweisen die Leichen, die plötzlich seinen Weg pflastern und die ihn als Mörder verfolgende Polizei, die noch gar nicht mitbekommen hat, dass ein Nazi-Agentenring in London arbeitet.
Die actionreiche Jagd mit einem von allen verfolgten, unschuldigen Normalbürger ist inzwischen immer noch als typischer Alfred-Hitchcock-Stoff bekannt. Schon Jahrzehnte vor „Der unsichtbare Dritte“ drehte Hitchcock, noch in England mehrere Filme mit einer ähnlichen Geschichte. Am bekanntesten dürfte seine John-Buchan-Verfilmung „Die 39 Stufen“ sein. Dicht gefolgt von „Der Mann, der zu viel wusste“ (wobei hier das Remake mit James Stewart bekannter ist). Diese Hitchcock-Filme sind dann auch das größte Problem für Langs Film, weil Hitchcock schon in den Dreißigern deutlich flottere Thriller inszenierte.
Dennoch, oder gerade deswegen und weil es hier nicht um Thriller, sondern um Noirs geht: empfehlenswert, wenn auch nicht so gut wie „Die Killer“.
„Obwohl Fritz Lang den Film nicht besonders mochte, gehört er zu den besten seiner Films noirs. Die Orientierungslosigkeit des Helden, der als Spielball unbekannter Mächte in einer Welt verborgener Identitäten seine eigene Identität sucht, stellt Lang mit äußerster formaler Geschlossenheit dar.“ (Paul Werner: Film noir)


Im Gegensatz zu Fritz Lang und Robert Siodmak ist Lewis Allen deutlich unbekannter. Nach einigen Spielfilmen, u. a. „Desert Fury – Liebe gewinnt“ (der ebenfalls in der Film Noir Collection erschien), die alle keine große Aufmerksamkeit erregten, arbeitete er seit den Fünfzigern vor allem für das Fernsehen, wo er zahlreiche TV-Episoden inszenierte, unter anderem für die Serien „Auf der Flucht“, „Kobra, übernehmen Sie“ und „Bonanza“.
Sein Spielfilmdebüt „Der unheimliche Gast“ ist eigentlich kein Noir. Da helfen auch einige Noir-Einstellungen, wenn die Kerzen im Haus große Schatten werfen, nicht. Es ist ein Geisterfilm und ein Liebesfilm, der nie wirklich gruselt. Über weite Strecken ist der Geist einfach ein Hausgeist, ein weiterer Bewohner, den man halt akzeptiert. Also wie „Beetlejuice“, nur ohne den Tim-Burton-Humor und ohne die Verbrüderung der Bewohner mit den Geistern.
1937 kaufen Komponist Patrick Fitzgerald (Ray Milland) und seine Schwester Pamela (Ruth Hussey) das einsam an der Küste in Cornwall gelegene, erstaunlich günstige Windward House. Schon bald bemerken sie, ihr Schoßhund und die Hauskatze, dass sie einen nicht eingeladenen Hausgast haben, der sie aus dem Haus verjagen will.
Trotz allem hat der doch inzwischen arg altmodische Grusler seine Fans. Martin Scorsese und Guillermo Del Toro nahmen den Film in ihre Listen der schaurigsten Horrorfilme auf – und allein das rechtfertigt schon einen Blick.

Unter Verdacht - DVD-Cover
Unter Verdacht (The Suspect, USA 1944)
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Bertram Millhauser, Arthur T. Horman (Adaptation)
LV: James Ronald: This Way Out, 1939
mit Charles Laughton, Ella Raines, Dean Harens, Stanlec C. Ridges

DVD
Koch Media (Film Noir Collection 16)
Bild: 1.37:1
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Bildergalerie, Booklet, Einstündiges Hörspiel mit Charles Laughton und Ella Raines
Länge: 82 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Unter Verdacht“
Turner Classic Movies über „Unter Verdacht“
Wikipedia über „Unter Verdacht“ (deutsch, englisch)

Filmportal über Robert Siodmak

Senses of Cinema über Robert Siodmak

Noir of the Week über Robert Siodmak

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Zeuge gesucht” (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Der schwarze Spiegel” (The dark mirror, USA 1946)

Meine Besprechung von Deutsches Historisches Museum (Hrsg.) „Robert Siodmak“ (2015)

Der unheimliche Gast - DVD-Cover

Der unheimliche Gast (The Uninvited, USA 1944)
Regie: Lewis Allen
Drehbuch: Dodie Smith, Frank Partos
LV: Dorothy Macardle: Uneasy Freehold, 1941 (US-Titel „The Uninvited“)
mit Ray Milland, Ruth Hussey, Gail Russel, Alan Napier, Cornelia Otis Skinner

DVD
Koch Media (Film Noir Collection 17)
Bild: 1.37:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie, Booklet, Zwei jeweils halbstündige Radio-Hörspiele zum Film mit Ray Milland von 1944 und 1949
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Der unheimliche Gast“
Turner Classic Movies über „Der unheimliche Gast“
Wikipedia über „Der unheimliche Gast“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Lewis Allens „Desert Fury – Liebe gewinnt“ (Desert Fury, USA 1947)
Ministerium der Angst - DVD-Cover

Ministerium der Angst (Ministry of Fear, USA 1944)
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Seton I. Miller
LV: Graham Greene: Ministry of Fear, 1943 (Zentrum des Schreckens)
mit Ray Milland, Marjorie Reynolds, Dan Duryea, Percy Waram, Erskine Sanford, Alan Napier

DVD
Koch Media (Film Noir Collection 18)
Bild: 1.37:1 (4:3)
Ton: Deutch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie, Booklet
Länge: 83 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Ministerium der Angst“
Turner Classic Movies über „Ministerium der Angst“
Wikipedia über „Ministerium der Angst“ (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs “Du und ich” (You and me, USA 1938)

Meine Besprechung von Fritz Langs “Auch Henker sterben” (Hangman also die, USA 1943)

Meine Besprechung von Astrid Johanna Ofner (Hrsg.): Fritz Lang – Eine Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums (2012 – Sehr empfehlenswert!)

Fritz Lang in der Kriminalakte

Wikipedia über Graham Greene (deutsch, englisch)

Kirjasto über Graham Greene

Greeneland – The World of Graham Greene (Fanseite)

Meine Besprechung von Graham Greenes “Am Abgrund des Lebens” (Brighton Rock, 1938) und den englischen Verfilmungen von 1947 und 2010

Die Killer - DVD-Cover
Die Killer (The Killers, USA 1946)
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Anthony Veiller, John Huston (ungenannt), Richard Brooks (ungenannt)
LV: Ernest Hemingway: The Killers, 1927 (Die Killer, Kurzgeschichte)
mit Burt Lancaster, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Albert Dekker, Sam Levene, William Conrad
auch bekannt als „Rächer der Unterwelt“

DVD
Koch Media (Film Noir Collection 19)
Bild: 1.37:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie, Booklet, Radioadaption von 1949 mit Burt Lancaster, Shelley Winters und William Conrad
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Killer“
Turner Classic Movies über „Die Killer“
Wikipedia über „Die Killer“ (deutsch, englisch)
Noir of the Week über „Die Killer“

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