DVD-Kritik: „Alleluia“, ein Killerpärchen auf Mördertour

November 16, 2015

Als sie auf ihre Mordtour gingen, ahnten Raymond Fernandez und Martha Beck nicht, wie groß die popkulturellen Nachwirkungen ihrer Taten bis in die Gegenwart sind. Die dicke, eifersüchtige Krankenschwester Martha Beck verliebte sich 1947 in den Heiratsschwindler Ray Fernandez und die beiden, wahrlich ein Pärchen aus der Hölle, taten sich zusammen. Er verführte alleinstehende Frauen, die sie über Zeitungsannoncen für einsame Herzen fanden. Deshalb wurden sie auch „Lonely Hearts Killer“ genannt. Dann ermordeten sie ihre Opfer. Insgesamt wurden ihnen siebzehn Morde vorgeworfen.
1949 wurden sie zum Tode verurteilt und am 8. März 1951 wurde die Todesstrafe vollzogen.
1970 inszenierte Leonard Kastle den Semi-Klassiker „Honeymoon Killers“ über die „Lonely Hearts Killer“. Ein Film, der ungefähr so angenehm wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung ist.
Jetzt ist diese Geschichte die Inspiration für Fabrice Du Welz‘ „Alleluia“, der in einem ortlosen und trostlosen Belgien spielt. Gloria trifft sich mit Michel und aus dem One-Night-Stand wird eine mehr als schräge Liebe. Sie lässt ihre Tochter zurück und gemeinsam machen sie sich als Geschwisterpaar auf die Suche nach Frauen, die in Michel die Liebe ihres Lebens erblicken. Dummerweise ist Gloria so rasend eifersüchtig, dass sie Marguerite schon in der ersten Nacht umbringt. Dabei wollten sie ihr erstes Opfer zuerst finanziell ausnehmen wollten.
Beim zweiten Mal soll die Sache besser laufen. Gloria soll ihr Temperament zügeln.
„Alleluia“ ist kein angenehmer Film. Gloria und Michel sind Menschen, mit denen man nicht länger als nötig zusammen sein will. Fabrice Du Welz inszeniert ihre Geschichte in vier Akten, die alle nach Frauen benannt sind, die Michel verführt. Dabei verfolgt Du Welz, scheinbar teilnahmslos und in extrem kunstlosen Bildern, die Geschichte des gänzlich moralbefreiten Killerpaares. Die Bilder sind die Antithese zu den gelackten Bildern aus Du Welz‘ ebenso stromlinienförmigen, wie langweiligen Polizeithriller „Colt 45“, den er unmittelbar danach inszenierte.
Verglichen mit „Colt 45“, der ebenfalls vor wenigen Tagen ebenfalls auf DVD erschien, ist „Alleluia“ der bessere, der kompromisslosere und auch unangenehmere Film, der wahrscheinlich genau deshalb nur von einem überschaubaren Publikum gesehen wird.

Alleluia - DVD-Cover

Alleluia – Ein mörderisches Paar (Alléluia, Belgien/Frankreich 2014)
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Fabrice Du Welz, Romain Protat, Vincent Tavier
mit Lola Dueñas, Laurent Lucas, Héléna Noguerra, Édith Le Merdy, Anne-Marie Loop, Pili Groyne, Stéphane Bissot, Sorenza Mollica

DVD
Pierrot le Fou
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Trailer, Making of, Kurzfilm, Deleted Scenes, Wendecover
Länge: 89 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren

Hinweise
Französische Homepage zum Film
Rotten Tomatoes über „Alleluia“
Wikipedia über „Alleluia“ (englisch, französisch)
Meine Besprechung von Fabrice Du Welz‘ „Colt 45“ (Colt 45, Frankreich/Belgien 2014)

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DVD-Kritik: „Colt 45“ – ein Polizist mit Problemen

Oktober 21, 2015

„Colt 45“ von Fabrice Du Welz ist ein franco-belgischer Polizeithriller, der zwar all die Knöpfe drückt, die zu einem actionhaltigen, düsteren Polizeithriller gehören, der aber nie wirklich überzeugt oder emotional mitreißt; was auch am Protagonisten Vincent Milès liegt. Milès (Ymanol Perset) ist ein junger, naiver Polizist, der der beste Scharfschütze der französischen Nationalpolizei ist und einem Hindernisparcour als mit Abstand bester Teilnehmer abschließt. Er ist also der Einzelkämpfer, den alle gerne wollen (was für die Filmgeschichte reichlich egal ist). Aber eigentlich will er nur der Nerd in der Waffenkammer sein, der natürlich auch hier der Beste ist. Innerhalb von Sekunden erstellt er Gutachten (weil die Kriminaltechnik gerade überlastet ist) und er experimentiert in seiner Freizeit mit besonders durchschlagkräftiger Munition.
Eines Tages lernt er auf dem Schießstand Milo Cardena (Joey Starr) kennen. Cardena ist ebenfalls ein verdammt guter Schütze und etwas zwielichtig.
Als Milès kurz darauf von einem anderen Autofahrer angegriffen wird, erschießt er ihn in Notwehr und anstatt seine Kollegen zu rufen, bittet er Cardena um Hilfe. Cardena, der den Angriff auf Milès veranlasste, hilft ihm. Er lässt Auto, Leiche und Waffe verschwinden und verlangt – was uns jetzt nicht sonderlich überrascht – als Gegenleistung dafür einige Waffen aus der von Milès geführten Waffenkammer und dessen Super-Munition. Widerwillig gibt Milès sie ihm. Kurz darauf wird seine Munition bei einem Überfall, der von Männern mit Kampfausbildung durchgeführt wurde, verwandt.
Der an Recht und Gesetz glaubende Milès versucht nun, auf eigene Faust, aus dem selbstverschuldeten Schlamassel wieder herauszukommen. Dummerweise ist Cardena spurlos verschwunden, in der Polizei bekriegen sich zwei Polizeieinheiten (Milès arbeitet wegen seiner Waffenkentnisse aushilfsweise in der von Commandant Christian Chavez [Gérard Lanvin]) und sein Vorgesetzter bemerkt die verschwundenen Waffen.
Das klingt jetzt, vor allem angesichts der vielen guten französischen Kriminalfilme der letzten Jahre, nach einem weiteren guten Genrewerk. Aber in „Colt 45“ wirkt alles immer nur behauptet. Da wird mal schnell ein Verdächtiger herbeigezaubert, der dann doch unschuldig und, weil er bei der Verhaftung flüchten wollte, tot ist. Während einer Beerdigung prügeln sich die verfeindeten Polizeieinheiten, weil verfeindete Polizeieinheiten ein fester Topos in französischen Polizeithrillern sind. Polizisten sagen bedeutungsvolles. Das ist immer fotogen dunkel ausgeleuchtet und eigentlich ist jeder Charakter hier ebenfalls nur Dekor. Wenn am Ende Milès im Alleingang gegen die Bösewichter vorgeht und er sie reihenweise und ohne eine erkennbare Emotion umbringt, wird seine vorherige Weigerung, eben dies im normalen Polizeidienst zu tun, noch rätselhafter. Das gleiche gilt für seine Panikattacke, nachdem er in Notwehr den ihn angreifenden Autofahrer erschoss. Jedenfalls hat er jetzt mit dem Töten von Menschen keine Probleme.
Das Ende ist dann eine verquere Mischung aus klassischem Polit-Thriller und Superheldencomic (mit etwas Noir und Pulp), die, wenn „Colt 45“ besser wäre, der Pilotfilm für eine Serie sein könnte. Aber dafür müssten wir irgendetwas für Milès empfinden.
So ist „Colt 45“ trotz ansprechender Optik und durchaus gelungener Actionszenen (die allerdings an einer Hand abzählbar sind) ein ziemlich logikfreier 08/15-Thriller, bei dem nichts wirklich begeistert.

Colt 45 - DVD-Cover

Colt 45 (Colt 45, Frankreich/Belgien 2014)
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Fathi Beddiar, Fabrice Du Welz
mit Ymanol Perset, Gérard Lanvin, Joey Starr, Alice Taglioni, Simon Abkarian, Antoine Basler, Jo Prestia, Salem Kali

DVD
Pierrot le Fou
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Trailer, Making of, drei Featuretten, Wendecover
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
AlloCiné über „Colt 45“
Rotten Tomatoes über „Colt 45“
Wikipedia über „Colt 45


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