Neu im Kino/Filmkritik: „The Report“ erteilt eine dringend nötige Geschichtsstunde

November 9, 2019

Geplant war wohl nur ein kleiner Bericht. Schließlich waren die für die Öffentlichkeit wichtigsten Fakten schon bekannt. Nach 9/11 hat die USA im ‚war on terror‘ Verdächtige gefoltert. Das war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen steht: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ Es war ein ebenso klarer Verstoß gegen den 1789 vorgeschlagenen und 1791 ratifizierten Fünften Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung.

Aber das wahre Ausmaß war nicht bekannt. Im Dezember 2007 stieß die demokratische US-Senatorin Dianne Feinstein eine Untersuchung des „Detention and Interrogation Programm“, volkstümlich Folterprogramm, an. Der aktuelle Anlass war eine Zerstörung von Beweisen durch die CIA. Ihr Mitarbeiter Daniel J. Jones vertiefte sich mit einigen Kollegen in die Akten. Die CIA und alle in das Programm involvierten Institutionen bis hoch zum Weißen Haus versuchten ihre Arbeit mit allen möglichen Tricks zu behindern. Und zwar von der Recherche bis zur Veröffentlichung.

Am Ende erstellte Jones ein 6700 Seiten umfassendes, mit über 38.000 Fußnoten gespicktes Konvolut, das detailliert die Verstrickungen des Staates mit privaten Anbietern und deren Vertuschungen nachzeichnete. Nach heftigem Streit, ob und in welcher Form der Bericht veröffentlicht werden kann, wurde im Dezember 2014 eine auf 525 gekürzte, an vielen Stellen geschwärzte Fassung der „Committee Study of the Central Intelligence Agency’s Detention and Interrogation Program“ veröffentlicht.

Scott Z. Burns, der Autor von „The Bourne Ultimatum“, „The Informant!“, „Contagion“, „Side Effects“ und, aktuell, „The Landromat“ (yep, bis auf den ersten Film sind alle Filme von Steven Soderbergh inszeniert), nahm sich jetzt die Geschichte von Daniel J. Jones und seinem Kampf um die Veröffentlichung seiner Recherchen vor. Er schrieb, immer nah an den Fakten und dem CIA-Folterbericht, das Drehbuch und inszenierte den starbesetzten Film.

Er erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen: auf der einen Zeitebene begleiten wir Jones bei seinen Recherchen, die vor allem im Studium von Akten bestehen, und seinen Gesprächen mit Feinstein, auf der zweiten Zeitebene sehen wir, was Jones bei seinen Recherchen erfährt. Wir sehen also, wie wenige Tage nach dem 11. September 2001 die Bush-Regierung das Folterprogramm bewilligt und die CIA es ausführt. Zentral waren dafür die Psychologen James Mitchell und Bruce Jessen, die keinerlei Erfahrung und Wissen über Verhörtechniken und geheimdienstliche Aufgaben hatten, aber großmäulig behaupteten, dass ihre ‚verschärften Verhörtechniken‘ wirksam seien. Die Szenen, in denen Burns nachzeichnet, wie das Folterprogramm initiiert wird, wie wenig Widerstand es im Geheimdienst dagegen gibt und wie sehr sich alle der Illusion hingeben, dass einige selbsternannte Experten mehr wüssten als alle echten Experten, gehören zu den erschreckendsten Minuten des Films. Denn Burns zeichnet hier eine kollektive Realitätsverweigerung in mehreren Institutionen nach.

Als die Folterpraxis bekannt wurde, vor allem durch die Bilder aus Abu Ghuraib, begann die Bush-Regierung, Folter in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Hauptsächlich indem sie es in verschiedenen Variationen leugnete, erklärte, dass die von ihnen angewandten Methoden, wie Waterboarding, endloses Stehen und laute Musik keine Folter seien und behauptete, dass sie durch Folter wichtige Informationen im Kampf gegen Terroristen erhalten hatten. Das war Quatsch. Sie folterten und sie erhielten keine wichtigen Informationen.

Das alles bringt Burns zurück in das kollektive Gedächtnis und er zeigt, was ein kleiner Beamter tun kann.

Durch das parallele Erzählen der beiden Plots entsteht, auch wenn man die Fakten kennt (und nicht schon wieder vergessen hat), eine beträchtliche Spannung. Dabei konzentriert Burns sich bei seinem fast nur in Innenräumen spielendem Polit-Thriller auf die Schauspieler und die Dialoge. Die gesamte Inszenierung ist sehr ruhig. Sie orientiert sich an den Polit-Thrillern der siebziger Jahre, wie Alan J. Pakulas Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976). Denn nichts soll vom Verstehen der Fakten ablenken.

Obwohl „The Report“ jetzt nur einen kleinen Kinostart hat und ab dem 29. November auf Amazon Prime gesehen werden kann, sollte man sich das Kammerspiel im Kino ansehen. Die Bilder und die Schauspieler füllen die Leinwand locker aus.

P. S.: Am 21. November läuft der ebenfalls sehenswerte Polit-Thriller „Official Secrets“ über die Whistleblowerin Katherine Guns an. Die beim britischen Geheimdienst beschäftigte Übersetzerin gab 2003 ein NSA-Memo an die Presse weiter. Nach dem Memo sollten UN-Delegierte ausspioniert und erpresst werden, damit sie einer UN-Sicherheitsresolution zustimmen, die die bevorstehende Invasion des Iraks legitimiert. Keira Knightley spielt Gun. Gavin Hood inszenierte.

The Report (The Report, USA 2019)

Regie: Scott Z. Burns

Drehbuch: Scott Z. Burns

mit Adam Driver, Annette Benning, Ted Levine, Jon Hamm, Sarah Goldberg, Maura Tierney, Michael C. Hall, Douglas Hodge, Fajer Kaisi, Jennifer Morrison, Tim Blake, Corey Stoll, Matthew Rhys

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Report“

Metacritic über „The Report“

Rotten Tomatoes über „The Report“

Wikipedia über „The Report“ (deutsch, englisch) und den CIA-Folterbericht (deutsch, englisch)


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